Anam | Unser Plan für die Welt | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Anam Unser Plan für die Welt

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-455-01425-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-455-01425-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine geniale App, ein erfolgreiches Start-up und die Liebe
 Asha hat einen Abschluss in Computerscience in der Tasche und steht vor einer großen Zukunft. Doch als sie auf Cyrus trifft, wirft sie zum Entsetzen ihrer Familie alle Karrierepläne über Bord, heiratet Hals über Kopf und schreibt nebenbei einen bahnbrechenden Algorithmus für ein neues soziales Netzwerk. Was als Ashas Idee beginnt, wird zu einem erfolgreichen Start-up und Cyrus wird  als dessen Gesicht für Fans auf der ganzen Welt zum neuen Messias. Asha muss zusehen, wie sie immer weiter hinter der Person verschwindet, die noch bis vor Kurzem ihr wichtigster Verbündeter gewesen ist. 
 Plötzlich geht es um Fragen, auf die kein Computer eine Antwort weiß. 
 
 
  » Eine erfrischend ungewöhnliche Satire. «    Die Presse

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Weitere Infos & Material


Cover
Verlagslogo
Titelseite
Widmung
Prolog Gibt's nicht
Eins Cyrus Jones und die magische Trauerfeier
Zwei Liebe und Ehe
Drei Ich bin, was ich bin
Vier I heart New York
Fünf Frösche küssen
Sechs Erwachsen
Sieben Der Launch
Acht Mehr Geld
Neun Alle anderen killen
Zehn Das Baby großkriegen
Elf FFS
Zwölf Der Kuschelmuschel
Dreizehn BFFS
Vierzehn Niemand will mit dem Messias verheiratet sein
Fünfzehn Das Ende
Dank
Zitierte Literatur
Biographien
Impressum


Prolog Gibt’s nicht
  Die Leute sagen ja, Utopia gibt’s nicht, aber da irren sie sich. Ich war selbst dort, und es liegt an der Ecke Tenth Avenue, Fifteenth Street. An einem für die Jahreszeit ungewöhnlich heißen Tag im April werden Jules und ich vorgeladen. Wir schleichen aus dem Haus und stehen sechs Stunden später vor einem großen Industriegebäude. Auf der anderen Straßenseite ist die Hochbahn, dahinter kommt der West Side Highway, dann die Jogger, die Piers und die flache Weite des Hudson. Es gibt weder Schild noch Klingel, nur eine riesenhafte Metalltür, also sehen wir uns suchend um und checken noch mal die Adresse. Minuten vergehen. Ich sage zu Jules, dass wir Cyrus nicht hätten anlügen sollen, und Jules erinnert mich an all die Arten, auf die Cyrus diesen Ausflug unmöglich gemacht hätte. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht die Tür endlich seufzend auf, und wir treten über die Schwelle in eine Pfütze aus biskuitfarbenem Sonnenlicht. Der Empfangsbereich sieht grandios aus: Sanft fließende Kurven bändigen die rechten Winkel des ehemaligen Lagerhauses, von den polierten Holzdielen bis zu den stahlgefassten, in die Höhe strebenden Fenstern glänzt alles. »Wahnsinn«, stößt Jules aus und lässt sich in einen Sessel fallen. »Können wir das bitte haben?« Ich schaue nach oben und sehe ein gigantisch großes Stundenglas, das von der Decke hängt. »Das kriegen wir nie.« Jules wirkt entspannt, so, als käme er jeden Tag an Orte wie diesen. »Aber unsere Plattform ist super. So was hat in der ganzen Weltgeschichte noch nie jemand auf die Beine gestellt.« Ich lache. »Sieht teuer aus hier. Bist du sicher, dass wir nichts zahlen müssen?« »Nope.« Wir sind zu einem Vorstellungsgespräch geladen worden. Wenn wir genommen werden, dürfen wir jeden Tag hier verbringen und uns Utopianer nennen. Jemand kommt und sagt uns, dass wir dran sind. Wir gehen erst eine und dann noch eine Treppe hoch, je höher wir kommen, desto blasser und heller wird das Licht. Im zweiten Stock werden wir einen Flur entlanggeführt, der mit Hängepflanzen dekoriert ist. Die Luft ist kühl, aber nicht zu kalt. Über die Wände laufen wiederkehrende Muster in leuchtenden Farben, darauf gerahmte Bilder, und unter die Decke sind gezackte Skulpturen geschraubt. Im Sitzungsraum werden wir von dem Auswahlgremium begrüßt. Eine Frau mit langen, glatten Haaren und dem schönsten Hals, den ich je gesehen habe, tritt auf uns zu und sagt: »Ich bin Li Ann.« Auch sie glänzt, egal, aus welchem Winkel man sie betrachtet, und ich muss dem Impuls widerstehen, mich vorzubeugen und nach ihrem Parfum zu schnuppern. Wir geben uns die Hand. Mein Händedruck ist übertrieben fest und schweißig. Li Ann lässt uns Platz nehmen. »Ich vermute, ihr habt schon von uns gehört.« Sie lächelt und schafft es, selbstbewusst, aber nicht hinterhältig zu wirken. Natürlich haben wir schon von Utopia gehört. Wer nicht? Immerhin gibt es unzählige Storys auf BuzzFeed: Was ist dran an dem geheimnisvollen Tech-Inkubator, der sich der Unterstützung von Nobelpreisträgern, Expräsidenten und der Elite der Start-up-Welt rühmen kann? Oder die ganzen Fotos, mit versteckter Kamera im Inneren aufgenommen. Die absurden Behauptungen angeblicher Utopianer, von wegen, in den Laboren hier hätte man erfolgreich einen Schimpansen geklont und ein Maschinchen zur Kohlenstoffbindung entwickelt, das die Luft schneller reinige, als man ein Selfie machen kann. Auf der Busfahrt hierher hat Jules gesagt: »Das ist wie ein Sechser im Lotto. So, als hätten wir’s zu Olympia geschafft. Oder als hätten wir den Computer hochgefahren und einen geheimen Cache mit Kryptowährungen gefunden.« »Vielleicht stellen wir uns erst mal vor«, sagt Li Ann. »Ich bin hier bei Utopia Head of Innovation.« »Hey, ich bin Marco«, sagt ein Mann mit tiefliegenden Augen und einem exakt getrimmten Bart. »Ich bin der Erfinder von Obit.ly, einer App, die alle sozialen und öffentlichen Aspekte rund um den Tod regelt.« Eine Frau mit knallpinken Haaren winkt zur Begrüßung. »Ich bin Destiny. Ich bin die Gründerin von Consentify, dem Tool, mit dem sich jede sexuelle Begegnung zurückverfolgen und sicher und einvernehmlich gestalten lässt.« Ein dünner, ernsthaft wirkender Mann in einem Laborkittel lehnt am Tisch. »Ich heiße Rory. Ich mache LoneStar.« Er spricht mit abgehacktem skandinavischem Akzent. »Ich möchte, dass jeder einzelne Mensch auf dieser Welt aufhört, Tiere zu essen.« Nie im Leben passen wir hier rein. Allein eine so nette, vitamingummibärchenmäßige Beschreibung für unsere Plattform zu finden wäre schon vollkommen unmöglich. Und dann noch der ganze Rest: dieses Selbstbewusstsein, diese Haare und dass es den Eindruck macht, als wären alle auf ihren Platz geglitten wie ein Synchronschwimmteam. Es ist unvorstellbar für mich, mich in meiner Haut jemals so wohlzufühlen. Cyrus nennt mich zwar gern mal »die Programmierqueen der Brattle Street«, aber in diesem Augenblick kommen mir Cambridge und mein Forschungszentrum an der Uni vollkommen unerheblich vor. Seit sechs Jahren arbeite ich an einem Algorithmus, der die für Empathie zuständigen Hirnareale des Menschen auch für künstliche Intelligenz zugänglich machen soll. Nach einer alkoholseligen Nacht mit Cyrus (dazu später mehr) kam mir die Idee, das winzige Stück Programmiercode, das ich schon geschrieben hatte, in etwas anderes zu überführen – in das hier –, und deswegen sind Jules und ich jetzt hier. »Von uns aus kann’s losgehen«, sagt Li Ann. Das ist mein Stichwort, mit der Präsentation loszulegen. Ich nestle an meinem Laptop herum. Jules reicht mir sein Kabel, und der Anblick seiner festen, nicht zitternden Hand beruhigt mich. Egal, was passiert: Wir können nach Hause fahren und mit Cyrus darüber lachen. »Es hat noch keinen Namen«, fange ich an, um die leere Startseite zu erklären. »Aber uns wird schon noch was Cooles einfallen«, sagt Jules. Dann kommt das Bild von der Landingpage mit ihren drei Fragen. »Das hier ist unsere neue Social-Media-Plattform. Wir wollen, dass Menschen ausgehend von dem, was ihrem Leben wirklich Bedeutung gibt, miteinander in Beziehung treten können – und nicht nur auf der Grundlage dessen, was sie liken oder nicht liken. Unsere Plattform generiert Rituale, basierend auf den Interessen, Überzeugungen und Leidenschaften der Leute.« »So ein bisschen wie eine maßgeschneiderte Religion?«, fragt Rory, der Skandiveganer. »In etwa. Stellt euch vor, ihr könntet euer Glaubenssystem mit allem anderen in eurem Leben zusammenführen. Ein integriertes System, das euer ganzes Ich miteinbezieht.« »Vielleicht solltet ihr es so nennen: Whole You«, schlägt Destiny vor. »Es funktioniert so: Man beantwortet einen kurzen Fragebogen zu den Dingen, die einem wichtig sind. Nicht nur ererbte Traditionen, sondern alles, was man sonst noch rechts und links des Wegs aufgesammelt hat. Gewissermaßen das Leben, das man sich verdient hat.« Marco nickt. »Cool. Wenn ich also bald sterben müsste, dann könnte mir eure App eine auf mich zugeschnittene spezielle Beerdigung vorschlagen?« »Ja, könnte sie. Möchtest du’s mal ausprobieren?« Jules gibt seinen Laptop an Marco weiter. Marco tippt ein paar Sekunden. Dann sagt er: »Game of Thrones, Das große Backen und das alte Ägypten. Schauen wir mal, was sie damit macht.« Wir warten die 2,3 Sekunden, die der Algorithmus für seine Berechnung braucht. Dann liest Marco vom Monitor ab: »›Mein Vorschlag wäre, dass Sie sich wie die alten Ägypter zusammen mit Ihrem wertvollsten Hab und Gut beisetzen lassen. Auf Wunsch könnten Sie Ihre Liebsten das Mundöffnungsritual durchführen lassen.‹« Er blickt vom Monitor auf. »Gibt es das, dieses Mundöffnungsritual? Ist da was dran?« »Ja«, antworte ich. »Alle Vorschläge basieren auf realen Texten, auf religiösen Schriften, uralten Riten, auf Überlieferungen und Mythen. Sieh mal hier, der Algorithmus lässt dir eine Wahlmöglichkeit – das macht er hin und wieder. Du könntest dich einäschern lassen wie die Dothraki oder die Valyrer. Aber wenn du willst, dass deine Familie das Mundöffnungsritual vornimmt, dann lässt du deinen Leichnam mit über dem Schwert gefalteten Händen aufbahren, wie es Brauch ist in Westeros. In diesem Fall könntest du dir auch Steine auf die Augen legen lassen.« »Yeah.« Marco reibt sich die Hände und lächelt. »Manchmal wäre ich tatsächlich gern ein Dothraki, aber ich bin doch eher ein Sieben-Königreiche-Typ.« Er liest weiter. »›Das Mundöffnungsritual ist eine symbolische Zeremonie, bei der der Mund des Leichnams geöffnet wird, um es dem Verstorbenen möglich zu machen, im Jenseits zu sprechen und zu essen. So ließen sich auch beliebig viele Backwaren in das Ritual integrieren.‹« Jules und ich wechseln einen Blick. Wie haben wir das bloß hingekriegt, dass die Plattform so verdammt geil ist, denke ich. »Ich glaub’s ja nicht«, sagt Marco. Jules beugt sich zu ihm rüber und liest das Ende des Rituals vor: »›Jemand aus Ihrer Familie könnte folgende Beschwörungsformel rezitieren: Ich habe deinen Mund geöffnet. Ich habe deine beiden Augen geöffnet.‹« Marco grinst. »Das kommt sofort in meinen Dropbox-Ordner zu Testament und Patientenverfügung.« Wir gehen die ganze Plattform mit ihnen durch, umreißen unser Zielpublikum und erläutern unseren Wachstumsplan. Ich erkläre die Technik dahinter. Dann...


Riesselmann, Kirsten
Kirsten Riesselmann ist Kulturjournalistin und Übersetzerin, u. a. von Leslie Jamison, Katie Roiphe, Kristin Dombek und John Jeremiah Sullivan. Sie lebt in Berlin.

Anam, Tahmima
Tahmima Anam wurde 1975 in Dhaka in Bangladesch geboren, wuchs in Paris, New York und Bangkok auf, studierte an der Harvard University und lebt in London. Ihr von der Presse vielbeachteter Erstling »Zeit der Verheißungen« (2010) war ein großer internationaler Erfolg und wurde mit dem Commonwealth Writers' Prize ausgezeichnet. Für den Roman »Mein fremder Bruder« (2011) wurde ihr der Man Asian Literary Prize verliehen.

Tahmima Anam wurde 1975 in Dhaka in Bangladesch geboren, wuchs in Paris, New York und Bangkok auf, studierte an der Harvard University und lebt in London. Ihr von der Presse vielbeachteter Erstling »Zeit der Verheißungen« (2010) war ein großer internationaler Erfolg und wurde mit dem Commonwealth Writers' Prize ausgezeichnet. Für den Roman »Mein fremder Bruder« (2011) wurde ihr der Man Asian Literary Prize verliehen.



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