E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Baker Schneeflocken und Plätzchenduft
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-60253-2
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Zauberhafter Weihnachtsroman ((für die schönste Zeit des Jahres))
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-492-60253-2
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Holly Baker, die in den bunten 80ern geboren wurde, lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet, wo sie alle Jahre wieder ein zauberhaftes Weihnachtsfest feiert. Sie dachte sich bereits Geschichten aus, noch ehe sie richtig schreiben konnte, und war nie bereit, ihren Kindheitstraum vom Schreiben aufzugeben. Mit ihren Romanen möchte sie nun auch ihre Leserinnen ein wenig zum Träumen bringen. Sie ist ein leidenschaftlicher Weihnachtsfan und liebt es, selbst in Geschichten zu schwelgen, sei es in Romanen, Serien oder Filmen. Dabei haben es ihr vor allem alte Filme mit den Schauspielerinnen vergangener Tage angetan: Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Doris Day. So entstand das Pseudonym Holly Baker. Unter ihrem richtigen Namen schreibt die Autorin auch Krimis und Fantasyromane.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Mittwoch, 27. November 1996
Der Mann neben mir summte leise Jingle Bells, und das weihnachtlich beleuchtete Hamburg glitt an den Fenstern der Straßenbahn vorbei. Schmunzelnd genoss ich den Anblick, als mir mit einem Mal heiß wurde. Punkte tanzten vor meinen Augen, und ich umklammerte die Haltestange vor mir noch fester. O nein, nicht schon wieder. Das passierte leider regelmäßig, wenn ich mich dick eingemummelt zu lange in überhitzten Räumen aufhielt. Warum hatte ich nicht das Auto genommen? Wobei die Antwort klar war, denn wer fuhr schon gern bei Glatteis mit dem Auto? Außerdem war ich grundsätzlich gern mit der Bahn unterwegs, denn da konnte man wunderbar seinen Gedanken freien Lauf lassen.
Ich lockerte den selbst gestrickten Schal um meinen Hals, den ich letztes Weihnachten von meiner Tante geschenkt bekommen hatte, und öffnete die obersten beiden Knöpfe meines Mantels.
Um mich von meinem Kreislaufproblem abzulenken, ließ ich meinen Blick über die bunt gemischte Menge schweifen, die sich mit mir in die Straßenbahn gequetscht hatte – junge wie alte Menschen, Geschäftsleute wie Teenager, die nach der Schule noch einen Abstecher zu einem Freund oder einer Freundin gemacht hatten, bevor sie nun mit ihren Eastpaks und in viel zu weiten Hosen den Heimweg antraten.
Und dann gab es da noch die Weihnachtseinkäufer, die jetzt schon die ersten Geschenke ergattert hatten, dabei war es gerade einmal Mittwoch vor dem ersten Advent. Leider gehörte ich selbst zu denjenigen, die sich zwar das ganze Jahr über Gedanken über das perfekte Präsent machten, dieses aber trotzdem erst kurz vor Heiligabend besorgten. Jedes Jahr nahm ich mir aufs Neue vor, die Geschenke früher zu kaufen – viele waren es ohnehin nicht –, doch ich scheiterte immer wieder an meinem Vorhaben. Aber vielleicht klappte es ja dieses Weihnachten.
Unvermittelt kam die Straßenbahn zum Stehen, und gleich darauf öffneten sich die Türen. Zwei Männer und eine Frau quetschten sich an mir vorbei, als mir klar wurde, dass das auch meine Haltestation war. Schnell stieg ich ebenfalls aus und geriet auf einer zugefrorenen Stelle auf dem Asphalt, die ich nicht gesehen hatte, ins Schlingern. Ein Mann mit dunklem Haar, das hier und da grau meliert war, fasste mich am Arm und bewahrte mich somit vor einem Sturz.
»Alles okay?«, fragte er und schenkte mir ein Lächeln, das reif für die Zahnpastawerbung war.
»Ja, äh, klar. Vielen Dank fürs Auffangen.«
Kurz erwiderte ich sein Lächeln, bevor ich meinen Mantel zuknöpfte und den Schal wieder enger um meinen Hals zog. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass der hilfsbereite Mann seine Aufmerksamkeit nach wie vor auf mich gerichtet hatte, doch als sich die Türen der Straßenbahn schließen wollten, hielt er schnell seinen Arm dazwischen und sprang hinein. Bedauernd zuckte er mit den Schultern, während sich die Bahn langsam in Bewegung setzte.
Ups.
Für den Bruchteil einer Sekunde verspürte ich selbst so etwas wie Bedauern, weil ich den Flirtversuch des Mannes nicht erkannt hatte, doch ich drängte es ebenso wie die Resignation zurück, die sich wie so oft, wenn es um das Thema Männer ging, in mir ausbreiten wollte. Was soll’s. Auf diese Weise hatte ich uns immerhin eine Enttäuschung erspart, denn darauf wäre es hinausgelaufen. So war es leider immer. Es war eben niemand wie er.
Entschlossen stapfte ich los. Kalte Luft und Nieselregen umhüllten mich, fühlten sich an wie tausend Nadelstiche auf meinen Wangen, und mein Atem verwandelte sich in sichtbare Wölkchen. Ich beschleunigte meine Schritte. Wenn es wenigstens schneien würde, kalt genug war es, doch Schnee in Hamburg war nicht nur zu Weihnachten selten. Aber wer weiß, vielleicht hatten wir ja dieses Jahr Glück, und der Himmel beschenkte uns doch noch mit dicken weißen Flocken, so wie früher in Heidelberg. Heidelberg … dort war vieles anders gewesen, doch ich schüttelte den Kopf, um nicht weiter daran zu denken. Das war lange her, fühlte sich beinahe an wie ein anderes Leben, auch wenn ich die Auswirkungen wie ein Nachbeben bis heute zu spüren bekam.
Das wilhelminische Haus, in dem meine Altbauwohnung lag, kam in Sicht, und vor der Haustür erspähte ich eine Frau mit weißem Lockenkopf, die, egal wie kalt oder warm es draußen war, stets lange Wollröcke trug: meine Vermieterin, Inge Lüdtke. Sie war knapp einen Meter sechzig groß, Anfang achtzig und hatte nur einen Makel: Fast jeden Abend sah sie in viel zu hoher Lautstärke fern, da sie ihr Hörgerät ausschaltete, sobald sie den Fernseher einschaltete. Dafür hatte sie ein großes Herz, immer ein offenes Ohr, und sie buk – abgesehen von meiner Tante Karla – den besten Kuchen, den ich je gegessen hatte. Jeden Sonntag stellte sich meine Vermieterin in die Küche und warf den Backofen an, und jeden Sonntagnachmittag stand dann ein Teller mit saftigem Apfel-, Pflaumen- oder Kirschkuchen vor meiner Tür. Gab es keinen Kuchen, wusste ich sofort, was los war. Dann machte Frau Lüdtke das Rheuma mal wieder zu schaffen.
Auch heute schien sie darunter zu leiden. Sie fummelte schon seit einer gefühlten Ewigkeit an dem Türschloss herum, und nun rutschte ihr der Schlüssel auch noch aus den steifen Fingern und landete auf dem Boden. Ich eilte zu ihr.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, rief ich, bevor sie sich umständlich danach bücken konnte.
Sie legte eine Hand auf ihr Herz und blickte in meine Richtung. »Ach, Frau Willert. Vielen Dank, das ist sehr lieb von Ihnen.«
Sie machte mir Platz. Ich hob den Schlüsselbund auf, an dem mindestens fünfzehn Schlüssel und noch mal halb so viele Anhänger baumelten, und fand schnell den Haustürschlüssel, da er mit einer roten Kappe gekennzeichnet war. Nachdem ich aufgeschlossen hatte, griff ich nach der Einkaufstasche, die auf dem Boden stand, und ließ Frau Lüdtke den Vortritt.
»Warum sagen Sie denn nicht Bescheid, wenn Sie etwas brauchen?« Meine Stimme klang gewollt vorwurfsvoll, während ich auf die Tasche zeigte und dann den richtigen Schlüssel für die Wohnungstür suchte, auf dem eine grüne Kappe steckte.
»Ach, na ja. Wegen ein paar Backzutaten jage ich Sie doch nicht bei dem Wetter vor die Haustür. Außerdem weiß ich ja, dass Sie sehr beschäftigt sind.«
»Für Sie nehme ich mir immer Zeit«, erwiderte ich mit einem Lächeln, dabei hatte sie nicht ganz unrecht.
Kurz bevor die Adventszeit startete, hatte ich immer mehr Aufträge als sonst, weil sich mein Auftraggeber bei seinen Kunden bedanken oder besondere Aktionen zur Weihnachtszeit machen wollte. Ich bastelte die entsprechenden Grafiken dafür oder übernahm die Kalligrafie. Die Kunst des schönen Schreibens mochte ich am liebsten, auch wenn das mein damaliger Deutschlehrer sicher nie für möglich gehalten hätte, und zu meiner Freude wurde dieser Teil meiner Arbeit immer wichtiger. Und das Beste daran war, dass ich es überall machen konnte. Im Sommer hatte ich oft mit meinem Skizzenblock im Hayns Park gesessen, Kinder beim Spielen und Teenager beim Knutschen beobachtet und mich vom Leben inspirieren lassen.
Im Spätherbst und Winter war das freilich keine Option, weshalb ich oft tagelang in meiner Wohnung vor dem Computer hockte – es sei denn, ich hatte wie heute einen Kundentermin vor Ort, oder die regelmäßige Verabredung mit meinem Onkel Manfred stand an. Einmal im Monat traf ich mich sonntagmorgens mit dem Bruder meines Vaters auf dem Altonaer Fischmarkt, und dann bummelten wir über den Markt und an der Elbe entlang, um anschließend noch zusammen in einem Café oder Restaurant einzukehren.
So oder so tat ein bisschen Ablenkung von der vielen Arbeit im Spätherbst ganz gut, und sei es nur, um schnell Besorgungen für meine Vermieterin zu erledigen. Und tatsächlich wurde die Arbeit auch allmählich wieder überschaubar, denn bis Weihnachten war es nicht mehr allzu lange hin.
»Melden Sie sich beim nächsten Mal gerne bei mir. In meinem Job schadet es nie, mal ...




