E-Book, Deutsch, 287 Seiten
Bender / Beller Die Welt des Denkens
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-456-95224-6
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Kognitive Einheit, kulturelle Vielfalt
E-Book, Deutsch, 287 Seiten
ISBN: 978-3-456-95224-6
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Zielgruppe
Psychologen, Ethnologen, Kognitionswissenschaftler, interessierte Laien
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Die Welt des Denkens;1
1.1;Inhaltsverzeichnis;6
1.2;Vorwort;10
2;1 Kognition und Kultur;12
2.1;1.1 Die Wissenschaft von den Kognitionen;13
2.2;1.2 Kulturelle Variabilität;17
2.3;1.3 Methodische Herausforderungen;23
2.4;1.4 Aufbau des Buches;27
3;2 Blau und grün statt blün;32
3.1;2.1 Licht und Farbe;33
3.2;2.2 Wahrnehmung von Farbe;35
3.3;2.3 Sprechen über Farbe;39
3.4;2.4 Blue and green im Englischen versus siyóim Tarahumara;44
3.5;2.5 Kategoriengrenzen, ihre Wirkung und Bildung;49
4;3 Wie heißt dieser Vogel?;52
4.1;3.1 Vogelexpertise der Shuara;53
4.2;3.2 Klassifizieren Amerikaner anders?;59
4.3;3.3 Ethnobiologische Kategorien;62
4.4;3.4 Kategoriestruktur und Typikalität;66
4.5;3.5 Prozesse beim Erwerb von Kategorien;70
5;4 Einige, aber nicht alle;74
5.1;4.1 Mengen, Quantoren und Syllogismen;75
5.2;4.2 Logikkompetenz und belief bias bei den Kpelle;79
5.3;4.3 Logikkompetenz bei Hochschülern?;83
5.4;4.4 Belief bias auch bei Hochschülern?;88
5.5;4.5 Bildung, Sprache, Logik und beliefs;91
6;5 Zwei, vier, sechs, acht, zehn;94
6.1;5.1 Zählen mit natürlichen Zahlen;95
6.2;5.2 Zahlensysteme und ihre Eigenschaften;98
6.3;5.3 Brotfrucht ist nicht gleich Brotfrucht: Zählen auf Mangareva;107
6.4;5.4 Evolution von Zahlensystemen;114
7;6 Wege in der Wüste;118
7.1;6.1 Grundlagen räumlicher Kognition;119
7.2;6.2 Kognitive Landkarten;122
7.3;6.3 Räumliche Referenzrahmen;127
7.4;6.4 Strategien der räumlichen Orientierung beiden Aborigines;132
7.5;6.5 Sind Aborigines „genordet“?;137
8;7 Vorwärts oder rückwärts in die Zukunft;142
8.1;7.1 Physikalische Perspektive: der Pfeil der Zeit;143
8.2;7.2 Biopsychologische Perspektive: die Gesichter der Zeit;146
8.3;7.3 Sprachliche Perspektive: die Verankerung der Zeit im Raum;151
8.4;7.4 Kulturelle Perspektive: die Richtung der Zeit;158
9;8 Mit den Sternen segeln;170
9.1;8.1 Die Geografie der Karolineninseln;171
9.2;8.2 Unterwegs in Auslegerbooten;174
9.3;8.3 Orientierung an den Sternen;176
9.4;8.4 Von Insel zu Insel;181
9.5;8.5 Navigatoren brauchen vielfältige kognitive Kompetenzen;187
10;9 Theory of Mind;190
10.1;9.1 Perspektivenwechsel – eine spezifischmenschliche Kernkompetenz?;191
10.2;9.2 Entwicklung der Theory of Mind;197
10.3;9.3 Soziale und kulturelle Einflüsse;200
10.4;9.4 Kulturspezifische Theories of Mind;204
11;10 Mensch ärgere dich nicht;212
11.1;10.1 Was ist eine Emotion?;213
11.2;10.2 Am Gesicht, da könnt ihr sie erkennen!;215
11.3;10.3 Auf die Ereigniseinschätzung kommt es an;217
11.4;10.4 Das Emotionslexikon und seine Ordnung;228
11.5;10.5 Kulturelle Einflüsse auf mehreren Ebenen;233
12;11 Zurück zum Ausgangspunkt;236
12.1;11.1 Kaleidoskop der Kognitionen;236
12.2;11.2 Wie tief reichen die kulturellen Einflüsse?;241
12.3;11.3 Die Bedeutung von Kultur;246
13;Literatur;250
14;Sachregister;282
15;Länder, Sprachen und Kulturen;286
16;Zu den Autoren;288
2 Blau und grün statt blün Beeinflussen Farbkategorien die Farbwahrnehmung? (S. 31-32)
Nie zuvor hatte Krabat darauf geachtet, wie vielerlei Grün es gab, hundert Arten von Grasgrün, von Birken- und Weidengrün, Moosgrün dazwischen, bisweilen mit einem Stich ins Bläuliche, junges, flammendes Grün an den Ufern des Mühlenweihers, an jeder Hecke, an jedem Beerenstrauch … Otfried Preußler, Krabat, 1979, S. 203.
Ein Regenbogen entsteht, wenn Sonnenlicht im richtigen Winkel durch Wassertropfen fällt. Das Licht bricht sich in den Tropfen und wird in ein Spektrum von Farben aufgespalten, die wir dann am Himmel als Bogen sehen. Er erscheint uns aus Bändern verschiedener Farben zusammengesetzt, welche die meisten Personen von außen nach innen wie folgt bezeichnen: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Allerdings hat das Farbspektrum des Sonnenlichts weit mehr als diese sechs Farbtöne, denn die Farben gehen fließend ineinander über. Wie kommen wir dann dazu, den Regenbogen mit einigen wenigen, spezifischen Farben zu beschreiben? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir analysieren, wie Menschen Farben wahrnehmen, welche Farbbegriffe ihnen ihre Sprache zur Verfügung stellt und wie sie damit das Farbspektrum abdecken.
Farbbegriffe bezeichnen Kategorien ähnlicher Farben. Wir können Objekte danach kategorisieren, ob sie rot, gelb, grün oder blau sind. Farbbegriffe sind also das Resultat einer Kategorienbildung und damit ein Resultat des Denkens. Mit der These zur Linguistischen Relativität von Sapir und Whorf (Sapir, 1921, 1929; Whorf, 1991; original in Carroll, 1956; s. auch Gumperz & Levinson, 1996; Lucy, 1997) wurde die Frage aufgeworfen, ob vorhandene sprachliche Kategorien umgekehrt auch das Denken determinieren (starke Version) oder es zumindest beeinflussen (schwache Version). Nehmen zwei Personen Farben unterschiedlich wahr oder denken sie anders über Farben, wenn sie verschiedene Farbkategorien beziehungsweise Farbbegriffe haben?
Das Zusammenspiel von Farbkategorien und anderen Kognitionen wird in diesem Kapitel anhand klassischer Studien diskutiert, in der englischsprachige Personen mit Tarahumara-Indianern aus Mexiko verglichen werden, deren Sprache nur ein Wort für Blau und Grün hat. Als Hintergrund werden zunächst die physikalischen Grundlagen des Lichts und verschiedene Systeme zur Ordnung von Farben erläutert (Kapitel 2.1). Danach werden ausgewählte Aspekte der Farbwahrnehmung behandelt (Kapitel 2.2) und Befunde zur Benennung von Farben vorgestellt (Kapitel 2.3). Damit sind die Grundlagen gelegt, um das Fallbeispiel der Tarahumara vorzustellen (Kapitel 2.4). Abschließend werden Wirkung und Bildung von Kategoriengrenzen diskutiert (Kapitel 2.5).