Bleichhardt / Martin Hypochondrie und Krankheitsangst
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8409-2119-3
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
E-Book, Deutsch, 86 Seiten
Reihe: Fortschritte der Psychotherapie
ISBN: 978-3-8409-2119-3
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Über körperliche Beschwerden klagend und jeden mit seinen Gesundheitssorgen belagernd – so stellt sich das Klischee des Hypochonders in der Öffentlichkeit dar. Tatsächlich jedoch decken sich diese Vorstellungen kaum mit dem klinischen Bild. Vielmehr ist das Leiden unter Krankheitsängsten für die Betroffenen in der Regel sehr schambesetzt. Nicht selten dauert es viele Jahre, bis Betroffene ihre Krankheitsängste erstmalig einem Psychotherapeuten anvertrauen. Dieses Buch liefert unter Einbezug der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse einen ausführlichen Behandlungsleitfaden für Psychotherapeuten.
Die Darstellung des therapeutischen Vorgehens gliedert sich in einen kognitiven und einen behavioralen Teil. Zunächst wird auf die Veränderung krankheitsbezogener Kognitionen, z.B. der Interpretation körperlicher Mißempfindungen als eindeutiger Beleg für Erkrankungen, abgezielt. Verhaltensexperimente sowie psychoedukative Einheiten zu Erklärungsmöglichkeiten körperlicher Missempfindungen dienen dazu, so patientennah wie möglich Veränderungen der Kognition zu erreichen. Im zweiten Schritt geht es um die Verminderung des ausgeprägten Sicherheit suchenden Verhaltens, allen voran der Suche nach Rückversicherung bei Ärzten. Es werden therapeutische Techniken dargestellt, wie Patienten eine kritische Distanz zu diesem Verhalten erreichen und dieses dann reduzieren lernen können. Anhand zahlreicher Fallbeispiele und Therapiedialoge wird das therapeutische Vorgehen transparent gemacht.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;6
2;1 Beschreibung;8
2.1;1.1 Bezeichnung;11
2.2;1.2 Definition;12
2.3;1.3 Epidemiologische Daten;13
2.4;1.4 Verlauf und Prognose;14
2.5;1.5 Differenzialdiagnose;15
2.6;1.6 Komorbidität;18
2.7;1.7 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen;18
3;2 Störungstheorien und -modelle;21
3.1;2.1 Vulnerabilität;21
3.2;2.2 Auslösende Bedingungen;23
3.3;2.3 Somatosensorische Verstärkung: Die Interaktion von Wahrnehmung und Bewertung;24
3.4;2.4 Aufrechterhaltende Bedingungen;25
3.5;2.5 Kognitiv-behaviorales Gesamtmodell;27
4;3 Diagnostik und Indikation;29
4.1;3.1 Hinweise zur Exploration in der Therapie- eingangsphase;29
4.2;3.2 Hinreichende Therapiemotivation als wichtigste Indikation;32
5;4 Darstellung der Therapiemethode und ihrer Wirkungsweisen;33
5.1;4.1 Kognitiver Schwerpunkt;36
5.2;4.2 Behavioraler Schwerpunkt;51
5.3;4.3 Therapieabschluss und Rückfallprophylaxe;65
5.4;4.4 Probleme bei der Durchführung;66
5.5;4.5 Pharmakotherapie;70
5.6;4.6 Effektivität und Prognose;71
5.7;4.7 Varianten zur Methode: Krankheitsangst bei diagnostizierten ernsthaften Erkrankungen;74
6;5 Weiterführende Literatur;78
7;6 Literatur;78
8;7 Anhang;83
"2 Störungstheorien und -modelle (S. 14-15)
2.1 Vulnerabilität
Aus den Studien zur Erblichkeit von Krankheitsangst kann man vorsichtig auf einen moderaten genetischen Faktor schließen. Im Vergleich zu Umwelteinflüssen bleibt dieser jedoch vermutlich gering. Taylor et al. (2006) fanden einen Heritabilitätsfaktor von etwa 30 % für (subklinische) Krankheitsangst bei ihrer Untersuchung von 153 Zwillingspaaren. Demgegenüber hatte in einer kleineren klinischen Untersuchung keiner der sechs Zwillingspartner von Hypochondrie-Erkrankten ebenfalls Hypochondrie (Torgersen, 1986).
Bei Familienmitgliedern hypochondrischer Personen fand sich keine Häufung von Hypochondrie, wohl aber ein erhöhtes Auftreten anderer somatoformer Störungen (Noyes et al., 1997). Allerdings konnten Stein et al. (1999) in ihrer Untersuchung an über 300 Zwillingspaaren einen hohen Heritabilitätsfaktor (45 %) für Angstsensitivität finden. Unter Angstsensitivität (anxiety sensitivity) versteht man die Angst vor typischen körperlichen Begleiterscheinungen von Angst, wie z. B. Herzklopfen. Zusammenhänge von Angstsensitivität und Hypochondrie wurden für verschiedene Stichproben belegt (z. B. Bravo & Silverman, 2001; Otto et al., 1998).
Nicht selten scheinen Krankheitsängstliche bereits in ihrer Kindheit Erfahrungen mit schweren Krankheiten oder Verletzungen gemacht zu haben. In Interviews berichtete über ein Drittel hypochondrischer Personen (38%, im Vergleich zu 8% nicht hypochondrischer Befragter), als Kind häufig schwer krank oder verletzt gewesen zu sein (Noyes et al., 2002). In einer retrospektiven Untersuchung an 260 Personen der Allgemeinbevölkerung konnten Zusammenhänge von Krankheitsangst mit dem Schweregrad eigener, früherer Erkrankungen sowie der Anzahl verstorbener Familienmitglieder nachgewiesen werden (Weck et al., 2009).
Ein Erziehungsstil, bei dem körperlichen Symptomen erhöhte Aufmerksamkeit und Ängstlichkeit entgegengebracht wird, trägt möglicherweise ebenfalls zur Entstehung von Krankheitsangst bei: In einer Befragung berichteten krankheitsängstliche häufiger als nicht krankheitsängstliche Studierende, dass ihre Eltern belohnend reagierten (z. B. keine Hausaufgaben machen müssen, länger aufbleiben als üblicherweise erlaubt), wenn sie krank waren und die Eltern bei körperlichen Symptomen selbst ängstlich reagierten bzw. für das Einnehmen der Krankenrolle Belohnungen erfuhren (Watt & Stewart, 2000).
Neurotizismus ist die einzige Persönlichkeitseigenschaft mit hinreichenden Belegen für einen Zusammenhang mit Hypochondrie (Cox et al., 2000). Neurotizismus lässt sich mit Eigenschaften wie ängstlich, nervös und empfindlich umschreiben (Costa & McCrae, 1992). In einer Untersuchung fanden sich Hinweise auf ein gehäuftes Auftreten traumatischer sexueller Kontakte, körperlicher Gewalt und größerer familiärer Veränderungen in Kindheit und Jugend (Barsky et al., 1994b) bei Personen mit Hypochondrie im Vergleich zu Patienten ohne Krankheitsangst. Jedoch gibt es keine Hinweise darauf, dass derartige Kindheitserlebnisse spezifisch das Risiko für Hypochondrie (und nicht für psychische Störungen allgemein) erhöhen."