E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Blickhan Positive Psychologie und Coaching
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7495-0121-2
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Von der Lösungs- zur Wachstumsorientierung
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0121-2
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
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Positive Psychologie und Coaching – eine ideale Verbindung Coaching begleitet Veränderungsprozesse und unterstützt Menschen dabei, ihre Ziele zu erreichen. Positive Psychologie untersucht Faktoren des gelingenden Lebens: Was lässt Menschen „aufblühen“? Daniela Blickhan setzt die Positive Psychologie selbst seit mehr als zehn Jahren im Coaching und in der Ausbildung von Coaches ein. Ihr Resümee: Jeder Coach kann Positive Psychologie als Bereicherung in sein Repertoire aufnehmen. Nach einer Zusammenfassung der für das Coaching relevanten Grundlagen der Positiven Psychologie geht es im 1. Teil um Fragen wie: Was bedeutet „Positive Diagnostik“? Was sind „Positive Interventionen“? Was charakterisiert einen „Positiven Coachingprozess“? Im 2. Teil geht es, abgerundet durch Fallbeispiele, darum, wie sich diese Grundlagen in einem Coachingprozess umsetzen lassen: • Emotionen, Aufmerksamkeit und Aufblühen • Stärken, Charakterstärken und das „gute Leben“ • Psychische Grundbedürfnisse, Motivation, Ziele und Wohlbefinden • Stress und Bewältigung – und welche Chancen darin liegen • Selbstregulation und Selbstmitgefühl
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologische Theorie, Psychoanalyse Positive Psychologie, Glücksforschung
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychotherapie / Klinische Psychologie Beratungspsychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Allgemeines
Weitere Infos & Material
2. Positive menschliche Entwicklung: Denken, Fühlen, Flourishing
2.1 Modelle der Psyche (Sasha Blickhan)
Jeder Coach arbeitet mit der menschlichen Psyche und damit mit emotionalen, kognitiven und motivationalen Prozessen. Dem zugrunde liegt immer auch eine – zumindest implizite – Vorstellung davon, wie diese Prozesse funktionieren und miteinander zusammenhängen. Menschen haben unterschiedliche Auffassungen davon, was unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, und damit verbunden auch unterschiedliche Menschenbilder, die sich auf den Umgang mit sich selbst und anderen auswirken. Wer hinter allem unterdrückte unbewusste Triebe vermutet, wird das Verhalten und die Aussagen von Menschen (auch von Klienten) anders interpretieren als jemand, der davon ausgeht, dass Menschen prinzipiell reflexionsfähig, ehrlich und wachstums- oder werteorientiert sind. Sowohl im Coaching als auch für den guten Umgang mit sich selbst lohnt es sich zu wissen, womit man es zu tun hat. Es ist also hilfreich, sich ein Bild von der menschlichen Psyche und den Verarbeitungsprozessen im menschlichen Gehirn zu machen, das einerseits zur empirischen Realität passt und andererseits einen konstruktiven Umgang mit diesen Prozessen ermöglicht. Im Coaching kann das sowohl für das Verstehen und Einordnen von Beobachtungen hilfreich sein als auch für die Psychoedukation: Auch Klienten können davon profitieren, sich eine konstruktive und handhabbare Vorstellung von ihrer Psyche zu machen. In diesem Kapitel wird im Zusammenhang mit verschiedenen historischen und laienpsychologischen Vorstellungen von der Psyche ein Modell betrachtet, das die Verschiedenartigkeit und das Zusammenspiel von automatischen (automatic) und kontrollierten (controlled) Prozessen im Denken, Fühlen und Handeln auf wissenschaftlich anschlussfähige Weise begreifbar und anschaulich macht (Kahneman 2011a). 2.1.1 Historische Vorstellungen Viele Menschen differenzieren intuitiv zwischen Denken und Fühlen, also zwischen eher kognitiven, auch sprachlich repräsentierbaren, und eher emotionalen Formen der Verarbeitung. Beide sind Teil des menschlichen Erlebens und der Art und Weise, wie wir mit Informationen, Eindrücken und Erfahrungen umgehen. Die meisten psychologischen und praktischen Modelle der Psyche sind sich einig, dass Denken, Fühlen und Handeln einander beeinflussen und dass sie zwar eng miteinander zusammenhängen, aber voneinander unterscheidbar sind. Viele Modelle der menschlichen Psyche in der wissenschaftlichen und der angewandten Psychologie, in der Philosophie und auch in der persönlichen Vorstellung Einzelner treffen noch weitere Unterscheidungen innerhalb psychischer Vorgänge (und zum Teil sehr komplexe Vorannahmen, wie sie miteinander in Beziehung stehen): Denken – Fühlen kognitiv – emotional rational – irrational oder non-rational bewusst – unbewusst explizit – implizit freiwillig, absichtlich gesteuert – unwillkürlich, automatisch ergebnisoffen, frei – festen Mustern folgend, vorbestimmt erlernt – instinktiv Verstand, Vernunft – Trieb, Neigung Kopf – Herz, Bauch geistig – sinnlich Die Kategorien in der linken und rechten Spalte überschneiden sich zwar teilweise, sind aber nicht deckungsgleich: Nicht jeder, der zwischen Denken und Fühlen unterscheidet, hält Gefühle für irrational oder für instinktiv vorbestimmt. Verschiedene Menschen (und Coaches) finden manche Unterscheidungen richtiger, hilfreicher oder sinnvoller als andere. Davon könnten einige je nach Kontext auch kontraproduktiv sein, zum Beispiel im Coaching, während andere vielleicht eine hilfreiche Einordnung des eigenen Erlebens ermöglichen. Gerne wird einer solchen deskriptiven Unterscheidung von Verarbeitungsprozessen auch gleich eine Wertung beigefügt, nach der manche psychischen Vorgänge als höher entwickelt oder komplexer und andere als schlichter oder niedriger eingestuft werden. Philosophen, Psychologieanwender und Laien ergreifen dann oft mehr oder weniger ausdrücklich Partei für eine Spalte: Rationalisten wie Kant und Platon betonen die Bedeutung der Vernunft, die unvernünftige Impulse zügeln und steuern soll, während manche Verfechter der Intuition Menschen dazu raten, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und sich nicht von gesellschaftlich überformten Denkmustern und Überzeugungen beirren zu lassen. Wer an das sogenannte Unbewusste glaubt, spricht ihm oft eine ungeahnte Macht zu. Wer den Menschen für das einzig vernunftbegabte Lebewesen hält, mahnt ihn, sich seines Verstandes zu bedienen (ein berühmter Leitspruch von Kant) und sich nicht auf das Niveau anderer Tiere hinabzubegeben. Platon bietet (im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, daher ohne empirische Grundlage) für das Zusammenspiel verschiedener Prozesse in der menschlichen Psyche die Metapher eines Wagenlenkers an, anhand dessen Sokrates im Phaedrus-Dialog das Phänomen der Liebe erläutert. Der Lenker hat die Aufgabe, zwei geflügelte Pferde zu steuern. Ein Pferd versinnbildlicht Emotionen und Verhaltenstendenzen, die den Zielen des Verstandes gut entsprechen oder sich leicht dafür einspannen lassen, wie Ehrgeiz, Bescheidenheit und Tapferkeit. (In Platons aus heutiger Sicht etwas zweifelhafter Metaphorik ist dieses Pferd außerdem weiß, von gutem Wuchs und tadelloser Züchtung.) Das andere Pferd ist störrisch, sprunghaft und nur mit Peitschenhieben und Sporen zu bändigen. Es steht für Impulse wie Stolz und Faulheit (und ist bei Platon krummbeinig, schwerhörig und breitnasig mit dunklem Fell und trüben Augen). Der Wagenlenker entspricht in der Metapher in etwa dem bewussten, reflektierten Verstand oder dem expliziten Ich, mit dem sich der Mensch typischerweise am leichtesten direkt identifizieren kann, dessen Aufgabe aber in Platons Darstellung in erster Linie im Umgang mit den Pferden besteht. Ohne deren Antrieb kommt der Wagen sprichwörtlich nicht voran. Damit übernimmt der Wagenlenker die Rolle, die auch der schottische Philosoph David Hume (in seiner Abhandlung über die menschliche Natur, 1739) im 18. Jahrhundert dem Verstand zuspricht, als „Diener der Leidenschaften“, auf deren Motivation jede rationale Überlegung angewiesen ist. In Platons und Humes Betrachtungen der Psyche spiegelt sich die im antiken Griechenland und bei einigen Philosophen des 18. Jahrhunderts verbreitete Auffassung, dass Emotionen, Gefühle und nicht-rationale Impulse allgemein nicht notwendigerweise im Konflikt mit dem Verstand stehen, sondern im Gegenteil gute und harmonische Mitspieler sein können, die für die Handlungsfähigkeit des Menschen sorgen. Seit der Aufklärung hat sich im Gegensatz dazu in Teilen der Philosophie und in populären Vorstellungen ein eher konträres Bild der verschiedenen Teile der Psyche durchgesetzt, in dem die Vernunft eher gegen irrationale Triebe ankämpfen muss. Immanuel Kant sieht (in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten, 1785) das Gute im Menschen rein in seiner rationalen Natur „als vernünftiges Wesen“ begründet. Wir seien aber „mit so vielen Neigungen affiziert“, dass es uns grundsätzlich schwerfalle, den Gesetzen der Vernunft zu gehorchen. Kants moralisches Ideal ist die Herrschaft des rationalen Willens über alle nicht-rationalen Impulse und Triebe. Wer nur aus „Neigung“ Gutes tut, wen also emotionale Motivationen zu altruistischem und moralischem Verhalten bewegen, der ist aus Kants Sicht weniger moralisch lobenswert als jemand, dem dasselbe Verhalten eigentlich widerstrebt und der sich dazu überwinden muss. Das parodierte sein Zeitgenosse Friedrich Schiller in seinen Xenien mit den satirischen Gedichtstrophen Gewissensskrupel und Decisum: Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin. Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, und mit Abscheu als dann tun, was die Pflicht dir gebeut. Ganz abgesehen von der Absurdität, die sich in dieser Überspitzung von Kants Rationalismus zeigt, stellt sich aus psychologischer Sicht die Frage, ob eine Vorstellung vom Verstand als siegreicher Gegner der Gefühle überhaupt realisierbar ist. 2.1.2 System 1 und 2 als Elefant und Reiter In der Glückshypothese (2006), die historische philosophische Betrachtungen mit modernen psychologischen Erkenntnissen verbindet, bietet auch der Psychologe Jonathan Haidt eine Metapher für die verschiedenen Prozesse an, die in unserer Psyche zusammenspielen. Er knüpft damit an historische Bilder von Pferden oder anderen Tieren und ihren Reitern, Kutschern oder Wagenlenkern an, aber auf eine Weise, die den evolutionär begründeten Größenverhältnissen der verschiedenen metaphorischen Akteure besser entspricht. Abbildung 2.1: Elefant und Reiter (Sasha Blickhan, nach Haidt 2006 und Kahnemann 2011) Diese Akteure sind bei Haidt ein Elefant und sein Reiter. Der Elefant hat die Kontrolle über das Vorwärtskommen der beiden, deutlich mehr Kraft, ein gutes Gedächtnis und ein hohes Interesse an Sicherheit und Bequemlichkeit. Er fokussiert eher auf die unmittelbare Umgebung als auf entfernte Gegebenheiten und auf die konkrete Landschaft, nicht auf abstrakte Repräsentationen. Der Elefant steht für das, was in Daniel Kahnemans Dual-Systems-Modell der Verarbeitung (2011b) schlicht System 1 heißt, nämlich die automatische Verarbeitung. Sie beinhaltet Gefühle,...