E-Book, Deutsch, 704 Seiten
Blissett Q
Neuausgabe 2016
ISBN: 978-3-86241-618-9
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 704 Seiten
ISBN: 978-3-86241-618-9
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Roman 'Q' ist ein gewaltiges Epos der Reformationszeit, eine aufwühlende Geschichte von Rebellion und Verfolgung, Utopie und Verblendung. Der Lebensweg eines radikalen Wiedertäufers kreuzt sich mit den Intrigen eines Spions der Inquisition. Es entwickelt sich ein Duell auf Leben und Tod, in dem der militante Gleichheitsanspruch des reformierten Glaubens die Herrschaft von Papst, Adel und Grundherren herausfordert. 40 Jahre Geschichte, die den Weltenlauf entscheidend veränderten haben, werden in fesselnder Weise zum Leben erweckt.
Seit 1994 trat unter dem Phantomnamen Luther Blissett eine Gruppe subkultureller Aktivisten aus Bologna auf, die nach zahlreichen spektakulären Aktionen im Stile der Kommunikationsguerilla ihr Tätigkeitsfeld auf die Literatur verlegten. Mit dem theologischen Thriller 'Q', der international für Furore sorgte, gelang dem italienischen Autorenkollektiv ein Sensationserfolg. Auch in der Folge betätigten sich die Autoren, die nun unter dem Namen Wu Ming firmierten, als Partisanen des Literaturbetriebs und schrieben Romane, deren Merkmal ist, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten. Im Verlag Assoziation A erschien 2015 als deutsche Erstausgabe die Übersetzung ihres Romans '54'. Weitere Veröffentlichungen sind in Planung.
Weitere Infos & Material
ERSTER TEIL
MÜNTZER FRANKENHAUSEN
(1525) 1. KAPITEL Frankenhausen, Thüringen
15. Mai 1525. Nachmittag Beinahe blindlings. Tun, was ich tun muss. Schreie in den Ohren, in denen noch der Donner der Kanonen dröhnt. Geronnenes Blut und Schweiß verschließen mir die Kehle, ein Hustenanfall zerreißt mich. Die Blicke der Fliehenden: Entsetzen. Verbundene Köpfe, zerquetschte Glieder ... Immer wieder sehe ich mich um: Elias ist hinter mir. Er bahnt sich einen Weg durch die riesige Menge. Trägt den reglosen Magister Thomas auf den Schultern. Wo ist der allgegenwärtige Gott? Seine Herde wird hingemetzelt. Tun, was ich tun muss. Die Briefsäcke festgezurrt. Nicht stehen bleiben. Das Schwert schlägt mir an die Seite. Elias immer hinter mir. Eine wirre Gestalt kommt auf mich zugerannt. Das Gesicht halb unter Verbänden, offenes Fleisch. Eine Frau. Sie erkennt uns. Tun, was ich tun muss: Der Magister darf nicht entdeckt werden. Ich packe sie: nicht sprechen. Schreie hinter meinem Rücken: »Landsknechte! Landsknechte!« Ich stoße sie fort; weg, sich in Sicherheit bringen. Eine Gasse zur Rechten. Im Laufschritt, Elias hinter mir, Hals über Kopf. Tun, was ich tun muss: Haustüren. Die erste, die zweite, die dritte, sie geht auf. Drinnen. Wir schließen die Tür hinter uns. Der Lärm gedämpft. Durch ein Fenster fällt mattes Licht. Die Alte sitzt in einer Ecke hinten im Zimmer, auf einem halbzerfetzten Strohstuhl. Ein paar einfache Dinge: eine schadhafte Bank, ein Tisch, glühende Holzscheite, die verraten, dass in dem rußgeschwärzten Kamin noch vor kurzem ein Feuer gebrannt hat. Ich trete zu ihr: »Schwester, wir bringen einen Verwundeten. Er braucht ein Bett und Wasser, im Namen Gottes ...« Elias ist in der Tür stehen geblieben, er füllt sie ganz aus. Immer noch den Magister auf seinen Schultern. »Nur für ein paar Stunden, Schwester.« Ihre Augen sind wässrig und blicken ins Leere. Ihr Kopf wackelt. Noch immer ein Pfeifen in meinen Ohren. Die Stimme von Elias: »Was sagt sie?« Ich gehe näher zu ihr hin. Ein leiser Singsang im Getöse der Welt. Ich erfasse die Worte nicht. Die Alte weiß nicht einmal, dass wir da sind. Tun, was ich tun muss. Keine Zeit verlieren. Eine Treppe führt nach oben, ich gebe Elias ein Zeichen, wir steigen hoch, endlich ein Bett, um Magister Thomas hinzulegen. Elias wischt sich den Schweiß aus den Augen. Er sieht mich an: »Wir müssen Jakob und Matthias finden.« Ich fasse nach meinem Schwert und schicke mich an loszulaufen. »Nein, ich gehe, du bleibst beim Magister.« Ich habe keine Zeit zu antworten, schon steigt er die Treppe hinunter. Magister Thomas rührt sich nicht, starrt zur Decke. Der leere Blick, kaum ein Zucken der Wimpern, fast, als würde er nicht atmen. Ich sehe nach draußen: eine Häuserzeile vor dem Fenster. Es geht auf die Straße hinaus, zu hoch, um zu springen. Wir sind im ersten Stock, wenigstens gibt es einen Dachboden. Ich betrachte die Decke, erkenne mit Mühe die Ritzen einer Speicherluke. Auf dem Boden ist eine Leiter. Von Würmern zerfressen, doch sie hält. Ich schiebe mich auf allen vieren hinein, der Speicher ist sehr niedrig, die Dielen mit Stroh bedeckt. Die Balken knarren bei jeder Bewegung. Kein Fenster, ein paar Lichtstrahlen dringen von oben durch die Balken des Spitzbodens. Noch mehr Balken, Stroh. Ich muss mich fast flach ausstrecken. Eine Öffnung geht auf die Dächer hinaus: Sie fallen steil ab. Unmöglich für Magister Thomas. Ich kehre zurück zu ihm. Seine Lippen sind trocken, seine Stirn glüht. Ich suche Wasser. Unten auf dem Tisch liegen Nüsse, steht ein Krug. Der Singsang geht unaufhörlich weiter. Als ich die Lippen des Meisters mit dem Wasser benetze, fallen mir die Briefsäcke ins Auge: besser, sie zu verstecken. Ich sitze auf dem Schemel. Meine Beine schmerzen. Ich stütze den Kopf in die Hände, nur einen Augenblick, dann wird aus dem Sausen ein ohrenbetäubendes Getöse: Schreie, Lärm von Pferden, Waffengeklirr. Diese Bastarde im Fürstensold dringen in die Stadt ein. Ich eile zum Fenster. Zur Rechten, auf der Hauptstraße: Reiter, die Lanzen stoßbereit, sie durchkämmen die Straße. Wüten gegen alles, was sich regt. Auf der anderen Seite: Elias taucht in der Gasse auf. Sieht die Pferde, bleibt stehen. Fußsoldaten erscheinen hinter ihm. Es gibt kein Entrinnen. Er sieht sich um: Wo ist der allgegenwärtige Gott? Sie zielen auf ihn. Er hebt den Blick. Sieht mich. Tut, was er tun muss. Er zückt das Schwert, stürzt sich schreiend auf die Fußsoldaten. Einen hat er aufgeschlitzt, einen anderen mit einem Kopfstoß zu Boden geworfen. Sie fallen zu dritt über ihn her. Er spürt die Hiebe nicht, packt das Heft des Schwertes mit beiden Händen, schlägt weiter um sich. Sie weichen aus. Von hinten: ein langsamer, schwerer Galopp, der Reiter ist in seinem Rücken, er greift an. Der Schlag wirft Elias um. Es ist aus. Nein, er steht wieder auf: sein Gesicht eine blutige, wütende Maske. Das Schwert noch immer in der Hand. Niemand nähert sich ihm. Ich höre ihn keuchen. Ein heftiger Ruck am Zügel, das Pferd macht kehrt. Das Beil hebt sich. Wieder im Galopp. Elias steht mit breiten Beinen da, zwei Wurzeln. Arme und Kopf zum Himmel, er lässt das Schwert fallen. Der letzte Schlag: »Omnia sunt communia, ihr Hundesöhne!« Sein Kopf fliegt in den Staub. Sie plündern die Häuser. Die Türen werden eingetreten, mit Äxten eingeschlagen. Bald sind wir an der Reihe. Keine Zeit verlieren. Ich beuge mich über ihn. »Magister, hör mir zu, wir müssen fort, sie sind gleich hier ... Bei Gott, Magister ...« Ich packe ihn bei den Schultern. Antwort: ein Flüstern. Er kann sich nicht bewegen. In der Falle, wir sitzen in der Falle. Wie Elias. Meine Hand umklammert das Schwert. Wie Elias. Ich wünschte, ich hätte seinen Mut. »Was willst du tun? Genug Martyrium. Geh schon, sieh zu, dass du dich rettest.« Die Stimme. Wie aus den tiefsten Tiefen der Erde. Ich kann es nicht glauben, dass er gesprochen hat. Er ist noch regloser als zuvor. Von unten donnernde Schläge. Mir wird schwindlig. »Geh!« Wieder die Stimme. Ich wende mich ihm zu. Er rührt sich nicht. Schläge. Die Tür geht in Stücke. Die Briefsäcke, sie dürfen sie nicht finden, weg, auf die Schultern damit, die Leiter hinauf, die Soldaten beschimpfen die Alte, ich rutsche aus, finde keinen Halt, zu viel Gewicht, weg, ein Sack fällt hinunter, sie kommen die Treppe herauf, endlich drinnen, ich ziehe die Leiter hoch, schließe die Luke, die Tür öffnet sich. Sie sind zu zweit. Landsknechte. Ich kann sie durch eine Ritze zwischen den Balken erspähen. Ich darf mich nicht bewegen, das kleinste Knarren, und ich bin verloren. »Nur ein schneller Blick, dann gehen wir, hier finden wir sowieso nichts ... Ah, da ist ja noch jemand!« Sie treten ans Bett, schütteln Magister Thomas. »Wer bist du? Ist das dein Haus?« Keine Antwort. »Lass gut sein. Günther, sieh mal, was wir hier haben!« Sie haben den Sack gefunden. Einer der beiden öffnet ihn. »Scheiße, da ist nur Papier drin, kein Geld. Was ist das für Zeug? Kannst du lesen?« »Ich? Nein!« »Ich auch nicht. Vielleicht ist es wichtig. Geh nach unten und hol den Hauptmann.« »Was ist los? Willst du mir etwa Befehle geben? Warum gehst du nicht selbst?« »Weil ich diesen Beutel gefunden habe!« Am Ende einigen sie sich. Der Kumpan desjenigen, der Günther heißt, geht nach unten. Ich hoffe, dass auch der Hauptmann nicht lesen kann, sonst ist es aus. Schwere Schritte, es muss wohl der Hauptmann sein, der die Treppe hochsteigt. Ich kann mich nicht bewegen. Mein Gaumen ist ausgetrocknet, die Kehle voller Staub vom Dachboden. Um nicht husten zu müssen, beiße ich mir in eine Backe und schlucke das Blut. Der Hauptmann beginnt zu lesen. Ich kann nur hoffen, dass er nichts versteht. Am Ende hebt er den Blick von den Blättern: »Es ist Thomas Müntzer.« Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Zufriedene Blicke: doppelter Sold. Sie tragen den Mann weg, der den Fürsten den Krieg erklärt hat. Ich gebe keinen Ton von mir, unfähig, ein Glied zu rühren. Der allgegenwärtige Gott ist weder hier noch an irgendeinem anderen Ort. 2. KAPITEL 16. Mai 1525 Der Morgen dämmert. Erschöpft breche ich zusammen. Als ich zuvor die Augen wieder öffnete, im tiefsten Dunkel der Nacht und meines Lebens, wurde mir als erstes die vollkommene Gefühllosigkeit meiner Glieder bewusst. Seit wann waren die Landsknechte weg? Von der Straße drangen Flüche von...