E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Burseg Tage mit Milena
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-31045-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-31045-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annika führt ein ruhiges Leben und denkt schon lange nicht mehr an die traumatischen Ereignisse, die vor mehr als 30 Jahren ihre Welt aus den Angeln hoben. Bis die siebzehnjährige Klimaaktivistin Luzie ihren Alltag durcheinanderbringt und die Erinnerung an den Menschen wachrüttelt, dessen Namen sich Annika kaum auszusprechen traut: Milena. In der Hamburger Hausbesetzerszene der Achtziger waren Annika, Milena und Matti unzertrennlich. Sie hielten sich für unbesiegbar, so wie Luzie es tut. Um diese vor einem folgenschweren Fehler zu bewahren, nimmt Annika wieder Kontakt zu Matti auf. Sie reist zu ihm nach Italien – und erfährt, dass alles, was sie über damals zu wissen glaubte, eine Lüge ist.
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1
Der Nachhall eines Traums, Bilder, die nicht festzuhalten sind und wie Wasser davonströmen. Annika dreht sich von der Seite auf den Rücken. Sie hat zusammengerollt geschlafen, Embryonalstellung, die Knie fast bis unters Kinn hochgezogen, die Arme eng am Körper. Jetzt streckt sie die Beine, bewegt die Hände, öffnet die Augen. Montagmorgen. Es ist noch früh, kurz nach sieben, gedämpftes Licht hinter den Samtgardinen. Die Stille hat sie geweckt, Hendrik ist schon aus dem Haus. Sie sieht ihn vor sich, die langen Beine in der Cargohose, stabile Arbeitsschuhe, die schwarze Mütze tief in die Stirn gezogen. Mit dem Lastenfahrrad fährt er an der Trave entlang, von der Altstadtinsel hinunter weiter über die Marienbrücke bis zu seinem Blumenacker am Stadtrand von Lübeck. Die Herbstpracht ernten – Astern, Dahlien und Sonnenhut. Schnittblumen aus der Region, frei von Pestiziden und sonstigen Giften. Später wird er die Sträuße auf dem Markt am Rathaus verkaufen. Seit ein paar Jahren macht er das schon, lässt Annika den Laden führen – Oelkers & Söhne, Schreibwaren und feines Papier, in der vierten Generation. Sie muss nur die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, dann steht sie im Geschäft, wo es nach altem Holz und schwarzer Tinte riecht. Treppengiebelheimeligkeit, das mögen die Touristen. Hendrik dagegen braucht frische Luft, das Wühlen in der Erde, etwas Zartes, das unter seinen Händen gedeiht. Papier, das war ihm immer schon zu dröge. Ohne Hast schlägt Annika die Decke zurück und schlüpft aus dem Bett, der Dielenboden knarzt unter ihren Schritten. Sie öffnet die Gardinen, der Himmel ist wolkenlos. Im Badezimmer nebenan empfängt sie ein Hauch von Zahnpastafrische und kompakte, feuchte Wärme. Auf dem runden Teppich vor dem Spiegel bleibt sie stehen. Sie bemerkt den fehlenden Knopf an der Pyjamajacke, lächelt und fährt sich durch den fransig geschnittenen Bob. Bevor sie zur Zahnbürste greift, sich duscht, die Haare wäscht, beugt Annika sich vor. Sie lässt Kopf und Arme hängen und versucht, die Zehen mit den Fingerspitzen zu berühren. Seit ein paar Monaten fühlt sie sich morgens ganz steif, vor allem im unteren Rücken und in der Hüfte, obwohl sie schlank ist und immer beweglich war. Die Wechseljahre, na klar. Östrogene würden schmerzlindernd wirken, hat die Ärztin ihr erklärt. Je tiefer der Hormonspiegel sinke, umso stärker fühlten Frauen Schmerzen. Wenn es schlimmer werde, könnte sie es mit einer Hormonersatztherapie versuchen, aber vorerst will sie besser auf sich achten. Gemüse, Ballaststoffe, Morgengymnastik. Vorbeugen bedeutet loslassen, hat sie in den Yoga-Foren im Internet gelesen. Je besser du loslassen kannst, je weicher du dich durch den Schmerz hindurchatmest, desto tiefer wirst du in die Dehnung hineinsinken können. Annika atmet, sinkt einen Millimeter tiefer, noch zehn Zentimeter bis zum Boden. Als Kind hat sie die Zehenspitzen mühelos erreicht, wie ein Wasserfall floss das lange, dunkle Haar hinab. Damals konnte sie auch auf den Händen gehen und sogar Flickflacks schlagen. »Zirkusmieze!«, haben die anderen ihr auf dem Schulhof nachgerufen, mehr Hohn als Anerkennung. Vorbeugen bedeutet loslassen. Geduld und Weichheit bringen dich weiter. Eine Minute, zwei Minuten, das Blut rauscht ihr in den Ohren, sie kann nicht mehr. Langsam richtet Annika sich auf. Sie streicht sich den Pony aus dem Gesicht, streckt sich, beugt sich nach hinten. Geht in die Gegenbewegung und schiebt das Becken vor, atmet. Vorbeugen schärfen deine Achtsamkeit und helfen dir, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie weit du in eine Situation hineingehen kannst, ohne dich zu verletzen. Sie ist froh, dass sie gut schlafen kann. Nur ihre Träume, die haben sich verändert. Sie erscheinen ihr intensiver, kraftvoller, manchmal sogar bedrohlich, so als ob die Hormonumstellung nicht nur das Schmerzempfinden verstärken würde, sondern auch etwas, das tief in ihr verborgen liegt. Knapp anderthalb Stunden später schließt Annika unten den Laden auf und tritt auf den Gehweg hinaus. Ein weiterer herrlicher Vormittag kündigt sich an, mit einem schwerelos blauen Himmel und warmer Oktobersonne, die den Schattenriss der Treppengiebel auf das Backsteinrot der gegenüberliegenden Häuser zeichnet. Oelkers & Söhne befindet sich im Herzen der Altstadtinsel, die Straße ist belebt, Buddenbrookhaus, Mariendom und Holstentor sind nur wenige Minuten entfernt. Es ist immer noch früh, kurz nach halb neun, aber vor der Bäckerei gegenüber hat sich bereits eine Schlange gebildet. Mütter und Väter mit Kinderkarren und ein paar ältere Leute mit zu viel Zeit. Sie kaufen Brötchen, Croissants und Laugenstangen – Proviant für einen langen Tag. Auch die kleinen, runden Caféhaustische mit den schwarz lackierten Beinen, an denen sich in Ruhe ein Becher Kaffee trinken lässt, sind allesamt besetzt. Von der Trave weht durch die Straße das Kreischen der Möwen herauf. Annika – sie trägt ein weißes Hemd, dunkle Jeans, flache schwarze Stiefeletten und einen Spritzer von Hendriks Rasierwasser – winkt Vivian zu, einer Freundin aus dem Kirchenchor, dann schiebt sie die beiden Drehständer mit Ansichtskarten vors Geschäft. Als sie die Jalousie über dem Schaufenster herauskurbelt, entdeckt sie ein Spinnennetz im rechten oberen Fenstereck. Ein Nachtfalter hat sich darin verfangen, ein schwarzer Schmetterling. Einen Moment lang betrachtet sie beides, Netz und Falter. Annika hat nichts gegen Spinnen, sie hat gelernt, mit ihnen zu leben. Das Treppengiebelhaus ist mehr als vierhundert Jahre alt, immer wieder kriechen Webspinnen aus den Ritzen im Mauerwerk und den Spalten zwischen den Dielen hervor. Manchmal denkt sie sogar, dass ihre schimmernden Netze eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen. Aber der Falter mit seinen weit ausgebreiteten Flügeln ist nicht zu übersehen. Er macht das Spinnengewebe, dessen Fäden kunstvoll zwischen Jalousiekasten und Rahmen verankert sind, erst sichtbar. In Erinnerung an die makellosen Schaufensterscheiben ihres verstorbenen Schwiegervaters Christian Oelkers zupft sie den leblosen Schmetterling aus dem Netz. Zurück im Laden, wo ein Becher Tee am Kassentresen auf Annika wartet, lässt sie den Falter aus der hohlen Hand auf ein Blatt Papier gleiten. Ein wenig Staub rieselt von den zarten Flügeln herab. Wieder muss sie an die Dekorationen des alten Oelkers denken, Schaufenster so opulent wie Bühnenbilder. Sie erinnert sich deutlich, welchen Eindruck der Laden bei ihrem ersten Besuch auf sie gemacht hat. An das Gefühl von Geborgenheit, das sie nie wieder verlassen hat. Christian Oelkers hat sie damals unter seine Fittiche genommen, und heute sticht ihre Fensterdekoration, die handgeschöpftes Büttenpapier und edles Schreibgerät wie Naturschönheiten zwischen prächtigen Muskatkürbissen präsentiert, hervor aus dem Einerlei der Drogeriemärkte, Nagelstudios und Telefonshops, die sich auch in Lübeck breitgemacht haben. Schon zwei Mal ist die Auslage von Oelkers & Söhne zum schönsten Schaufenster Norddeutschlands gekürt worden, und auch der Onlineshop läuft ordentlich. Weil ihnen das Haus gehört und sie im zweiten Stock eine kleine Wohnung vermieten, können sie sich den Laden immer noch leisten. »Kommst du heute Abend zur Probe?« Vivian steckt den Kopf zur Tür herein. Sie hat ihren Kaffee ausgetrunken und ist kurz stehen geblieben, um Annika Hallo zu sagen. Annika blickt auf, lächelt der Freundin zu. »Ja, klar!« Sie freut sich auf das gemeinsame Singen, der Herbst gehört den Proben für die Weihnachtskonzerte. Sie will Vivian samt Hund hereinwinken, ein bisschen plaudern und dem Golden Retriever ein Leckerli zustecken, aber die Freundin ist auf dem Sprung. »Dann bis später«, sagt Vivian nur und deutet an, dass sie das Reisebüro oben in der Breiten Straße öffnen muss. Wie ihr Hund hat sie große dunkle Augen, die ihrem Gesicht einen warmen, freundlichen Ausdruck verleihen. Annika schaut ihr nach. Sie singen beide im Alt, und nach der Pandemie mit den beiden stillen Jahren studieren sie mit dem Kirchenchor Bachs Weihnachtsoratorium ein. Das ganz große Adventsspektakel. Die Chancen stehen gut, dass der Chor im Dezember endlich wieder auftreten kann. Dann beginnt für sie mit Auftritten in der Stadt und in ganz Norddeutschland die schönste Zeit des Jahres. Als Annika vor mehr als dreißig Jahren nach Lübeck kam, konnte sie sich nicht vorstellen, je wieder so etwas wie Glück zu empfinden oder gar Teil einer Gemeinschaft zu sein. Eine Zeit lang hatte sie sogar unter einer Sprachstörung gelitten, Mutismus, sie brachte buchstäblich kein Wort heraus. Aber der alte Oelkers und später dann der Chor halfen ihr, sich wieder zu öffnen. Durch das Singen hat sie zum Sprechen zurückgefunden. Annika fängt an zu summen, irgendeine Melodie, sie hat Lust auf Musik. Auf dem Tablet sucht sie ein Violinkonzert von Bach und findet eine alte, legendäre Aufnahme der Wiener Symphoniker mit David Oistrach an der Violine. Sie hört kurz rein und verbindet das Tablet mit dem Lautsprecher. Klar und tief empfunden erfüllt die Musik den Raum, vertreibt die Stille. Vor zehn und besonders montags, wenn die Museen geschlossen sind, ist es gewöhnlich ruhig im Laden. Dann arbeitet sie die Bestellungen vom Wochenende ab, sortiert Ware nach und stöbert im Netz nach neuen Ideen fürs Sortiment. Den meisten Umsatz macht sie donnerstags und freitags, wenn es auf das Wochenende zugeht und die Kunden Glückwunschkarten, Geschenkpapier, Bastelsachen und Tischdekoration kaufen, die Touristen nach einem Mitbringsel aus der Hansestadt suchen. Das Holstentor zum Falten,...