E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Clarke Der Hammer Gottes
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12670-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-12670-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wir schreiben das Jahr 2109. Der Mond ist längst besiedelt, und auch auf dem Mars sind die ersten Kolonisten eingetroffen. Einer von ihnen, ein junger Amateurastronom, entdeckt dort einen Asterioden, der auf die Erde zu stürzen droht. Man nennt ihn Kali, nach der Hindu-Göttin der Vernichtung. Captain Robert Singh und die Besatzung des Raumschiffs Goliath erhalten die Aufgabe, Kali vom Kurs abzubringen. Ihre schier unlösbare Mission wird zusätzlich erschwert, denn religiöse Fanatiker erwarten sehnsüchtig die Apokalypse …
Arthur C. Clarke zählt neben Isaac Asimov und Robert A. Heinlein zu den größten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren 1917 in Minehead, Somerset, entdeckte er die Science-Fiction durch die Bücher von H. G. Wells und Olaf Stapledon. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als technischer Offizier der Royal Air Force diente, studierte er Physik und Mathematik am King’s College in London. Gleichzeitig betätigte er sich als Autor: 1946 erschien seine erste Story im SF-Magazin Astounding, sein erster Roman zwei Jahre später. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er nicht nur weitere preisgekrönte Erzählungen und Romane, sondern auch etliche populärwissenschaftliche Artikel und Bücher, in denen er viele technische Entwicklungen vorwegnahm. Clarke starb im März 2008 in seiner Wahlheimat Sri Lanka.
Weitere Infos & Material
I
DIE ERSTE BEGEGNUNG: OREGON, 1972
Der Komet hatte die Größe eines kleinen Hauses, wog neuntausend Tonnen und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von fünfzigtausend Stundenkilometern auf die Erde zu. Als er den Grand Teton Nationalpark überflog, photographierte ein aufmerksamer Tourist den weißglühenden Feuerball und seinen langen Schweif aus Dampf. Der Komet schnitt die Erdatmosphäre an, war aber schon wieder auf dem Weg hinaus ins All. Das Ganze hatte weniger als zwei Minuten gedauert.
Wenn es in den Jahrmillionen, die er bereits die Sonne umkreiste, nur eine winzige Veränderung seiner Umlaufbahn gegeben hätte, wäre er womöglich in einer unserer Großstädte niedergegangen – mit einer fünfmal stärkeren Sprengkraft als die der Bombe, die Hiroshima zerstört hat.
Diese Begegnung fand am 10. August 1972 statt.
1 Jenseits von Afrika
Robert Singh genoss die Waldspaziergänge mit seinem kleinen Sohn Toby. Es handelte sich natürlich um einen friedlichen Wald, in dem es garantiert keine wilden Tiere mehr gab. Aber er stand doch in aufregendem Kontrast zu ihrem letzten Aufenthaltsort in der Wüste von Arizona. Vor allem war es ein gutes Gefühl, so nah am Meer zu sein, zu dem alle, die im Weltall wohnten oder arbeiteten eine tief verwurzelte Verbundenheit empfanden. Selbst hier auf der Lichtung, mehr als einen Kilometer landeinwärts, konnte man noch ganz schwach die vom Monsun gepeitschten Wellen gegen das äußere Riff schlagen hören.
»Was ist denn das, Daddy?«, fragte der Vierjährige und deutete auf ein behaartes Gesichtchen mit einem weißen Backenbart, das sie durch eine Lücke im Blätterwald anstarrte.
»Äh …, eine Affenart. Warum fragst du nicht Brain?«
»Das habe ich schon, aber er antwortete nicht.«
»Noch so ein Problem«, dachte Singh. Manchmal sehnte er sich nach dem einfachen Leben seiner Vorfahren in den staubigen Ebenen Indiens, obwohl er ganz genau wusste, dass er das nur Millisekunden ausgehalten hätte.
»Versuch's noch mal, Toby. Manchmal sprichst du zu schnell – der Zentralrechner im Haus erkennt dann deine Stimme nicht. Hast du auch ein Bild mitgeschickt? Der Computer kann nicht sagen, was du dir gerade ansiehst, wenn er es nicht sehen kann.«
»Oh, vergessen!«
Singh rief in demselben Augenblick den privaten Nachrichtenkanal seines Sohnes auf, in dem der Zentralrechner die Antwort übermittelte: »Es handelt sich um einen weißen Colobus aus der Familie der Cercopithecidae, der Meerkatzenverwandten …«
»Danke Brain. Kann ich mit ihm spielen?«
»Ich halte das für keine gute Idee«, schaltete sich Singh schnell in das Gespräch der beiden ein. »Vielleicht beißt er, und wahrscheinlich hat er Flöhe. Deine Robospielsachen sind doch viel netter.«
»Nicht so nett wie Tigerchen.«
»Aber sie machen nicht so viel Arbeit, selbst jetzt, wo sie endlich stubenrein ist. Wie auch immer, wir müssen sowieso nach Hause«, sagte Singh zu seinem Sohn und dachte, »um zu sehen, wieweit Freyda bei ihren Problemen mit dem Zentralrechner gekommen ist …«
Seit der Skylift-Service ihr Haus hier in Afrika montiert hatte, war eine ganze Reihe von Pannen aufgetreten, die jüngste und wohl auch gravierendste beim Nahrungsmittel-Recycling-System. Obwohl es absolut narrensicher und die Wahrscheinlichkeit, sich zu vergiften, astronomisch gering war, hatte das »Filet Mignon« am Vorabend doch ziemlich metallen geschmeckt. Freyda bemerkte dazu ganz trocken, dass sie ja wieder zu dem Leben der Jäger und Sammler im vorelektronischen Zeitalter zurückkehren und ihr Essen über Holzfeuer braten könnten. Manchmal hatte sie wirklich einen merkwürdigen Sinn für Humor: Allein bei dem Gedanken, richtiges Fleisch von toten Tieren zu essen, drehte sich einem doch der Magen um …
»Können wir nicht zum Strand gehen?«
Toby, der den größten Teil seines Lebens bisher in einer Sandwüste verbracht hatte, war vom Meer fasziniert und konnte gar nicht fassen, so viel Wasser auf einmal zu sehen. Singh freute sich schon darauf, seinen Sohn mit zum Riff hinaus zu nehmen, sobald sich der Nordostmonsun gelegt hatte. Dann konnte er ihm endlich all die Wunder zeigen, die im Augenblick noch unter den tosenden Wellen verborgen lagen.
»Mal sehen, was Mama dazu sagt.«
»Mama sagt, ihr solltet heimkommen. Haben meine Männer denn vergessen, dass wir heute Nachmittag Besuch bekommen? Und Toby, dein Zimmer ist eine Katastrophe. Es wird Zeit, dass du mal selbst aufräumst und es nicht wieder Dorkas überlässt.«
»Aber ich habe sie doch so programmiert …«
»Keine Widerrede. Nach Hause mit euch!«
Toby setzte schon zu einer nur zu bekannten Antwort an … Aber es gab Momente, da Disziplin die elterliche Liebe überwog; so nahm Singh seinen Sohn auf den Arm und machte sich mit dem widerstrebenden Jungen auf den Heimweg. Doch Toby war zu schwer, um weit getragen zu werden. So war sein Vater froh, als der Junge aufhörte, zu strampeln und allein weiter lief.
Das Gebäude, in dem Robert Singh, Freyda Carroll, ihr gemeinsamer Sohn Toby, dessen geliebter Minitiger und eine ganze Reihe von Robotern wohnten, wäre einem Besucher aus früheren Jahrhunderten sicherlich erstaunlich klein vorgekommen – eher wie eine Hütte als wie ein richtiges Wohnhaus. Aber der Schein trog, da die meisten Räume multifunktional waren und sich auf Zuruf verwandelten. Die Möbel nahmen dann eine andere Form an, Wände und Decken verschwanden und wurden durch verschiedene Ansichten oder Himmelsformationen ersetzt – ja sogar durch extrem wirklichkeitsgetreue Weltraumansichten, die jeder, mit Ausnahme eines Astronauten, für echt gehalten hätte.
Das Haus, mit seiner zentralen Kuppel und den vier halbkreisförmigen Flügeln war – das musste Singh zugeben – nicht gerade schön und wirkte auf der Dschungellichtung völlig deplatziert. Aber es entsprach hundertprozentig der Bezeichnung »Wohnmaschine«. Singh hatte, seitdem er erwachsen war, eigentlich ständig in solchen Maschinen gelebt – häufig auch noch bei Schwerelosigkeit. In einer anderen Umgebung hätte er sich gar nicht richtig wohlgefühlt.
Die Eingangstür klappte auf, und ein goldenes Knäuel tobte ihnen entgegen. Mit ausgestreckten Armen rannte Toby los, um Tigerchen zu begrüßen …
Aber sie sollten sich niemals treffen, da diese Wirklichkeit nun schon dreißig Jahre zurück- und eine halbe Milliarde Kilometer entfernt lag.
2 Rendezvous mit Kali
Als das Abspielen der Erinnerungssequenzen beendet war, verschwanden allmählich die Geräusche und Eindrücke, der Geruch unbekannter Blumen und die sanfte Bewegung des Windes auf Kapitän Singhs um Jahrzehnte jüngeren Haut. Er befand sich wieder in seiner Kabine an Bord des Raumschleppers »Goliath«, während Toby und seine Mutter in einer Welt zurückblieben, die Singh nie wieder besuchen konnte. Die Jahre, die er nun schon im All verbracht hatte – und die Vernachlässigung des vorgeschriebenen Krafttrainings in der Schwerelosigkeit –, hatten ihn so geschwächt, dass er sich jetzt nur noch auf dem Mond oder Mars bewegen konnte. Die Anziehungskraft seines Heimatplaneten Erde machte es ihm unmöglich, dorthin zurückzukehren.
»Noch eine Stunde bis zum Kontakt, Captain«, hörte er die ruhige, aber beharrliche Stimme von David, wie man »Goliaths« Bordcomputer sinnigerweise genannt hatte. »Wie gewünscht befinden Sie sich nun wieder im aktiven Modus. Es wird Zeit, dass Sie Ihren Memochip beiseite legen und in die Wirklichkeit zurückkehren.«
Den menschlichen Kommandeur der »Goliath« überkam ein Anflug von Trauer, als sich die letzten Bilder seiner für immer verlorenen Vergangenheit in ein konturloses weißes Rauschen auflösten. Wechselte man zu schnell von einer Realität in die andere, riskierte man Schizophrenie, deshalb schwächte Kapitän Singh den Schock immer mit dem angenehmsten Geräusch ab, das er kannte: sanftes Meeresrauschen am Strand, durchsetzt von gelegentlichen Seemöwenschreien. Auch das erinnerte ihn an ein Leben, das nun unwiederbringlich hinter ihm lag – eine friedvolle Vergangenheit, an deren Stelle eine furchterregende Zukunft getreten war.
Er zögerte, bevor er sich wieder seiner unangenehmen Verantwortung stellte. Dann nahm er mit einem Seufzer den Zerebralhelm ab, der direkt am Schädel anlag. Wie alle Weltraumfahrer gehörte Singh zu der Kategorie »Kahl ist cool«, wenn auch nur deshalb, weil Haarteile in der Schwerelosigkeit einfach hinderlich waren. Die Soziologen staunten immer noch darüber, dass die Erfindung des tragbaren »Brainman« die Erscheinung des Menschen innerhalb eines Jahrzehnts so stark beeinflusst und die alte Kunst des Perückenmachens in den Status einer Großindustrie erhoben hatte.
»Captain«, hörte er nun wieder David, »ich weiß, dass Sie da sind. Oder wollen Sie, dass ich übernehme?«
Es war ein altbekannter Scherz, der von den verrückten Computern aus Romanen und Filmen der elektronischen Frühzeit herrührte. David hatte einen erstaunlich ausgeprägten Sinn für Humor: Im Rahmen des berühmten hundertsten Verfassungszusatzes galt er immerhin als eine – nicht-menschliche – juristische Person, die die Eigenschaften seiner Schöpfer teilte und gelegentlich übertraf. Aber es gab ihm unzugängliche Bereiche der Empfindung, zum Beispiel fehlten ihm Tast- oder Geruchssinn, obwohl das einfach zu konstruieren gewesen wäre. Auch seine Versuche, schmutzige Witze zu erzählen, waren so böse in die Hose gegangen, dass er von diesem...




