Coney Erinnerungen an Pallahaxi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-17550-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-17550-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dann kamen die Lorin.
Viele Generationen nach Drove, dem Helden aus 'Der Sommer geht', erlebt Hardy, wie seine Welt, der Planet der Stilk, erneut vor einem langen Winter steht. Die Gesellschaft dort hat sich verändert, vor allem in Bezug auf die Lorin, und auch menschliche Siedler sind angekommen und schürfen schon seit einigen Hundert Jahren nach Bodenschätzen. Hardy und sein Volk versuchen, sich auf den Winter vorzubereiten, von dem niemand weiß, wie lange er dauern wird. Im langen Sommer haben die Stilk vergessen, wie man sich vor der Kälte schützt, und auch die Menschen werden immer verzweifelter ...
Michael Coney wurde 1932 in Birmingham geboren und besuchte die King Edward's School. Er wurde zunächst Buchhalter, übte dann eine Reihe unterschiedlicher Berufe aus: Unter anderem betrieb er ein Pub in Devon, später leitete er ein Hotel auf der Karibikinsel Antigua. Anfang der Siebzigerjahre siedelte er mit seiner Familie nach Kanada über und wurde Feuerwächter der Columbia Forestry Commission. Seit 1966 schrieb er Science Fiction, mit seinen grandiosen Schilderungen außerirdischer Welten wurde er schnell zu einem der zentralen Autoren der Siebziger und Achtziger. Die beiden 'Pallahaxi'-Romane gelten als seine bedeutendsten Werke. Michael Coney starb 2005 an Krebs.
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2 DEVON-STATION DIE ERNTEZEIT KAM, und die Pilgerreise lief wie immer ab, und von Mays Vorschlag war nie wieder etwas zu hören. Wir trugen ihre kleinen Tassen- und Anemonenbäume zum Molchwald und pflanzten sie vorsichtig ein, wobei wir mehr als die Zahl der alten, abgestorbenen Bäume ersetzten. Die Lorin wuselten um uns herum und urinierten auf die Jungpflanzen. Die großen Anemonen verhielten sich ruhig. Das ist seltsam, aber so ist es immer zum Erntedankfest. Sie ziehen ihre Tentakel ein und stehen wie riesige Stümpfe da, während wir um sie herum Setzlinge pflanzen. Vielleicht wissen sie irgendwie Bescheid, dass wir zum Wohl des Waldes tätig sind. Oder die Lorin haben eine beruhigende Wirkung auf sie, wie sie es auch auf uns haben. Aber die Anemonenbäume mögen es nicht, wenn die Försterin Stecklinge schneidet. Nach dem Erntedankfest kommt die Ernte und danach die Traufe, die Zeit der absterbenden Vegetation, des endlosen Regens, des kalten Nebels und der schlecht gelaunten Erwachsenen. Das ist die Jahreszeit, in der die Schuppen neben den öffentlichen Radiatoren mit einem Vorrat an warmen Ziegelsteinen bestückt werden. Es gibt nichts Besseres als einen warmen Ziegelstein, um die Angst zu vertreiben, wenn man im kalten Regen unterwegs ist. Während der Traufe nach meinem siebzehnten Geburtstag gab es viele Versammlungen der Dorfältesten, sowohl der Männer als auch der Frauen, und viel Kopfschütteln und Mienen der düsteren Vorahnung. Als junger Erwachsener und Neffe des Hauptmanns wurde mir erlaubt, an solchen Zusammenkünften teilzunehmen, und Vater bestand sogar darauf, dass ich es tat. »Du solltest dabei sein«, sagte Vater eines Tages, als er sich mehrere Lagen Pelze anzog und einen Ziegelstein aus dem Ofen nahm, um auf den Lauf durch den Regen zum Bierhaus vorbereitet zu sein, wo die Versammlung stattfinden sollte. »Du weißt nie, welche Position du einmal in Yam innehaben wirst, irgendwann in der Zukunft.« »Meine Position wird die des Vetters des Hauptmanns sein, wenn Onkel Borst stirbt.« Was für Aussichten! Er blickte mich ungewöhnlich lange an. »Vielleicht. Jedenfalls werden wir über Rationierungen sprechen. Dazu brauchen wir den Standpunkt einer jüngeren Person.« »Rax, Vater, diese Versammlungen sind stinklangweilig. Und Drücker wird dabei sein. Fragt ihn nach einem jüngeren Standpunkt.« Er hielt an der Tür inne. »Denk nach, Hardy. Möchtest du wirklich, dass Drücker stellvertretend für dich spricht?« Wo er Recht hatte, hatte er Recht. »Ich werde später vorbeischauen«, sagte ich und hoffte, dass bis dahin alle so sehr von den Diskussionen gelangweilt waren, dass sie zum Trinken und Singen übergegangen waren. Und so kam es auch, allerdings nicht ganz so, wie ich gedacht hatte. Die Sonne war schon längst untergegangen, als ich im Bierhaus eintraf, und dort war es so voll, dass die Leute Schwierigkeiten hatten, ihre Krüge zum Mund zu heben. Sie sangen tatsächlich, aber es waren nicht die fröhlichen Verse eines Saufliedes, wie sie Großvater Ernest vielleicht einem Noss-Mädchen vorgesungen hätte, sondern ein trauriger Klagegesang, den ich nach einer Weile als »Großer Phu, erlöse uns« wiedererkannte. Ein Choral. Wie es schien, war die Religion vom Tempel bis in die heiligen Hallen des Bierhauses herübergeschwappt. Gab es denn überhaupt keine Tabus mehr? Und als die letzten melancholischen Töne wie vergiftete Tratten erstarben, erhob sich Onkel Borst über die Menge. Er hatte sich mit ausgebreiteten Armen auf den Tresen gestellt. »Mein Volk!«, rief er. Die Unterhaltungen, die gerade anfingen, verstummten wieder. In das Schweigen tönte die markante Stimme von Wanda, unserer Hauptfrau, die es mit allem peinlich genau nahm. »Nur die Männer sind dein Volk, Borst!« »Das war eine rhetorische Wendung. Also werde ich mich anders ausdrücken. Volk von Yam!«, rief er. Borst ist eine beeindruckende Gestalt. Er ist zwar nur mittelgroß, aber seine Haltung – aufrecht, die Beine leicht gegrätscht, das Kinn erhoben, der Blick geradeaus, als würde er in einer steifen Küstenbrise aufs Meer hinausschauen –, seine Haltung hat etwas, das seinen Worten unverzüglich große Resonanz verleiht. Er scheint den Raum, den er einnimmt, buchstäblich zu besitzen; er gehört dorthin, wo er sich gerade aufhält. Er dominiert. Wenn Vater versucht hätte, auf den Tresen zu springen, um sich an das Publikum zu wenden, hätte er sich den Schädel an einem Balken aufgeschlagen und wäre bewusstlos heruntergestürzt. Ein solches Unglück würde Onkel Borst niemals widerfahren – leider. »Wir müssen beten«, sagte er. Sein Gesichtsausdruck wechselte von einem Augenblick auf den anderen von herrisch zu demütig. Die Leute senkten die Köpfe. Borst stürzte sich in die bunte Mischung aus Aberglaube, Ausflüchten und Euphemismen, die von den Bekehrten als »Einzige Wahrheit« bezeichnet wird. Glaubte Borst selber daran? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Er mochte eine ziemliche Nervensäge sein, aber er war intelligent. Er beschwor Druv und Braunauge (bloße Legendengestalten), dass sie den Großen Lox (also die Sonne Phu) besteigen sollten, um die Welt den Fängen des Eisteufels mit den vielen Tentakeln (also des toten Planeten Rax) zu entreißen und uns mit ewigem Sonnenlicht zu segnen. Wäre Phu dieser Bitte nachgekommen, wäre es in Yam schon bald unerträglich heiß geworden. Er beschwor Ragina, die Königin der Eisteufel (der wirklichen in den Teichen), ihren legendären Geliebten Rax zu verlassen und sich mit Phu zusammenzutun. Borst schlug ein recht unwahrscheinliches Szenario vor, in dem sich Ragina wie ein Shuttle der Menschen in den Himmel erhob, Rax ergriff und ihn an einen fernen Ort brachte, wo sie zu etwas wurden, was Mister McNeil vermutlich als Doppelsternsystem bezeichnet hätte. Er beschwor das Eltertier, besonders ertragreiche Feldfrüchte zu gebären. Das Publikum war begeistert und hob die Finger zum Zeichen des Großen Lox. Anschließend trat er zu Vater und mir, immer noch ganz aufgeregt von seiner erfolgreichen Ansprache. »Gute Predigt, was, Bruno?« »Selbst unser Tempelhüter hätte es nicht besser machen können«, sagte Vater. »Obwohl ich dachte, das Eltertier hätte sich auf das Gebären von Stilk und nicht von Wurzelgemüse spezialisiert.« Jetzt werde ich erklären, was es mit dem Eltertier auf sich hat, das manchmal auch als »Tier mit zwei Mündern« bezeichnet wird. Das ist die Version unseres Tempelhüters von Ihrer Geschichte mit Adam und Eva, nur dass wir den Vorteil haben, uns keine Gedanken darüber machen zu müssen, wer die beiden erschaffen hat. Das Eltertier war schon immer da und wird für immer da sein. Während es irgendwo ganz weit oben auf einer Wolke hockt, erfüllt es seinen Lebenszweck, Stilk hervorzubringen. Es war schon sehr lange arbeitslos, weil wir durchaus in der Lage sind, aus eigener Kraft neue Artgenossen in die Welt zu setzen. Offen gesagt, fällt es mir schwer, an seine Existenz zu glauben, aber Mister McNeil gibt sich große Mühe, sich nicht darüber lustig zu machen. Man könnte fast meinen, er würde daran glauben – obwohl er schließlich ein Mensch ist. Ich habe ihn einmal gefragt: »Warum haben die Menschen eigentlich immer noch Religionen, obwohl sie doch so viel wissen?« Darüber dachte er sehr lange nach, und als ich bereits mit einer zutiefst philosophischen Antwort rechnete, sagte er: »Wahrscheinlich aus Spaß.« »Das Eltertier ist das Symbol der Fruchtbarkeit«, sagte Borst. »Des Überflusses.« »Also wird jetzt alles wieder gut, nachdem wir gebetet haben?« »Das bezweifle ich.« Die Realität meldete sich wie ein Tritt in die Magengrube zurück, und mein Onkel sah gar nicht gut aus. »Ich habe den Anfang verpasst, Onkel«, sagte ich. »Was war das mit den Lebensmittelrationierungen?« »Ich ziehe eine Reise zur Devon-Station in Erwägung, Bruno«, sagte er und ging wie gewöhnlich gar nicht auf mich ein. »Nach Möglichkeit vor dem Frost.« »Erzähl Hardy von den Rationierungen, Borst«, sagte Vater, möge Phu ihm auf ewig gnädig sein. »Im Augenblick«, sagte er ungeduldig, wobei er über mich hinwegblickte, »wird das Getreide auf eine halbe Tasse pro Person pro Tag rationiert, beziehungsweise auf die entsprechende Menge Brot. Aber was diese Reise betrifft, Bruno, hege ich die größten Hoffnungen, dass die Menschen in der Devon-Station uns ihre Unterstützung gewähren.« »Sollten wir nicht vorher mit Mister McNeil reden?« »Findest du?« »So verlangt es das Protokoll, Borst«, brummte Vater. Offenbar war er derjenige, der Borst immer wieder vor politischen Fehltritten bewahrte. Sie stritten sich nur selten und in der Öffentlichkeit schon gar nicht. Manchmal fragte ich mich, ob Borst als kleiner Junge genauso ein Idiot gewesen war wie Drücker jetzt. Wenn ja, war er irgendwann erwachsen geworden. In entschlossener Haltung und stets völlig dominant, obwohl immer noch Vaters schlaksige Gestalt neben ihm stand, gab er nun volltönend bekannt: »Wir werden Mister McNeil konsultieren!« Und die Leute drehten sich zu ihm um und gaben ihre Zustimmung kund. Borst...