Buch, Deutsch, Band 2, 394 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 215 mm, Gewicht: 488 g
Reihe: Globalgeschichte
Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive
Buch, Deutsch, Band 2, 394 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 215 mm, Gewicht: 488 g
Reihe: Globalgeschichte
ISBN: 978-3-593-38576-1
Verlag: Campus
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Kultursoziologie
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Geschichte einzelner Länder Afrikanische Geschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kultur- und Ideengeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kolonialgeschichte, Geschichte des Imperialismus
Weitere Infos & Material
Inhalt
Vorwort (Andreas Eckert) 7
Danksagung 11
Teil I: Kolonialismusforschung und interdisziplinäre Wissenschaft
1 Einleitung: Koloniale Fragen, historische Entwicklungslinien 19
2 Aufstieg, Niedergang und Wiederaufstieg der colonial studies, 1951-2001 69
Teil II: Problematische Begriffe
3 Identität (mit Rogers Brubaker) 109
4 Was nützt der Begriff der Globalisierung? Aus der Perspektive eines Afrika-Historikers 160
5 Moderne 194
Teil III: Die Möglichkeiten der Geschichte
6 Staaten, Imperien und politische Phantasie 255
7 Arbeit, Politik und das Ende des Imperiums in Französisch-Afrika 337
8 Schluss: Kolonialismus, Geschichte, Politik 379
1 Einleitung: Koloniale Fragen, historische Entwicklungslinien
In den letzten beiden Jahrzehnten ist es zu einer wahren Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema Kolonialismus gekommen, welche die Grenzen der Disziplinen Literaturwissenschaft, Ethnologie und Geschichte immer wieder überschreitet. Dadurch wurde eine der gravierendsten Blindstellen offengelegt, die in der Auseinandersetzung des Westens mit seiner Geschichte bestand. Mit dem Zeitpunkt hat es aber eine eigenartige Bewandtnis: Das wissenschaftliche Interesse am Kolonialismus regte sich, als die Kolonialimperien ihre internationale Legitimität bereits verloren hatten und keine lebensfähigen Formen politischer Organisation mehr darstellten. Zuvor, als der Kolonialismus noch Gegenstand politischer und persönlicher Mobilisierung war, ließen sich Gelehrte und Intellektuelle vor allem vom Drama der Befreiungsbewegungen in ihren Bann ziehen, von den sich nun auftuenden Verheißungen von "Modernisierung" und "Entwicklung" für jene Menschen, die durch Kolonialismus und Rassismus bislang von der Teilhabe am Fortschritt ausgeschlossen gewesen waren.
Teilweise waren die neueren Forschungen und Veröffentlichungen über den Kolonialismus von dem Bestreben motiviert, dafür Sorge zu tragen, diese Vergangenheit nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Die koloniale Vergangenheit wird jedoch auch in Erinnerung gerufen, um der Gegenwart eine Lektion zu erteilen - indem nämlich Verbindungslinien zwischen der Geschichte des Imperialismus und der hinter dem Anspruch Europas stehenden Heuchelei gezogen werden, Modelle demokratischer Politik und effizienter Wirtschaftssysteme sowie einen rationalen Ansatz zum Verständnis und zur Veränderung der Welt bereitzustellen. Dieses Anliegen hat einige Gelehrte dazu veranlasst, den komplexen Mechanismen sorgfältig nachzugehen, durch die Europa von seinen Kolonien her geschaffen wurde, und dabei zu erforschen, wie sich jene Kategorien, mit deren Hilfe wir die Vergangenheit der Kolonien und die Zukunft der ehemaligen Kolonien verstehen wollen, durch den Prozess der Kolonisierung im Einzelnen herausbildeten.
Ein bedeutender Teil dieser Arbeiten hat die Forschung zum Kolonialismus jedoch aus jener Geschichte herausgelöst, deren Bedeutung wir gerade unterstrichen haben, und den Kolonialismus abstrakt und im Sinne eines Gattungsbegriffs als etwas behandelt, was einer ebenso schlichten Vorstellung von europäischer "Moderne" entgegengesetzt werden könne. Diese Forschungsrichtung hat sich stärker auf Standpunkte konzentriert - also auf die kritische Untersuchung der Subjektposition von Gelehrten und Verfechtern politischer Positionen - und weniger auf Prozesse, also darauf, wie die Entwicklungsbahnen eines kolonisierenden Europa und eines kolonisierten Afrika und Asien einander im Zeitverlauf gegenseitig bestimmten. Dieser Ansatz verdeckt nicht nur den Blick auf die Details der Kolonialgeschichte und auf die Erfahrungen der Menschen in den Kolonien. Auch die Bestrebungen der politischen Bewegungen und die damit verbundenen Herausforderungen, die im Laufe der Geschichte in den Kolonien auf den Plan traten, verschwinden hinter dem ironischen Blick, mit dem die Kritik die Ansprüche auf Fortschritt und Demokratie bedacht hat.
Die Weigerung, das "Koloniale" als säuberlich abgegrenzte Dimension der europäischen Geschichte zu belassen, bedeutet eine wesentliche Herausforderung für die historische Analyse. Doch mit der Entgrenzung des Kolonialismus ist das Risiko verbunden, dass wir einem Kolonialprojekt gegenüberstehen, welches vage zwischen 1492 und den 1970er Jahren verortet ist, dessen Kontext und Tragweite schwanken und das neben der Entwicklung eines ebenso zeitlosen "post-aufklärerischen" Europas steht. Dabei werden die Kämpfe nicht berücksichtigt, durch die im Verlauf dieser Epoche Möglichkeiten und Begrenztheiten immer wieder neu konfiguriert wurden. Aus diesem Grund sollte sich eine Neubestimmung des historischen Ortes des Kolonialismus sowohl gründlich mit der kritischen Forschung der letzten beiden Jahrzehnte auseinandersetzen als auch darauf bestehen, über die Beschränkungen hinauszukommen, die im Rahmen dieser Forschungsrichtung offenkundig geworden sind.
Die ambivalenten Eroberungen und Errungenschaften Europas oszillieren zwischen Versuchen, sein eigenes Verständnis der Welt nach außen zu propagieren, und den Anstrengungen, Kolonisatoren und Kolonisierte, Zivilisierte und Primitive, Zentrum und Peripherie voneinander abzugrenzen. Dadurch wurde der Raum der Imperien zu einem Feld, in dem Begriffe nicht nur aufgezwungen, sondern auch infrage gestellt und leidenschaftlich debattiert wurden. Vom Augenblick der Französischen Revolution an warfen die Rebellen in der Plantagenkolonie Saint Domingue die Frage auf, ob sich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte auf das französische Kolonialreich ebenso wie auf die französische Nation beziehe. Damit "›universalisierten‹ sie die Idee der Rechte", wie Laurent Dubois es formuliert. Seither hat der politische Aktivismus, der sich innerhalb der Imperien und um die Frage der Kolonialherrschaft herausbildete, immer wieder nicht nur nach den Möglichkeiten gefragt, inwieweit die von Europa in Anspruch genommenen Ideen und Strukturen in den Kolonialwelten zu übernehmen oder zurückzuweisen sind, sondern sich auch an die Aufgabe gemacht, die Bedeutung der Grundbegriffe selbst zu verändern - wie schwierig das auch immer sein mochte.
Methodische und begriffliche Fragen stehen im Zentrum dieses Buches. Wie kann man Kolonialgesellschaften untersuchen und dabei die Tatsache im Auge behalten - ohne sich davon lähmen zu lassen -, dass die Werkzeuge der Analyse, die wir benutzen und die wir zu befragen versuchen, aus der Geschichte stammen?