E-Book, Deutsch, Band 14, 396 Seiten
Dammerer / Wiesner / Windl Mentoring als Möglichkeitsraum
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7065-6340-6
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Professionalisierung und Qualifizierung von Lehrpersonen. Wahrnehmen, wie wir gestalten
E-Book, Deutsch, Band 14, 396 Seiten
Reihe: Pädagogik für Niederösterreich
ISBN: 978-3-7065-6340-6
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Johannes Dammerer, HS-Prof. Mag. Dr., BEd, ist Hochschulprofessor für Bildungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Bildungssoziologie an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Christian Wiesner, MMag., ist Professor im Bereich Erziehung und Bildung an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Elisabeth Windl, Reg.-Rätin, HS-Prof. Mag. Dr., ist Vizerektorin für Forschung, Bildungskooperationen und Qualitätsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Kärnten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Christian Wiesner & Tanja Prieler
Kompetenzen sehen lassen
Die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten aus der Sicht der Kompetenz im Mentoring
Abstract
Auf dem Weg zu einer Theorie des Mentorings setzt sich der Beitrag mit dem Begriff der Kompetenz auseinander und analysiert vielfältige dahinterliegende Theorien, um die wesentlichen Paradigmen von Kompetenz aufzuzeigen. Diese wirken und prägen das Mentoring und es erscheint essenziell, bevor bestimmte Kompetenzen im Mentoring eingefordert oder grundgelegt werden, dass das jeweilige Verständnis von Kompetenz zuvor geklärt und transparent gemacht wird. Es ist risikoreich, Kompetenzen zu formulieren, ohne das dahinterliegende Menschenbild und die Weltanschauung vorzustellen. Kompetenzen werden aus Theorien heraus entwickelt und formuliert, die Paradigmen zuordenbar sind und meist so selbstverständlich erscheinen, dass deren Strebungen und Motive nicht thematisiert oder deren Geltungsansprüche und Sinnhaftigkeit kaum diskutiert werden. Jedoch ist es gerade für das Mentoring als ein reflexives Konzept von Begleitung unumgänglich, Vorstellungen von Kompetenzen kritisch und emanzipativ zu analysieren und damit Begleitung zu professionalisieren.
1. Hinführung
Auf dem Weg zu einer Theorie des Mentorings, wie sie durch die zusammenhängenden Sammelbände von den Herausgeber*innen Dammerer et al. (2020), Wiesner et al. (2022) und Dammerer et al. (2023) erarbeitet wird, erscheint es unumgänglich, sich mit der Idee von Kompetenzen im Mentoring auseinanderzusetzen. Jedoch erfordert ein solches Vorhaben zunächst die Erkundung und Klärung des viel verwendeten Worts und der dahinterliegenden Vorstellungen wie auch Menschenbilder. Der Begriff der ist grundsätzlich als eine „Container-Formel“ (Tröster & Schrader, 2016, S. 42) zu verstehen, die ein bestimmtes Verständnis von Fähigkeit und Fertigkeit aus. Die Gemeinsamkeit aller ansätze besteht also darin, dass diese auf der Idee, dem Konzept und dem Konstrukt der und beruhen und Konstrukte von Konstrukten darstellen. Um daher die Idee der Kompetenz und die vielfältigen theoretischen Aus zu erläutern, sind vorab einige Begriffsklärungen zur Schaffung einer Ausgangslage notwendig. Das Wort verweist nach Vukovich (1977, S. 295) sowohl auf geistige Vollzüge als auch auf die „leistungsbezogenen“ Tätigkeiten und meint ebenso ein körperliches Tun. Der Begriff hat zudem noch etwas Anschauliches und bedeutet etymologisch „imstande sein zu etw.“ (Pfeifer, 2011, S. 316), dabei leitet es sich von „“ und „“ ab, wodurch es ursprünglich ein „imstande sein zu fassen, aufzunehmen, empfänglich“ meint, „sowohl körperlich (von Gefäßen) als auch geistig“. In der Rechtssprache nimmt der Begriff Bezug auf „berechtigt (vgl. erbfähig)“, in der Jagd ist etwas „fangbar“ und in der Geisteswissenschaft sind Menschen „befähigt“, also mittels „Vermögen“ in der Lage und imstande, etwas zu erfassen, zu begreifen, aufzunehmen und zu erlangen. ist als Begriff jedoch mehr mit und verbunden als mit dem Konstrukt der Kompetenz. Davon zu unterscheiden sind die die pädagogisch betrachtet als „geübte Verhaltensweisen“ zu verstehen sind. Das Wort bedeutet etymologisch „bereit, beendet, erschöpft“ (Pfeifer, 2011, S. 337) und meint als Fertigkeit die „Übung“ und die „Geschicklichkeit“, die aus der „Fähigkeit“ und aus der „[Fertigung f.] Herstellung“ hervorgehen und auf ein „zustande, zu Ende bringen“ hinweisen. Die sind davon zu unterscheiden, sie sind etwas Ungewöhnliches, nicht Erlernbares und gehen etymologisch auf eine „antike Gewichtseinheit“ (S. 1409) und die „entsprechende Geldsumme“ zurück. Also auf das „Vermögen“, auf einem „Gebiet etwas zu leisten, wozu nicht jedermann in der Lage ist“, und eine „von Gott verliehene Gabe des Verstandes bzw. Geistes“. Davon zu trennen sind noch die im Sinne von Gabe, Geschenk und „Erbanlagen“ (Vukovich, 1977, S. 295). Zusätzlich ermöglicht die Differenzierung in Fähigkeits- und Fertigkeits oder die Vollzüge, Tätigkeiten und Akte deutlicher und klarer zu erhellen und Erkennbares sowie Unterscheidbares zu offenbaren (Schreiner & Wiesner, 2022; Wiesner & Schreiner, 2020). Durch das und von Fähigkeiten, Fertigkeiten, Talenten und Begabungen entsteht die Verbindung zum Begriff der „ (griech. diágnosis)“ (Wiesner, 2020a, S. 591) als „Lehre des Erkennens“ und der ange Beobachtung, um zu zu gelangen (Schratz et al., 2019; Wiesner et al., 2018). Die Lehre des Erkennens ist somit die Voraussetzung zur Klärung der Ideen von Kompetenz.
2. Einführung
als Erkennen, Unterscheiden und Beurteilen ist eine Analysefähigkeit und damit wesentlich, um Paradigmen und Theorien der Kompetenz zu bestimmen. Zugleich ist Diagnostik maßgeblich für die Beziehung zwischen Mentor*innen und Mentees wie auch Lehrenden und Lernenden. Diagnostik ist daher ein wesentlicher Bestandteil jeder Be und Be und hat „in schulischen Entscheidungssituationen den Zweck, [Daten und] Informationen [und Wissen] zur Optimierung [und Entwicklung] des pädagogischen Handelns zu gewinnen“ (Reulecke & Rollett, 1976, S. 177), um Entscheidungen theorieund praxisnahe vorzubereiten. Pädagogische Diagnostik im meint dreierlei, das Erkennen und Beurteilen des eigenen Mentoring- des also die Beziehung, den Bezug und die Bezogenheit zwischen dem Mentoring, den Mentees und den und Zeichentheoretisch kann im Sinne von Peirce (1903a, S. 137) von der „triadische[n] Relation“ gesprochen werden (Wiesner, 2022a), oder anders ausgedrückt: Es handelt sich wie bei einem gezeichneten Bild um eine Vor welche die wesentlichen Relationen im Mentoring darstellt und aus dem anschaulich Praktischen zu einer Modellierung und Theoretisierung führt. In den Vordergrund rückt also die Kompetenz der Mentor*innen, die Kompetenz der Mentees und das Konzept von Kompetenz , von und Lehrer wirklich ist (Zeilinger & Dammerer, 2022) oder ob und welche Formen von Kompetenzmodellen als „zentrale Aspekte der formalen Gutachtenvorlage“ tatsächlich zur Beurteilung angehender Lehrer*innen gewinnbringend, dienlich und brauchbar sind (Kruse, 2022, S. 38), solche Fragen werden durch den vorliegenden Beitrag nicht nur herausgefordert, sondern vielmehr wird die Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Idee der Kompetenz eingefordert.
Wesentlich zur Erkundung und Klärung von Kompetenz ist daher, die Ideen, also die Konzepte von Kompetenz, zu erörtern, um ein der Vorstellungen über das Wesen von Kompetenz zu ermöglichen und um Kompetenzmodelle im Vergleich zu Literacy- oder literacies-Konzepten beurteilen zu können. Geht es wie in diesem Beitrag um das Au?nden von Denkfiguren und Denkgebäuden, dann spricht man oftmals von die einen mehr oder weniger großen Reichtum an unterschiedlichen Theorien und Modellen in sich aufnehmen und in sich lassen. Daher ist jedes Verständnis von einem Paradigma deutlich „von einer konkreten Theorie zu unterscheiden“, erläutert Wiesing (2020, S. 21), da ein Paradigma (wie eine Makro- oder Megastruktur) einen gemeinsamen Rahmen von Theorien und Modellen formt, welchen sich eben „mehrere Theorien teilen“ und „innerhalb dessen gearbeitet [entdeckt, erklärt und aufgeklärt] wird“. Der „Ausdruck ‚Paradigma‘ […] ist die Komponente der gemeinsamen Positionen einer Gruppe“, schreibt Kuhn (1969, S. 198) und das Gemeinsame innerhalb eines Paradigmas besteht daher aus einer „Reihe von Theorien“ (S. 194), die bestimmende „Vor- und Grundannahmen“ (Wiesing, 2020, S. 21), „Grundüberzeugungen und Fragestellungen“ wie auch „Verallgemeinerungen oder Modelle“ (Kuhn, 1969, S. 196) sowie „Werte“ teilen. Diese Überzeugungen und Annahmen werden von „mehreren Theorien für so selbstverständlich gehalten […], dass sie mit ihnen arbeiten und denken, ohne diese Ansichten selbst zu thematisieren, geschweige denn in ihrer Geltung und Sinnhaftigkeit zu diskutieren“ (Wiesing, 2020, S. 21).
Der vorliegende Beitrag erkundet und klärt vielfältige Formen des Kompetenzverständnisses und zeigt im Besonderen diejenigen auf, die für das Mentoring und für den Weg zu einer pädagogischen Theorie des Mentorings wesentlich erscheinen. Die Vielfalt von Möglichkeiten, Kompetenz zu...




