E-Book, Deutsch, Band 2093, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
Dee John Sinclair 2093 - Horror-Serie
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6817-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Feuerfluch der Gaukler
E-Book, Deutsch, Band 2093, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-7325-6817-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Diavolo, Italien
'Ob uns hier der Teufel begegnet?' Emma Graham kicherte wie ein kleines Schulmädchen, obwohl sie bereits Mitte zwanzig war. Die hübsche Studentin stellte den Rucksack direkt neben dem Ortsschild ab. 'Los, ich mache ein Selfie von uns!'
Debby Conway zögerte. Sie war weit weniger aufgekratzt als ihre Freundin.
'Diavolo ... hört sich gruselig an.'
'Ach was, komm schon her.'
Die beiden Freundinnen stellten sich vor dem Ortsschild auf. Emma schaute bewusst verführerisch drein, als sie das Selfie machte.
'Sehe ich nicht aus wie eine leibhaftige Hexe?', feixte sie und reichte Debby das Smartphone. Debby wurde blass vor Schreck, als sie das Foto auf dem Display sah.
Im nächsten Moment schrie sie auf und ließ das Smartphone zu Boden fallen ...
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«Spinnst du? Weiß du, wie teuer das Ding war?« »Es … es tut mir leid«, stammelte Debby und blickte betroffen auf das auf dem steinigen Boden liegende Smartphone. Aber ihr Gesichtsausdruck spiegelte noch etwas anderes wider. Eine Mischung aus Entsetzen und Ekel. So als betrachte sie ein giftiges widerwärtiges Insekt. »Was ist denn los mit dir?«, bohrte Emma nach. Sie bedauerte es bereits, ihre Freundin so angefahren zu haben, und streichelte ihren Arm. »Tut mir leid, dass ich dich so angemacht habe. Aber du weißt ja …« Debby nickte. Das superteure Smartphone hatte Emma zum erfolgreichen Masterabschluss von ihren Eltern geschenkt bekommen. Praktisch als Zugabe zu dem Mini, der ebenfalls noch drin gewesen war. Emmas Eltern führten eine erfolgreiche Arztpraxis und zahlten derartige Geschenke aus der Portokasse. Im Gegensatz zu Debbys Eltern, die in London ein kleines Restaurant betrieben. Emma bückte sich und hob ihr Smartphone auf. Sie befreite es von dem Straßenstaub und schaute sich das Selfie an. »Ist doch super geworden! Und Diavolo ist auch gut zu lesen. Schau mal …« Sie reichte Debby erneut das Smartphone, aber ihre Freundin wich erschrocken zurück. »Was ist denn bloß los mit dir?«, fragte Emma stirnrunzelnd. Erneut blickte sie auf das Display. Sie sah darauf wirklich aus wie eine Hexe. Eine, die dem Teufel durchaus gefallen könnte. Die blonden Haare umrahmten ein attraktives Gesicht. Ihre im Fitnesscenter erworbene sportliche Figur betonte sie mit einer hautengen Jeans und einem ebenso engen Shirt, das sich über dem perfekt geformten Busen spannte. Ihre Freundin Debby erinnerte dagegen ein wenig an Aschenputtel, aber das lag einzig und allein daran, dass sie wenig aus sich machte – fand zumindest Emma. Wie oft hatte sie ihrer Freundin geraten, es doch mal mit einer anderen Frisur zu versuchen. Oder sie ermuntert, mit ihr einen Boutiquenbummel in der Carnaby Street zu unternehmen. Aber Debby fühlte sich in ihren langen wallenden Kleidern und ihren Birkenstocksandalen wohler als in schicken Designerklamotten. »Siehst du denn die Gestalt nicht?«, fragte Debby nun irritiert. »Welche Gestalt?« Unwillkürlich sah Emma über die Schulter nach hinten. Aber da war niemand. »Auf dem Foto!«, beharrte Debby Stirnrunzelnd betrachtete Emma das Selfie nun zum dritten Mal. Sie bemühte sich, darauf eine Gestalt zu erkennen – vielleicht jemand weit entfernt im Hintergrund? –, aber außer einem schwarzen Schatten, der aus irgendeinem Grund zwischen ihr und Debby zu erkennen war, gab es darauf nichts Ungewöhnliches zu sehen. Und erst recht nichts, das Debbys Verhalten erklären würde. »Tut mir leid, Liebes, aber ich kann keine Gestalt auf dem Foto sehen.« Nun beugte sich Debby ebenfalls erneut über das Smartphone. Sie musste sich dazu überwinden. Der Widerwille war ihr deutlich anzumerken. »Da … da ist tatsächlich niemand«, sagte sie schließlich. »Sag ich doch!« »Aber vorher stand da jemand direkt hinter uns. Eine Gestalt mit einem Gesicht, das ganz aus Flammen bestand!« »Du spinnst!« Debby kniff die Lippen zusammen und verschränkte die Arme. »Wenn du meinst …« »Ach komm, jetzt sei nicht eingeschnappt. Vielleicht … vielleicht hat ja irgendwas reflektiert …« Obwohl sie wusste, dass das nicht sein konnte, denn das Display bestand aus spiegelfreiem Glas. Aber sie dachte nicht daran, sich die Laune verderben lassen. Schließlich waren sie eine Stunde hier hochgewandert, um eines »der ältesten Bergdörfer der italienischen Riviera, dessen verwinkelte Gassen an ein Labyrinth erinnern« zu erkunden. Demnach erwartete sie hier oben »das ursprüngliche Italien«, wie der Kellner im Hotel ihnen vorgeschwärmt hatte. »Und eine Überraschung«, hatte er betont, ohne zu verraten, wie die wohl aussah. Allerdings hätte Emma nicht gedacht, dass der Marsch so anstrengend werden würde. Kein Wunder, die Sonne stand fast senkrecht am Himmel und bescherte eine unerträgliche Hitze. Eigentlich herrliches Strandwetter. Oder eins um – noch besser – auf der schattigen Terrasse ihres Hotels zu liegen und einen Cocktail zu schlürfen … Emma seufzte. »Lass uns weitergehen. Laut Luigi erwartet uns in Diavolo zumindest ein Gasthaus. Ich brauche unbedingt einen eiskalten Hugo.« Dass ihre Freundin in einem Bergdorf ausgerechnet ihren aktuellen Lieblings-Cocktail serviert bekommen würde, bezweifelte Debby. Der Gedanke heiterte sie kurz auf. Andere hätten den Urlaub mit Emma sicherlich nervig gefunden. Sie war verwöhnt, sprunghaft, launisch, exzentrisch – aber eben auch ihre beste Freundin. Typisch Emma, dachte sie in der Regel, wenn Emma ihre Launen auslebte und beispielsweise im Hotel vor allen Leuten den Kellner zur Schnecke machte. Vor einigen Tagen hatte sie Luigi ziemlich bloßgestellt, als der die Eiswürfel vergessen hatte. Zum Glück war der nicht nachtragend gewesen. Im Gegenteil, er hatte ihnen sogar den Tipp gegeben, sich doch mal Diavolo anzusehen. Regelrecht geschwärmt hatte er von dem Ort. Und ihnen sogar einen Stadtplan in die Hand gedrückt. »Hast recht. Allerdings reicht mir schon ein Wasser …«, sagte Debby. »Wie? Ist die Flasche schon leer?« Debby seufzte innerlich. »Ja, leider«, sagte sie und musste daran denken, dass sich Emma strikt geweigert hatte, Gepäck mitzuschleppen. Debby hatte stattdessen einen kleinen Rucksack mit Proviant und einer Wasserflasche mitgenommen. Und natürlich hatte sie schwesterlich geteilt, als der Weg hinauf immer beschwerlicher wurde und die Schwüle immer unerträglicher. Man konnte Diavolo auch mit dem Wagen ansteuern. Auf der anderen Seite des Bergs führte eine schmale Serpentinenstraße hinauf. Allerdings hatte man sie gewarnt, die Straße zu benutzen, da diese allenfalls mit einem Trecker oder SUV befahrbar war. Mit Emmas funkelnagelneuem Mini hätten sie da keine Chance gehabt. Also waren sie den Pfad hochgewandert. Während sie den Weg fortsetzten, zogen die ersten dunklen Wolken am Himmel auf. »Manchmal kommt hier oben in den Bergen ein Gewitter von einem Moment zum nächsten runter«, sagte Debby. »Wer sagt das?« »Mein Reiseführer.« Emma verdrehte die Augen. »Das ist doch keine Bibel. Und außerdem würde ein Schauer ganz guttun …« Sie streckte sich, und die Schweißflecke an ihrem Shirt traten noch deutlicher hervor. Debby erwiderte nichts darauf. Sie wusste es besser. Gegen einen Schauer hätte auch sie nichts einzuwenden gehabt. Aber vor plötzlich auftretenden Gewittern hatte ihr Reiseführer ausdrücklich gewarnt. Unwillkürlich ging Debby nun schneller, mehrmals beschwerte sich Emma, dass sie kaum mitkam. Nach fünf Minuten klatschten die ersten schweren Regentropfen herab. Aus der Ferne war ein Grummeln zu hören. Ein tiefer grollender Laut, der näher und näher kam. »Hoffentlich schaffen wir’s noch rechtzeitig«, sagte Emma. Von ihrer Sorglosigkeit war plötzlich nichts mehr zu spüren. Das sich ankündigende Gewitter machte auch ihr Angst. Ihr wurde bewusst, dass es hier oben nirgendwo einen schützenden Ort gab, um sich vor den Naturgewalten in Sicherheit zu bringen. Rechts war nur die Felswand, und links ging es tief hinab. »Schau mal dort!« Debby sah es zuerst – das in den Fels eingemeißelte übergroße Gesicht, das eine flammende Fratze darstellte. »Echt gruselig«, stellte Emma fest und verschränkte die Arme. Sie spürte, wie eine Gänsehaut ihren Leib überzog. Die Fratze wirkte grausam und lüstern zugleich. Die steinernen Augen schienen sie zu durchbohren. »Der Typ macht mir irgendwie Angst. Gut, dass er nur aus Stein ist.« Trotz ihrer lockeren Wortwahl fühlte sie sich zunehmend unwohler. Debby schwieg und ging weiter. Auch sie fühlte sich alles andere als wohl. Noch immer spukte ihr das Selfie durch den Kopf. Aber auch das Gesicht im Felsen war nicht dazu angetan, ihre Besorgnis zu zerstreuen. Zu sehr erinnerte es sie an die Gestalt auf dem Foto. Und sie war sich sicher, dass sie es sich nicht eingebildet hatte! Der Regen klatschte nun herab. Im Nun waren die beiden jungen Frauen nass bis auf die Haut. Und erfrischend war er nur im ersten Moment. Die Wolken hatten die Sonne verdrängt, und die Temperatur sank rapide. Doch bereits nach der übernächsten Kurve tauchten plötzlich die ersten Häuser vor ihnen auf. Schwarze hingeduckte Bauten, deren Mauern von dem Regen wie Käferrücken glänzten. Der Pfad verbreiterte sich. Hinter den ersten Behausungen erhoben sich dicht an dicht weitere Bauten. Manche schienen direkt in den Berg hineinzuwachsen. Zu sehen war kein Mensch, dafür brannte hinter einigen Fenstern Licht. Mittlerweile war es so dunkel geworden, als sei es bereits Abend. »Und was machen wir jetzt?«, rief Emma. Sie musste gegen den Wind anschreien. »Notfalls klopfen wir an irgendeiner Tür und bitten darum, dass man uns Schutz gewährt, bis der Regen vorüber ist.« »Hier wohnen bestimmt nur irgendwelche Freaks!« »Also schön. Irgendwo muss es ja hier ein Gasthaus geben … Warte mal, Luigi hat uns doch den Lageplan gegeben …« Sie zog ihn aus dem Rucksack und versuchte ihn zu studieren, dabei hatte der Regen ihn bereits nach Sekunden durchnässt. »Dort lang!«, bestimmte Debby schließlich. Sie durchschritten ein Tor, das in eine meterhohe Mauer eingelassen war, und gelangten in das Innere des Dorfes. Rasch verloren sie sich in den...