Dee John Sinclair - Folge 1966
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2766-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Horror-Hotel
E-Book, Deutsch, Band 1966, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-7325-2766-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jessika fröstelte, als sie die Fassade des heruntergekommenen Luxushotels betrachtete. Für das Rendezvous hatte sie sich extra sexy angezogen. Sie trug einen extrem kurzen Lederrock und eine viel zu dünne schwarze Strumpfhose. Unter der Jeansjacke lugte der Saum einer luftigen Seidenbluse hervor. Aber nicht deshalb fror Jessika, sondern es war die Aura des verlassenen Gebäudes, die ihr plötzlich eine Gänsehaut bescherte ...
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In der Abenddämmerung spiegelte sich das tiefrote Sonnenlicht in einigen der Fenster. Es erinnerte Jessika an blutige Wunden, die jemand in einen riesigen Körper gerissen hatte. Dabei war es nur ein lebloses Gebäude. Die Ruine des einst glamourösen Grandhotels Roter Stern. Oben auf dem Dach befand sich noch der rote Stern, der einst mit seinem Licht weit in die Leipziger Nacht hineingeleuchtet hatte. Er war längst erloschen. Allein die noch immer prunkvolle Fassade zeugte von einstigem Luxus. Jessika mochte sich nicht vorstellen, wie verwahrlost es drinnen aussehen musste. Nun, sie würde es ja gleich erfahren. Während sie noch überlegte, ob sie der Einladung wirklich folgen sollte, glaubte sie, im vierten Stock hinter einer der Scheiben eine Bewegung zu sehen. Ein dunkler Schatten, der blitzschnell wieder davongehuscht war. Jessika zuckte zusammen, fasste sich jedoch wieder. Vielleicht war das ja Mark gewesen. Wer sonst? Nein, sie würde jetzt nicht kneifen. Sie würde ihm zeigen, dass sie genauso cool war wie er. Sie wusste zwar nicht genau, ob er wirklich hinter der geheimnisvollen Einladung steckte, die sie heute Morgen in ihrem Rucksack gefunden hatte, aber sie hoffte es. Mark musste sie in der großen Pause dort hineingetan haben. Und zwar so, dass sie die Karte gar nicht übersehen konnte. Die Vorderseite zeigte eine Abbildung des Hotels. Auf der Rückseite standen in Druckschrift die Worte: Liebe Jessika! Ich würde mich freuen, mit dir heute Abend um sieben im Hotel Roter Stern zusammen sein zu dürfen. Mark. Die geschraubte, etwas altertümliche Wortwahl passte zu Mark. Er war ein seltsamer Typ. Groß, schlank, und mit seinem markanten Gesicht verdammt gut aussehend. Die schwarzen Haare trug er schulterlang. Er war ein Gothic und kleidete sich ausschließlich in Schwarz, schmückte sich mit bizarren Piercings und lachte nie. Dafür trieb er oft genug mit seiner Redekunst die Lehrer in den Wahnsinn. Sie wusste, dass einige ihrer Freundinnen in Mark verknallt waren. Aber er hatte sie alle abgewiesen. Er war in dieser Hinsicht unnahbar. Wahrscheinlich hielt er sie alle für zu spießig. Jessika eingeschlossen. In den Pausen stand er meistens mit einem Grüppchen anderer Gothic-Freaks in einer düsteren Ecke auf dem Schulhof herum, oder er war gar nicht zu sehen. Entschlossen verließ Jessika den Bahnhofsvorplatz, überquerte die Straße und lief auf das Hotel zu. Die denkmalgeschützte Fassade ragte vor ihr auf. Jetzt, wo sie nur noch wenige Schritte von dem Haus trennten, spürte sie die unheimliche Ausstrahlung, die von dem Kasten ausging, geradezu körperlich. Sie musste sich zwingen, nicht wegzulaufen. Und wenn die rätselhafte Einladung gar nicht von Mark war? Sie hatte versucht, während des Unterrichts mit ihm Blickkontakt aufzunehmen, aber er hatte stets desinteressiert weggesehen. Und nach der Schule war er wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Sie hatte ihn also nicht fragen können, ob er die Einladung ernst gemeint hatte. Und eigentlich hatte sie ihm vorschlagen wollen, sich ganz woanders zu treffen. Warum musste es ausgerechnet dieses leer stehende Hotel sein? Sie ging einmal auf der Frontseite auf und ab und hoffte, irgendeinen Grund zu finden, das Gebäude nicht zu betreten. Zum Beispiel, indem sie keinen Durchschlupf fand. Ein Bauzaun trennte das Hotel vom Bürgersteig ab, und die Fenster im Erdgeschoss waren ebenso verbarrikadiert wie die Eingangspforte und die restlichen Türen. Trotzdem gingen immer wieder Gerüchte um, dass jemand sich Zutritt verschafft hatte: Diebe, die irgendwelche wertvollen Möbel oder Kupferleitungen darin suchten. Satansanbeter, die dort ihre Schwarzen Messen abhielten. Pennbrüder und Junkies, die ein Dach über dem Kopf suchten. Daran hatte Jessika bisher noch gar nicht gedacht: dass sie auf jemanden stoßen könnte, der nur darauf wartete, sie zu überfallen … mit ihr zusammen zu sein! Je mehr sie darüber nachdachte, desto komischer kam ihr die Einladung vor. Mark war zwar etwas seltsam, aber warum hatte er sie nicht persönlich angesprochen? Oder hatte er sie auf den Arm nehmen wollen? Vielleicht hatte er gemerkt, dass sie ihn in den letzten Wochen geradezu angeschmachtet hatte. Oder er zeigte gerade für sie ein paar ganz neue Facetten und wollte sie beeindrucken. Der Gedanke daran verlieh Jessika wieder etwas Zuversicht. Mit federnden Schritten bewegte sie sich auf die Rückseite des Hotels zu. Mittlerweile war die Sonne ganz untergegangen, sodass Jessika die Fassade noch düsterer erschien. Und wieder glaubte sie, hinter einem der Fenster einen Schatten auszumachen. Diesmal im zweiten Stock. Ehe sie genauer hinsehen konnte, war er auch schon wieder verschwunden. Zwischen dem Bauzaun entdeckte sie eine Lücke. Gerade groß genug, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Dahinter lag allerlei Unrat. Sie passte auf, dass sie mit ihren Schuhen nicht hineintrat. Die Umgebung ekelte sie an. Sie kam nicht gerade aus einem High-Society-Elternhaus, aber sie war es gewohnt, dass alles blitzblank war. Sie wohnte zusammen mit ihrer Mutter in einem Mehrfamilienhaus am Stadtrand, und dort war auch die Umgebung gepflegter. So gesehen war sie eher ein Landei. Vielleicht war das der Grund, warum Mark sie bisher kaum angesehen hatte. Die Fassade lag nun vor ihr, sie hätte nur eine Hand ausstrecken müssen, um sie zu berühren. Aber etwas hielt sie zurück. Sie spürte die Aura, die von dem alten Grandhotel ausging, nun fast körperlich. Und es war kein gutes Gefühl. Der Kloß in ihrem Bauch wurde größer. Sie hatte niemandem Bescheid gesagt. Ihre Mutter arbeite noch, und Jessika hatte ihr keinen Zettel hinterlassen. So oder so war sie in einem Alter, in dem sie nicht mehr über jeden ihrer Schritte Auskunft geben musste. Ihre Mutter vertraute ihr. Auch in der Schule hatte sie niemandem von der Einladung erzählt. Noch nicht einmal ihrer besten Freundin Mandy. Jetzt bedauerte sie das. Niemand wusste, wo sie war. Und niemand wird wissen, warum du niemals mehr zurückkehrst! Die Stimme war ganz plötzlich in ihrem Kopf. Unsinn, das war keine Stimme, das waren ihre eigenen ängstlichen Gedanken. Kein Wunder, dass Mark bisher nichts mit ihr hatte anfangen können. Und wenn sie weiter hier herumstand und sich nicht hineintraute, würde er nach wie vor denken, dass sie nicht zu ihm passte. Vor ihr leuchtete etwas auf. Es war eine dünne rote Linie in der Fassade. Und wieder vernahm Jessika die Stimme in ihrem Kopf: Es ist zu spät, aber du kannst jetzt nicht mehr zurück. Ich lasse dich nicht! Wie hypnotisiert hob sie ihre rechte Hand und fasste nach der Linie. Sie schien unter der Gesteinsschicht zu liegen, aber als sie die Stelle berührte, traf sie ein Schlag. Ihr ganzer Körper erzitterte. Sie wollte die Hand zurückziehen, aber es ging nicht. Sie schien mit dem Stein verbunden zu sein. Jetzt spürte Jessika auch das Pochen. Es ging von der roten Linie über auf ihre Hand und erfasste ihren Körper. Oder war es doch nur ihr eigener Herzschlag? Vor ihren Augen begann die dünne Linie zu sprießen, nach rechts und links, nach unten und oben, wie ein nach allen Seiten hin wachsendes Geäst. Oder wie Blutadern, die das Gebäude durchzogen, und die, warum auch immer, nun nach und nach für sie sichtbar wurden. Noch immer klebte ihre Hand wie festgewachsen an der Außenwand. Doch der Stein fühlte sich nun warm an, warm und weich, wie etwas Lebendiges. Angeekelte schrie Jessika, aber auch das löste nicht den Bann. Voller Panik sah sie sich um, hoffte, hinter dem Bauzaun irgendwelche Passanten zu erblicken. Aber auch der Zaun hatte sich verändert. Ein milchiger Schleier umgab ihn, eine Art Nebel, in dem schattenhafte, verzerrte Gestalten zu sehen waren. Die Schatten schienen von keinen Menschen zu stammen, sondern von Kreaturen, denen Jessika in ihren schlimmsten Albträumen noch nicht begegnet war. »Hilfe!« Endlich löste sich ein gellender Schrei aus ihrer Kehle. Wenngleich niemand sie von dem Bürgersteig aus mehr sehen konnte, vielleicht würde sie wenigstens jemand hören. Es ist zwecklos! *** Wieder vernahm Jessika die Stimme in ihrem Kopf, und auch, wenn sie sich immer noch einredete, dass sie selbst es war, glaubte sie diesmal ein höhnisches Lachen zu hören, das die Worte begleitete. Verzweifelt versuchte sie sich loszureißen. Und plötzlich klappte es! Sogar so unvermittelt, dass sie ein paar Schritte zurücktaumelte. In letzter Sekunde fing sie sich wieder. Gerade noch rechtzeitig, um nicht mit dem seltsamen Nebel in Berührung zu kommen. Sie glaubte, ein enttäuschtes Stöhnen zu hören. Dann betrachtete sie ungläubig ihre Hand. Sie war voller Blut. Als sie den Blick wieder auf das Geflecht richtete, sah sie, dass es nun auch aus der Wand blutete. Wie blutige Tränen liefen ganze Rinnsale die Fassade herab. Was passierte hier nur? Während Jessika noch fassungslos dastand, spürte sie die Kälte in ihrem Rücken. Erschrocken wirbelte sie herum. Die Nebelwand hatte sich herangeschlichen. Wie ein heimtückisches Gespenst war sie lautlos herangekrochen gekommen. Nur noch ein halber Meter trennte Jessika von den grauenvollen Gestalten, die in dem wabernden Nebel lauerten. »Nein!« Sie schrie das Wort hinaus. Gleichzeitig wankte sie zurück, bis sie mit dem Rücken an der Fassade stand. Aber diese fühlte sich anders an als zuvor. Nicht aus Stein, sondern aus … Jessika drehte den Kopf und stellte überrascht fest, dass da, wo zuvor nur die Mauer...