E-Book, Deutsch, 346 Seiten
Destratis Neuschnee des Lebens
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7579-5587-8
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 346 Seiten
ISBN: 978-3-7579-5587-8
Verlag: tolino media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
»Das Herz ist nur ein Muskel, der Blut durch den Körper pumpt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Wunder, dass es nicht auf das hört, was du sagst. Hast du etwa schon einmal ein Herz mit Ohren gesehen?« Seitdem die Schriftstellerin Minnie an Heiligabend von ihrem Ehemann verlassen wurde, kann sie mit dem Fest der Liebe nichts mehr anfangen. Zwischen unerfülltem Kinderwunsch und verletzenden Worten hat sie nicht nur ihre große Liebe, sondern auch die Muse für das Schreiben verloren. Lange Zeit hat Minnies Verlag Geduld mit ihr gehabt, doch nach fast zwei Jahren ohne Neuveröffentlichung schickt der Verleger sie ausgerechnet im frostigen Dezember nach Lappland, in ein abgelegenes, aber gemütliches Holzhäuschen am See. In der fast unberührten Natur von Nordschweden soll sie mithilfe von winterlichem Ambiente wieder Inspiration für einen neuen Liebesroman finden, der zur Weihnachtszeit spielt.Tausende Kilometer weit weg vom Rosenkrieg und von der distanzierten Beziehung zu ihrem Vater kommt Minnie schon bald zur Ruhe und auf andere Gedanken.Diese Gedanken drehen sich insbesondere um ihren Gastgeber Per Andersson, mit dem sie unvergessliche Tage zwischen Schnee und Polarlichtern verbringt.Doch schon bald holen alte Geheimnisse sowohl Per als auch Minnie wieder ein.Werden sie es schaffen, die Vergangenheit ein für alle Mal Schnee von gestern sein zu lassen und den Neuschnee in ihre Leben zu lassen?
Esther Destratis' Wurzeln reichen weit. Ihr Pass ist italienisch, geboren und aufgewachsen ist sie in Lörrach, dem lebhaften Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Schon als Kind schrieb Esther gerne Geschichten. Die Ideen für Esthers Bücher kommen meistens während des Reisens und in ganz unverhofften Momenten. Esther lebt mit ihrem Mann, einer kleinen Tochter, zwei Katzen und einer Schildkröte in Bremgarten (AG), in der Nähe von Zürich.
Autoren/Hrsg.
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November 2018 Mailand Minnie Der Cursor auf Minnies Bildschirm blinkte unaufhörlich. So ein Cursor war eine gute Sache. Er hatte eine Engelsgeduld und beschwerte sich nie. Er machte keinen Druck, gefälligst weiterzuschreiben. Er ließ sich beliebig hin und her verschieben. Man konnte Wörter schreiben und auch gleich wieder löschen. Gott sei Dank werden Bücher heute auf Computern geschrieben! Würde man noch Schreibmaschine und Papier benötigen, hätte ich einen ganzen Wald auf dem Gewissen!, dachte Minnie. Der Absatz, den sie gerade geschrieben hatte, war doch gar nicht so übel. Sie wusste nur nicht so recht, wie es weitergehen sollte. Minnie kramte in sämtlichen Windungen ihres Gehirns, versuchte, sich die Szene vorzustellen, versuchte, den Charakteren vor ihrem inneren Auge Leben einzuhauchen. Was machten sie? Was sagten sie? Was fühlten sie? Sie las den Absatz noch einmal. Bei genauerem Hinsehen war er nicht besonders gut, eigentlich doch eher schlecht. Um die Wahrheit zu sagen, er ist hundsmiserabel! Minnie entschied, dass sie nur einen Moment der Ablenkung brauchte. Nur kurz ihre Augen entspannen und ihre Gedanken sammeln. Sie blätterte lustlos in einer Zeitschrift herum. Sofort fiel ihr eine Werbung auf. Die Bilder vom Colosseum und der Spanischen Treppe weckten alte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. »Alle Wege führen nach Rom!«, lautete der Slogan. Wohl eher in eine Sackgasse, dachte Minnie und pfefferte die Zeitschrift in den Papierkorb. Gleich daneben stand die Glasvitrine, in der Minnies alte Buchpreise vor sich hin staubten. Hatte wirklich sie diese Dinger alle gewonnen? Gehörten sie wirklich zu ihrer Vergangenheit? Manchmal kam ihr diese Zeit vor wie ein alter, fast vergessener Traum. Warum konnte man aufkommende Gedanken nicht einfach im Keim ersticken? Warum gab es keinen Delete-Knopf für alles Schlechte im Leben? »Was du brauchst, ist einfach nur eine Pause!«, sagte sich Minnie und ging zu ihrer Kaffeemaschine. Schon zum vierten Mal an diesem Tag. Liebevoll strich sie über das Edelstahlgehäuse und bereitete sich einen Latte Macchiato zu. Der Barista Daniele, der zehn Stockwerke unter ihrer Wohnung die Cubanito Bar betrieb, hätte missbilligend mit der Zunge geschnalzt. Sie konnte seine Beschwerde schon förmlich hören und sich vorstellen, wie er wild gestikulierte. Aber Minnie, Latte Macchiato nach elf Uhr? Das ist doch nur was für Touristen! Oder trägst du etwa auch Socken und Sandalen? Tunkst zum Frühstück Bratwurst in kalte Milch? Fotografierst unaufhörlich? Minnie lachte in sich hinein. Was Daniele nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Das köstliche Röstaroma der Kaffeebohnen verteilte sich in ihrem kleinen Apartment. Während der Milchschaum geräuschvoll aufgeschlagen wurde, blickte Minnie aus dem Fenster. Der Herbstnebel lag wie eine Dunstglocke über der versmogten Stadt. Alles sah grau aus. Die Straßen, die Gebäude, sogar die Menschen. Graue Tauben gurrten auf Minnies Dach und hinterließen grauen Dreck auf ihrer grauen Fensterbank. Die Kaffeemaschine erledigte ihre Arbeit, Minnies Latte Macchiato war fertig. Als sie wenige Augenblicke später gerade dabei war, den Milchschaum aus dem Glas zu löffeln, klingelte es an der Tür. Wäre ja auch zu schön gewesen! Ohne ihr Getränk abzustellen, sah Minnie durch den Spion. Penelope stand vor der Tür. Mit dem rechten Fuß wippte sie auf dem Boden herum und hielt zwei riesige braune Umschläge im Arm. Genervt blickte sie auf ihre Armbanduhr. Oh, oh, dachte Minnie. Penelope klingelte erneut, dieses Mal länger. »Also MI-NER-VA! Jetzt mach doch endlich auf, ich habe nicht den ganzen Tag lang Zeit!« Minnie atmete tief durch und öffnete die Tür. Penelope brummelte ein »Ciao!« und kam herein. Während sie ihren karamellfarbenen Mantel mit passendem Schal auszog, blickte sie Minnie überrascht an. »Latte Macchiato? Um diese Uhrzeit?« Minnie fühlte sich wie ein Kind, das gerade dabei ertappt worden war, wie es Süßigkeiten stahl. Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Für mich bitte auch einen, danke«, sagte Penelope und machte es sich am Küchentisch bequem. Geräuschvoll ließ sie einen der braunen Umschläge auf die Tischfläche knallen. Das heißt nichts Gutes, dachte Minnie und schaltete ihre Kaffeemaschine wieder an. Wenige Minuten später saßen beide Frauen am Tisch, jede mit ihrem Heißgetränk vor der Nase. Penelope schien den strengsten Blick, zu dem sie fähig war, aufgesetzt zu haben. Minnie konnte es sich nicht verkneifen. »Mein Gott, jetzt schau doch nicht so finster drein! Wir sind keine Kinder mehr! Was hat der Lektor gesagt?« »Hier bitte, sieh selbst«, sagte Penelope und überreichte Minnie den Umschlag. »Es heißt nicht umsonst Schuster, bleib bei deinen Leisten!« »Bitte, Schwesterherz, komm mir nicht mit deinen altbackenen Sprüchen und Bauernweisheiten, auch wenn ich weiß, dass du sie liebst.« »An denen ist meistens etwas dran!« Minnie öffnete den Umschlag, entnahm das Bündel Papier, das sich darin befand, und blätterte. Zunächst betrachtete sie jede Seite sorgfältig, doch dann nahm sie alles nur kurz in Augenschein, als würde es sich um ein Daumenkino handeln. Als sie genug gesehen hatte, stapelte sie die Blätter sorgfältig, stand auf und warf sie in den Schredder, der ihr Manuskript sofort in zerschnittenes und gekräuseltes Papier zermahlte. »Die Arbeit der letzten sechs Monate für nichts«, stellte Penelope fest. Minnie betrachtete den Wirrwarr aus Buchstaben im Auffangbehälter. Das Manuskript war vernichtet, doch die Kommentare des Lektors hatten sich in Minnies Kopf eingebrannt. Es wird keine Spannung aufgebaut. Handlung an den Haaren herbeigezogen. Nicht nachvollziehbar. Grauenhaft! »Das letzte Mal, dass ich so viel Rotstift in meiner Arbeit gesehen habe, war bei meiner Mathematikklassenarbeit«, versuchte Minnie zu scherzen. Penelopes Mundwinkel bewegten sich nicht von der Stelle. »Ich hatte dich gewarnt.« »Ich weiß.« »Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, plötzlich etwas ganz anderes zu schreiben? Du bist eine Autorin für Liebesgeschichten, das ist deine Spezialität, das ist dein Fachgebiet. Gefühlvolle Geschichten, mit Romantik, mit positiven Emotionen, mit Happy Ends. Wieso bringen sich die Charaktere in diesem Manuskript alle plötzlich gegenseitig um, statt sich lieb zu haben? Wieso meintest du plötzlich, einen auf Stephen King machen zu müssen?« Mittlerweile klang Penelopes Stimme schrill, wie damals als Kind, wenn Minnie etwas von ihrem Eis hatte abhaben wollen. Minnie löffelte den restlichen Milchschaum aus ihrem Glas. Warum nur hatte sie das Gefühl, sich erklären zu müssen? »Ich … ich … wollte …« Penelope schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Das Geschirr macht einen kleinen Satz und klirrte. »Ich weiß ganz genau, was du wolltest. Du wolltest die Trennung von Marco verarbeiten, indem du deine Hauptdarstellerin in ein männermordendes Biest verwandelt hast. Du hast deine ganzen Rachegefühle gegenüber Marco in diese Handlung projiziert. Leider ist das unglaubwürdig und liegt dir überhaupt nicht. Ich habe dein Manuskript gelesen, es ist eine einzige Katastrophe.« Autsch. Kennt sie sich jetzt auch noch mit Psychologie aus? Gibt es irgendetwas, was meine Schwester nicht kann? »Mit Marco hat das nichts zu tun«, log Minnie. »Da ich seit fast zwei Jahren keinen Liebesroman mehr zustande bekomme, dachte ich, ich könnte mich mal an einem Thriller ausprobieren.« »Denken … denken. Überlasse das Denken den Pferden, die haben einen größeren Kopf! Genauso wirkte dein Manuskript. Wie das Werk einer Anfängerin, die mal etwas probieren wollte, nicht wie Minerva Giuliani, Tochter der großen Ornella Giuliani!« Eine diffuse Gefühlsmischung aus Schuld und Sehnsucht ergriff Besitz von Minnie. Die Erwähnung von Marco und Mama in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen, das fühlte sich an, als würde sie gleich zweimal hintereinander überfahren werden. Erst von einem Lastkraftwagen. Dann von einem Panzer. »Ich hole uns mal eine Packung Schokokekse«, hörte sich Minnie fröhlich sagen. Sie stand auf und verschwand im Bad. Sofort öffnete sie den Wasserhahn. Das kühle Wasser half ihren geröteten Augen. Sie setzte sich noch einige Augenblicke auf den Badewannenrand, atmete tief durch und ging dann ins Wohnzimmer zurück, wo sie tatsächlich noch eine Packung ihres Lieblingsgebäcks fand. Akkurat platzierte Minnie die Kekse auf einem Teller und stellte sie in die Mitte des Küchentisches. »Minerva«, Penelopes Stimme klang jetzt sanft, »kein Wort mehr über das Thriller-Manuskript. Ich bin nicht deswegen hergekommen.« »Weshalb denn dann, meine geliebte Schwester und talentierte Agentin?« »Der Verlag verliert langsam die Geduld. Seit fast zwei Jahren hast du kein Buch mehr veröffentlicht. Das entspricht nicht den Vereinbarungen.« Minnie nickte und die Schuldgefühle überrollten sie. »Ich weiß, ich habe mich zu einer Veröffentlichung pro Jahr verpflichtet. Aber das war auch zu einem Zeitpunkt,...