E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Dusil Blick zurück durchs Küchenfenster
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-89798-615-2
Verlag: BuchVerlag Leipzig
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erinnerungen und Rezepte aus Siebenbürgen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-89798-615-2
Verlag: BuchVerlag Leipzig
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dagmar Dusil, geb. in Hermannstadt (Siebenbürgen), studierte Anglistik und Germanistik an der 'Babes-Bolyai' Universität in Cluj-Napoca. Bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik im Jahr 1985 unterrichtete sie Englisch. Heute lebt Dagmar Dusil in Bamberg als freie Autorin und Übersetzerin. Sie veröffentlicht Prosa und Lyrik und ist in verschiedenen Anthologien vertreten. Zuletzt erschienen von ihr die 'Hermannstädter Miniaturen' und ein Band mit Kurzprosa: 'Wie die Jahre verletzen'. Ihre Texte sind bereits ins Rumänische und Englische übersetzt worden. Sie nahm an diversen Internationalen Literaturtagen teil und ist Mitglied in der GEDOK Franken, der internationalen Autorenvereinigung Die KOGGE, der Künstlergilde Esslingen und des Exil-Pen-Clubs.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Begleitwort oder ein Stück Anfang
„Bist du Gottes Kind, so hilf dir"
Variationen von Bratkürbis
Mayonnaisenfiasko
Der Weg zum Geschmack des Spinats
Rund um die Suppe
Ostern
1. Mai und Eis
Medardus und Dolmaessen
Krautwickel und Zitronencreme
Auberginenzauber
Der Durstlöscher Sirup
Das andere Salzburg
Der Unglücksrabe
Kein Sonntag ohne Schnitzel
Die Einladung
Die Party
Hinter verschlossenen Türen
Zwetschgenknödel und Co.
Großmutters Tod
Namenstag
Kartenspiel und Huhn
Reise nach Alzen und Fremdsprachen
Hochzeiten in der Nachbarschaft
Die Kinder Gottes der Unterstadt
Fragmente aus der Studentenzeit
Das grüne magische Auge und die große weite Welt
Das verhängnisvolle Gold
Erster November
Thomasnacht und Venedig
Das arme Schwein
Nikolaustag
Erster Januar und Götterspeise
Die Heiligen Drei Könige
Die Zeit verdrängt die Tradition
Im Wunderland der Pilze
Kochen mit der Schwiegermutter
Besuch in der Stadt im Nordosten
Der Triumphzug der Pizza
Beginn der Krise
Die Staatssicherheit meldet sich zu Wort
Bohnen, Flittchen, Diebe
Not macht erfinderisch
Statt Sprachen zu lehren, wird nun gebacken
Unterwegs
Im goldenen Westen
Das Königsobst
Diesmal stromabwärts
Begleitwort oder ein Stück Anfang
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William Blake
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(freie Übersetzung)
Dieses Buch ist die Geschichte meiner Reise von Ost nach West. Darüber hinaus ist es eine imaginäre Reise zurück in die Kindheit und eine kulinarische dazu, weil sie begleitet wird von Erinnerungen und Erlebnissen, von dem Geschmack und dem Geruch gewisser Speisen. Diese Reise führt in die ferne Stadt der Kindheit „hinter den Wäldern“, in eine Geborgenheit, die damals den Stempel der Unvergänglichkeit trug.
Das Leben belehrte die Verfasserin über die scheinbare Unvergänglichkeit eines Besseren. Irgendwann bröckelt diese und wird damit zur Vergangenheit. Und so erzählt dieses Buch auch von Vergänglichkeit, von Liebe und von Tod, von Naivität und Erwachsenwerden.
Dieses Buch ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, das sich die Nase beim Gucken durchs Küchenfenster platt drückte. Da drin in der Küche entstanden Speisen und Kuchen, wie von geheimnisvoller Hand gezaubert. Die Großmutter mit der goldumrandeten Brille auf der Nase war für mich der Inbegriff von Liebe und Güte. Tochter einer selbstbewussten schönen Sächsin und eines italienischen Vaters, war sie mein Vorbild, seit ich denken kann. Von ihr lernte ich, was Liebe und Hilfsbereitschaft bedeutet. Als ich neun Jahre alt war, starb sie, und zum ersten Mal spürte ich die riesigen Schatten des Todes. Doch ich stand allein mit meinem Schmerz da. Ich versuchte, die Augen zu schließen, Nahrung auf der Zunge zergehen zu lassen, mich in eine Zeit zurückzuversetzen, als die Welt noch in Ordnung war. Die Mutter war unnahbar, ich fand keinen Zugang zu ihr. Darum flüchtete ich mich in die Klangwelt des Vaters, von diesem beschützt in die Welt der Töne, der Musik, in die Welt des Genießens, in jene Welt, wo Augenblicke innehalten und unvergänglich zu sein scheinen.
Es ist die Geschichte über das vorsichtige Herantasten eines kleinen Mädchens ans Essen, verbunden mit Erlebnissen und den dazugehörenden Rezepten. Zunächst kann das Mädchen der Küche keinen Zauber abgewinnen. Essen ist einfach da, die Zubereitung Nebensache. Und wenn die strenge, autoritäre Mutter versucht, das Mädchen in die Kunst des Kochens einzuweihen, flieht es entsetzt. Es möchte nicht Köchin werden, lautet die Erklärung. Und wenn der Vater dem Mädchen humorvoll erklärt, dass Liebe durch den Magen geht, da lacht es bloß. So etwas kann es nicht glauben, auch dann nicht, wenn der geliebte Vater es sagt. Wichtig sind nur Literatur, Theater, Musik, alles, was mit Kunst im Zusammenhang steht. Den Rest würde das Leben schon regeln. Der Zufall wird das mit dem Kochen schon hinkriegen, oder etwa nicht?
Irgendwann wird aus dem heranwachsenden Mädchen eine junge Frau, für die Küche und Kochen das sind, was die Windmühlen für Don Quichotte waren. Mühsam und heimlich macht sie ihre ersten eigenen Erfahrungen im Zubereiten von Speisen aller Art. Sie erinnert sich manchmal an die Worte ihrer Mutter, würde es aber nie zugeben.
Der Weg zur „Eroberung“ der Küche erweist sich mitunter als mühselig und dornig. Eines Tages gelingt das Essen, und nach und nach geschieht dies immer öfter. Zunächst staunt die junge Frau ungläubig, dann stellt sich bei ihr – wie bei allen Dingen, die man mit Liebe macht – die Freude am Kochen ein.
Die junge Frau möchte später bei ihrem eigenen Kind alles besser machen. Sie kramt alte Rezepte hervor und improvisiert nebenbei. Alles fällt ihr plötzlich ganz leicht, der Zauber der Küche ist entschlüsselt. Aber auch die erwachsene Frau findet den inneren Weg zur eigenen Mutter nicht. Das schmerzt manchmal, sie versucht aber, damit zu leben.
So ist dieses Buch auch die Geschichte einer reifen Frau, für die einst bedeutungslose und kleine Dinge an Bedeutung gewinnen. Es ist die Geschichte von der Entdeckung des eigenen Ichs, von einem Tochter-Mutter-Konflikt, der auch über den Tod der Mutter hinaus ungelöst bleibt, und von der Möglichkeit der erwachsenen Frau, der eigenen Tochter die Liebe und Zärtlichkeit zu geben, die sie bei der Mutter entbehrte.
Nicht zuletzt sollen sich mit diesem Buch die Menschen aus meiner alten Heimat Bruchstücke vergangener Augenblicke und möglicherweise immer blasser werdende Bilder vergegenwärtigen. Denn Erinnern heißt bewahren. Den Menschen aus meiner neuen Heimat möchte ich ein Stück Siebenbürgen von einer unbekannten Seite näherbringen und zeigen, dass es mehr Gemeinsames als Trennendes gibt.
Meine Wurzeln liegen im Südosten Europas, in einer Stadt, die auf Deutsch heißt, auf Rumänisch und auf Ungarisch und die in Siebenbürgen liegt, dessen lateinischer Name so viel wie „jenseits der Wälder“ bedeutet.
In diesem Gebiet wurden die Sachsen angesiedelt. Bis zur Eroberung durch die Römer im Jahre 106 n. Chr. bevölkerten die Daker, ein nordischer Thrakerstamm, das heutige Siebenbürgen. Nach dem Abzug der Römer blieb eine Mischbevölkerung aus Römern und Dakern zurück, die die völkerwandernden Kumanen und Petschenegen assimilierte. Auch ein ungarischer Stamm, die Szekler, war in Siebenbürgen beheimatet, als sich in den Jahren 1141 bis 1161 die Siebenbürger Sachsen niederließen. Das ist der historisch belegte Zeitraum, man geht aber davon aus, dass die Besiedlung noch mindestens ein Jahrhundert länger dauerte.
Die Bezeichnung Sachsen () hat übrigens größtenteils nichts mit ihrer Herkunft zu tun. In den Urkunden finden wir die Bezeichnungen und (‚die ersten Gäste des Reiches‘). Von diesen Bezeichnungen hat sich als einziger Name für die neuen Kolonisten durchgesetzt.
Ich komme aus einer multikulturellen Familie. Die Wurzeln meines Großvaters mütterlicherseits verlieren sich irgendwo in Polen. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern zog er als Achtzehnjähriger freiwillig in den Ersten Weltkrieg, der für Österreich-Ungarn und damit auch für Siebenbürgen als Teil der Monarchie fatal ausging. Am 1. Dezember 1918 erfolgte die Anschlusserklärung Siebenbürgens an das Königreich Rumänien. Den „mitwohnenden Völkern“ wurden Minderheitenrechte zugesichert. Rumänisch wurde zur Amtssprache, eine Tatsache, mit der die Generation meiner Großeltern mehr schlecht als recht zurechtkam.
1919 hatte das Königreich Rumänien sein Territorium und seine Bevölkerungszahl mit dem Anschluss von Siebenbürgen, der Bukowina, Bessarabien und der Süd-Dobrudscha mehr als verdoppelt. Knapp zehn Prozent der Bevölkerung Siebenbürgens waren Deutsche.
Meine Großeltern väterlicherseits stammten aus der Tschechei und kamen nach Siebenbürgen, genauer nach Hermannstadt, als dieser Teil des heutigen Rumäniens noch zur österreichungarischen Monarchie gehörte. Irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts erreichte mein tschechischer Großvater Hermannstadt – mit seiner Garnison als Dirigent der Musikkapelle. Und hier blieb er einfach und kehrte nicht wieder in sein Heimatland zurück. Später sagte er immer, er hätte sein Herz an die Gipfel der Karpaten verloren. Seine Frau, meine tschechische Großmutter, die väterlicherseits spanische Wurzeln hat, stammte noch aus seiner alten Heimat, aus einem kleinen Ort in der Nähe von Prag. Als sie in Hermannstadt ankam, sprach sie kein Wort Deutsch.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begannen in der Geschichte Rumäniens wechselvolle Jahre. 1938 erfolgte eine Annäherung an Hitler-Deutschland, doch zunächst blieb Rumänien vom Krieg verschont. Als 1940 die UdSSR die Übergabe Bessarabiens und der Nord-Bukowina verlangte, beugte sich Rumänien der Macht und stimmte zu. 1940 bekam Rumänien einen neuen König, Michael I. Die politische Macht riss jedoch Marschall Ion Antonescu an sich, der der „Eisernen Garde“ nahestand. 1941 trat Rumänien an der Seite Deutschlands gegen Russland in den Krieg ein. Deutschstämmige Staatsbürger durften in Rumänien auch nach diesem Datum in der rumänischen Armee dienen, jedoch seit 1943 auch in der deutschen Waffen-SS.
Als sich eine Wende des Krieges im Frühjahr 1944 abzeichnete, wechselte Rumänien die Fronten, Antonescu wurde beseitigt und wenige Tage...




