Engelke / Reinhard | Sterben ungeschminkt | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Engelke / Reinhard Sterben ungeschminkt

Ein Gespräch ohne Tabus über Abschied, Tod und Trauer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84428-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Gespräch ohne Tabus über Abschied, Tod und Trauer

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-451-84428-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sterben und Trauern gehören zum Leben dazu. Aber wer ist schon bereit, sich persönlich damit zu befassen? In einem Generationengespräch sprechen die Journalistin Lea Reinhard (34) und der Journalist Michael Reinhard (65) mit dem Mitbegründer der Hospiz- und Palliativbewegung Professor Ernst Engelke (82) offen darüber. Sie wenden sich dem Alltag von Sterbenskranken, ihrem Erleben und Verhalten zu und fragen, wie die Kommunikation mit Sterbenskranken und ihre Begleitung gelingen kann. Die Belastungen sowie die oft widersprüchlichen Gefühle der Angehörigen kommen zur Sprache, ebenso die Wege, wie Menschen mit Verlust und Trauer umgehen. Auch die gesellschaftlichen Dimensionen und die brisante Frage des assistierten Suizids werden nicht ausgespart. Das Buch lädt dazu ein, sich den Themen Sterben und Trauern aufrichtig zu nähern und sich darin gegenseitig zu stützen.

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1 Warum das Lieblingswort von Sterbenskranken „Scheiße“ ist …
In diesem Gespräch befassen wir uns mit den grundlegenden Aspekten des Sterbens und des Trauerns. Wir beleuchten, wie diese Themen in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden und in welchem historischen und gesellschaftlichen Kontext Sterben und Trauern stattfinden. Lea: Die meisten Menschen versuchen alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat, zu verdrängen. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit ist einfach zu groß, als dass man daran auch noch erinnert werden wollte. Sterben und Tod gehören aber zu unserem Leben dazu, ob wir es wollen oder nicht. Ernst, wann hast du das letzte Mal übers Sterben nachgedacht? Ernst: Ich habe erst kürzlich wieder einen ganzen Tag lang mit 24 Ärztinnen und Ärzten über die Begleitung von sterbenskranken Menschen gesprochen. Dabei habe ich mit ihnen darüber nachgedacht, welche Möglichkeiten es gibt, mit sterbenskranken Menschen angemessen zu kommunizieren. Grundlage dafür sind Begegnungen mit Sterbenskranken und Sterbenden und die Reflexion dieser Begegnungen sowie die einschlägige Fachliteratur. Lea: Was genau ist denn der Unterschied zwischen sterbenskrank und sterbend? Ernst: Sterbenskrank ist für mich jemand, der erfahren oder erkannt hat oder die Diagnose bekommen hat, eine Krankheit zu haben, die sein nahes Lebensende anzeigt, der also vom eigenen Tod in absehbarer Zeit bedroht sein könnte. Sterbend ist jemand, der sterbenskrank ist und sich in den letzten Stunden oder in den letzten zwei, drei Tagen seines Lebens befindet. Ob nun sterbenskrank oder sterbend, wir müssen uns dann immer mit einer gefährlichen Bedrohung unserer Existenz auseinandersetzen. Lea: Die häufigsten Todesursachen in Deutschland sind Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, gefolgt von Krebs. Es kann jeden von uns treffen, zu jeder Zeit, ganz plötzlich sterbenskrank zu werden oder zu sterben. Wie gehen die Menschen, erkrankte und gesunde, aus deiner Sicht mit diesem Wissen um? Ernst: Erkrankte und gesunde Menschen unterscheiden sich im Umgang mit dem Sterben beträchtlich voneinander. Ich wähle eine Metapher, um den unterschiedlichen Umgang zu veranschaulichen: Ein Schachspieler und ein Damespieler spielen nach ihren je eigenen Regeln am selben Brett miteinander. Der Schachspieler hat einen König, eine Dame, zwei Türme, zwei Läufer, zwei Springer, acht Bauern und damit fast unendlich viele Möglichkeiten, sich zu bewegen. Der Damespieler dagegen hat als Spielsteine nur runde Scheiben, schwarz oder weiß, und kann seine Steine nur vorwärts ziehen, ist also enorm eingegrenzt, während der Schachspieler seine Figuren variabel bewegen kann. Das Zusammenspiel kann nicht gelingen. In der Metapher: Die gesunden Menschen spielen Schach und die kranken Menschen Dame. Wenn beide nun miteinander je nach ihren eigenen Regeln spielen, bedeutet das, dass sie sich nicht verständigen können. Wenn sie sich verständigen möchten, müssen die Schachspieler, also die gesunden Menschen, ihr Spiel an die Möglichkeiten der Damespieler und deren Spielregeln anpassen. Sonst gibt es keine Verständigung. Michael: Das setzt aber voraus, dass man sich mit der Frage des Sterbens intensiver beschäftigt. Ernst: Dem Sterben können wir im Alltag letztlich nicht ausweichen. Die Frage ist nur, wie sehr wir vom Sterben persönlich getroffen sind. Gesellschaftlich gesehen heißt das für mich: 80 Prozent der Deutschen schauen, dass sie nichts mit Sterben und Tod zu tun haben; sie machen einen großen Bogen um Sterbenskranke, Pflegebedürftige und Sterbende. 20 Prozent sind jedoch persönlich getroffen und können nicht ausweichen. Das sind Menschen, die selbst krank und pflegebedürftig sind, und auch Menschen, die um einen Verstorbenen trauern. Dazu zähle ich auch alle Menschen, die, ob als Angehörige, Professionelle oder Ehrenamtliche, sterbenskranke und pflegebedürftige Menschen begleiten und versorgen. Diese 20 Prozent sind täglich damit beschäftigt, oft für andere, die sich nicht kümmern, manchmal extrem häufig und intensiv, zum Beispiel auf Palliativstationen. Lea: Du beschäftigst dich seit vielen Jahrzehnten mit dem Thema Sterben. Hat sich innerhalb dieses Zeitraums etwas auffallend verändert? Ernst: Nein, nach meinem Empfinden nicht. Ich bin mittlerweile der Auffassung, dass transkulturell und transepochal das Phänomen dasselbe ist. Ich greife meine Metapher mit dem Schachspieler und dem Damespieler auf. Diese Metapher steht für den Umgang mit Sterben und Tod in allen Kulturen und Epochen, freilich in vielfältigen örtlichen Variationen. Es gibt zwar andere Auffassungen, wie sie beispielsweise der französische Soziologe Philippe Ariès in seinem Buch über die „Geschichte des Todes“ (1982) aufgeschrieben hat. Seine Hauptthese: Von Homer bis Tolstoi ist im Abendland die Grundeinstellung der Menschen zum Sterben nahezu unverändert geblieben. Der Tod war ein vertrauter Begleiter, ein Bestandteil des Lebens, akzeptiert und häufig als eine letzte Lebensphase der Erfüllung empfunden. Nach meinen Forschungen stimmt das einfach nicht. Ariès hat sehr einseitig die Quellen angeschaut und nur Gesunde berücksichtigt und nicht die Sterbenskranken. Ich habe in meinen Publikationen viele Beispiele dafür angegeben, dass die Menschen auch früher Sterben und Tod nicht akzeptiert haben, wie Ariès behauptet. Da könnte ich wirklich seitenlang Beispiele bringen. Ariès wird völlig unkritisch zitiert. Aber er sagt wohl das, was die Menschen – die Schachspieler – gern hören möchten. Schließlich sind sich einfügende Patienten pflegeleichte Patienten. Michael: Wenn ich dich richtig verstehe, beginnt die intensive Auseinandersetzung mit Sterben und Tod erst dann, wenn ich unmittelbar damit konfrontiert bin. Etwa durch Krankheit, einen Unfall oder durch einen Suizid im engeren Umfeld. Ernst: Dem stimme ich zu. Die Auseinandersetzung beginnt mit der persönlichen Berührung und durch die persönliche Berührung. Lea: Besonders schlimm stelle ich mir vor, wenn ein Elternteil oder ein anderes Familienmitglied stirbt. Ernst: Ja, das ist die extremste persönliche Berührung, die man sich normalerweise vorstellen kann. Dem kann sich niemand entziehen. Die 80 Prozent, die sich normalerweise nicht mit dem Thema Sterben und Tod befassen, müssen sich zwangsläufig damit beschäftigen, wenn Sterben und Tod plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel in ihr Leben einschlagen. Und dann ist die Frage: Wie gehe ich damit um, wenn ich getroffen worden bin? Und wie gehe ich mit den mir nahen Menschen um, die jetzt schwerkrank oder gar sterbenskrank sind? Und wie spreche ich mit den Angehörigen? Auf diese Fragen suche ich mein Leben lang passende Antworten. Lea: Gehen jüngere Menschen damit anders um als ältere? Ernst: Ich denke nein. Wir wissen heute, dass viele Faktoren den persönlichen Umgang mit Sterben und auch Trauern beeinflussen. Das sind zum Beispiel die Persönlichkeit, die Biografie, die persönlichen Beziehungen, die Verantwortung, die jemand hat, die Art und der Verlauf der Erkrankung, die Therapiemöglichkeiten, die Symptome, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und so weiter. Es wirken also so viele Faktoren zusammen, dass man nicht generell sagen kann, ob jüngere Menschen anders mit Sterben und auch Trauern umgehen als ältere Menschen. Lea: Es gibt sicher viele Menschen, die keine direkten Berührungspunkte mit dem Sterben und dem Tod haben. Beschäftigen die sich aus deiner Erfahrung trotzdem mit diesem Thema oder ignorieren sie es lieber? Ernst: Es gibt in Deutschland eigentlich keine Chance, sich nicht damit auseinanderzusetzen. Allein wenn ich daran denke, dass die Deutschen sich täglich durch Mord und Totschlag unterhalten lassen und Krimis ihre Lieblingsbücher sind. 3.500 Kriminalromane erscheinen pro Jahr. Mehr als 130 Krimireihen gibt es aktuell im deutschen Fernsehen. Jeder Fernsehzuschauer wird täglich mit dem Sterben und Tod – anderer Menschen – konfrontiert, wählt sogar diese Unterhaltung zur Entspannung und schützt sich auf seine eigene Weise, um persönlich nicht berührt zu werden, indem man zum Beispiel auf der Couch sitzt und bei Wein oder Bier und Snacks die Leistung der Schauspieler diskutiert. Dagegen wäre die Berührung beim Besuch eines sterbenskranken oder pflegebedürftigen Menschen, ob daheim oder im Heim, sofort gegeben, weil man dann ungeschützt dem Schmerz und dem Geruch des kranken Menschen ausgeliefert ist. Michael: Du hast an vielen Sterbebetten gesessen. Hast du beobachtet, dass diejenigen, die sich zeitlebens mit dem Tod beschäftigt haben, leichter sterben? Ernst: Ich nehme an, dass es nicht so ist. Demnach müssten Ärzte und Pflegekräfte leichter sterben. Das ist aber nicht der Fall, ich beobachte vielmehr das Gegenteil. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob jemand am Krankenbett sitzt oder selbst darin liegt, ob ich Schach spielen kann oder Dame spielen muss. Das Sterben ist...


Engelke, Ernst
Prof. Dr. Ernst Engelke, geb. 1941, ist Theologe, Sozialpädagoge und Psychologe. Er engagiert sich seit fast 50 Jahren in der Hospiz- und Palliativbewegung, sowohl in der Begleitung Sterbenskranker und Sterbender als auch in der thanatologischen Forschung und palliativmedizinischen Weiterbildung. Die Entlastung der Ärzte, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Seelsorger und auch der Sterbenden ist sein Ziel. In den letzten 20 Jahren hat er mit über 1.000 Ärztinnen und Ärzten und mit weit über 600 Pflegenden deren palliativmedizinische Fälle besprochen. Mit weit über 600 Ärztinnen, Ärzten, Pflegekräften und Koordinatorinnen hat er außerdem Stegreifspiele zur Kommunikation mit Sterbenden durchgeführt. Er hat vier Palliativstationen und zwei Hospize mit aufgebaut und supervidiert.

Reinhard, Michael
Michael Reinhard, geb. 1959, Journalist, Autor und Podcaster. Seit zwei Jahren im Ruhestand. Davor in verantwortlichen Positionen unter anderem bei Berliner Morgenpost, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau und zuletzt 21 Jahre Chefredakteur bei der Main-Post (Würzburg).

Reinhard, Lea
Lea Reinhard, geb. 1990, ist Journalistin, Fernsehmoderatorin und Podcasterin. Journalistik-Studium in Eichstätt. Unter anderem Hospitanzen beim ZDF in New York und im ARD-Studio Washington sowie Redakteurin bei der Tagesschau. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.

Prof. Dr. Ernst Engelke, geb. 1941, ist Theologe, Sozialpädagoge und Psychologe. Er engagiert sich seit fast 50 Jahren in der Hospiz- und Palliativbewegung, sowohl in der Begleitung Sterbenskranker und Sterbender als auch in der thanatologischen Forschung und palliativmedizinischen Weiterbildung. Die Entlastung der Ärzte, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Seelsorger und auch der Sterbenden ist sein Ziel. In den letzten 20 Jahren hat er mit über 1.000 Ärztinnen und Ärzten und mit weit über 600 Pflegenden deren palliativmedizinische Fälle besprochen. Mit weit über 600 Ärztinnen, Ärzten, Pflegekräften und Koordinatorinnen hat er außerdem Stegreifspiele zur Kommunikation mit Sterbenden durchgeführt. Er hat vier Palliativstationen und zwei Hospize mit aufgebaut und supervidiert.
Lea Reinhard, geb. 1990, ist Journalistin, Fernsehmoderatorin und Podcasterin. Journalistik-Studium in Eichstätt. Unter anderem Hospitanzen beim ZDF in New York und im ARD-Studio Washington sowie Redakteurin bei der Tagesschau. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.
Michael Reinhard, geb. 1959, Journalist, Autor und Podcaster. Seit zwei Jahren im Ruhestand. Davor in verantwortlichen Positionen unter anderem bei Berliner Morgenpost, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau und zuletzt 21 Jahre Chefredakteur bei der Main-Post (Würzburg).



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