Friedl | Im letzten Licht | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Friedl Im letzten Licht


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-475-54700-3
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-475-54700-3
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
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Der junge Künstler Albert Lorenz weiß, dass er bald erblinden wird. Weder seiner Braut noch seiner Mutter wagt er zunächst von seinem Schicksal zu berichten. Bevor völliges Dunkel ihn umfängt, zieht er sich noch einmal in die Einsamkeit des Waldes zurück. 'Im letzten Licht' gewinnt die Landschaft des Bayerischen Waldes mehr und mehr an Selbstständigkeit und greift schließlich entscheidend in Alberts Leben ein.

Paul Friedl wurde 1902 als Sohn eines Sägemeisters geboren und lebte im Bayerischen Wald, wo er lange Zeit Angestellter der Gemeinde Zwiesel war. Er stellte seine vielen Talente unter anderem als Holzschnitzer, Humorist, Theatergruppenleiter und Rundfunkredakteur unter Beweis und gründete neben dem Zwieseler Heimatmuseum eine Reihe von Heimatvereinen. Paul Friedl hat eine Fülle von Romanen und Kurzgeschichten verfasst und erhielt zahlreiche Ehrungen, u. a. den Preis der Schillerstiftung und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse am Bande.

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Aus den Waldhängen unterm Arberstock kroch das blaue Dämmern des späten Nachmittags in den Lamer Winkel, und der Brammersbach dampfte schon den kalten Nachtrauch aus seinem vom tiefen Schnee gesäumten Bett. Seine Wasser, die mit flüchtiger Eile vom Berg kamen, sprangen so schnell über die Steine, daß der eisbannende Frost sie nicht zu fassen bekam. Der tiefe Wald unterm Enzian und Bärenriegel gebar diese Bergquellen, und er begleitete den Bach, nur wenigen Randwiesen ausweichend, bis hinunter zum Weißen Regen. Nur ein schmales verfrorenes Schlittensträßlein und einige weit voneinander in der Einschicht liegende niedere Waldlerhäuser beanspruchten einen bescheidenen Platz in diesem Waldtal. Eines dieser braunhölzernen Häuser lag in einem Hangviertel, das wie ein ausgebreitetes Tischtuch vom Bach in den Wald reichte, breitdachig unter dem nackten, schneeverhangenen Geäst zweier alter Kirschbäume, und die weißen Massen reichten vom Hang her bis an das Dach und von der Bachseite bis an die kleinen Fenster. Wie das schläfrige Blinzeln eines Einäugigen lugte ein mattbeleuchtetes Fenster unter der weißen Haube des Daches in den dämmernden Abend. Das Rauschen des Baches verschlang das Zischen der Skier und das Knirschen der Stöcke auf dem festgefrorenen Bachweg, den das Mädchen mit dem roten Pullover aufwärts schritt, das dem verschneiten Häusl zustrebte. Vor der Haustüre schnallte sie die Bretter ab und sah noch einmal zurück in das Tal und hinüber, wo sich dunkel und mit weißem Gipfel der Osser aufbaute, hoch und mächtig. Dann trat sie in die kleine Flötz, die Stube und Kammer vom Stall trennte. Aus der Stube kam das gedämpfte Reden von Männern, und mit einem ärgerlichen Seufzer trat sie ein. Beim alten Irrfang, ihrem Vater, saß unter der Lampe am Tisch ein etwa dreißigjähriger Mann mit einem braunen Schnurrbärtchen im blassen Gesicht. Brummend begrüßte der Alte sie: „Bist aber lang ausgeblieben.“ „Bin noch bei der Tante in Lohberg gewesen“, gab sie zur Antwort und legte Handschuhe und Mütze auf eine alte Kommode. „Ich verstehe diese Bergrennerei überhaupt net, noch dazu im Winter“, bröselte der junge Mann. Mareli überhörte es und ging in die anstoßende Kammer, um sich rasch für die Haus- und Stallarbeit umzukleiden. Die Männer rauchten schweigend ihre Pfeifen. Als sie wieder aus der Kammer trat, bemerkte der Jüngere süßsauer: „Für mich hast ja gar keine Zeit mehr. Den ganzen Nachmittag wart ich schon auf dich!“ Kritisch musterte sie ihn, und ihr Mund zuckte spottend: „Da hast aber viel versäumt. Oder hat es die Wirtshäuser alle eingeschneit? Und auf den Kegelbahnen ist es dir halt zu kalt gewesen.“ „Kratzbürste!“ lachte er scheinheilig, aber Ärger und Anmaßung klangen mit. Sie schürte das Feuer neu an und stellte den Topf für die Milchsuppe auf, wusch Kartoffeln und setzte sie zu und griff nach dem Melkeimer. Alles tat sie flink und geschäftig, und die Blicke des jungen Mannes folgten ihr wohlgefällig. Langsam und gedehnt maulte er: „Ist ja gut, daß du jetzt deinen Sport hast, als Scheibenhoferin geht das eh nimmer.“ „So? Meinst du?“ sagte sie schnippisch. „Weißt du das so gewiß?“ Sein derbbäuerliches Gesicht mit den groben Backenknochen wurde rot. Der Alte hüstelte und bemerkte beruhigend: „Hört sich dann ja von selbst auf.“ „Will ich hoffen“, tat der junge Scheibenhofer überlegen. „Ich kann es mir ja noch einmal überlegen“, spöttelte sie noch unter der Türe und ging in den Stall hinüber. „Irrfang, mir gefällt das net“, ärgerte sich der Scheibenhofer. „Wird sich schon legen“, beruhigte ihn der Alte. „Aber wenn sie meint, sie kann aus mir einen Narren machen —“ „Ich glaub net, daß sie das will. Ein wenig mußt ihr schon nachsehen. Das sauberste Dirndl vom ganzen Winkel ist sie, und wenn du sie haben willst, mußt nachgeben. Das Bergrennen wirst du ihr net abgewöhnen können. Sie ist halt so.“ „Ich geh den weiten Weg her, und sie kümmert sich gar net um mich“, bohrte der andere mißgelaunt weiter. „Hat ja jetzt die Arbeit.“ „Mußt ihr halt doch einmal sagen, wie es steht. Ich möchte davon net mit ihr reden. Woher hättest das Geld genommen, als der Schnee dir das Dach eingedrückt hat, wenn ich net gewesen wäre, und was ich dir sonst noch geliehen hab.“ Der Irrfang seufzte: „Was kann ich denn dafür, daß die Krankheit von meinem Weib so viel Geld gekostet hat! Und wenn ihr heiratet, fällt dir ja das Häusl zu. Hast ja das Geld dann in deine eigene Sache gesteckt.“ „Ich verstehe das net“, mäkelte der Scheibenhofer weiter, „bin schon über Dreißig und noch net auf dem Osser gewesen, als ob das sein müßte!“ „Auf dem Gipfel wohl, das glaub ich dir“, spottete der Irrfang, „aber sonst kennst du dich da droben im Wald und an der Grenze ganz gut aus.“ „Geht niemanden was an“, wurde der Scheibenhofer grob. Sie schwiegen und zogen an den Pfeifen. Der Rauch mengte sich bald in den Dunst, der aus den Töpfen auf dem Herd kam und die ärmliche Stube dunkelte. Eine einfache, abgewetzte Holzbank lief an zwei Seiten die Wände entlang, und in der Ecke unter der Lampe stand der alte Tisch. Eine neuere Kommode bildete das beste Stück und darüber hing ein Spiegel, den in einer der oberen Rahmenecken ein bunter Kunstblumenzweig zierte. Unter ihm stand in einem Glassturz, grellrot und blau gemantelt, eine Muttergottes. Der Herrgott in der Tischecke und zwei Heiligenbilder waren der übrige Schmuck an der hellgrün getünchten Wand. Krumm von der schweren Arbeit, kauerte der Irrfang auf der Bank, und in seinen kräftigen Vollbart waren die grauen Haare des Alters gewebt. Neben ihm hingen beim Fenster zwei Vogelhäusl, vor denen er oft stundenlang stehen und den kleinen Waldsängern zuschauen konnte, wenn ihm ein Feiertag gegeben war. Verstohlen beobachtete er sein Gegenüber, der mit unwillig gefurchter Stirne zur Stubentüre sah und die Beine von sich streckte, als wäre er der Herr in dieser Stube. Der Irrfang ahnte die Gedanken des jungen Mannes. Schon fast ein Jahr hielt seine Maria ihn hin und wollte von einer Heirat nichts wissen. War halt ein Dirndl, wie die Mutter gewesen war, und fragte nichts nach einem Bauernhof und Geld, sondern wollte einen Mann, den es gern haben konnte. Auch sein seliges Weib hatte einmal nicht nach Geld und Besitz gesehen und den lustigen Holzhauer Silvester Irrfang nur geheiratet, weil sie ihn liebhatte. Vielleicht war das heute anders. Hatte sich ja so vieles geändert seit seinen jungen Jahren. Und wenn er dem Scheibenhofer Sepp nicht das Geld schuldete, dann wäre das anders gewesen. Es wäre auch nicht zu verachten, wenn sein Mareli Scheibenhoferin würde, Bäuerin auf einem schönen Hof, der drüben, über dem Wald, keine Dreiviertelstunden entfernt lag. „In dem Dirndl kennt man sich net aus“, meldete sich der Sepp unwirsch. „Mußt halt einmal ein ernstes Wort mit ihr reden!“ „Das ist ja das Dumme! Bei euch da bring ich das net so heraus, wie es gesagt gehört. Bei einer Tanzmusik oder im Wirtshaus brächt ich das eher fertig, aber da geht sie mir net mit.“ „Hm“, meinte der Irrfang nur, und sie schwiegen wieder. Im kleinen Stall gab inzwischen das Mareli der Kuh und der Ziege Heu und Trank und hatte es gar nicht eilig. Daß der Scheibenhofer daheim auf sie warten würde, hatte sie sich schon gedacht und war deswegen noch bei der Tante in Lohberg zugekehrt, um die Heimkehr zu verzögern. Sie empfand keine Abneigung gegen den jungen Bauern, aber sooft sie auch schon darüber nachgedacht hatte, er blieb ihr gleichgültig. Einmal, beim Kirchgang in Lohberg, hatte er sie angesprochen, und sie hatte ihn kurz abgefertigt. Dann aber war er bald darauf im Irrfanghäusl erschienen, hatte getan, als wollte er die Kuh kaufen, und war den ganzen Nachmittag sitzen geblieben. Den Kuhkauf fand er gar nimmer wichtig und redete auch nicht mehr davon, kam aber am Sonntag darauf wieder und in der Folge fast alle Sonntage und freundete sich mit dem alten Irrfang an. Weil er immer etwas zu erzählen wußte und dadurch die Nachmittage kurzweiliger wurden, schätzten Vater und Mutter seine Gesellschaft. Als die Mutter im Herbst plötzlich starb, war es der Scheibenhofer, der sie zum Friedhof fuhr und wie ein Angehöriger hinter dem Sarg herging. Dann war er wieder wie zuvor an Sommerabenden oder Sonntagen herübergekommen und hatte Andeutungen gemacht, daß man ja das Häusl verkaufen oder verpachten könnte, wenn sie einmal zu ihm...



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