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E-Book, Deutsch, 332 Seiten

Geisler Es tagt schon im Orangenhain

Skizzen zur spanischen Literatur
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8353-4968-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Skizzen zur spanischen Literatur

E-Book, Deutsch, 332 Seiten

ISBN: 978-3-8353-4968-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Reise entlang der bedeutendsten Stationen der spanischen Literatur- und Kulturgeschichte.

Aus langjähriger Erfahrung in Forschung und Lehre porträtiert Eberhard Geisler eine Reihe von Werken der spanischen Literatur, die für deren Vielfalt, Lebendigkeit und geistigen Reichtum charakteristisch und aufschlussreich sind. Von den spanischen Aufklärern des 16. Jahrhunderts über das Großwerk 'Don Quijote', vom Werk Lope de Vegas hin zur Religiosität des Siglo de Oro schlägt Geisler einen Bogen bis in die Moderne, beleuchtet hier unter anderem die Lyrik Federico García Lorcas und endet seine 'Skizzen' in der Gegenwart und mit dem Werk Juan Goytisolos.
Gestützt auf Zusammenhänge aus Theologie, neuerer Philosophie und deutscher Literatur werden Schlaglichter möglich, die völlig neue Einsichten in eine Literatur gewähren, die nicht nur an den großen kulturellen Auseinandersetzungen Europas teil hat, sondern auch immer wieder überraschende Beiträge dazu geliefert hat.

'Es dürfte sich so verhalten, dass man in der Begegnung mit großer Literatur und beim Versuch, über sie zu schreiben, nicht versucht sein soll, an ein Ende gelangen zu wollen, sondern umgekehrt erfreut, immer wieder neu ansetzen zu können.'
Aus: Es tagt schon im Orangenhain

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Vorbemerkung
oder Wie Johann Gottfried Herder die Stichworte gibt
Als Johann Gottfried Herder im Jahr 1773 seine Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit abschloss, hatte er nicht versäumt, darin auch von der Schwierigkeit seines Projekts zu sprechen. Er hatte sich Großes vorgenommen und wollte seiner Leserschaft auf nicht allzu vielen Seiten ein Panorama menschlicher Kulturleistungen hinzeichnen, das von den alten Ägyptern über die Griechen und Römer, über die Reformation bis hin zu den Vertretern der Aufklärung des 18. Jahrhunderts reichen sollte. Das Projekt war von seinem Ideal einer umfassenden Bildung getragen, die nach seinem Verständnis eine zukünftige, vom Gedanken der Humanität bestimmte Gemeinschaft sämtlicher Völker des Erdenrunds garantieren und herbeiführen würde. Herder war dabei so hellsichtig, die Problematik seines Vorhabens zu erkennen und im Sinne einer schriftstellerischen Aufgabe zu verstehen, die anderes erforderte als eine Abschilderung, die mit Begriffen schnell bei der Hand wäre und sich mit diesen zufrieden gäbe. Er schreibt: Niemand in der Welt fühlt die Schwäche des allgemeinen Charakterisierens mehr als ich. Man malet ein ganzes Volk, Zeitalter, Erdstrich – wen hat man gemalt? Man fasset aufeinander folgende Völker und Zeitläufte, in einer ewigen Abwechslung, wie Wogen des Meeres zusammen – wen hat man gemalt? wen hat das schildernde Wort getroffen? – Endlich man fasst sie doch in Nichts, als ein allgemeines Wort zusammen, wo jeder vielleicht denkt und fühlt, was er will – unvollkommenes Mittel der Schilderung! wie kann man missverstanden werden! – Wer bemerkt hat, was es für eine unaussprechliche Sache mit der Eigenheit eines Menschen sei, das Unterscheidende unterscheidend sagen zu können? wie Er fühlt und lebet? wie anders und eigen Ihm alle Dinge werden, nachdem sie sein Auge siehet, seine Seele misst, sein Herz empfindet – welche Tiefe in dem Charakter nur Einer Nation liege, die, wenn man sie auch oft genug wahrgenommen und angestaunet hat, doch so sehr das Wort fleucht, und im Worte wenigstens so selten einem jeden anerkennbar wird, dass er verstehe und mitfühle – ist das, wie? wenn man das Weltmeer ganzer Völker, Zeiten und Länder übersehen, in einen Blick, ein Gefühl, ein Wort fassen soll! Mattes halbes Schattenbild vom Worte! Das ganze lebendige Gemälde von Lebensart, Gewohnheiten, Bedürfnissen, Landes- und Himmelseigenheiten müsste dazu kommen, oder vorhergegangen sein; man müsste erst der Nation sympathisieren, um eine einzige ihrer Neigungen und Handlungen, alle zusammen zu fühlen, Ein Wort finden, in seiner Fülle sich alles denken – oder man lieset – ein Wort. Herder kommt in Rage, und sein Redefluss stockt. Er spürt, dass die Aufgabe, die große Vergangenheit bestimmter Völker zu schildern, schier unlösbar ist, weil jeder Versuch einer solchen Darstellung unweigerlich zu Verallgemeinerungen führen muss, in denen das je Individuelle der Phänomene untergeht. Die Fülle der Phänomene, die jeweils Unverwechselbarkeit beanspruchen, spricht jeder Absicht Hohn, generalisierende Begriffe formulieren zu können. Wenn vieles unter ein und denselben Begriff fallen soll, büßt jedes Einzelne seine Besonderheit ein. Herder wendet sich damit deutlich gegen die zeitgenössische Philosophie des Idealismus, die in der Leistung der Synthesis und des subsummierenden Urteils das eigentliche Vermögen des menschlichen Geistes sehen wollte. Um also als Schriftsteller der Individualität von Völkern und einzelnen Menschen gerecht zu werden, müsste die Arbeit einer unablässigen Differenzierung geleistet werden, die kaum je an ein Ende gelangen könnte; ein Kompendium, wie er es sich vorgenommen hat, müsste insofern ein verfehltes Unternehmen bleiben. Dass es ihm um eine intellektuelle Durchdringung der vergangenen kulturellen Hervorbringungen ging, ist trotz seiner Skepsis dem Begriff gegenüber nicht zu bestreiten, zeugt diese Skepsis doch gerade von einer intellektuellen Durchdringung einzigartiger Tiefe, aber es scheint, als könne der Begriff für ihn erst dann die angestrebte Schärfe gewinnen, wenn neben dem kritischen Verstand noch andere menschliche Organe hinzuträten, die auf ihre Art an einer Apperzeption beteiligt sein müssten, sollen hinterher die Worte ins Schwarze treffen. Der Autor spricht von der Seele und ihrer Fähigkeit, das Gesehene zu durchmessen, d. h. von einer durchaus rationalen, nahezu mit einem Rechenschieber hantierenden Tätigkeit, bei der gleichwohl etwas dem Logos Entzogenes, Seelisches federführend sein soll. Der Forderung, dass für ein solches Vorhaben tiefe Sympathie für den darzustellenden Kulturkreis Voraussetzung sein soll, stimmen wir gerne zu, hätten wir doch die hier zusammengestellten Aufzeichnungen zur spanischen Literatur sonst gar nicht erst begonnen. Man soll Herder keinesfalls der Naivität zeihen, wenn man bei ihm den Wunsch nach Einfühlung und Unmittelbarkeit des Erkennens feststellt. Er kann nämlich auch insofern ein aktueller Stichwortgeber sein, als er den Umgang mit der schriftlichen Überlieferung bereits unter dekonstruktivistischen Vorzeichen gesehen hat. Mit anderen Worten: Einfühlung kennt bei ihm durchaus bereits den notwendigen Gegenpart von kontextueller Verschiebung und eigener Aktualisierung des Gelesenen. Jedenfalls belegt dies seine Definition des Paramythos. Dieses literarische Genre übernimmt er aus der griechischen Antike und bestimmt es als eines, das Mythen etwa aus dem griechischen oder orientalischen Kulturraum aufgreift und sich seiner eigenen Zeit gemäß anverwandelt bzw. umschreibt. Die philosophische Grundlage für dieses von ihm nach seinem Verständnis als neuartig empfundene Genre hatte er dabei bereits in seiner frühen »Abhandlung über den Ursprung der Sprache« gelegt, die er Ende 1770 als Antwort auf eine Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften eingereicht hatte. Er widersprach darin der These, Gott selbst habe die Menschheit unmittelbar die Sprache gelehrt, sie entstamme als Gabe seiner väterlichen Hand und sei somit göttlichen Ursprungs. Er setzt auseinander, dass Sprache immer nur als eine denkbar ist, die einem Prozess der Vermittlung entstammt. Gegen die Idee einer Sprache des Ursprungs setzt er die Einsicht, dass Sprache vielmehr »das Kind ganzer Jahrhunderte und vieler Nationen« ist. Er kann also schlussfolgern: »Ein höherer Ursprung hat nichts für sich, selbst nicht das Zeugnis der morgenländischen Schrift, auf die er sich beruft … Der Ursprung der Sprache wird also nur auf eine würdige Art göttlich, so fern er menschlich ist.« Diese These mochte für manchen frommen Zeitgenossen schockierend gewesen sein, aber sie hat auf Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin und die Romantiker großen Einfluss ausgeübt. Herders Konzept des Paramythos geht, mit anderen Worten, aus einer Dekonstruktion des philosophischen Ursprungsbegriffs selbst hervor. Der Autor beanspruchte zwar nicht, eine neue Mythologie zu erfinden, wohl aber fortan einen »heuristischen Gebrauch« von der überkommenen Mythologie zu machen. In einem Dialog lässt er zwei Männer sich über diese literarische Praxis unterhalten. Demodor, der eine der beiden, spricht von seinen eigenen Paramythen, die er so nennt, »weil sie auf die alte griechische Fabel, die Mythos heißt, gebauet sind und in den Gang dieser nur einen neuen Sinn legen.« An anderer Stelle wird Herder bezüglich des innovativen Charakters des von ihm anvisierten Genres deutlicher: »Man wende die alten Bilder und Geschichten auf nähere Vorfälle an: legt in sie einen neuen poetischen Sinn, verändert sie hier und da, um einen neuen Zweck zu erreichen; verbindet und trennet, führt fort und lenkt seitwärts, geht zurück, oder steht stille, um alles bloß als Hausgerät zu seiner Notdurft, Bequemlichkeit und Auszierung nach seiner Absicht, und der Mode der Zeit, als Hausherr und Besitzer zu brauchen.« Herder fordert einen höchst selbstbewussten und selbständigen Umgang mit den Mythen der Tradition. Er stellt sie in neue Kontexte, in solche seiner eigenen Zeit, und verändert sie dabei dahingehend, dass sie auch neue Bedeutungen erlangen und auf diese Weise sogar der Bequemlichkeit des Autors dienen, der sich als zu Hause, d. h. als Herr über die von ihm selbsttätig eingerichtete Welt empfindet. Es ist erstaunlich zu sehen, wie weit Herder mit dieser Konzeption der Dekonstruktion etwa eines Jacques Derrida vorausgreift, indem er zu denken wagt, dass nichts, was als Sinn der Überlieferung galt, ein für alle Mal festgelegt sein kann, sondern immer wieder neu aktualisiert werden muss und dabei notwendigerweise zu einem Wandel der Bedeutungen führt. Vielleicht, könnte man in radikalisierender Absicht formulieren, haben die Texte der Vergangenheit sogar einen Anspruch darauf, auf die von Herder vorgezeichnete Weise gelesen zu werden. Nun zu meinem eigenen Vorhaben. Die Schriften von Herder fielen mir zu einem Zeitpunkt in die Hände, an dem ich wieder und wieder nachdenklich auf den Stapel mit Vorlesungen sah, die ich während meiner Jahre an der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz gehalten hatte. Sie lagen in einer Ecke meines Arbeitszimmers und staubten vor sich hin. In den Keller tragen mochte ich sie nicht, weil ich doch meinte, die eine oder andere wertvolle Einsicht damals vorgetragen zu haben, aber sie in dieser Form veröffentlichen wollte ich...


Geisler, Eberhard
Eberhard Geisler, geb. 1950, ist Literaturwissenschaftler, Autor und Übersetzer. Er studierte Germanistik und Romanistik in Frankfurt a.M., Madrid und Hamburg. Nach seiner Lehrtätigkeit am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin hatte er die Professur für Iberoromanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne. 1990 erhielt er den Premi Nacional de la Literatura Catalana in der Sparte Übersetzung.
Veröffentlichungen u. a.: In drei Gottes Namen. Bruchstücke einer Eröffnung des Raums (2021); A bigger splash. Neue Notizen (2020); Literarische Scherflein. Notizen (2019); Mikronotizen (2017); Geld bei Quevedo. Zur Identitätskrise der spanischen Feudalgesellschaft im frühen 17. Jahrhundert (1981).



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