Gruber Mut zum Genuss
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-99001-128-7
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Warum uns das gute Leben gesund und glücklich macht
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-99001-128-7
Verlag: edition a
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Schluss mit Diätwahn und chronisch schlechtem Gewissen: Lassen wir uns von den Gesundheits-Aposteln nicht mehr das Leben versauern, denn was uns wirklich gesund und glücklich macht, ist die hohe Kunst des Genießens. Die Ernährungswissenschaftlerin Marlies Gruber zeigt in ihrem Buch „Mut zum Genuss“, wie wir durch Emanzipation vom kulinarischen Trend des Verzichtens wahre Lebensqualität gewinnen, und wie wir in einer Welt des Überflusses und der ständigen Verlockungen richtiges Genießen wieder lernen können.
Ein provokantes Buch, das genussfeindliche Theorien und Haltungen gekonnt entlarvt und zurückführt zu einem intensiven und entspannten Verhältnis zum Essen und zum Trinken.
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EINE KULTURTECHNIK IN DER KRISE ODER:
WARUM KLAPPT ES OFT NICHT?
»Wenn das Alte stirbt und das Neue (noch) nicht geboren werden kann, spricht man von einer Krise«, so hat es einmal der italienische Philosoph Antoni Gramsci formuliert. So gesehen leben wir nicht nur in einer Wirtschafts-, sondern seit langem schon in einer Krise rund ums Essen und Genießen: Rund um unseren Umgang mit Lebensmitteln, unser Verständnis über deren Herstellung, die Wertschätzung für die Produkte und auch die Zeit, die wir dem Essen und Trinken, der Besorgung und Zubereitung, dem geselligen Miteinander einräumen. Tagtäglich heißt es zu entscheiden: noch ein Bissen oder aufhören? Alleine jetzt essen oder später gemeinsam? Einkaufen und kochen oder doch auswärts essen? Gemüse oder Fleisch? Saisonal und regional? Bio oder konventionell? Selbst gemacht oder Fertigprodukt? Oder fertig, aber »wie selbst gemacht«? Wie wir entspannt und gelassen mit dem Angebot und unseren Möglichkeiten Lebensstilen umgehen – das ist noch nicht »neu geboren«. Wir sind mitten drin, in der Genuss-Krise. Wie und was wir konsumieren, spiegelt wider, wo und mit wem wir leben. Essen und Trinken werden daher als ein soziales Totalphänomen bezeichnet. Das heißt nichts anderes, als dass es auf viele Bereiche des Lebens wirkt und umgekehrt von vielen beeinflusst wird. Es ist ein Unterschied, ob ich in einem Dorf lebe oder in einer Stadt mit unzähligen kulinarischen Angeboten. Auch die Bedingungen am Arbeitsplatz vermitteln eine kulinarische Struktur: Gibt es eine Kantine, eine Küche oder ansprechende und leistbare Lokale rundherum? Wie viel Zeit darf das Essen einnehmen? Welchen Stellenwert hat es? Mit wem isst man? Und mit wem nicht? Wie verändern sich eigene Gewohnheiten mit einem Wohnsitz-, Partner- oder Jobwechsel? Essen und Trinken sind höchst individuell und gleichzeitig ein sozialer Spiegel. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Die Antworten darauf zeigen sich eben auch darin, wie wir mit Nahrung umgehen. »Essensordnungen sind Offenbarungen über Kulturen«, deutete Friedrich Nietzsche schon an. Schließlich definieren sich Gesellschaften nicht bloß über ihre rechtlichen, sozio-ökonomischen und politischen Systeme. Nationalgerichte stehen oft stellvertretend für das Savoir-vivre eines Landes. Was wäre Österreich ohne Wiener Schnitzel, Apfelstrudel oder Kaiserschmarren? Italien ohne Pasta und Pizza, Spanien ohne Paella? Deutschland ohne Bratwurst, England ohne Fish and Chips oder Roastbeef? Die Schweiz ohne Käsefondue und Raclette? Ungarn ohne Gulyás? Und Frankreich? Seit 2010 zählt die gesamte Küche zum Weltkulturerbe. Bouillabaisse, Coq au Vin, Mousse au Chocolat, eine delikate Käseauswahl und Wein als immanenter Begleiter: Nicht die Speisen an sich überzeugten die UNESCO für ihre Entscheidung, die französische Küche als Kulturerbe zu verankern. Viel eher sei in Frankreich die Cuisine française eben die gebräuchlichste Art, die »wichtigsten Momente im Leben zu feiern". Damit zählt die Art und Weise, wie die Franzosen essen, nun selbst zu einem schützenswerten Kulturgut. Anlass für den Antrag war der Umstand, dass das traditionelle Essen mit Apéritif, Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch, Käse und Kaffee nur noch selten stattfinde. Zu sehr würde Fast Food um sich greifen, die Mahlzeiten werden immer kürzer und Kinder würden die kulinarische Tradition nicht mehr mitbekommen. Dagegen sollte ein Signal gesetzt werden. Das Essen selbst, und nicht nur die Lebensmittel, soll wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft erlangen. Auch die Italiener greifen zu kulturell ausgezeichneter Küche: Die gesamte mediterrane Kost wurde ebenso zum immateriellen Weltkulturgut erhoben. Auf ihre traditionelle Lebens- und Ernährungsweise besinnen sie sich nun aber in einer Zeit, in der die industrielle Produktion schrumpft, die wirtschaftliche Kraft nachlässt, die Arbeitslosigkeit zunimmt, die Infrastruktur in den Städten zusammenbricht. Sie ziehen vermehrt auf das Land, übernehmen Höfe und widmen sich wieder der Produktion regionaler Nahrungsmittel. In der Krise entdecken die Italiener erneut ihre Lebensfreude im Einfachen und Unverfälschten. Sie nehmen sich Zeit für Belohnung. Sich etwas gönnen gleicht dem Rettungsanker im tristen Alltag. Genuss gewinnt als Antidepressivum an Wert. Kostengünstiger lassen wir uns nicht bei Laune halten. Nur: Genießen muss erlaubt sein. Und: Genießen können fällt nicht allen in den Schoß. Es braucht ein förderliches Umfeld, eine genussfreundliche Kultur, einen entspannten Zugang. Woran liegt es, dass wir nicht »genießen«, sondern »sündigen«? 3.1 DIE GESUNDHEITSGESELLSCHAFT: VOM SECHSTEN KONDRATIEFF ZUR IDEOLOGIE
Der Wert »Gesundheit« hat gesellschaftlich eine beachtliche Aufwertung erfahren. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Eine resultiert aus der Theorie der langen Wellen. Im Gegensatz zu kurzen und mittleren Wirtschaftszyklen mit einer Dauer von drei bzw. sieben bis elf Jahren sind das jene Grundschwingungen in der Marktwirtschaft, die einen Zeitraum von 40 bis 60 Jahren umfassen. Sie werden nach ihrem Entdecker Nikolai Kondratieff »Kondratieffzyklen« genannt. Auslöser dieser langen Wirtschaftszyklen sind bahnbrechende Erfindungen, die große gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen mit sich bringen. Das war die Dampfmaschine ebenso wie die Erfindung des Autos oder die Informationstechnologie. Das Gesundheitswesen ist nun der Antriebsmotor für die sechste lange Welle, die um die Jahrtausendwende begann. Zwei Innovationsschübe sprechen dafür: die Biotechnologie und der Stellenwert psychosozialer Gesundheit. In den Bereich Biotechnologie fallen Ernährung, Therapien, Medizintechnik, Diagnosen, Medikamente, Landwirtschaft, Umwelt- und Naturschutz, Energieerzeugung, et cetera. Die psychosoziale Gesundheit birgt Potenzial, wenn man alle Kosten, Verluste und Schäden zusammenzählt, die mit Kriminalität, Diebstahl, Betrug, Drogen, Gewalt, Korruption, Menschenhandel, Terrorismus, Umweltzerstörung, Energievergeudung, Ausgaben für innere und private Sicherheit, Bürgerkriege und militärische Einsätze zusammenzählt. Ein weit gespanntes Feld. Für den Einzelnen aber ist Gesundheit als Megatrend eher spürbar, weil sie ideologischen Charakter angenommen hat. Gesundheit wird als das höchste Gut des Menschen verkauft. Und viele glauben, das war schon immer so. Doch das ist falsch. Gesundheit zu verabsolutieren ist ein Zeichen unserer Zeit. »Das Streben nach Gesundheit kompensiert die innere Glaubensleere unserer Gesellschaft«, meint der österreichische Schriftsteller, Theaterregisseur und Filmemacher Walter Wippersberg. In Deutschland gehen mehr Menschen ins Fitnessstudio als in die Sonntagsmesse. Er spricht gar von einer »Gesundheitsreligion«, die, wie banal, als einziges Ziel ein möglichst langes Leben hat, sich nur diesseitig orientiert. Moral, Tradition und etablierte Religionen bilden keine stabilen gesellschaftlichen Werte mehr und halten keine allgemein gültigen Argumente gegen abweichendes Verhalten bereit. Der »Sünder« wäre ausgestorben, gäbe es nicht den gesellschaftlichen Imperativ zur Gesundheit. Wer sich heute »ungesund« verhält, zu viel isst, zu wenig Sport macht, wessen Körperform vom Ideal allzu sehr abweicht, wer zu viel raucht, Alkohol trinkt, nichts gegen Stress tut, seine Psyche vernachlässigt, Vorsorgeprogramme verweigert, und letztendlich der Gemeinschaft auf der Tasche liegt, weil sich Diabetes, Bluthochdruck, Depression oder Adipositas entwickelt haben, wird als unsozial gebrandmarkt – steht am Pranger. Johann Kinzl, Psychosomatiker an der Universitätsklinik Innsbruck, spricht vom »Foodamentalismus« und sieht diesen ebenfalls im Gesundheitswahn begründet. Das Essverhalten wird krisenanfällig, weil die Gesundheitsaspekte zu sehr in den Vordergrund rücken und gleichzeitig der Vergnügungsfaktor vernachlässigt wird. Es wird durch Vorschriften und eine Auswahl nach »guten« und »bösen« Lebensmitteln gestört. Vor Jahren schon wurde dieses Phänomen wissenschaftlich beobachtet und unter dem Begriff »Orthorexie« zusammengefasst. Dabei geht es um ein krankhaftes »richtig essen«. Was sich bei den einen als Splen entwickelt und noch als verschrobener Zugang zum Essen bezeichnet werden kann, mausert sich bei anderen zur veritablen Essstörung, die in ihrer Manifestation durchaus mit Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht) mithalten kann. Generell geht es aber weniger um die Tatsache, dass immer mehr Menschen aus verschiedenen Motiven heraus ihr Lebensmittelspektrum einengen. Verstörend ist der Gutmensch-Aspekt, das Missionarische und Ideologische daran. Denn Gesundheitsideologen unterscheiden messerscharf zwischen richtig und falsch, zwischen »gut« und »böse«, wünschenswert und verdammungswürdig. Ihre Gesinnung ist binär codiert: 0 oder 1. Es gilt das eine oder genau das andere. Dazwischen hat nichts Platz. Schwarz oder Weiß – Grautöne fehlen. Ideologen übernehmen Verantwortung für Ihre Haltungen, nicht aber für ihre Handlungen. Sie sehnen sich nach klaren Handlungsempfehlungen. Dafür können die Fakten durchaus etwas verdreht werden. Der Zweck heiligt die Mittel. Rationale Gründe sind nur von Interesse, wenn sich damit eigene Positionen untermauern lassen. Philosophen dagegen wägen ab. Sie sind auf der Suche nach dem rechten Maß, haben die Konsequenzen im Auge und bemühen sich um eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Um das konkreter zu machen, ein Beispiel anhand der Frage: »Soll man Schweinefleisch essen?«. Philosophen werden darauf antworten: »Kommt darauf...