Gülke | Musik und Abschied | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 362 Seiten

Gülke Musik und Abschied

epub 2 mit Zitierfähigkeit
Auflage 2015
ISBN: 978-3-7618-7024-2
Verlag: Bärenreiter
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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ISBN: 978-3-7618-7024-2
Verlag: Bärenreiter
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Peter Gülke widmet sich in 54 Essays dem großen Thema Tod und Abschied in der Musik, aber auch in der Literatur. Mit unnachahmlicher Sprachkraft präsentiert er Erkenntnisse, die von allgemeinem Interesse und bedeutend für den kulturellen Diskurs über Tod und Vergänglichkeit sind.

Musik ist als diejenige unter den Künsten charakterisiert worden, die in besonderer Weise von Vergänglichkeit und Tod spricht. Wie aber tut sie das?
Peter Gülke gibt darauf vielfältige Antworten.

Aus dem Inhalt:

• Wieviel Totentanz ist in überlang dahinwirbelnden Finali bei Mozart und Schubert enthalten?
• Warum bekommen Tristan und Isolde nicht den Liebestod, den sie so überwältigend besungen haben?
• Warum fällt Musik bei Nennung des Todes in einen harmonischen Abgrund?
• Wie gehen Komponisten mit den Grausamkeiten der „Dies-irae“-Sequenz um?
• Wie gedenken Komponisten verstorbener Kollegen?
• Welche Erfahrungen liegen der Todesmystik in Bachs frühen Kantaten zugrunde?
• Warum muten etliche Schlusspassagen bedeutender Romane wie insgeheim von Musik unterlegt an?

Peter Gülke ist Träger des Ernst von Siemens Musikpreises und des Sigmund Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa. Er ist Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Selbstgespräche I
Gibt es wirklich, was wir nie genau wissen werden: dass der Tod kurz vor Toresschluss, wenn die Schwelle niedrig und sein Sieg sicher ist, locker lässt und die Zuständigkeit über den letzten Schritt dem Betroffenen überlässt; dass sich entgegen aller zuvor verloren gegangenen Verfügungsgewalt eine letzte Enklave von Entscheidungsfreiheit auftut? · · · · · Fleischbeschau: Sie liegt auf der Intensivstation, an Apparate angeschlossen, ein Arm mit Kanülen bestückt, der andere bandagiert, weil sie aus dem Bett gefallen, das Schlüsselbein gebrochen war und ruhiggestellt werden musste. Ich sitze bei ihr, halte ihre Hand und suche im halb abwesenden Gesicht nach Hoffnungszeichen. Laut und leutselig rauscht der Chefarzt mitsamt Gefolge herein, will Leben in die Bude bringen; Zeit zur Begrüßung von Kranken oder Angehörigen nimmt er sich nicht, tritt ans Bett und stößt an mich, ohne zu reagieren. Kein Blick ins Gesicht der Kranken – es geht um die Krankheit und darum, sie dem Gefolge vorzuführen. Er hebt die Bettdecke, zeigt auf den nackten, gedunsenen Leib, diktiert geschäftig ein paar Worte und ist aus dem Zimmer heraus, ehe ich, halb betäubt, begreife, was geschehen ist. Wo blieb, was so leicht fiele – Zuwendung, Zuspruch? · · · · · |46| »Tristesse commerciale« gibt’s auch, neben geschäftsfördernden Verbindlichkeiten, die in Frankreich »sourire commercial« heißen. Die Frau in der Bestattungsfirma redet leise, als sei ich krank und sie die Betroffene. Eine Woche später überbietet sie der Angestellte, der die Urne pathetisch hocherhoben wie eine Monstranz zum Grab trägt. Ich erwische mich bei der Vorstellung, in dem rotglänzenden Töpfchen würde jemand leise vor sich hin kichern. · · · · · Wo bist du? Die Frage widerlegt sich selbst, die Worte greifen ins Leere. »Wo« unterstellt einen Ort, an dem sie sich aufhält. Bei »bist« kann man nicht seinsvergessen genug sein, um es als sinnfreie Kopula zu verstehen; können Tote auf irgendeine Weise noch »sein«? »Du« setzt voraus, dass es etwas als »du« Ansprechbares gäbe. · · · · · |47| Du öffnest die Haustür, Stille dröhnt dir entgegen, als hätte alles sich zur Verweigerung verschworen, hätte alle Hinweise auf Gebrauch, Umgang und Leben in Fragezeichen und Drohgebärden verwandelt. Wie es jenseits von absoluter Leere schwarze Löcher, Anti-Materie, ein Noch-mehr-als-Nichts gibt, so hinter der Stille Anti-Lärm, unerträglich schrilles Schweigen. · · · · · Die Uhr sei abgelaufen, sagten Ärzte, nicht nur sie, und meinten Trost zu spenden: da das Ende, weil notwendig, von ihr gar gewollt, doch auch Sinn gehabt habe. Welcher Betroffene aber will es sinnvoll finden, will getröstet sein? Selbst technisch verlängertes Verdämmern macht es schwer. Auch hätte vieles im Gestorbenen noch leben können, wurde nur mitgerissen. Noch der bestgemeinte Trost erscheint abstrakt, hängt zu hoch über dem Geschehenen. Den Nächsten nämlich erlebt man als beweglichsten; zu dieser Beweglichkeit gehört das »ad infinitum« so sehr, dass der Bescheid der abgelaufenen Uhr anmaßend erscheint, sei er diagnostisch noch so gut fundiert. Der Tod ist groß, dunkel und allemal plötzlich; mit Begründungen sollten wir ihm nicht nachrennen. · · · · · »Die Luft ist still, als atmete man kaum.« »Die Blätter fallen, fallen wie von weit.« Die schönsten Gedichte hätten zu verdeutlichen nicht ausgereicht, wie wir es in den Tagen zwischen Tod und Trauerfeier wahrgenommen haben: herumgelaufen in einem sonnigen, golden prunkenden Herbst, der alle Preislieder beschämte. Windstille, in der die Blätter gemächlich, jedes anders gefärbt, jedes anders schaukelnd, in je anderen Kurven heruntertrudelten. »O stört sie nicht, die Feier der Natur!« Dann brach jäh November ein, wenig später deckte der erste Schnee das Grab. Das war, soweit man so reden darf, richtig. · · · · · »Ein helles Haus, und eine liebe Seele drin«: das Licht im Wohnzimmer, wenn er nach Hause kam; das Gesicht hinter der Fensterscheibe, wenn er das Fahrrad draußen vorbeischob; die vorweg geöffnete Tür – vorbei. Nicht nur sie ist gegangen. Jetzt erfährt er, wie sehr alles, heideggersch gesprochen, |48| nicht nur vorhanden, sondern zuhanden gewesen ist – das Knarren der Dielen redet von ihren Tritten; Kochlöffel reden von der Hand, die sie führte; Bücher von der, die sie las; der Schreibtisch davon, dass sie dort saß und schrieb; Musik von der, die sie hörte. · · · · · Man wird empfindlich – ad exemplum: »Am 4. März stirbt Franz Marc. Er fällt während eines Erkundungsritts in der Nähe des Dorfes Braquis bei Verdun. Doch durch seinen Glauben an eine neue Wirklichkeit hat er den Tod längst überwunden.« So weiß es die Verfasserin eines Katalogs. Ein bisschen Transzendenz, schon haben wir’s! Und brauchen nicht mehr schlimm zu finden, dass einer erschossen wurde. Er hat’s ja vorher schon überwunden. Als ob es die »neue Wirklichkeit« leicht gemacht hätte, er es ihr schuldig gewesen sei, sich abknallen zu lassen. · · · · · Es beginnt beim Alltäglichen und endet weit draußen im verdunkelten Lebenshorizont: sie nicht mehr da, die man fragen, mit der man reden konnte. Auf der Mitte zwischen Anprall am Nicht-Begreifen und schlechtem Gewissen – »hätte ich doch noch …« – rumoren je nach Stimmungslage Verdacht |49| oder Gewissheit, dass die Kameradschaft, das Geschenk der Gemeinsamkeit zu selbstverständlich waren. Dagegen hilft die Einsicht wenig, dass zum Geschenk auch die Selbstverständlichkeit gehörte. · · · · · Vordruck-Beileid glanzkaschiert: »In tiefster Anteilnahme« steht in Zierschrift auf dem blitzblanken Faltkärtchen, artig in diskretes Dunkelbraun nebst brennender Kerze gesetzt; innendrin eilig geschrieben »Ihre …«. Betroffene müssen nicht überempfindlich sein, um sich nicht ernst genommen zu fühlen: Vorgefertigtes beim persönlichsten Anlass. »Wenn es keine Worte mehr gibt, kommen die Klischees. Das fühlt sich schrecklich an. Als würde dir jemand ein Eisenhemd überziehen« (David Grossmann). Als Zeichen, das für mehr steht, kommt das Kärtchen zu prätentiös daher, eher sagt es, der Trauerfall sei damit für »Ihre …« erledigt. »Tiefst« Anteil nehmen kann man aus der Ferne ebenso wenig, wie man nach einer Mahlzeit Hunger empfinden kann. Zu gestehen, man könne es nicht, würde mehr Anteilnahme verraten. Da aber fehlen unterschriftsreif aufbereitete Vordrucke. · · · · · Jetzt überrascht es mich, die Möglichkeit, dass sie sterben werde, in Notaten aus den letzten Monaten mehrmals angesprochen zu finden; die Erinnerung hat jene Zeit ins Licht der Hoffnung geschoben, alles könne wieder gut werden. Hoffnungen waren zumindest so weit im Recht, als man zwar den Tod, nicht aber den nächsten Menschen, solange er lebt, tot denken, beides zusammenbringen kann. So blieb der naheliegende Gedanke abstrakt – ein Menetekel im Blick auf das Konjunktivische, Freischwebende von vielem, was wir denken. Sie lebte ja! Das hat uns in Hoffnungen Eingesperrte für die aufs Ende deutenden Wirklichkeiten blind gemacht. · · · · · |50| Unerreichbar, unbelangbar – vom letzten Morgen kommt die Erinnerung nicht los. Je mehr Zeit vergehe, so sagt man, desto eher löse sich die Obsession, nur der schlimmste Kummer schaffe Nähe, halte Rückwege offen. Vielleicht löst sie sich, weil niemand extreme Gemütslagen lange durchhält, immerfort die Geißel des schlechten Gewissens über sich schwingen kann, wenn er anderen Dingen zugewendet war, mit Freunden gelacht und erlebt hat, wie verschieden er sich geben und sein kann. Wie sehr war der, der hier sich in Arbeit versenkt, dort mit anderen lacht, derselbe, der danach in schwarze Löcher fiel? »Moi un autre.« · · · · · Wann hat die Reise begonnen, wann hat sie sie bewusst angetreten, sie bejaht? »Sie arbeitet nicht mit«, war die Auskunft einer Ärztin etliche Wochen, bevor wir spürten, dennoch nicht wahrhaben wollten, dass sie von der gemeinsamen Lebensbahn in eine eigene abzubiegen begann. Dass sie in den letzten Jahren oft sagte, sie habe genug gesehen, gehört, erlebt, dass der Lebenshunger mancher Altgewordenen sie abstieß, rückt sie nah heran an die, die (frei nach Horaz) »am Ende Abschied nehmen wie ein gesättigter Gast«. |51| Schon, als es nicht bedrohlich aussah, litt sie ausführliche Krankenbesuche selten, schickte uns weg und zog sich in sich selbst zurück, als müsse sie die Reise vorbereiten, sich auf das heranfahrende dunkle Tor konzentrieren. · · · ·...



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