Hartmann | Deutsche Sprachgeschichte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 376 Seiten

Hartmann Deutsche Sprachgeschichte

Grundzüge und Methoden
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8463-4823-9
Verlag: UTB
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Grundzüge und Methoden

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

ISBN: 978-3-8463-4823-9
Verlag: UTB
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sprache ist nichts Statisches, sondern in stetem Wandel begriffen. Um zu verstehen, wie die deutsche Sprache wurde, was sie ist, muss man sich daher mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Diese Einführung präsentiert umfassend, verständlich und aktuell den Stand der germanistischen Sprachgeschichtsforschung und gibt Studierenden und Lehrenden zahlreiche Methoden an die Hand, selbst historische Sprachwissenschaft zu betreiben. Von der komparativen Methode über Korpuslinguistik bis hin zu komplexen phylogenetischen Methoden wird das Repertoire der germanistischen Sprachgeschichtsforschung erklärt und mit vielen Aufgaben eingeübt. Zahlreiche Beispiele und Übungsaufgaben sowie umfangreiches digitales Begleitmaterial machen das Buch zu einem idealen Begleiter in Studium und Lehre.

Dr. Stefan Hartmann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorwort 9
1. Einführung 11
2. Sprachwandel verstehen und untersuchen 21
2.1 Sprachwandel verstehen 21
2.2 Untersuchungsmethoden 29
3. Vom Indoeuropäischen bis heute: Im Schnelldurchlauf durch die deutsche Sprachgeschichte 83
3.1 Vorgeschichte der deutschen Sprache: Vom Indoeuropäischen zum Westgermanischen 87
3.2 Althochdeutsch 93
3.3 Mittelhochdeutsch 99
3.4 Frühneuhochdeutsch 104
3.5 „Und was mache ich jetzt damit?“ 110
4. Phonologischer Wandel 111
4.1 Phonologischen Wandel verstehen 111
4.2 Phonologischen Wandel untersuchen 137
5. Morphologischer Wandel 143
5.1 Morphologischen Wandel verstehen 143
5.2 Morphologischen Wandel untersuchen 166
6. Syntaktischer Wandel 183
6.1 Syntaktischen Wandel verstehen 183
6.2 Syntaktischer Wandel untersuchen 200
7. Lexikalischer und semantischer Wandel 237
7.1 Lexikalischen und semantischen Wandel verstehen 237
7.2 Lexikalischen und semantischen Wandel untersuchen 254
8. Pragmatischer Wandel 265
8.1 Pragmatischen Wandel verstehen 265
8.2 Pragmatischen Wandel untersuchen 285
9. Graphematischer Wandel 299
9.1 Graphematischen Wandel verstehen 299
9.2 Graphematischen Wandel untersuchen 312
10. Fortsetzung folgt: Sprachwandel gestern, heute und morgen 323
Anhang: Wie man eine sprachgeschichtliche (Seminar-)Arbeit schreibt 327
Aufbau 327
Häufige Fehler 328
Wie zitiere ich richtig? 332
„Vorbilder“ finden – Konventionen erkennen 335
Abkürzungsverzeichnis 337
Vorstufen des Deutschen 337
Sprachstufen des Deutschen 337
Weitere indoeuropäische Sprachen 337
Korpora und Quellen 337
Literaturverzeichnis 339
Software 339
R-Pakete 339
Korpora 339
Forschungsliteratur 340
Index 373


2.1 Sprachwandel verstehen


2.1.1 Untersuchungsebenen


In der Beschäftigung mit Sprache unterscheidet man traditionell verschiedene Betrachtungsebenen, die sich mit Nübling et al. (2013) auch als „Schichten“ interpretieren lassen: Phonologie, Morphologie und Syntax bilden in diesem Modell gleichsam den Kern der Sprache. In den äußeren Schichten sind Semantik, Lexik und Pragmatik angesiedelt. All diese Begriffe können sowohl eine Teildisziplin der Linguistik als auch ihren Forschungsgegenstand bezeichnen: So kann man von der , also der Bedeutung, eines Wortes sprechen, aber auch von als linguistischer Disziplin, die sich mit der Untersuchung von Bedeutung befasst. Ähnlich kann man von der einer Sprache, etwa des Deutschen, sprechen oder auch von Phonologie als linguistischer Teildisziplin.

Fig. 1: Überblick über die verschiedenen Untersuchungsebenen.

Gegenstand der Phonologie (Kap. 4) sind Phoneme, also die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten in einer Sprache (s. auch Infobox 1). Die Phonologie ist nicht zu verwechseln mit der Phonetik , die sich mit den konkreten lautlichen Realisierungen von Phonemen, den sogenannten Phonen (Singular: Phon), befasst.

Die Morphologie (Kap. 5) befasst sich mit den kleinsten bedeutungstragenden Einheiten einer Sprache, den sogenannten Morphemen. Der Unterschied zwischen Phonem und Morphem lässt sich an den Beispielen und aufzeigen: Beide unterscheiden sich in nur einem Phonem, /h/ vs. /m/. /h/ und /m/ sind daher bedeutungsunterscheidend, ohne jedoch selbst Bedeutung zu tragen. Die Wörter und hingegen tragen Bedeutung. So lässt sich die Frage: „Was bedeutet ?“ beantworten mit: „Das Wort bezeichnet ein Nagetier.“, während die Frage „Was bedeutet /h/?“ keinen Sinn ergibt.

und sind also Morpheme. Doch nicht jedes Morphem ist ein eigenständiges Wort. Beispielsweise ist auch das - in eine bedeutungstragende Einheit: Es bringt die grammatische Information ‚Plural‘ zum Ausdruck. Dieses Beispiel zeigt auch, dass Wörter oft aus mehr als einem Morphem bestehen. besteht aus zweien, dem Stamm und dem Pluralmarker -. Während frei vorkommen kann, ist dies beim Pluralmarker nicht der Fall: -en .

Den Bereich der Morphologie kann man unterteilen in Wortbildung und Flexion . Mit Flexionsmustern, die grammatische Informationen wie Tempus (Zeit) oder Numerus (Anzahl) kodieren, werden unterschiedliche Formen desselben Wortes gebildet, z.B. (Präsens) – (Präteritum), (Singular) – (Plural). Durch Wortbildung indes entstehen neue Wörter, etwa durch Komposition ( + + ? ) oder durch Derivation, z.B. mit Suffixen wie :

Die Syntax (Kap. 6) schließlich befasst sich mit der Frage, nach welchen Prinzipien Wörter zu Phrasen und Sätzen kombiniert werden. Die Wortstellung ist dabei keineswegs willkürlich. Vielmehr erfüllt auch sie oft genug eine ganz konkrete Funktion. So unterscheidet sich die Wortstellung im Deutschen zwischen Aussage- und Fragesatz:

(1)

Ich SUBJ treffe meine Tante OBJ .

(2)

Triffst V du SUBJ auch deinen Onkel OBJ ?

Damit kommen wir zu jenen Untersuchungsebenen, die zwar oft nicht der „Kernlinguistik“ zugerechnet werden, aber nicht minder bedeutsam sind: Lexik, Semantik und Pragmatik. Die Lexik (Kap. 7) bezeichnet den Wortschatz einer Sprache, der ebenfalls einer diachronen Dynamik unterliegt – so kann er etwa durch Entlehnung erweitert werden, während andere Wörter außer Gebrauch kommen. Beispielsweise gehört , im Mittelhochdeutschen noch ein geläufiger Begriff, dessen Bedeutung sich mit ‚Güte, Segen, Glück‘ umschreiben lässt, nicht mehr zum neuhochdeutschen Wortschatz, während wir im Mittelhochdeutschen ein Wort wie vergeblich suchen. Semantik (ebenfalls Kap. 7) befasst sich mit der Bedeutung von Wörtern und Konstruktionen. Dabei ist, wie Kap. 7.1 zeigen wird, sehr umstritten, was genau unter zu verstehen ist und wie weit der Bedeutungsbegriff gefasst werden kann: Können wir beispielsweise sagen, dass ein Suffix wie - in eine Bedeutung hat? Manche neueren Ansätze gerade in der Konstruktionsgrammatik (vgl. z.B. Kap. 6.2.3 und 8.2.2) vertreten dabei einen sehr weiten Bedeutungsbegriff, nach dem beispielsweise auch syntaktische Muster Bedeutung tragen können.

Die Pragmatik (Kap. 8) schließlich befasst sich mit sprachlichem . Dazu gehören z.B. Aspekte, die über die wörtliche Bedeutung einer Äußerung hinausgehen. Beispielsweise kann mit einer Aussage wie eine indirekte Aufforderung vermittelt werden: ‚Bitte schließe das Fenster!‘ Es handelt sich um einen sog. indirekten Sprechakt. Auch andere Aspekte der konkreten Sprachverwendung, etwa die Verknüpfung von Äußerungen mit positiven oder negativen Einstellungen (vgl. vs. ) oder auch mit Kontextfaktoren (vgl. vs. ), gehören in den Bereich der Pragmatik. Die Grenzen zwischen Semantik und Pragmatik sind dabei oft fließend. So lässt sich darüber streiten, ob das Wort und sein pejoratives (abwertendes) Pendant die gleiche Bedeutung haben, weil sie beide auf ein Tier der biologisch genannten Gattung referieren und sich nur pragmatisch unterscheiden, oder ob der pejorative Gehalt als Teil der Semantik des Wortes gesehen werden muss.

Die Graphematik (Kap. 9) befasst sich mit der Verschriftung von Sprache. Dabei gilt es im Blick zu behalten, dass Schrift gegenüber der Sprache sekundär ist – Sprache(n) gibt es schon viel länger als Schrift, und bis heute können viele Menschen nicht lesen und schreiben, aber alle normal entwickelten Menschen beherrschen eine Sprache. Das hat dazu geführt, dass die Graphematik in der Linguistik lange Zeit ein Schattendasein geführt hat und teilweise immer noch führt. In der germanistischen Linguistik hat sich jedoch ein ausgeprägtes Interesse am Verhältnis von Sprache und Schrift entwickelt. Die Graphematik ist auch insofern ein sehr vielversprechender Forschungszweig, als man davon ausgehen kann, dass in einer alphabetisierten Gesellschaft, in der zudem Schrift quasi omnipräsent ist, unser sprachliches Wissen auch sehr stark durch die Verschriftung von Sprache geprägt ist.

2.1.2 Wie verändern wir Sprache? Zur Theorie des Sprachwandels


Holistische und modularistische Ansätze

Sprache sich wandelt, ist eine Tatsache, die kaum ernsthaft in Frage gestellt werden kann. Sprache sich wandelt und , ist jedoch umstritten. An dieser Stelle kann nur ein sehr knapper Überblick über verschiedene Ansätze gegeben werden, auch weil sich dieses Buch nur indirekt mit Sprachwandel beschäftigt – im Mittelpunkt stehen vielmehr Methoden, mit deren Hilfe sich Sprachwandel empirisch untersuchen lässt. Die empirischen Ergebnisse können dann wiederum theoretische Erklärungsansätze untermauern oder in Frage stellen.

Die Antwort auf die Frage, wie und warum Sprachen sich verändern, hängt stark von der Konzeption ab, die man von Sprache hat. Stark vereinfachend kann man zwei sehr unterschiedliche Auffassungen von Sprache unterscheiden, auch wenn es in beiden „Lagern“ sehr viel Variation gibt und die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Richtungen sehr viel unschärfer sind, als ich sie hier darstelle. Eine modularistische Sprachauffassung, wie sie insbesondere die generative Grammatik vertritt, sieht Sprache als eigenständige Komponente der Kognition. Sie nimmt an, dass es bestimmte Gehirnareale gibt, die spezifisch für Sprachverarbeitung zuständig sind. Das „Sprachmodul“ ist dabei zwar in einigen Varianten der Theorie...


Hartmann, Stefan
Dr. Stefan Hartmann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.



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