Henning | Die Tote von Sant Andreu | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Henning Die Tote von Sant Andreu

Roman
Erstauflage 2020
ISBN: 978-3-88747-400-3
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-88747-400-3
Verlag: Transit
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bei einem islamistischen Terroranschlag im Stadtteil Sant Andreu kommt Luise, die Zwillingsschwester von Lennart Halm, ums Leben. Halm, fassungslos vor Trauer und Entsetzen, reist sofort nach Barcelona. Er will wissen, wie sie, die in letzter Zeit wenig Kontakt zu ihm hatte, gelebt hat. Was hat sie gedacht und getan, mit wem war sie zusammen? Er erinnert sich an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend, an ihre Aufmüpfigkeit und Unbeugsamkeit, und wie die bewunderte Schwester mit 16 Jahren aus dem biederen Elternhaus ausgebrochen ist. Im ermittelnden Polizeikommissariat wird ihm gesagt, es gebe "dunkle Flecken" im Leben seiner Schwester, Ungereimtheiten. Halm hält das alles für absurd. Doch dann taucht ein Foto auf…
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Weitere Infos & Material


Köln
Der Anruf
Der Riss
Der Entschluss
Der erste Schritt
Der Aufbruch

Barcelona
Der Anfang
"Onze de Setembre"
Geister
Placa del Pi
Anne
Die Tür
Wie weiter?
Wieder allein
Die Bilder
Die Fragen
Die Toten von Sant Andreu
In den Abend, in die Nacht
Luise – reminds again
Nur eine kurze Berührung
Estatua de la Caperucita Roja
Im Sturm
In die Nacht
Nach dem Sturm ist vor dem Sturm
Mendel

Köln
Elf Tage später

Impressum


Der Riss
Nachdem er sein erhitztes Gesicht am Waschbecken unter dem eiskalten Wasser gekühlt hatte, ging er zurück in den Seminarraum und erklärte seinen erstaunten Studenten, die Sitzung aufgrund einer dringenden persönlichen Angelegenheit leider nicht fortsetzen zu können. Er warf seine Sachen in die Tasche und lief aus dem Raum. »Was ist denn, Lennart?«, rief Minda ihm hinterher, als er wortlos an ihr vorbei ging. »Später, lass mich bitte!«, erwiderte er halblaut, hob ohne sich noch einmal umzudrehen beschwichtigend den linken Arm, und lief in den nahegelegenen Park. Er warf seine Aktentasche auf eine der leeren Bänke und setzte sich, nahm sein Smartphone hervor und schrieb der Fakultäts-Sekretärin Gabriele Schlüter eine Mail, in der er sie bat, die für die Woche anberaumten Seminare abzusagen. Er nannte ihr den Grund und kündigte an, sich aus Spanien zu melden, sobald er die dortige Lage ein wenig überblicke. Dann schaltete er das Gerät aus und schob es zurück in die Tasche. Von den nahen Ringen drang das gleichförmige Rauschen des Verkehrs herüber, nur dann und wann unterbrochen vom Kreischen der Bremsen der Straßenbahnen. Er saß bereits eine ganze Weile auf der Bank, hielt seinen Oberkörper mit beiden Armen umfasst, als suche er Halt bei sich selbst, und ließ seinen Blick ziellos über die freie Ebene mit den ausgestorbenen Kronen der Bäume gleiten. Dann sank er gegen die Lehne und schloss die Augen. Die Feuchtigkeit des Wintermorgens kroch ihm unter die Kleider, und eigentlich hätte er frieren müssen. Doch er fühlte nichts. Das kleine Außenthermometer auf dem Balkon seiner Südstadtwohnung hatte am Morgen gerademal drei Grad Celsius angezeigt. Nun mochten es allerhöchstens fünf sein. Unwillkürlich bewegte er seinen Oberkörper vor und zurück, genau wie die beiden Unfallopfer, die er kürzlich auf der Autobahn gesehen hatte, ein Mann und eine Frau, die etwas abseits von einem völlig zerstörten Fahrzeug am Straßenrand gestanden, sich bei den Händen gehalten hatten und immerzu wortlos hin- und herwiegten, vor und zurück, als sei das schreckliche Ausmaß der Katastrophe, in die sie kurz zuvor geraten waren, nur so halbwegs erträglich. Jetzt verstehe ich, dachte er, und sah die beiden vor sich. Zwei Körper, die sich wie in einem absurden Tanz oder Ritual unaufhörlich vor und zurück bewegten. »Die genaue Zahl der Todesopfer lässt sich angesichts der vielen Schwerverletzten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau beziffern«, hatte Marenke gesagt. Sicher sei aber wohl, dass Luise unter den Getöteten sei. Die spanische Polizei habe Hinweise gefunden, die unstrittig auf ihre Person hindeuteten. Der IS habe sich über ein dem katalanischen Sender Catalunya Radio unmittelbar nach dem Anschlag zugespieltes Schreiben zu der Tat bekannt. Die Katastrophe hatte ihn durch ein paar aufgesagte Fakten erreicht. Die dünne, eben noch als schützend empfundene Haut der Normalität war jäh gerissen, und die Zugluft, die durch den entstandenen Riss ungebremst einströmte, war eisig und rau. Zum Schluss hatten sie ihm einen Zettel mit dem Namen, mehreren Telefonnummern und der Adresse des ermittelnden Sondereinsatzkommandos in Barcelona übergeben, sich verabschiedet und waren in ihren Polizeialltag zurückgekehrt, zu dem das Überbringen solcher Nachrichten offenbar ebenso zählte wie das Anhalten eines zu schnell gefahrenen Wagens oder das Absperren eines Tatorts mit rot-weißem Flatterband. Um ihn herum herrschte das eintönige Grau eines kühlen Novembertages. Der Himmel war ein konturloses Blatt, plan und ohne jede Tiefe, in das ein über die Dächer hinweg fliegender Vogelschwarm dunkle, fahrige Striche zog. Das Stillleben winterlicher Verödung. Überraschend kehrte der Vogelschwarm in einer weitausholenden Schleife zurück und schrieb eine dunkle Halbkreislinie in das Graublau. Plötzlich löste sich ein einzelnes Tier aus der Formation, scherte aus, driftete ab und versank steil, wie von einer Gewehrkugel getroffen, hinter dem Hauptgebäude. Als Kinder waren sie Nachmittage lang durch die weitläufigen Auen des Rheins gestreift, er und Luise, am liebsten durch die Poller Wiesen, und Faltern nachgejagt, Schachbrettern, Großen Ochsenaugen und den feuerrot leuchtenden kleinen Dukatenfaltern, um sie, wenn er sie mit seinem Netz erhascht und mit Chloroform betäubt hatte, in die Sammelbüchse zu legen, die Luise trug. Zuhause präparierte er die Schmetterlinge in minutiöser Kleinarbeit mit Nadeln und Papierstreifen auf den Spannbrettern, die ihm der Vater eines Freundes in seiner Werkstatt angefertigt hatte, ehe sie, wenn ihre Flügel für immer in der gewünschten Stellung erstarrt waren, mit Schildchen versehen in seine großen Schaukästen wanderten, die später an den Wänden seines Zimmers hingen. Wie oft hatte Luise ihn auf seinen Fangzügen durch die Auen begleitet, statt, was er nur zu gut verstanden hätte, mit ihren Freundinnen Rollschuh zu laufen oder ins Schwimmbad zu gehen? Hundert Mal? Oder noch öfter?. Luise hatte sich nicht sattsehen können am Funkeln und irisierenden Leuchten der Dukatenfalter, wenn das Sonnenlicht sich an den Schuppen ihrer dunkelgrau geränderten Flügel brach und reflektiert wurde. »Fliegende Edelsteine« hatte sie die kleinen Falter einmal bewundernd genannt. Viel später, da waren sie bereits erwachsen, hatte sie ihm gestanden, dass die Dukatenfalter der Grund dafür gewesen seien, weshalb sie, getrieben von dem unstillbaren Verlangen, sich etwas ähnlich Schönes an einer Kette befestigt um den Hals hängen oder an den Finger stecken zu wollen, damals, als Vierzehnjährige, Schmuck, allem voran rotgoldenen, zu stehlen begann und später Goldschmiedin geworden sei. Ich muss mit jemandem reden!, durchfuhr es Halm plötzlich, und er riss sich von den inneren Bildern los. Aber wen konnte er anrufen, um von Luises Tod zu erzählen und dadurch seinen Schmerz wenigstens für den Moment ein wenig zu mildern? Wen? Seine Mutter, die in Bickendorf gemeinsam mit anderen Demenz-Kranken in ihrem modernen, hellen Zimmer saß und das Leben, auf das sich ihre Existenz in der Pflegegemeinschaft »Zum Rosengärtchen« reduziert hatte, nur noch in Form flüchtiger Schatten oder Lichtspiegelungen wahrnahm, die dann und wann über die Ränder ihrer 10,75-Dioptrin starken Brillengläser huschten? Wohl kaum. Er sah ihr debiles Lächeln vor sich, und hätte sie in diesem Moment dafür ohrfeigen mögen. Oder seinen Vater, den großen Walter Helmut Halm, der vor Jahren sein gut gehendes Architekturbüro auf der Neusser Straße samt der vierzehn Mitarbeiter verkauft hatte, seine Frau gegen eine jüngere eintauschte und sich von ihr scheiden ließ, Köln den Rücken kehrte, und seither mit seiner deutlich jüngeren Freundin namens Anka in Bangkok lebte? Nein! Und was war mit Rebecca, die ihn vor knapp elf Monaten mit der Begründung verlassen hatte, lieber wieder alleine leben zu wollen, was ihn anfangs irritiert und wenig später wütend gemacht hatte? Ja, vielleicht sie… Rebecca hatte Luise nur aus seinen Erzählungen, und von den Fotos her gekannt, die er ihr zu Beginn ihrer Beziehung gezeigt hatte. Begegnet waren sich die beiden nie. »Ich bekomme einfach keine Luft mehr neben dir!«, hatte sie gesagt, als er nach dem Grund für ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen, gefragt hatte. »Für all den Raum, den du und deine Literatur einnehmen, ist diese Wohnung einfach zu klein. Wäre jede Wohnung zu klein! Und hätte unsere auch drei Zimmer mehr, so wäre darin trotzdem kein Platz für mich! Lennart, ich will das so nicht mehr. Ich ersticke sonst noch!« Am Ende hatte er ihr die schweren Umzugskisten in den Möbelwagen geschleppt und angesichts deren enormem Gewicht mit Blick in ihr erschöpftes, leicht erhitztes Gesicht gedacht: »Und ebenso schwer wiegt wohl auch deine Enttäuschung über mich!« Wahrscheinlich saß Rebecca in diesen Minuten in ihrer neuen Wohnung in Lövenich am spaltweit geöffneten Fenster, hielt mit ihren schönen schlanken Händen eine Schale Milchkaffee umfasst und atmete die erfrischende Luft wiedergewonnener Freiheit. Wohin hatte Luise gewollt, als sie kurz nach neun in die Bahn stieg?, ging es Halm plötzlich durch den Kopf. Und was hatte sie gedacht? Hatte sie ihre Kopfhörer aufgehabt und Musik gehört? Was hatte sie gehört in dem Moment, als es knallte? Massive Attack, Portishead, Laika oder Hooverphonic, so wie früher? Luise hatte immer ein Faible für Trip Hop und Dub gehabt, nachdem sie das erste Mal die Moonshake-Sängerin Margaret Fiedler gehört hatte. Halm hatte seiner Schwester zu ihrem fünfzehnten Geburtstag das Sonic Youth-Album Goo geschenkt, damals noch auf Platte in glänzendem, an Lakritz erinnerndem...


Peter Henning lebt als Autor von Romanen und Erzählungen in Köln. Zuletzt erschien sein Roman "Die Tüchtigen".



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