E-Book, Deutsch, 672 Seiten
Henning Die Tüchtigen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-22915-3
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
ISBN: 978-3-641-22915-3
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Sie fuhren dann doch später los, als Katharinas Zeitplan es vorgesehen hatte. »Ich will, dass wir vor den anderen da sind!«, hatte sie am Vorabend über die Balustrade gebeugt unmissverständlich heruntergerufen. Ihr senkrecht herabhängendes langes Haar hatte dabei ihr schmales, kantiges Gesicht eingerahmt wie schwere Vorhänge eine Theaterbühne, auf der mal wieder das Stück »Die Despotin« gespielt wurde. »Unbedingt!«, hatte Robert erwidert, wie er es immer tat, wenn er ihr das Gefühl geben wollte, ihr zuzuhören, in Wahrheit aber mit seinen Gedanken woanders war. Eben noch hatte er den Wagen aus der Werkstatt geholt, wohin er ihn drei Tage zuvor zur Inspektion gebracht hatte. Er hatte das Haus kurz nach neun verlassen, war aber erst zwanzig Minuten nach zehn wieder zurück gewesen. Als Katharina ihn von unten »Ich bin’s!« rufen hörte, kam sie sogleich die Treppe herunter, baute sich vor ihm auf und sah ihn auf ihre unnachahmlich Verstimmung anzeigende Art an und sagte: »Wo kommst du jetzt her? Wir wollten um halb zehn los! Wieso kann ich mich nie auf dich verlassen?« Robert wich ihrem stechenden Blick aus, der ihn einzufangen versuchte wie ein Glas eine Stubenfliege, und kam sich mal wieder wie ein Schuljunge vor, den man tadelte. Doch ehe er etwas zu seiner Verteidigung vorbringen konnte – was hätte er auch sagen wollen? –, deutete Katharina auf die auf dem Boden stehenden Koffer und Taschen und sagte: »Pack den Wagen! Ich möchte los!« Er sah an ihr vorbei durch die breite Glasfront hinter ihr hinaus in den Garten, der sich in fahlem, milchigem Grün bis zu der riesigen Trauerweide erstreckte. Da draußen, zwischen dem Pool und dem Holzschuppen, hatte er Anne das erste Mal flachgelegt. So hatte sie es hinterher ausgedrückt: flachgelegt. In Roberts Ohren hatte das ziemlich ordinär geklungen. Doch inzwischen mochte er es, wenn sie von Ficken sprach und ihm signalisierte, von ihm flachgelegt werden zu wollen. Es war Nacht gewesen und Katharina auf Lesetour, in jenem immer heißen letzten Sommer. Die eingeschaltete Unterwasserbeleuchtung des Pools hatte ihr blaues Aquariumslicht in die Nacht geschickt und in einem Radius von geschätzten fünf Metern die berauschende Illusion erzeugt, sie befänden sich mitsamt Rasen, Sträuchern und Bäumen in einer Glaskugel, die durch eine fremdartige, eisblau illuminierte Galaxis schwebte. Anne hatte sich unter ihm gewunden und stoßartig »Ja, oja!« und seinen Namen gehaucht, während er in gleichmäßigem Rhythmus auf ihr vor- und zurückglitt. Robert hatte ihr dabei ein paarmal die flache Hand auf den weit geöffneten Mund legen müssen, um ihre verräterischen Laute zu dämpfen. Dabei mochte er es, wenn sie sich unter seinen Stößen wand und ihm ihre Lust ins Ohr stöhnte. Nur bitte eben nicht da draußen, wo die Sträucher und Hecken Ohren hatten und schon ein unbedachtes Wort oder Geräusch in falsche Kontexte gebracht fatale Folgen für ihn haben konnte. Wochenlang hatte er es darauf angelegt, endlich bei ihr zum Zug zu kommen. Als sie im Gras sitzend angefangen hatte, ihre Bluse aufzuknöpfen, und ihn zu sich hinabzog, hatte er mit einem wohligen Triumphgefühl in der Brust »Na, endlich!« gedacht. Wenn sie in einer Viertelstunde losführen und anschließend ohne größere Staus durchkämen, konnten sie gegen halb drei am Meer sein. Am frühen Abend würden sie dann die anderen empfangen. In der Bar des Hotels. Zum Begrüßungsdrink. So hatte Katharina es jedenfalls Wochen zuvor geplant. Es war Donnerstag, der 7. April 2016, kurz vor halb elf Uhr. Bei Sonnenschein und milden zwölf Grad herrschte eine leichte Brise. Aus Ost wurden im Tagesverlauf mäßige Böen erwartet, und die Niederschlagswahrscheinlichkeit lag bei 0 l/m². Der Frühling zeigte an diesem Morgen sein freundliches Gesicht. In zwei Tagen würde Katharina Weskott fünfzig Jahre alt werden. Und jene sechs Personen, die sie aktuell für ihre besten Freunde hielt, plus Robert, sollten dieses aus ihrer Sicht fragwürdige Ereignis an einem langen Wochenende (drei Übernachtungen, auf ihre Kosten und ohne Kinder!) im Fünfsternehotel Nice Zand in Zandvoort an Zee gemeinsam mit ihr begehen. Damit sie nicht alleine mit Robert wäre, wenn sie unwiderruflich den geliebten Vierzigern für immer Adieu sagen musste und zugleich ab sofort jenem zweifelhaften Club angehörte, der ausschließlich (jedenfalls in ihren Augen) vom Lebenskampf bereits erkennbar gezeichnete »Schwellenwesen« zu seinen Mitgliedern zählte: Männer und Frauen, die nicht mehr jung und noch nicht wirklich alt waren, sondern irgendetwas Undefinierbares dazwischen. Robert trug wie befohlen die Koffer und Taschen hinaus zum Wagen und arrangierte sie anschließend so geschickt in dem geräumigen Kofferraum des gerade mal ein halbes Jahr alten nachtblau-metallicfarbenen 5-er-BMW Gran Turismo-Turbo, dass genügend Platz blieb für die beiden Sechserkisten Veuve Clicquot, die er in dem italienischen Großmarkt in der Südstadt gekauft hatte, in dem er sich, sofern es sein Flugplan zuließ, mit Anne auf ein schnelles Glas Prosecco traf. Auf den ersten hundert Kilometern sprach Katharina kaum ein Wort, sah nur stur raus in die vorbeiziehende Landschaft, um ihn mit ihrem eisernen Schweigen spüren zu lassen, wie sehr er sie verärgert hatte. Robert hatte eine Hand am Steuer und hielt den Blick starr geradeaus auf die Fahrbahn gerichtet, die sich, zu beiden Seiten durch hüfthohe Zäune begrenzt, wie eine dunkle Trasse durch die flache Landschaft zog und die Vorherrschaft einer streng funktional denkenden Zivilisation über die Natur und ihr chaotisches Wesen demonstrierte. Schwarzweiß gefleckte Kühe hoben träge die Köpfe und schlugen mit den Schwänzen, und in der Ferne jagten kleinere Wolkenformationen über den stahlblauen Himmel. Irgendwann auf der Höhe von Wesel sah Robert Katharina reuig von der Seite an und sagte: »Hey, ist okay, Kat! Ich hab’s verstanden! Robert war ein böser Junge – tut mir leid, okay?! Also lass es jetzt bitte gut sein, ja?!« Er sprach Kat wie Cat, Kätzchen, aus. Im Streit sagte er auch oft »Cut«, was auf Deutsch »Schnitt« hieß und die von ihm damit unmissverständlich eingeforderte »Sendepause« bezeichnete, wenn ihm ihr Gerede mal wieder zu viel war. Katharina sah ihn, begleitet von einer Vierteldrehung ihres Kopfes, an, sagte aber keinen Ton und löste ihren gelangweilten Blick sogleich wieder von ihm, wie von einem absterbenden Baum. Anschließend dauerte es weitere achtzig Kilometer, bis sie sich endlich aus ihrer statuenhaften Vorwurfshaltung löste, und, nachdem sie den stillgelegten, ehemaligen Grenzübergang bei Arnheim passierte hatten, sagte: »Fahr bei der nächsten Gelegenheit raus, ich muss mal!« Katharina und Robert waren das, was man in den Nullerjahren in den USA abgekürzt DINKS genannt hatte: Double-Income-No-Kid-Wesen und lupenreine Besserverdiener – er Lufthansa-Pilot, sie Bestsellerautorin –, deren materiell abgesicherte Leben neuerdings immer fühlbarer um jene heikle, innerste Leerstelle kreisten, die sich mit dem Wort »Kinderlosigkeit« beschreiben ließ. Die Folge war, dass sie einander immerzu schutz- und ablenkungslos ausgeliefert waren, anders als ihre Freunde, deren Kinder häufig unfreiwillig eine Art Pufferfunktion übernahmen, wenn die beiden Kontrahenten, die sich ihre Eltern nannten, am liebsten Fäuste schwingend aufeinander losgegangen wären. Katharinas genetisch begründete Sterilität war zu Beginn ihrer Beziehung kein Problem gewesen. Robert war nach seiner Ausbildung in Bremen und später in Arizona in den USA sofort in den zeitintensiven innereuropäischen Linienflugverkehr eingestiegen und dadurch oft tagelang nicht zuhause, während Katharina, nachdem sie ein paar Jahre bei der Kölner Filmproduktionsfirma »Serenade« als Script-Doktorin gearbeitet hatte, auf Anhieb einen großen Erfolg mit ihrem ersten Unterhaltungsroman feiern konnte und die Bestsellerlisten eroberte. Das Buch, das den Titel »SCHICKSAL« trug und den Auftakt zu einer insgesamt siebenbändigen »DIE SCHLÄFERIN«-Saga bildete, hatte sie schlagartig bekannt gemacht. Katharina hatte unzählige Interviews geben müssen und war mit ihrem Buch durchs Land gereist, um daraus vorzulesen. Die deutschen Krimispezialisten feierten Katharinas Debüt als gelungene Verschmelzung von E und U, und das international tonangebende Internet-Krimiportal TRUE CRIME erkor sie zur legitimen Nachfolgerin von Stieg Larsson. Sie waren froh gewesen, die wenige Zeit, die ihnen darüber hinaus blieb, miteinander verbringen zu können, ohne sich den schwer durchschaubaren Gesetzmäßigkeiten, Zyklen und Unwägbarkeiten eines Kinderlebens unterordnen zu müssen. Irgendwann aber hatte Katharina zähneknirschend feststellen müssen, dass ihre Kinderlosigkeit sie mehr und mehr von ihren jüngeren Freundinnen entfernte, die ganz in ihren vor ein paar Jahren angenommenen Mutterrollen aufgingen und immer seltener Zeit für sie hatten. Das hatte zu einer schleichenden Frustration bei ihr geführt, sodass sie Robert eines Tages die Frage stellte, ob sie nicht ein Kind adoptieren sollten. »Adoptieren?«, hatte er irritiert erwidert und sie dabei angesehen, als spiele sie mit dem Gedanken, zum Mond zu fliegen. »Ein wildfremdes Kind?« Was da im Kopf seiner Frau vorging, gefiel ihm überhaupt nicht. Sie hatte es anschließend vermieden, das Thema noch einmal ihm gegenüber anzuschneiden. Robert hatte...