Henning | Ein deutscher Sommer | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

Henning Ein deutscher Sommer

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-16788-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 608 Seiten

ISBN: 978-3-641-16788-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein kühnes Stück Literatur über die deutsche Wirklichkeit.Am 16. August 1988 überfallen zwei Kriminelle die Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck - es folgt die wohl spektakulärste Geiselnahme der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gejagt von einer Journalistenhorde, fliehen sie durchs Land, töten vor laufenden Kameras und werden interviewt, während die Geiseln in Lebensgefahr schweben - ein Sündenfall des Journalismus, ein Offenbarungseid der Polizei. Peter Henning erzählt von Männern und Frauen, die binnen 54 Studen an den Rand ihrer Existenz gebracht werden und sich entscheiden müssen: für ein richtiges oder ein falsches Leben.
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I
Dienstag, 16. August 1988
 
 
 
 
»Halt dich fest!«, rief Rösner, legte den ersten Gang ein, gab Gas und ließ die Kupplung kommen. Der Motor heulte auf, und die Maschine, eine hellblaue Honda CX 500, deren Lenkradschloss er mit einem kräftigen Ruck problemlos geknackt hatte, schoss über den Bordstein. Im selben Moment spürte er den Druck von Degowskis Händen an seinem Bauch. Der Fahrtwind blies ihm ins Gesicht und wirbelte seine strähnigen braunen Haare hinauf in die hohe Stirn. Er spürte den Widerstand der Luft an seiner Brust. Ähnlich wie damals, wenn er sich als Junge im Hallenbad an der Bottroper Straße ins Wasser gestürzt hatte und das Element gegen seinen beherzt nach vorn drängenden Körper geprallt war. »Jaaaaaahh!«, brüllte er in den Fahrtwind und steigerte die Geschwindigkeit, berauscht von der Kraft der Maschine, die ihn wie auf einer reißenden Welle dahintrug. Er nahm die langgezogene Kurve der Sandstraße und lehnte sich hinein. Plötzlich ging ein unerklärlicher Ruck durch das Hinterrad, weil Degowski, statt sich hineinzulegen, sich aus der Kurve gestemmt hatte und die Maschine nach rechts ausbrach. Es war, als würde ihnen der Boden unter den Rädern weggezogen: ein Aufprall, ein jäher Schlag gegen die Schulter und das hässliche Geräusch von über Stein kratzendem Metall. »Scheiße!«, schrie Rösner. Die Honda blieb liegen und ging aus. Degowski brach in schallendes Gelächter aus. »Du Arsch!«, rief Rösner, am Boden liegend. »Zu blöd, um Moped zu fahren, was?« Degowski erhob sich langsam, sah zu Rösner und stammelte: »Ich dachte, also ich … äh, ich wollte …« »Arsch!«, rief Rösner noch einmal und sah, dass er sich beim Sturz auf den Asphalt am Ellbogen verletzt hatte. »Wenn du schon mal denkst!« Durch den Riss im dünnen Stoff schimmerte blutiges Fleisch. »Los komm, weiter!«, rief Degowski und grinste. Dann zog er den mattschwarzen Trommelrevolver aus seiner Lederjacke, reckte ihn triumphierend in die Höhe und grölte: »Money, Money, Money!« Als sie am Einkaufszentrum in der Schwechater Straße ankamen und mit gezückten Waffen das Bankgebäude betraten, lief in dem kleinen Transistorradio, das Reinhard Allbeck jeden Morgen als Erstes andrehte, der Werbeblock auf WDR 2. Es war 7 Uhr 56. Andrea Branske hatte eben die Eingangstür aufgeschlossen. Die umstehenden Bäume mit ihrem dichten Blattwerk filterten das Licht, das grünlich in den Schalterraum fiel. »Überfall, Hände hoch!«, rief Rösner und ging auf die holzverkleideten Schalter zu. Während er seine Waffe auf den Mann hinter dem Schalter gerichtet hielt, der ihn erstaunt ansah, musste er daran denken, was sein Vater gebrüllt hatte, als er ihn mal wieder mit dem Gummischlauch verprügelte, weil er wie so oft beim Klauen erwischt worden war. »Verfluchter Verbrecher, wärste mal lieber verreckt bei der Geburt!« Ein Grinsen zog über Rösners bärtiges Gesicht. »Du da, da rüber!«, rief Degowski der Frau zu, die reglos neben ihrem Kollegen stand. Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor acht, befanden sich nur die zwei Angestellten in der Bank. Was sie wollten, war Geld. Schnelles Geld. Rein, raus und weg. Und keine langen Geschichten. »Das Geld her, na los! Mach schon! Oder biste total bestusst?«, rief Degowski, dem alles nicht schnell genug ging. Mit dem Revolver in der ausgestreckten, leicht zitternden Hand trat er auf die noch immer reglose Andrea Branske zu. Er war nervös und sah, dass sie sah, dass er zitterte. »Mach, was mein Kumpel hier sagt!«, rief Rösner und sah sich nach allen Seiten um. »Der ist nämlich brandgefährlich und schießt, wenn’s ihm zu bunt wird!« »Tun Sie, was er sagt!« Reinhard Allbeck bekräftigte seine Worte mit einem Nicken. Andrea Branske setzte sich in Bewegung. »Und du kommst hier rüber!«, rief Rösner, der ihre Angst förmlich zu riechen glaubte. Dabei fuchtelte er mit dem Revolver. Ohne zu zögern, ging Allbeck um den Schalter herum. »Auf den Boden da, na los!« Während Reinhard Allbeck sich mit dem Gesicht nach unten vor ihm auf den Boden legte, blickte Rösner sich wieder nach allen Seiten um. Und da sah er ihn: einen Streifenwagen, der draußen im Schritttempo vorbeifuhr. (Der Arzt, der über der Bank seine Praxis hatte, hatte die beiden dabei beobachtet, wie sie mit vorgehaltenen Waffen in die Bank liefen, und die Notrufnummer gewählt.) »Scheiße, die Bullen!«, rief er. Der Druck in seinen Schläfen schien das Fleisch von innen gegen die Haut zu pressen. Rösner trat an die Panoramascheibe und zog den Sichtschutz einen Spaltbreit beiseite. Langsam rollte der Streifenwagen aus dem Bild. Das Adrenalin, das der Anblick des grün-weiß lackierten Fahrzeugs in ihm freigesetzt hatte, raste in Millisekunden durch die labyrinthischen Windungen seines Innern und krachte wie eine abgeschossene Flipperkugel, die über Rollovers und durch In- und Out-Lanes jagte, so lange ruhelos und mit einer solchen Heftigkeit wieder und wieder gegen seine körpereigenen Bumper und Zielscheiben, dass er, der in Tausenden von Spielstunden gestählte Flipperkönig von Gladbeck-Ellinghorst, einen Moment lang glaubte, einen Tilt verursachen und aufstecken zu müssen, um nicht komplett zu überdrehen. Im selben Moment sprang Degowski mit einem Satz über den Schalter und stieß Andrea Branske, die das Kassenhäuschen aufschloss, den Revolver an den Kopf. »Alles nur wegen dir, du bestusste Kuh!«, schrie er. Und da hatte Rösner sich auch schon wieder gefangen. Mit schnellen Schritten war er bei dem reglos auf dem Boden verharrenden Reinhard Allbeck und hielt ihm seine Waffe an den Kopf: »Los, aufstehen, aber schnell! Und dann da rüber zu meinem Kumpel!« Er spürte die Müdigkeit kommen. In dünnen, schweren Schleiern legte sie sich über ihn. Er hatte in der Nacht kaum ein Auge zugemacht. Sie würden hier rauskommen, mit oder ohne Gewalt. Und mit der Kohle. Dessen war er sich ganz sicher. Notfalls mit Hilfe von Geiseln. Wie immer war er der Erste. Er machte im Newsroom, wie sie das Großraumbüro nannten, das Licht an. Flackernd rissen die Neonleuchten die Schreibtische aus dem Halbdunkel. Dann schaltete er die an der Wand hängenden Bildschirme ein und ging in sein Büro am Ende des Raums, einen acht Quadratmeter großen Glaskasten. Er knipste die Schreibtischlampe an und warf seine Aktentasche auf den lederbezogenen Zweisitzer, auf dem er schlief, wenn es spät wurde und er keine Lust mehr verspürte, nach Hause zu gehen. Er stellte die mitgebrachte Thermoskanne (die amerikanische Art) auf seinen Tisch, schaltete den Fernseher an und schaute kurz bei CNN und BBC rein. Nach der ersten Tasse Kaffee würde er die Telexe, die in der Nacht eingegangen waren, durchsehen. Wo blieb eigentlich die Botin mit den Tageszeitungen? Maibach spülte seinen Kaffeebecher in der kleinen Redaktionsküche aus und ging zurück in sein Büro. Er hatte sich gerade hingesetzt, da tauchte Kathrin Jürgens, seine Assistentin, auf. »Ruhig heute«, sagte sie. »Bis auf die Sache da in Gladbeck. Wollen hoffen, dass noch was passiert!« Kathrin lag ihm seit Tagen in den Ohren, er solle mal Pause machen, den Flieger nehmen und einfach mal für ein paar Tage abhauen, doch nicht, weil sie sich Sorgen um seine Gesundheit machte, sondern weil sie ihn loswerden und eine ruhige Kugel schieben wollte. Er wusste, wie sie hinter seinem Rücken über ihn redeten. Aber das war ihm egal. Er würde aus dieser Nachrichtenredaktion die Nummer eins in Deutschland machen. Wie und mit welchen Methoden, das hatte er zwei Jahre in New York bei der Fox Broadcasting Company studiert. Drama, Emotionen, das wollten die Leute sehen. Am liebsten durchs Schlüsselloch. Ethische Bedenken konnten sie sich auf dem Weg nach oben nicht erlauben. Sex and Crime, das waren die Säulen, auf denen er sein Imperium aufbauen würde. Es ging um Quote. Und Quote hieß – das hatte er in den USA gelernt –, die Messlatte so tief zu hängen, dass man gerade noch drunter durchrutschen konnte. Ihr Publikum waren der Pöbel und das Millionenheer der Ahnungslosen, und nicht eine Handvoll intellektueller Bedenkenträger. Sie würden es den arroganten Schlaffis von ARD und ZDF zeigen, die jetzt noch mitleidig lächelten, wenn er und seine Leute mit ihrem RTL-Equipment in Pressekonferenzen auftauchten. Und wer auf diesem Weg nicht mitkam, der musste am Wegrand liegenbleiben. So einfach war das! »Was für eine Sache ist das?«, sagte Maibach. »Zwei Männer haben eine Bank überfallen und sich in dem Gebäude verschanzt. Kam vor ein paar Minuten über den Ticker. Mehr weiß ich auch nicht.« Kathrin Jürgens rieb sich entschuldigend die Hände. »Was stehst du dann noch hier rum? Beweg deinen Hintern, und mach dich schlau. In zwanzig Minuten will ich wissen, was da los ist. Und zwar alles.« »Mach ich!«, sagte sie und drehte sich um. Maibach goss sich Kaffee ein und ließ lässig ein Stück Würfelzucker hineinfallen. »Und wenn ich sage zwanzig Minuten, meine ich auch zwanzig Minuten, okay?!« »Ja, Frank! Ja!«, erwiderte sie genervt und lief aus dem Büro. Wenn die Spätausgabe von RTL Aktuell über den Sender war, gingen alle nach Hause. Er nicht. Er genoss es, den Newsroom wieder für sich alleine zu haben und die Highlights noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. Auch am Vorabend hatte er das so gehalten und war im Halbdunkel zwischen den verwaisten Schreibtischen herumgegangen. Die DDR nahm diplomatische Beziehungen mit der Europäischen Gemeinschaft auf. Und mit der Beschlagnahme von 29 000 Kälbern bei...


Henning, Peter
Peter Henning, 1959 in Hanau geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und lebt heute als freier Schriftsteller und Journalist in Köln. Seit 2015 unterrichtet er zudem als Lehrbeauftragter der Universität Köln Kreatives Schreiben. Seine literarische Arbeit wurde mit Stipendien der Kunststiftung NRW und der Robert Bosch Stiftung gefördert. Zuletzt erschien sein Roman »Die Tüchtigen« im Luchterhand Literaturverlag.



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