Hoben / Bär / Wahl | Implementierungswissenschaft für Pflege und Gerontologie | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 409 Seiten

Hoben / Bär / Wahl Implementierungswissenschaft für Pflege und Gerontologie

Grundlagen, Forschung und Anwendung - Ein Handbuch
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-17-028469-2
Verlag: Kohlhammer
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark

Grundlagen, Forschung und Anwendung - Ein Handbuch

E-Book, Deutsch, 409 Seiten

ISBN: 978-3-17-028469-2
Verlag: Kohlhammer
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark



Evidenzbasierte Neuerungen in pflegerischen und gerontologischen Praxissettings einzuführen ist eine komplexe Herausforderung. Insbesondere im deutschen Sprachraum ist dieses Thema bisher wissenschaftlich noch wenig bearbeitet worden. Das Buch gibt erstmals in deutscher Sprache einen Gesamteinblick in Konzepte, Theorien und empirische Befunde der internationalen Implementierungsforschung. Die Befunde werden vor dem Hintergrund der Pflege und Gerontologie diskutiert und mit zahlreichen Implementierungsbeispielen aus den beiden Disziplinen flankiert.

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Weitere Infos & Material


1;Deckblatt;1
2;Titelseite;4
3;Impressum;5
4;Inhalt;6
5;Einführung;14
5.1;Literatur;20
6;I Grundlagen der Implementierungswissenschaft im Kontext der Pflege und Gerontologie;24
6.1;1Begriffe, Gegenstandsbereich, Akteure und Zielgruppen der Implementierungswissenschaft in Pflege und Gerontologie;26
6.1.1;Einführung;26
6.1.2;1.1 Definition wichtiger Begriffe und Zusammenhänge;31
6.1.3;1.2 Themenbereiche;37
6.1.4;1.3 Akteure und Zielgruppen;41
6.1.5;1.4 Fazit und Ausblick;44
6.1.6;Literatur;44
6.2;2 Das Verhältnis von Theorie und Praxis in Pflege und Gerontologie;49
6.2.1;Einführung;49
6.2.2;2.1 Theorie und Praxis;50
6.2.3;2.2 Ein Modell zur Umsetzung von forschungsbasiertem Wissen in der Pflege;54
6.2.4;2.3 Einige Anforderungen an die Implementierungswissenschaft – das Beispiel der Pflegeheime;57
6.2.5;2.4 Fazit und Ausblick;59
6.2.6;Literatur;59
6.3;3 »Wir haben eine Lösung und suchen ein passendes Problem«: Historisch individuierte Einrichtungen, interne Evidence und Implementierungsforschung;62
6.3.1;Einführung;62
6.3.2;3.1 Adressat der Implementierung: Zweckabhängige »Organisationen« versus historisch individuierte »Institutionen«?;64
6.3.3;3.2 Markt- und staatsgetriebene Implementierungen;70
6.3.4;3.3 Aufbau interner Evidence mit historisch individuierten Einrichtungen;73
6.3.5;3.4 Fazit und Ausblick;78
6.3.6;Literatur;80
6.4;4 Implementierungswissenschaftliche Theorien im Kontext der Pflege und Gerontologie;82
6.4.1;Einführung;82
6.4.2;4.1 Grundsätzliche Klärungen;83
6.4.3;4.2 Ausgewählte implementierungswissenschaftliche Theorien;91
6.4.4;4.3 Diskussion;106
6.4.5;4.4 Fazit und Ausblick;108
6.4.6;Literatur;108
7;II Stand der Implementierungsforschung in Pflege und Gerontologie;114
7.1;5Stand der pflegerischen Implementierungsforschung im deutschen Sprachraum;116
7.1.1;Einführung;116
7.1.2;5.1 Zentrale Ergebnisse des scoping reviews zum Stand der pflegebezogenen Implementierungsforschung im deutschen Sprachraum;117
7.1.3;5.2 Beispiele für pflegebezogene Implementierungsforschungsstudien aus dem deutschsprachigen Raum;119
7.1.4;5.3 Diskussion;126
7.1.5;5.4 Fazit und Ausblick;129
7.1.6;Literatur;130
7.2;6 Implementierung und Implementierungsforschung in der Gerontologie;134
7.2.1;Einführung: Warum Implementierungsforschung ein wichtiges Thema der Gerontologie ist;134
7.2.2;6.1 Für die Gerontologie bedeutsame Konzepte und theoretische Ansätze der Implementierungsforschung;136
7.2.3;6.2 Beispiele für Implementierungsforschung im Kontext von gerontologischen Interventionsprogrammen;139
7.2.4;6.3 Weitere Aufgaben von Implementierungsforschung in der Gerontologie;144
7.2.5;6.4 Besondere Herausforderungen der Implementierungsforschung in der Gerontologie;145
7.2.6;6.5 Fazit und Ausblick;147
7.2.7;Literatur;148
7.3;7Einflussfaktoren in Implementierungsprozessen;151
7.3.1;Einführung;151
7.3.2;7.1 Das Consolidated Framework for ImplementationResearch (CFIR);152
7.3.3;7.2 Diskussion;163
7.3.4;7.3 Fazit und Ausblick;165
7.3.5;Literatur;165
7.4;8Strategien zur Beeinflussung und Steuerung von Implementierungsprozessen;168
7.4.1;Einführung;168
7.4.2;8.1 Strategien zur Umsetzung von Innovationen;170
7.4.3;8.2 Diskussion;178
7.4.4;8.3 Fazit und Ausblick;182
7.4.5;Literatur;183
7.5;9 Unwirksamkeit, Schaden und nicht intendierte Folgen der Implementierung von Interventionen;187
7.5.1;Einführung;187
7.5.2;9.1 Unwirksamkeit durch unzureichende Vorbereitung;188
7.5.3;9.2 Unwirksame Intervention nach Übertragung in die Praxis;189
7.5.4;9.3 Unwirksamkeit bei Replikation;190
7.5.5;9.4 Verzerrte Interpretation unwirksamer Interventionen;192
7.5.6;9.5 Schaden als Folge von Interventionen;193
7.5.7;9.6 Fazit und Ausblick;198
7.5.8;Literatur;200
8;III Methodische Aspekte der Implementierungswissenschaft im Kontext der Pflege und Gerontologie;204
8.1;10 Interventionserfolg versus Implementierungserfolg: Der implementierungswissenschaftliche Fokus in Interventionsstudien am Beispiel kommunaler Maßnahmen zu Bewegungsförderung und Sturzprävention;206
8.1.1;Einführung: Über Bewegungsförderung und Sturzprävention;206
8.1.2;10.1 Intervention, Implementierung und Evaluation;207
8.1.3;10.2 Diskussion;220
8.1.4;10.3 Fazit und Ausblick;222
8.1.5;Literatur;223
8.2;11 Outcomes in Implementierungsprozessen und standardisierte Instrumente zu deren Messung;225
8.2.1;Einführung;225
8.2.2;11.1 Abhängige Implementierungsvariablen: Endpunkte im Implementierungsprozess;226
8.2.3;11.2 Instrumente zur Erfassung abhängiger Implementierungsvariablen;232
8.2.4;11.3 Instrumente zur Erfassung unabhängiger Implementierungsvariablen;236
8.2.5;11.4 Diskussion;238
8.2.6;11.5 Fazit und Ausblick;240
8.2.7;Literatur;241
8.3;12 Mixed Methods in der Implementierungswissenschaft in Pflege und Gerontologie: Ein Überblick zu Chancen und Herausforderungen;243
8.3.1;Einführung;243
8.3.2;12.1 Möglichkeiten und Grenzen monomethodischer Ansätze im Kontext der Implementierungsforschung in Pflege und Gerontologie;245
8.3.3;12.2 Integration qualitativer und quantitativer Methoden (MixedMethods);247
8.3.4;12.3 Diskussion;257
8.3.5;12.4 Fazit und Ausblick;259
8.3.6;Literatur;259
9;IV Handlungsfelder der pflegerischen und gerontologischen Implementierungswissenschaft und -praxis: Zugänge, Erfahrungen, Beispiele;264
9.1;13 Partizipative Altersforschung als Mittel zur Förderung des Implementierungserfolgs;266
9.1.1;Einführung;266
9.1.2;13.1 Gründe für die Anwendung partizipativer Forschungsmethoden;267
9.1.3;13.2 Diskussion;270
9.1.4;13.3 Fazit und Ausblick;271
9.1.5;Literatur;271
9.2;14 Implementierung in der Interventionsforschung am Beispiel des Projekts »Wirksamkeit des Qualitätsniveaus Mobilität und Sicherheit bei Menschen mit demenziellen Einschränkungen in stationären Einrichtungen«;273
9.2.1;Einführung;273
9.2.2;14.1 Methoden und Durchführung;275
9.2.3;14.2 Ergebnisse;277
9.2.4;14.3 Diskussion;279
9.2.5;14.4 Fazit und Ausblick;281
9.2.6;Literatur;281
9.3;15 Implementationsforschung am Beispiel der Evaluation der Pflegeberatung gem. § 7a SGB XI;283
9.3.1;Einführung;283
9.3.2;15.1 Die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI: der gesetzliche Auftrag;284
9.3.3;15.2 Das der Evaluation zugrunde liegende fachliche Verständnis von Pflegeberatung;285
9.3.4;15.3 Fragestellungen und Module der Evaluation;287
9.3.5;15.4 Ergebnisse;290
9.3.6;15.5 Zusammenfassende Diskussion: Pflegeberatung als Antwort auf einen steigenden Unterstützungsbedarf;296
9.3.7;15.6 Fazit und Ausblick;297
9.3.8;Literatur;297
9.4;16 Entwicklung, Implementierung, Evaluation und Verstetigung eines Instruments zur praxisnahen Erfassung von Lebensqualität im stationären Kontext: Das Projekt INSEL;299
9.4.1;Einführung;299
9.4.2;16.1 Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Leben und Lebensqualität im Heimkontext;299
9.4.3;16.2 Ziele, konzeptueller Hintergrund und Durchführung von INSEL;300
9.4.4;16.3 Von der Idee zur Umsetzung – der Implementierungsprozess von INSEL;302
9.4.5;16.4 Bisherige Schritte zur Evaluation von INSEL;305
9.4.6;16.5 Fazit und Ausblick;307
9.4.7;Literatur;307
9.5;17 Von der Intervention zum implementierbaren Konzept: Entwicklungsschritte des DEMIAN-Konzepts;309
9.5.1;Einführung;309
9.5.2;17.1 Entwicklung und empirische Prüfung des DEMIAN-Pflegekonzepts;311
9.5.3;17.2 Überprüfung der Anwendbarkeit des Konzepts für Pflegende;313
9.5.4;17.3 Das DEMIAN-Konzept nachhaltig implementieren;316
9.5.5;17.4 Diskussion;319
9.5.6;17.5 Fazit und Ausblick;321
9.5.7;Literatur;321
9.6;18 Die Bedeutung der Kooperation zwischen Wissenschaft und Kommune für die Implementierung nachhaltiger Versorgungskonzepte am Beispiel des »Wiesbadener Netzwerks für geriatrische Rehabilitation – GeReNet.Wi «;324
9.6.1;Einführung;324
9.6.2;18.1 Die gemeinsame Arbeit im Netzwerk;325
9.6.3;18.2 Die wissenschaftliche Begleitung des Verfahrens;328
9.6.4;18.3 Evaluation des Verfahrens »Standardisierte Auswahl« (methodischer Ansatz);333
9.6.5;18.4 Diskussion;336
9.6.6;18.5 Fazit;341
9.6.7;Literatur;341
9.7;19 Überwindung institutioneller Barrieren beim Freiwilligenengagement;343
9.7.1;Einführung;343
9.7.2;19.1 Schwierige Kooperationen;344
9.7.3;19.2 Diskussion: Interaktionsanforderungen zwischen Freiwilligen und Institutionen;347
9.7.4;19.3 Fazit und Ausblick;349
9.7.5;Literatur;350
9.8;20 Wissenschaftliche Politikberatung;352
9.8.1;Einführung;352
9.8.2;20.1 Eine grundlegende Überlegung: Politikberatung im Kontext des Werturteilsstreits;353
9.8.3;20.2 Welche Funktionen nimmt wissenschaftliche Politikberatung wahr?;354
9.8.4;20.3 »Politikberatung durch Vorverständnis«: Grundlegende Sichtweisen der Wissenschaftler;357
9.8.5;20.4 Auswahl, Definition und Explikation der Themenstellung;359
9.8.6;20.5 Grundlegendes: Max Webers »Politik als Beruf«;361
9.8.7;20.6 Ein konkreter Blick in die Politikberatung – Beispiele eigenen Handelns;363
9.8.8;20.7 Fazit und Ausblick;367
9.8.9;Literatur;369
10;VSektionsstatements;370
10.1;21 Implementierungswissenschaft in Deutschland: Ein Statement der DGGG;372
10.1.1;Einführung;372
10.1.2;21.1 Sektion I: Experimentelle Gerontologie – wie kann sie zur Implementierungswissenschaft beitragen;374
10.1.3;21.2 Sektion II: Implementierungsforschung aus der Sicht der Geriatrischen Medizin;375
10.1.4;21.3 Sektion III: Implementierungswissenschaft aus der Sicht der sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Gerontologie;379
10.1.5;21.4 Sektion IV: Implementierungsforschung aus der Sicht Sozialer Altenarbeit;382
10.1.6;21.5 Fazit und Ausblick;386
10.1.7;Literatur;387
10.2;22 Gegenstandsbereiche der pflegewissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Disseminations- und Implementierungsprozessen in Deutschland: Konzeptionelle Formung der Sektion Dissemination und Implementierung (SDI) in der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP);388
10.2.1;Einführung;388
10.2.2;22.1 Gegenstandbereiche der Disseminations- und Implementierungswissenschaft;389
10.2.3;22.2 Pflegewissenschaftliche Perspektive auf disseminations- und implementierungswissenschaftliche Fragestellungen;392
10.2.4;22.3 Die Sektion Dissemination und Implementierung (SDI);395
10.2.5;22.4 Fazit und Ausblick;397
10.2.6;Literatur;397
10.3;Resümee: Auf dem Wege zu einer Implementierungswissenschaft im deutschsprachigenRaum;399
10.3.1;Literatur;401
11;Stichwortverzeichnis;402
12;Autorinnen undAutoren;407


Einführung
Matthias Hoben, Marion Bär und Hans-Werner Wahl
    Zwischen Pflege und Gerontologie bestehen wichtige Schnittstellen (Brandenburg, 2003): Auf der inhaltlichen Ebene sind dies Fragen bzgl. der a) bedürfnisgerechten Gestaltung von Pflege- und Versorgungsangeboten für ältere Menschen, b) professionellen Interaktion mit älteren Menschen sowie c) Aushandlungsprozesse zwischen verschiedenen, in die Versorgung alter Menschen involvierten professionellen, ehrenamtlichen und informellen Akteuren. Eine gemeinsame sozialwissenschaftliche Tradition bildet ein wichtiges Bindeglied zwischen Disziplinen auf der theoretischen Ebene (Brandenburg, 2003). Während jeder der Disziplinen spezifische Fragestellungen, Perspektiven, Theorien und Methoden zu eigen sind, die sie von der jeweils anderen unterscheiden, ist eine Verschränkung der Perspektiven in den Überschneidungsbereichen in Zeiten demografischer, sozialer und gesundheitlicher Wandlungsprozesse von besonderer Bedeutung (Höhmann, 2003). Vor diesem Hintergrund hat auch das vorliegende Buch – mit seinem Fokus der Implementierungswissenschaft – die engen Bezüge zwischen Pflege und Gerontologie im Blick, ohne die Eigenständigkeit beider Bereiche zu vernachlässigen. Forschung in Pflege und Gerontologie ist zu weiten Teilen kein reiner Selbstzweck. Beide Disziplinen sind bestrebt, mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse die Situation der Adressaten zu verbessern. Aus Sicht der Gerontologie handelt es sich bei diesen Adressaten um ältere und hochaltrige Menschen, darunter auch, aber nicht nur, alte Menschen, die der Pflege bedürfen. Adressaten der Pflege sind pflegebedürftige Menschen im Allgemeinen, also auch, aber nicht nur, alte Menschen, die der Pflege bedürfen. Auch wenn es in der Gerontologie in starkem Maße um das normale Altern geht, so zielt doch Forschung in beiden Disziplinen in bedeutsamer Weise auf Handlungsfelder, in denen Menschen mit spezifischen Bedürfnissen unterstützt werden – sei es durch professionelle Experten1, ehrenamtliche Helfer, Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld oder durch Befähigung zur Selbsthilfe bzw. Bewusstseinsbildung. Grundsätzlich geht es auch in beiden Felder darum, Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, auch hoch fragilen, zum Erhalt bzw. zur Verbesserung von Lebensqualität zu befähigen (vgl. dazu auch die »Interventionsorientierung« in der Gerontologie; Wahl et al., 2012). Dies verweist auf eine handlungswissenschaftliche Dimension von Pflege und Gerontologie, die über rein grundlagenwissenschaftliche Erwägungen (etwa Theorien über das Handlungsfeld bzw. das Handeln der Adressaten) hinausweist (Brandenburg & Dorschner, 2008; Behrens, 2010; Birgmeier, 2010). Wissen soll nicht nur generiert, es soll in Praxis überführt, es soll angewendet, es soll zum Wohl der Zielpersonen genutzt werden. Die Menge des dafür potenziell verfügbaren Wissens ist zwischenzeitlich in Pflege und Gerontologie beträchtlich – und sie steigt kontinuierlich und zunehmend schneller (Pousti et al., 2011; Wahl & Heyl, 2015). Auch die Zahl der Synthesen dieser Wissensbestände in Form systematischer Übersichtsarbeiten, Metaanalysen oder klinischer Leitlinien und Standards nimmt stetig zu. Das Handeln der beruflichen Akteure in den Praxisfeldern der Pflege und Gerontologie, so scheint es, mag damit nicht immer Schritt zu halten: Disziplin-, setting- und länderübergreifend werden immer wieder Diskrepanzen zwischen Best Practice aus Sicht der Wissenschaft und der tatsächlich stattfindenden Praxis bemängelt (Boström et al., 2012; Grimshaw et al., 2012; Gitlin, 2013). Die gewählten Vorgehensweisen sind teilweise nicht die mit der besten Wirksamkeit, bisweilen sind sie sogar unwirksam und schlimmstenfalls schädigend. Dies wiederum hat gravierende wirtschaftliche, aber vor allem gesundheitliche und lebensqualitätsbezogene Folgen (Grimshaw et al., 2012). Aus unterschiedlichen Gründen verbreitet sich publiziertes Wissen (Evidenz) nur sehr begrenzt von selbst; aktive und systematische Verbreitungsstrategien (Dissemination) sowie gezielte, breit angelegte Implementierungsaktivitäten sind eher erfolgreich (Fixsen et al., 2005; Greenhalgh et al., 2005; Sudsawad, 2007). Doch auch letztere werden regelmäßig als große Herausforderung beschrieben – selbst scheinbar kleine, einfache Veränderungen erweisen sich schnell als höchst komplex (Greif et al., 2004; Greenhalgh et al., 2005; Kitson, 2009). Ein anschauliches Beispiel ist das der Handhygiene. Obwohl es weder zeitaufwendig noch besonders schwierig ist, sich regelmäßig die Hände zu waschen und/oder zu desinfizieren, tun dies Akteure des Gesundheitswesens (und dies betrifft Ärzte ebenso wie Pflegende, Therapeuten u. a. m.) oft nicht in der vorgesehenen Weise (Erasmus et al., 2010). In der Alternsforschung ist einer der robustesten Befunde jener des Zusammenhangs zwischen körperlicher Aktivität und positiven Endpunkten wie höhere kardio-vaskuläre Fitness, geistige Leistung, Wohlbefinden sowie geringere Depressivität (Erickson et al., 2012). Dennoch scheint es überaus schwierig zu sein, dieses prinzipiell kostenlose und erhebliche Gesundheitskosten einsparende Verhalten bei älteren Menschen nachhaltig zu implementieren. An Versuchen, diese bislang nur bedingt bewältigten Anforderungen mit mehr oder weniger ausgeklügelten Implementierungsstrategien zu ändern, mangelt es nicht – das Thema ist quasi ein »Dauerbrenner« der Implementierungswissenschaft (Grol & Wensing, 2013). Effektiv sind, dies zeigen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen (Gould et al., 2010; Vindigni et al., 2011; Huis et al., 2012), eher komplexe als einfache Strategien – also solche, die auf mehreren Ebenen ansetzen (z. B. Wissen, Bewusstsein, Kontrolle, Unterstützung etc.) und die nicht nur eine, sondern ein Bündel verschiedener Maßnahmen beinhalten und unterschiedliche Akteursgruppen im Sinne einer konzertierten Anstrengung umfassen (sogenannte multi-facetted interventions). Allerdings ist, selbst was komplexe Strategien angeht, die Studienlage heterogen – und nachhaltige Veränderungen wurden bislang in Forschungsdesigns mit langen Beobachtungszeiträumen kaum erzielt. Insbesondere soziale Prozesse scheinen hier eine bedeutsame Rolle zu spielen (Huis et al., 2012). Wenn schon solch greifbare und eher einfache Veränderungen auf Schwierigkeiten stoßen, wie viel größer mögen dann die Herausforderungen sein, die bei der Implementierung komplexer Konzepte oder Interventionsprogramme zu erwarten sind? Vielfältige Einflussfaktoren und insbesondere heterogene, z. T. widersprüchliche Interessenlagen zahlreicher Akteure machen die Implementierung evidenzbasierter Neuerungen zu einem vielschichtigen Prozess, der sehr schwer zu steuern ist (Greif et al., 2004; Greenhalgh et al., 2005; Kitson, 2009). So kommt es, dass Implementierungen scheitern oder unerwünschte Folgen mit sich bringen, wie z. B. Enttäuschung, Überforderung, Unzufriedenheit, Demotivation, Burnout, Teamkonflikte oder Verschlechterung anstatt Verbesserung der Qualität (Fläckman et al., 2009; Jones, 2009; Höhmann et al., 2010). Trotz dieser Herausforderungen und Risiken sind Institutionen wie auch Einzelakteure in Pflege und Gerontologie auf vielfältige Weise und aus unterschiedlichsten Gründen stetig damit befasst, bisherige Routinen und Vorgehensweisen zu verändern und Neuerungen einzuführen – sei es freiwillig oder weil sie z. B. durch regulatorische Vorgaben dazu verpflichtet sind. Pflege und Gerontologie agieren in einem Umfeld, das sich kontinuierlich wandelt: Demografischer Wandel sowie Veränderung von kohortenbezogenen Lifestyle-Faktoren und Lebenslagen erfordern eine ständige Anpassung der Angebotsstruktur an die Bedürfnisse und Erwartungen der Zielpersonen. Etwas überspitzt könnte man sagen: Kaum ist es ansatzweise gelungen, eine hilfreiche Strategie bei Zielpersonen zu implementieren, treten neue Kohorten mit anderen Erwartungen, Kompetenzen und Werthaltungen auf die Bühne, die wiederum andere Implementierungsdynamiken notwendig machen. Die ökonomische Situation (z. B. Konkurrenz, Wettbewerbsdruck und eigene finanzielle Ausstattung) zwingt zur Effizienz, Qualität und Innovativität, und politische Entscheidungen (wie z. B. neue Gesetze, Kontrollmechanismen oder Anreize bzw. Sanktionen) erfordern vielfältige Adaptationen (Kirby & Kennedy, 1999; Martin, 2003). Der stetig wachsende Fundus pflegerischer und gerontologischer Forschungsbefunde ist eben nur eine von vielen Quellen potenzieller Veränderungen. Für dieses Buch ist dieser Umstand aus drei Gründen zentral: 1.    Die skizzierten Rahmenbedingungen sind wesentlich dafür verantwortlich, dass Implementierungsprozesse eine komplexe Herausforderung darstellen. Viele der Widerstände in der Praxis sind bedingt...


Dr. Matthias Hoben, MSc Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Dipl.-Pflegewirt (FH), Krankenpfleger, Alberta (Kanada). Dr. Marion Bär, Dipl.-Gerontologin, Dipl.-Musiktherapeutin (FH), Heidelberg. Prof. Dr. Hans-Werner Wahl, Psychologische Alternsforschung, Universität Heidelberg.

Mit Beiträgen von:
Matthias Hoben, Marion Bär, Hans-Werner Wahl, Hermann Brandenburg, Johann Behrens, Gero Langer, Manfred K. Diehl, Helga E. Breimaier, Gabriele Meyer, Katrin Balzer, Doris Wilborn, Steffen Fleischer, Almuth Berg, Sascha Köpke, Diana Klein, Clemens Becker, Kilian Rapp, Tina Quasdorf, Christine Riesner, Stefanie Eicher, Caroline Moor, Florian Riese, Mike Martin, Martina Schäufele, Andreas Hoell, Ingrid Hendlmeier, Thomas Klie, Claus Heislbetz, Mona Frommelt, Ulrich Schneekloth, Frank Oswald, Charlotte Berendonk, Matthias Hoben, Andreas Kruse, Petra Schönemann-Gieck, Johannes Weber, Fred Karl, Andreas Simm, Manfred Gogol, Rüdiger Thiesemann, Astrid Hedtke-Becker, Judith Haendeler, Philip Czypiorski, Joachim Altschmied, Walter Swoboda, Daniel Zimprich, Cornelia Kricheldorff, Ines Buscher und Martina Roes.



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