E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Höller Das Leben ist ungerecht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3538-4
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Und das ist gut so | Die Stuntfrau und GNTM-Teilnehmerin darüber, wie wir an Schicksalsschlägen wachsen können
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3538-4
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Miriam Höller, geboren 1987, ist Ex-Stuntfrau und vielfach ausgezeichnete Keynote-Speakerin. Sie war Stuntdouble in großen Filmproduktionen und Kampagnengesicht großer Modemarken. Jahrelang moderierte sie das Automagazin Grip, nahm an Germany's Next Topmodel teil und hatte Auftritte bei TV-Total, Alarm für Cobra 11 sowie vielen anderen Erfolgsshows. Heute tritt sie als Rednerin auf den größten Bühnen Deutschlands auf und ermutigt Menschen, die Herausforderungen des Lebens als Chancen zu nutzen.
Autoren/Hrsg.
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Prolog –
Der Tod zeigt auf das Leben
Bist du bereit für die Herausforderungen des Lebens? Ich möchte dich ermutigen, dir diese Frage gemeinsam mit mir zu stellen – denn das Leben stellt sie dir nicht.
Ich dachte immer, wenn ich ein guter Mensch bin, kann mir wenig passieren. Wenn ich Zeit und Liebe in meine Beziehungen, meinen Job und in die Verwirklichung meiner Träume investiere, wird das Leben mich belohnen. Auch dachte ich, dass Identitätskrisen durch schwere Krankheit oder Tod etwas für ältere Menschen seien. Doch das stellte sich als eine von vielen Illusionen heraus, in deren trügerischer Sicherheit ich mich wiegte.
Das Leben wirft dir immer wieder Herausforderungen und ungewünschte Veränderungen vor die Füße. Die Frage ist: Wie gehst du damit um? Machst du dich mutig auf deinen Weg, um aus ihnen zu lernen und an ihnen zu wachsen, oder bleibst du widerwillig sitzen und zerbrichst?
Meine ganz persönliche Krise führte mich an einen Tiefpunkt. Die existenziellen Fragen, mit denen ich plötzlich konfrontiert war, überforderten mich. Das waren Fragen, die du vielleicht auch kennst: Warum ist das Leben so gemein zu mir? Womit habe ich diese Tiefschläge verdient? Und wie kann ich mit dem, was mir widerfahren ist, Frieden schließen?
Heute weiß ich: Egal, was dir im Leben zustößt, und egal, was dir weggenommen wird – du kannst wieder ein glücklicher Mensch werden. Ich habe es geschafft, und das kannst du auch. Doch um die Schönheit in der Zerstörung zu finden, müssen wir oft mitten durch den Schmerz gehen.
Der Tod eines engen Freundes namens Mike war ein solcher Moment in meinem Leben – und doch nur eine winzige Vorahnung dessen, was in den Monaten und Jahren danach noch auf mich zukommen sollte. Manchmal braucht man den Spiegel des Todes, um die Wahrheit über das eigene Leben zu erkennen. Nicht zufällig sind es oft Todesfälle in unserer nächsten Umgebung, die uns zum Nachdenken bringen und zu Veränderungen motivieren.
Die großen Nachrichten erreichen uns oft aus heiterem Himmel – so auch in diesem Fall. Es ist ein ganz normaler Drehtag bei das ich damals moderierte. Ich bin voll konzentriert und mitten im Flow, denn an diesem Tag teste ich ein besonders faszinierendes Auto, das jedem Motorfan das Herz höherschlagen lassen würde. Ein solcher Drehtag ist viel Arbeit und fordert einem volle Aufmerksamkeit ab: Wir haben Kameras an den Autos befestigt, fahren die Testwagen mit hoher Geschwindigkeit über die Strecke, und ich muss in jeder Kurve und in jedem gesprochenen Satz meine Sinne beisammenhaben. Mein Handy ist deshalb – wie immer bei Dreharbeiten – auf lautlos gestellt, denn nichts darf stören.
Doch als die Kameras für die nächste Aufnahme umgebaut werden, nehme ich mein Handy in die Hand. Es zeigt mehrere verpasste Anrufe von Allison an. Sie ist die Frau eines kanadischen Air-Race-Piloten – einer internationalen Gruppe der besten Kunstflugpiloten der Welt. Sie und ihr Mann sind enge Freunde von meinem Lebenspartner Hannes, der ebenfalls Air-Race-Pilot ist, und mir. Für die Rennen reisen wir gemeinsam um die ganze Welt.
Ein komisches Gefühl steigt in mir auf. So viele Anrufe von Allison? Das ist nicht normal. Was ist wohl passiert? Ohne lange nachzudenken, rufe ich zurück.
»Hey, Allison, ich habe deine Anrufe gesehen, was ist los?« Meine Stimme ist noch ruhig, doch ich habe schon eine Vorahnung.
»Miriam, ich wollte dir Bescheid geben … Mike ist gestorben.«
So einfach, so direkt. Ich halte inne. Mike? Unser Mike? Der Freund, der so oft mit uns unterwegs war, bei den Rennen, beim Feiern, beim Lachen? Tot? Weg? Einfach so?
»Was hast du gesagt, Allison?« Mehr bringe ich nicht heraus. Ich habe gehört; verstanden habe ich nicht.
»Es war ein Unfall, gleich nach dem Start ist er abgestürzt. Alles ging wohl sehr schnell. Er war sofort tot.«
Ich bin sprachlos. Wenn der Tod so unerwartet kommt, trifft er dich wie ein heftiger Schlag in die Magengrube. Ich kann kaum atmen. Mike war nicht nur irgendein Bekannter – er war Teil unseres Freundeskreises, Teil unseres Lebens.
Sofort ist mir klar, dass ich Hannes schnellstmöglich Bescheid geben muss. Aber wie? Er ist zu dieser Zeit gerade in Nepal, um ein soziales Projekt zu unterstützen. Lange ist sein Traum gewesen, eine Schule für Kinder zu bauen, und dieser Traum wird gerade Wirklichkeit. Er ist im Hochgebirge unterwegs, ohne Empfang. Nur ein Satellitentelefon steht ihm für Notfälle zur Verfügung.
Soll ich es ihm sofort sagen? Werde ich ihn mit dieser Nachricht belasten, während er so weit weg ist? Ich entscheide mich zu warten, bis der Drehtag vorbei ist. Ich weiß, wie nahe Mike und Hannes sich gestanden haben. Sie waren durch ihre Leidenschaft für das Fliegen verbunden und haben viele Abenteuer zusammen erlebt. Wie wird Hannes wohl auf diese Nachricht reagieren?
Am Ende des Tages rufe ich ihn auf dem Satellitentelefon an, bevor ich nach Hause fahre. Ich stehe auf dem Parkplatz vor dem Drehort. Die Verbindung ist schlecht.
»Hi, Schnucki!«, redet Hannes sofort begeistert los, »Es ist so schön hier. Ich will dir unbedingt Nepal zeigen. Nächstes Mal fliegen wir zusammen. Ist alles in Ordnung bei dir?« Seine Stimme ist durch das knisternde Satellitensignal verzerrt, doch ich kann den besorgten Unterton heraushören. Schließlich weiß Hannes: Wenn ich mich auf diesem Telefon melde, muss es ernst sein.
»Hannes«, beginne ich und halte kurz inne, weil ich selbst mit den Tränen kämpfe. »Mike ist tot.«
Zunächst ist es still am anderen Ende der Leitung. Dann höre ich ein leises »Au weh«. Diesen Ausdruck benutzt Hannes immer, wenn er tief betroffen ist. In diesem Moment spüre ich förmlich, wie die Realität ihn trifft, obwohl er Tausende von Kilometern entfernt ist. Dann redet er weiter: »Aber weißt du, Mike hat sein Leben gelebt.«
»Es gab direkt nach dem Start technische Probleme, er hatte keine Chance«, erkläre ich die Umstände. »Die Beerdigung ist schon übernächste Woche. Willst du deine Reise abbrechen? Wollen wir uns in Amerika treffen und hingehen?«
»Nein, das brauchen wir nicht«, sagt Hannes. »Ich werde mich hier in Nepal von ihm verabschieden.« Er klingt ruhig und gefasst dabei. So ist Hannes: der Fels in der Brandung. Rational, auch wenn sein Herz schmerzt. Er bleibt noch eine Weile in Nepal und nimmt bei einem persönlichen Ritual Abschied von seinem engen Freund.
Als er zurückkommt, ist er nachdenklicher und anhänglicher als sonst. In dieser Zeit kommt es zu einem dieser Gespräche, die man nicht vergisst, die dein Verständnis von Liebe, Leben und Verlust für immer prägen. Wir liegen spätabends im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, verschlungen in der tröstlichen Wärme des anderen. Der Verlust von Mike hat uns beide schwer getroffen, aber Hannes scheint überraschend gefasst – als ob das Ereignis etwas bei ihm ausgelöst und geklärt hat.
Auch ich habe viel nachgedacht, seit ich Allisons Anruf bekommen habe. »Ich habe mich gefragt, was wohl wäre, wenn du sterben würdest«, gestehe ich. »Was würde ich tun? Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen.«
Hannes’ Reaktion stellt alles infrage, woran ich glaube. »Weißt du, Schnucki«, sagt er mit leiser Stimme, »wenn du morgen sterben würdest, würde ich weitermachen.«
Ich bin perplex. Was meint er damit? Wie kann er so etwas nur sagen? Ich richte mich auf und stütze mich auf meinen Ellbogen. »Wie bitte? Was ist das denn für eine Aussage?«, frage ich mit einem leichten Hauch von Ärger in meiner Stimme.
Hannes’ Blick ruhig und fest. »Es ist doch dein Lebensplan, der dann zu Ende wäre, nicht meiner. Es wäre schwer, ja. Aber ich würde weiterleben, vielleicht sogar jemand anderen kennenlernen, vielleicht eine Familie gründen.«
»Du würdest einfach weitermachen?«, wiederhole ich und spüre, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildet. »Nach allem, was wir zusammen erlebt haben?«
»Ja«, gibt er zurück, ohne zu zögern. »Weil das Leben so ist. Menschen gehen nur eine Zeit lang miteinander, dann trennen sich ihre Wege. Entweder durch das Leben oder durch den Tod.«
Ich bin schockiert und verletzt. Es fühlt sich an, als hätte er die besondere Verbindung zwischen uns einfach heruntergespielt, als wäre ich austauschbar. »Also, ein liebevolles ›Wir bleiben für immer zusammen‹, wäre zum Einschlafen schöner gewesen …«
Hannes sagt nie etwas, nur um die Stimmung zu retten. Er sieht mich lange an, bevor er im selben ruhigen Ton weiterspricht. »I liab di, aber ich glaube nicht an diese Hollywood-Märchen. Unser Leben ist real.«
Ich lege mich wieder hin und drehe ihm den Rücken zu, verletzt von seiner scheinbaren Kälte. Wie kann er so rational und gefasst sein, während ich gerade mit der Vorstellung kämpfe, ihn möglicherweise irgendwann verlieren zu müssen? Ich könnte nicht einfach »weitermachen«, wie er es beschrieb. Für mich war das unvorstellbar. Doch...




