Hoyer / Beumer / Leuzinger-Bohleber Jenseits des Individuums – Emotion und Organisation


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-647-45416-0
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band Band 006, 363 Seiten

Reihe: Schriften des Sigmund-Freud-Instituts: Reihe 3: Psychoanalytische Sozialpsychologie

ISBN: 978-3-647-45416-0
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: PDF
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In modernen Gesellschaften bewegen sich die Menschen unentwegt in Organisationen, deren Strukturen, Regeln und Werte sie einerseits gestalten, deren Gestalt andererseits ihr Fühlen, Urteilen und Handeln beeinflusst. 'Jede Organisation institutionalisiert auf der einen Seite institutionelle Praktiken, um alle Emotionen ihrer Mitglieder zu dämpfen, die ihr vermeintlich schaden; auf der anderen Seite institutionalisiert sie Praktiken, um alle Emotionen ihrer Mitglieder zu fördern, die ihr vermeintlich nützen', heißt es bei Rolf Haubl, dem dieses Buch gewidmet ist. Die Aufsätze machen deutlich, dass Emotionen neben ihrem Gefühlsgehalt kognitive Anteile, Motivations- und Handlungsbezüge sowie psychische, physische und gestische Reaktions- und Ausdrucksqualitäten besitzen. Emotionen gehen über das empfindende Individuum hinaus, sie berühren intersubjektive und gesellschaftliche Bereiche, die ihrerseits auf die Emotionen einwirken. Mit diesen Wechselwirkungen befassen sich die Beiträge namhafter Autoren und Autorinnen aus den Blickwinkeln der Psychoanalyse, Sozialpsychologie, Soziologie, Organisationstheorie, Erziehungswissenschaft und Literatur.

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Weitere Infos & Material


1;Front Cover;1
2;Title Page;4
3;Copyright;5
4;Inhalt;6
5;Timo Hoyer, Ullrich Beumer, Marianne Leuzinger-Bohleber Einleitung;10
6;Konzeptionalisierte Wahrnehmung: Erlebte Emotionen erforschen ;20
6.1;Marianne Leuzinger-Bohleber Ein transdisziplinäres Klassifikationssystem emotionaler Störungen als Reflexionsrahmen für Emotionen in Organisationen – ein Beispiel;22
6.2;Wolfgang Mertens Zum Stellenwert wirklichkeitsgetreuer Wahrnehmungen von Emotionen im analytischen Prozess;45
6.3;Ulrich Schultz-Venrath »Ich mentalisiere, also bin ich«. Zu den Folgen eines veränderten Affekt- und Emotionsverständnisses für die psychoanalytische Behandlungstechnik;64
6.4;Oswald A. Neuberger Gefragte Emotionen. Die Transformation des Untersuchungsgegenstands im Prozess seiner Erfassung . .;90
6.5; Angela Kühner »Angst und Methode«. Überlegungen zur Relevanz von Devereux’ These für das Selbstverständnis kritischer Sozialwissenschaft heute ;112
7;Organisierte Individuen – regulierte Emotionen ;130
7.1;Ullrich Beumer Reife Helden? Die Rolle der Führungskräfte im dritten Lebensalter;132
7.2;Bettina Daser Tief verbunden. Das Ringen um Generativität und Selbstfürsorge im Generationenwechsel in Familienunternehmen;150
7.3;Daniela Rastetter »Da laufe ich auf einem Minenfeld«. Emotionsarbeit von Frauen im Management;173
7.4;Elisabeth Pauza und Heidi Möller »Wir sind allein …« Emotionserleben und Emotionsregulierung zu Beginn psychotherapeutischer Ausbildung;191
7.5;Katharina Liebsch Von langer Hand vorbereitet? Neue Organisationslogiken und die Bewältigung der universitären Zukunft;204
7.6;Inge Schubert »Ich finde an unserer Klasse einfach toll, dass die so zusammengewürfelt ist«. Heterogenität und Homogenisierungsbedürfnisse in schulischen Gruppen . .;220
7.7;Timo Hoyer Glück soll lernbar sein? Ist es aber nicht!;247
8; Jenseits und diesseits des Individuums: Der gesellschaftliche Charakter von Emotionen ;262
8.1;Burkard Sievers Kapitalistische Gier. Einige sozioanalytische Überlegungen ;264
8.2;Hans-Joachim Busch Aggression und politische Sozialisation. Überlegungen zu einer politischen Psychologie des Subjekts;287
8.3;Tomas Plänkers Chinesische Schatten der Kulturrevolution (1966– 1976). Transmissionen psychischer Traumata zwischen den Generationen;308
8.4;Tilmann Habermas Moralische Emotionen. Ärger in Alltagserzählungen;330
8.5;Uwe Timm Einige Überlegungen über das Feuchte;352
9;Die Autorinnen und Autoren ;362
10;Back Cover;370


"Aggression und politische Sozialisation (S. 286-287)

Hans-Joachim Busch

Überlegungen zu einer politischen Psychologie des Subjekts Freud hat in seiner epochalen Schrift »Das Unbehagen in der Kultur« das Schicksal der Menschheit an den historischen Ausgang des Grundkonflikts zwischen Eros und Destruktionstrieb geknüpft. Wie dieser Ausgang günstig zu gestalten ist, die Vernichtung und der Untergang der menschlichen Gattung verhindert werden kann, ist eine Aufgabe, die seither im Mittelpunkt der Bemühungen einer psychoanalytischen Sozialpsychologie zu stehen hat. Diese Bemühungen sind sicher zahlreich gewesen und gewiss nicht fruchtlos geblieben.

Durch verschiedene theoretische Entwicklungen in der Psychoanalyse mitbedingt, haben sich aber in der Einschätzung der Triebe und Kultur schicksalhaft miteinander verknüpfenden Grundsatzfrage Freuds Differenzen ergeben. Es herrscht eine Tendenz, den positiven, Bindungen und Beziehungen knüpfenden, erotischen Kräften mehr Aufmerksamkeit zu widmen und den ihnen entgegenwirkenden Strebungen weniger Beachtung zu schenken.

Sie hängt sicher mit der Überlegung zusammen, Freuds Triebkonzept sei grundsätzlich wenig haltbar und sei daher zugunsten ich-psychologischer, entwicklungspsychologischer oder objektbeziehungspsychologischer Ansätze in den Hintergrund zu stellen oder ganz aufzugeben. Der Gewinn, den diese nachfreudschen Ansätze erbracht haben, soll nicht inAbrede gestellt werden. Gleichwohl denke ich, dass die theoretischen Vorteile, die sie mit sich bringen, unnötigerweise mit Einbußen an gegenwartsdiagnostischer Triftigkeit erkauft sind. Die theoretischen Neuerungen gehen mit einer konzeptuellen Abschwächung des Einflusses von Aggression auf Sozialisation, Interaktion und gesellschaftliche Beziehungen einher. Die offensichtlich andauernde Gewaltförmigkeit in der heutigen Welt der Spätmoderne kann in diesem revidierten Format psychoanalytischer Sozialpsychologie nicht hinreichend erfasst werden.

Über Motive solcher – was die zivilisatorische Bewältigung von Destruktivität betrifft – psychoanalytisch-sozialpsychologischer Zuversichtlichkeit kann man sicher nur spekulieren. Mein Eindruck von den mit der Rezeption der Psychoanalyse in Deutschland ab den 1960er-Jahren gemachten (natürlich auch eigenen) Erfahrungen war, dass sie auch der Beruhigung geschichtlich geprägter Zukunftssorgen diente. Die destruktive, menschenfeindliche Vergangenheit der Vätergeneration wurde durch die 1968er-Generation gleichsam eingekapselt.

So musste sie sich nicht mit der bedrohlichenMöglichkeit, dass etwas davon von den Vätern auf sie übergegangen sei, auseinandersetzen. Vaterlosigkeit, in einem anderen Sinn als bei Mitscherlich (als Sich-von-den-Vätern-Lossagen), konnte dann willkommen geheißen bzw. gesucht werden: als Hort von aggressionsfreier, friedfertig-fortschrittlicher Praxis. Die Aggression, die dabei selber mobilisiert wurde, hatte ihrerseits etwas Sprachloses, war schwer thematisierbar; sie wurde, anders als es eine wirklich kritische Praxis erfordern würde, nicht reflexiv."


Hoyer, Timo
– geboren 1964– Magisterstudium der Erziehungswissenschaft, Philosophie und Neueren deutschen Literatur in Frankfurt/Main– 1997 bis 2005 Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Kassel– 2001 Dissertation mit der Schrift 'Nietzsche und die Pädagogik', für die er den Georg-Forster-Preis der Universität Kassel erhält– 2005 Habilitation für das Fach Erziehungswissenschaft mit der Arbeit 'Tugend und Erziehung'– 2005 bis 2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt/Main– Privatdozent an der Universität Kassel– 2007/2008: Vertretungsprofessor für Praktische Philosophie an der Universität Kassel– 2008 bis 2010: Vertretungsprofessor für Allgemeine Pädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe– seit 2010 Akademischer Rat an der PH Karlsruhe– seit 2011 apl. Professor an der Universität Kassel



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