Keller | Das Steinauge & Galápagos | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Keller Das Steinauge & Galápagos

Ein Roman und sechs Erzählungen
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-4531-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Roman und sechs Erzählungen

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-7412-4531-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein kombiniertes Roman- und Erzählungsprojekt von hoher Ambition zum Thema der Erinnerung bzw. der falschen Erinnerung.

Lebt als freier Schriftsteller in New York und St. Gallen. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Keller Das Steinauge & Galápagos jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


II.
»Niemand ist ein anderer«
Geschirrklappern dringt aus der Küche, von draussen wehen Kinderstimmen vom erst kürzlich erstellten Spielplatz unter dem Fenster herein. Nichts dringt so unverhohlen in seine Gedanken, raubt ihm seine Konzentration wie dieses anschwellende und wieder abebbende Geschrei. Immerhin dringt auch die würzige Luft des milden Herbsttages, der sich ankündigt, in seine Kammer. Es ist Oktober. 18 Grad. Über die globale Klimakatastrophe, an die der heisse Sommer denken liess, redet niemand mehr. Der Planet geht für eine weitere Runde in die Verlängerung. Dass Pluto im Sommer von den führenden Astronomen zum Zwergplaneten degradiert wurde, hat an seinem Platz im Sonnensystem-Mobile, das über seinem Schreibtisch hängt, nichts geändert. Schaut er hoch, sieht er das auf sein Skelett reduzierte Geheimnis des Weltall. Ist es sich selbst auch ein Rätsel? Es ist wieder Zeit, die Villa Berlanga niederzubrennen. Schon flammt das Streichholz in seiner Hand auf, schon fängt die Luftaufnahme des Hauses Feuer. Stets hält er die Flamme so unter das Papier, dass sie ein Loch durch die Dachkammer brennt. Dann lässt er es in den Aschenbecher fallen und schaut dem Feuerbad zu, bis es sich in ein Aschenmeer verwandelt hat. Das gibt ihm Mut für den neuen Tag, den er für diesen besonders benötigt. Er wird für das On-Camera-Interview für den Film über seine frühen Jahre, den Lili Fontana dreht, nach St. Gallen fahren. Nach drei Monaten Funkstille rief sie ihn endlich an und sagte, sie habe als Kulisse in einem stillgelegten Fabrikareal die Spottwohnung nachbauen lassen. Auch wenn er nicht versteht, weshalb sie nicht die wirkliche Spottwohnung benutzt. Verweigerte Evelina die Dreherlaubnis, um sich und ihren Bruder zu schützen? vor der Öffentlichkeit? vor ihm, mit dem sie ein Stück Vergangenheit teilt, weit zurückliegende, aber auch jüngere? – , so schätzt er dennoch die Ironie, die sich dahinter verbirgt: Verspotteter Spott löst sich auf. Doch in was? Er schlief schlecht, immerhin traumlos. Wie so oft ist er über dem Würgeengel eingeschlafen. Als er um fünf Uhr früh aufwachte, war ihm gleich klar, dass er nicht mehr würde einschlafen können. Leise, ohne Josie zu wecken, schlich er aus dem Schlafzimmer, setzte in der Küche Kaffee auf und schritt, während er auf den Kaffee wartete, die Wohnung ab, als sei sie ein Palast mit unendlich vielen Zimmern. In seinem Büro dann, dem Impuls nachgebend – oder war es Instinkt? – , dies könnte ihm helfen, um seine dramaturgischen Probleme zu lösen, leerte er den Schreibtisch. Lampe, Notebook, die längst zu korrigierenden Mathematikhefte, die unbeantwortete Korrespondenz, Bürokram – das alles stapelte er auf dem Fenstersims. Jetzt, bevor er sich an den Würgeengel macht, blättert er in dem Ordner, in dem er seine Erzählungen ablegt. Die jüngste, Grand Canyon, führte immerhin zu einem Teilerfolg. Eine Redakteurin, die so jung klang, dass sie seine Tochter sein könnte, rief ihn vergangene Woche an. Bestimmt in der Absicht, ihn zu loben, obwohl es dann auf ein mündliches Massakrieren seiner Arbeit hinauslief, in das sie sich lustvoll hineinsteigerte: zu flapsig im Umgang mit einem so zeitbestimmenden Thema wie Evolution versus Kreationismus (sie sprach versus ferssus aus, was ihn aus irgendeinem Grund besonders beleidigte), zu achtlos fragmentarisch in der Ausführung und als Krönung auch noch lesbenfeindlich. Immerhin hatte er einen Nerv getroffen. Als sie sagte, es sei noch kein Meister vom Himmel gefallen, musste er laut herauslachen. Jetzt war die junge Dame beleidigt und fügte indigniert hinzu, der Zweck ihres Anrufes sei es, ihm zu versichern, dass ihr und auch ihren Redaktionskolleginnen der Text trotz der zahllosen Vorbehalte so gut gefallen habe, dass sie gern mehr von ihm lesen würden, ob er denn mehr habe? Ja, sagte er und schickte sie mit einem Knopfdruck in den Äther. Er legt den Ordner zu den anderen Sachen auf den Sims zurück und starrt die leere Schreibtischplatte an. Wie lange steht er schon am Fenster? Für einen Augenblick fragt er sich, weshalb der Tisch leer ist, dann kommt es ihm wieder in den Sinn. Er betrachtet die Sachen, die dem Wetter auf dem Sims schutzlos ausgeliefert sind. Er weiss nicht, weshalb er das wieder tut, er weiss nur, dass er es tun wird. Auf den Nachmittag sind Regengüsse angesagt. Die Erzählungen hat er im PC, doch der PC lagert ebenfalls beim Fenster. Einen neuen kann und will er sich nicht leisten. Die Examenshefte den Schülern in jenem Zustand zurückzugeben, in dem er sich lautstark weigert, sie entgegenzunehmen, darf er sich nicht leisten. Nicht wieder. Darauf, dass Josie die Fenster schliessen wird, ist kein Verlass. Sie bringt es fertig, während eines Sturms alle Fenster ausser seinem zu schliessen. Im Lehrerzimmer des Gymnasiums wird geraunt, der Rektor habe ein Auge auf ihn geworfen. Er kennt ihn kaum, manchmal geistert er durch die Korridore, grüsst ihn bestenfalls aus Versehen. Egal. Noch regnet es ja nicht. Doch das Fenster wird er nicht schliessen, bevor er geht, das steht fest. Auf den Tisch, den er in die Mitte des Raums schiebt, stellt er sechs Gedecke. Es müssten zwanzig sein, doch wer hat schon Platz für so viele Gedecke in seinem Büro, zumal in Genf, wo jeder Quadratzentimeter zehnfach verrechnet wird? Er schaltet das Tonbandgerät ein, das auf dem Boden liegt, tritt an den Tisch heran, nimmt eine Serviette und faltet sie »mit einem teilnahmslosen Ausdruck« auseinander, wie es das Textbuch verlangt. Dann faltet er sie wieder zusammen und legt sie zurück. Zu umständlich diesmal, zu bewusst, zu wenig beiläufig. Wieder faltet er sie auseinander, teilnahmslos, obwohl er sich, wie er findet, noch zu sehr darauf konzentriert hat. Er legt die Serviette auf den Tisch zurück, tritt zum nächsten Gedeck und sagt »sotto voce«: »Die Walküre?« Ein guter Einstieg. Dann stellt er sich wieder vor das erste Gedeck und sagt ebenfalls »sotto voce«, aber mit einer weiblichen Stimme: »Ja, Lätitia. Ich nenne sie so, weil sie so grimmig ist und … eine Jungfer.« Er stellt sich wieder vor das andere Gedeck und sagt »zweifelnd, doch dem Gehörten Glauben schenken wollend«: »Eine Jungfer? Meinst du wirklich?« Das muss schneller gehen. Und bösartiger klingen. »Es heisst, sie habe ihre Tugend intakt behalten.« Er beugt sich zu seinem unsichtbaren Gesprächspartner und flüstert: »Es könnte sich um eine Art Perversion handeln.« Er lacht, mehrstimmig, kehlig, kichernd, er lacht für alle Gäste, die die Bemerkung gehört haben, auch für Stieglitz lacht er, dessen Vogellachen lacht er, dass es dem Haus durch Mark und Bein geht. Rasch tritt er zurück. Etwas stört ihn. Es ist das Max-Ernst-Foto. Mag Buñuel auch mit Ernst zusammengearbeitet haben (in L’ âge d’or), so hat es in der Villa Nobiles doch nichts zu suchen. Ebenso wenig wie der Band über die Skulpturen Ernsts, aufgeschlagen auf der Seite, die Das Auge der Sphinx zeigt. Neben der Tür hängt eine Vitrine mit Hunderten von Steinen, die er unermüdlich sammelt, meist am Ufer der Rhone. Längst weiss er nicht mehr, welches Stieglitz’ Steinauge ist; er weiss aber, dass jeder dieser Steine jenem Ernsts ebenbürtig ist. Ob Lili mit ihrer Spekulation, Ernst sehe auf dem Sommer-Foto wie Stieglitz aus, wäre er älter geworden, recht hat? Das lässt sich nur in der Fantasie nachweisen. Wahllos greift er nach einem der Steine und steckt ihn ein. Weil er genau in dem Augenblick, als es an der Tür klopft, das Buch zuklappt, hört er das Geräusch nicht. Ein etwa fünfzehnjähriger Junge steckt den Kopf herein. »Mama will wissen, wo die Teller geblieben sind. Und wann du mit Condi rausgehst.« »Kannst du nicht klopfen, Paul?« »Ich habe geklopft, Pa.« »Was musst du nur immer schwindeln«, sagt Philip. Als der Junge die Teller auf dem Tisch – und diesen in der Mitte des Raumes – wahrnimmt, seufzt er. »Bring sie doch gleich mit, Pa. Frühstück ist fertig.« Der Junge zögert. »Soll ich dir was helfen?« Philip sagt mit Leandros Stimme: »Sag der grimmigen Jungfer, dass ich gleich komme. Mit den Tellern. Und Condi …« Da hat sich der Kopf schon zurückgezogen, ist die Tür wieder zu. »Und dass sie mich nicht stören soll, wenn ich nicht gestört werden will«, fügt er leise hinzu. Er bleibt noch eine Weile vor seinem zu Nobiles Tafel umfunktionierten Tisch stehen. Er weiss, dass er diese Szene aus dem Würgeengel noch einmal durchgehen muss. Seine Methode, die eigene Rolle einzustudieren, besteht darin, erst das ganze Stück zu verinnerlichen. Erst muss er alle anderen Rollen im Kopf haben. In diesen Stimmenchor kann er dann seine einbetten, die des Gastgebers Nobile. Er muss alles über den Hintergrund der Figuren wissen, deren Biografien, Gewohnheiten, Geheimnisse, Vorlieben. Er muss alles über den Ort, über Mexiko, das Land, in dem das Stück spielt, wissen. Er muss buchstäblich alles wissen, bevor er mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann. Was er wissen muss, beschränkt sich nicht nur auf das Stück, an dem er gerade arbeitet. Er muss auch wissen, weshalb Pluto kein Planet mehr ist. Er muss wissen, wer Max Ernsts Steinauge gefunden hat – Roland Penrose – , und dann muss er alles über Roland Penrose wissen. Dieses Alleswissenmüssen ist natürlich dabei hinderlich, seine Rolle innerhalb nützlicher Frist einzustudieren. Aber so funktioniert nun einmal seine Methode, die Methode »Philip Gandolf«. Immerhin hat sie dazu geführt, dass ein Dokumentarfilm über ihn gedreht wird. Wenn das kein...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.