Kenyon In den Fängen der Nacht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07960-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, Band 10, 480 Seiten
Reihe: Dark Hunter-Serie
ISBN: 978-3-641-07960-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Susan Michaels war ein aufsteigender Stern am Reporterhimmel, bis sie einer Intrige aufsaß und ihren Ruf auf einen Schlag ruinierte. Inzwischen arbeitet sie für eine kleine Zeitung in Seattle und schreibt über vermeintliche Killermotten und das örtliche Tierheim ... Ausgerechnet dort lässt sie sich dazu überreden, eine Katze zu adoptieren. Nur dass die Katze in Wahrheit ein Gestaltwandler ist - ein gut aussehender, aber tödlich gefährlicher Gestaltwandler ...
Die promovierte Historikerin Sherrilyn Kenyon schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr und ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Autorinnen weltweit. Unter ihrem Pseudonym Kinley MacGregor veröffentlichte sie höchst erfolgreich Highland-Sagas. Doch vor allem mit ihren Dark-Hunter-Romanen begeistert sie ihre Leser und erobert seit Jahren regelmäßig Spitzenplätze der New-York-Times-Bestsellerliste. Gemeinsam mit ihrem Mann und drei Söhnen lebt Sherrilyn Kenyon in Tennessee.
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1 Seattle, 2006 JUNGE VON KILLERMOTTEN GEFRESSEN Susan Michaels stöhnte, als sie die Schlagzeile zu ihrer neuesten Geschichte las. Sie hütete sich, den Rest des Artikels zu lesen, aber irgendetwas in ihr wollte sich an diesem Nachmittag einfach schlecht fühlen. Gott bewahre, dass sie jemals wieder stolz auf ihre Arbeit war. Die Motten einer streng geheimen Spezies wurden in einem Labor in Südamerika gezüchtet – sie sind die nächste Generation militärischer Attentäter! Diese Motten sind gentechnisch verändert und können den Weg zum Aufenthaltsort ihres Feindes finden. Sie beißen dem Opfer in den Hals und infizieren es mit einem hochkonzentrierten Gift, das nicht nachweisbar ist und das Opfer innerhalb von einer Stunde tötet. Die Motten sind aus dem Labor entkommen und fliegen jetzt geradewegs nach Norden auf die USA zu. Seien Sie wachsam! Noch in diesem Monat könnten die Motten bei Ihnen ankommen … Großer Gott, es war noch schlimmer, als sie gedacht hatte. Vor lauter Wut zitterten ihre Hände. Sie stand von ihrem Schreibtisch auf und ging direkt ins Büro von Leo Kirby. Wie gewöhnlich war er im Internet unterwegs, las den Blog irgendeines armen Schwachkopfs und machte sich jede Menge Notizen. Leo war ein kleiner magerer Mann mit langem schwarzem Haar, das er immer zum Pferdeschwanz gebunden trug. Er hatte einen Spitzbart, kalte graue Augen, die nie lachten, und auf der linken Hand die Tätowierung eines merkwürdigen Spinnennetzes. Er trug ein ausgeleiertes schwarzes T-Shirt und Jeans, und während er arbeitete, stand neben seinem Ellbogen ein riesiger Thermosbecher von Starbucks. Er war etwa Mitte dreißig und wäre süß gewesen, wenn er nicht so verdammt nervig gewesen wäre. »Killermotten?«, fragte sie. Er blickte von seinem Schreibblock auf und zuckte die Schultern. »Du hast gesagt, uns stehe eine Invasion von Motten bevor. Um die Geschichte besser verkäuflich zu machen, habe ich Joanie darangesetzt, damit sie sie umschreibt.« Sie starrte ihn völlig verwundert an. »Joanie? Du hast Joanie darangesetzt, damit sie die Geschichte umschreibt? Die Frau, die Alufolie in ihren BH steckt, damit die Leute mit Röntgenblick ihre Brüste nicht sehen können? Diese Joanie?« Er sagte, ohne zu zögern: »Ja, sie ist meine beste Textredakteurin.« Von der Beleidigung zur Verletzung … »Ich dachte, ich wäre deine beste Textredakteurin, Leo.« Er seufzte tief und schwenkte seinen Stuhl herum, sodass er ihr ins Gesicht sehen konnte. »Das wärst du, wenn du nur das geringste bisschen Fantasie hättest.« Er hob pathetisch die Hände, als ob er seinen Standpunkt verdeutlichen wollte. »Komm, Sue, umarme das Kind in dir. Umarme das Absurde, das mitten unter uns weilt. Denk wie Ibsen.« Er ließ die Hände sinken und stieß einen weiteren tiefen Seufzer aus. »Aber nein, das tust du nicht, oder? Ich schicke dich los, um der Sache mit dem Fledermaus-Jungen nachzuspüren, der in dem alten Glockenturm lebt, und du kommst mit einer Geschichte über Motten zurück, die die Dachsparren heimsuchen. Was, zum Teufel, soll das?« Sie starrte ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das nennt sich Wirklichkeit, Leo. Wirklichkeit. Du solltest mal langsam aufhören zu rauchen, dann kannst du sie auch mal erleben.« Er schnaubte und schlug auf einem Notizblock ein neues Blatt auf. Er legte ihn neben seinen Kaffee. »Scheiß auf die Wirklichkeit. Davon kann ich mir nichts kaufen. Davon kann ich meinen Hund nicht füttern. Davon kann ich meine Raten für den Porsche nicht zahlen. Davon hab ich keinen Sex. Mit Schwachsinn dagegen geht das alles … und mir gefällt es so.« Sie verdrehte die Augen, als sie sein strahlendes Gesicht sah. »Du bist wirklich widerwärtig, eine echte Kröte.« Er hielt inne, als ob ihm eine Idee gekommen wäre, griff nach seinem Notizblock und kritzelte schnell etwas hin. »›Angestellte küsst Kröten-Chef und entdeckt uralten unsterblichen Prinz‹ … oder besser noch, einen Gott, ja, einen antiken Gott« – er zeigte mit dem Stift auf sie – »einen griechischen Gott, der verflucht worden ist und als Sexsklave den Frauen dienen muss … das gefällt mir. Kannst du dir das vorstellen? Überall im Land werden Frauen ihre Chefs küssen, um die Theorie auszuprobieren.« Dann sah er sie wieder an, diesmal mit einem gemeinen Grinsen. »Wollen wir das Experiment einmal durchführen und gucken, ob’s klappt?« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Bloß nicht. Und das ist keine Aufforderung, Leo. Glaub mir, auch nach tausend Küssen wärst du immer noch eine Kröte.« Er ließ sich keineswegs entmutigen, hauptsächlich deswegen, weil sie sich auf diese Art neckten, seit sie gemeinsam auf dem College gewesen waren. »Ich finde immer noch, wir sollten es mal versuchen.« Er wackelte mit den Augenbrauen und sah sie an. Susan stieß verärgert einen langen Seufzer aus. »Weißt du, ich würde dich ja wegen sexueller Belästigung anzeigen, aber das würde voraussetzen, dass du tatsächlich schon einmal Sex hattest. Ich werde lieber behaupten, dass du ein erstklassiges Beispiel dafür bist, was mit Menschen passiert, wenn sie sexuell völlig frustriert sind.« Wieder bekam er diesen glasigen Blick und kritzelte etwas auf seinen Block. »›Sexuell frustrierter Chef wird zum schreienden Irren. Weidet die Frau aus, die ihn erregt.‹« Susan stöhnte tief in der Kehle. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie geglaubt, er drohte ihr, aber das würde tatsächlich Handeln von seiner Seite voraussetzen. Und Leo war jemand, der ausschließlich delegierte. Seine Maxime war stets gewesen: Warum soll ich etwas selber machen, wenn ich jemanden beauftragen oder herumkommandieren kann, damit er es für mich erledigt? »Leo! Hör auf damit, alles sofort in billige Schlagzeilen zu verwandeln.« Und ehe er antworten konnte, fügte sie rasch hinzu: »Ja, ich weiß, ich weiß, von billigen Schlagzeilen kannst du deinen Porsche bezahlen.« »Ganz genau!« Angewidert rieb sie sich den Kopf, denn plötzlich verspürte sie Schmerzen hinter dem rechten Auge. »Schau mal, Sue«, sagte er, als ob er ungewöhnliches Mitgefühl für sie verspürte. »Ich weiß, wie hart die letzten Jahre für dich gewesen waren. Aber du bist jetzt einfach keine investigative Journalistin mehr.« Sie bekam ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Diese Worte musste sie wirklich nicht ausgesprochen hören, denn sie verfolgten sie Tag und Nacht. Vor zweieinhalb Jahren war sie eine der herausragenden investigativen Journalistinnen des Landes gewesen. Ihr voriger Chef hatte ihr den Spitznamen »Spürhund-Sue« verpasst, denn sie konnte eine Geschichte aus einer Entfernung von einer Meile erschnüffeln, ihr nachjagen und sie in einen Artikel verwandeln. Und in einem Moment offenkundiger Dämlichkeit war die ganze Welt um sie herum zusammengefallen. Sie war so gierig nach einer Geschichte gewesen, dass sie überstürzt in eine Falle getappt war und ihren Ruf völlig zerstört hatte. Es hätte sie fast das Leben gekostet. Sie rieb sich die Narbe am Handgelenk und zwang sich, nicht an diese schreckliche Nacht im November zu denken – die einzige Zeit in ihrem Leben, in der sie tatsächlich schwach gewesen war. Sie war zur Besinnung gekommen und hatte geschworen, dass es niemandem je gelingen sollte, sie ihre Machtlosigkeit noch einmal so spüren zu lassen. Wie auch immer, es war ihr Leben, und sie würde es nach ihren eigenen Regeln leben. Wäre Leo nicht gewesen – sie lernten sich im College kennen, als sie beide für die Campuszeitung geschrieben hatten –, sie hätte nie wieder als Journalistin arbeiten können. Nicht dass man die Arbeit beim Daily Inquisitor als Journalismus bezeichnen konnte, aber zumindest konnte sie einen Teil ihrer hohen Schulden und Gerichtskosten zurückzahlen. Und obwohl sie den Job hasste, ernährte er sie, und sie saß nicht auf der Straße. Dafür war sie der kleinen Kröte etwas schuldig. Leo riss ein Blatt vom Block ab und schob es zu ihr hinüber. »Was ist das?«, fragte sie und nahm es vom Schreibtisch. »Eine Webseite. Ein Mädchen, das auf dem College ist, nennt sich Dark Angel und behauptet, sie arbeitet für die Untoten.« Sie starrte ihn an. »Sie arbeitet für einen Vampir?« »Nicht ganz. Sie sagt, er ist ein unsterblicher Krieger, der seine Gestalt ändern kann und der sie zu Tode nervt. Sie ist von hier, und ich will, dass du der Sache nachgehst und dir anhörst, was sie sonst noch zu sagen hast. Dann berichtest du mir alles.« Das konnte doch nicht wahr sein – und schon lachte sie die alte innere Stimme in ihr aus. »Er kann seine Gestalt verändern, ja? Passiert das, bevor oder nachdem sie das LSD eingeworfen hat?« Leo gab einen gereizten Laut von sich. »Warum versuchst du nicht wenigstens mal, ein Gefühl für den Job zu kriegen? Weißt du, es ist wirklich nicht schlecht. Es ist sogar sehr unterhaltsam. Probier’s mal aus, Sue. Lass das Gift aus dir raus. Hab Spaß an der Sache.« Hab Spaß … Spaß daran, eine Witzfigur zu sein, nachdem sie für die Washington Post gearbeitet hatte … na klar. Es war schwierig, am Scheiß Spaß zu haben, denn das, was sie eigentlich wirklich wollte, war, sich ihren Ruf zurückzuerobern. Aber das war vorbei. Sie würde nie wieder eine ernst zu nehmende Journalistin sein. Das war’s. Ihr Leben. Spaß – die böse Fee hatte ihr...