Kierkegaard / Perlet | Die Krankheit zum Tode | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Reihe: Reclams Universal-Bibliothek

Kierkegaard / Perlet Die Krankheit zum Tode

Reclams Universal-Bibliothek
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-15-962150-0
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Reclams Universal-Bibliothek

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Reihe: Reclams Universal-Bibliothek

ISBN: 978-3-15-962150-0
Verlag: Reclam Verlag
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Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Verzweiflung ist eine der existentiellen Grundgegebenheiten menschlichen Daseins. Kierkegaard analysiert in dem 1881 unter Pseudonym erschienenen philosophischen Klassiker diesen Zustand und interpretiert ihn in christlicher Perspektive: Die Verzweiflung ist eine Krankheit des Geistes, an der jeder Mensch leidet. Die Ausgabe dieses Spätwerks von Kierkegaard wurde vollständig durchgesehen und überarbeitet. E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe: Buch und E-Book können parallel benutzt werden.

Uta Eichler, geb. 1952, Lehrbeauftragte am Seminar für Philosophie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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A Dass Verzweiflung die Krankheit zum Tode ist
A Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst, und kann so ein Dreifaches sein: verzweifelt nicht sich bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen
Der Mensch ist Geist. Doch was ist Geist? Geist ist das Selbst. Doch was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder es ist in diesem Verhältnis jenes, dass dieses sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass sich das Verhältnis zu sich selbst verhält. Der Mensch ist eine Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit, aus dem Zeitlichen und dem Ewigen, aus Freiheit und Notwendigkeit, kurz: eine Synthese. Eine Synthese ist ein Verhältnis zwischen zweien. So gesehen ist der Mensch noch kein Selbst. Im Verhältnis zwischen zweien ist das Verhältnis als negative Einheit das Dritte, und die zwei verhalten sich zum Verhältnis und in dem Verhältnis zum Verhältnis; so ist das [14]Verhältnis zwischen Seele und Körper unter der Bestimmung Seele ein Verhältnis. Verhält sich dagegen das Verhältnis zu sich selbst, dann ist dieses Verhältnis das positive Dritte, und dies ist das Selbst. Ein solches Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, ein Selbst, muss sich entweder selbst gesetzt haben oder durch ein Anderes gesetzt sein. Ist das Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, durch ein Anderes gesetzt, dann ist das Verhältnis zwar das Dritte, doch dieses Verhältnis, das Dritte, ist dann wiederum ein Verhältnis und verhält sich zu dem, was das ganze Verhältnis gesetzt hat. Ein solcherart abgeleitetes, gesetztes Verhältnis ist das Selbst des Menschen, ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält und im Verhalten zu sich selbst zu einem Anderen verhält. Daher kommt es, dass zwei Formen von eigentlicher Verzweiflung möglich sind. Hätte sich das Selbst des Menschen selbst gesetzt, dann könnte nur von einer Form die Rede sein, der, nicht man selbst sein, sich selbst loswerden zu wollen; dagegen könnte nicht die Rede davon sein, dass man verzweifelt man selbst sein will. Diese Formel ist nämlich der Ausdruck für die Abhängigkeit des ganzen Verhältnisses (des Selbst), ist der Ausdruck dafür, dass das Selbst nicht durch sich selbst zu Gleichgewicht und Ruhe gelangen oder sich darin befinden kann, sondern nur dadurch, dass es sich im Verhalten zu sich selbst zu dem verhält, was das ganze Verhältnis gesetzt hat. Ja, diese andere Form von Verzweiflung (verzweifelt man selbst sein wollen) ist so weit davon entfernt, nur eine eigene Art von Verzweiflung zu bezeichnen, dass sich, im Gegenteil, alle Verzweiflung schließlich darin auflösen [15]und darauf zurückgeführt werden kann. Wenn ein Verzweifelter meint, auf seine Verzweiflung aufmerksam zu sein, nicht sinnlos darüber redet, als würde ihm etwas widerfahren (etwa so, wie jemand, der an Schwindel leidet, durch eine Täuschung der Nerven von einem Druck auf den Kopf oder von einer Empfindung spricht, als fiele etwas auf ihn herab usw., während diese Schwere und dieser Druck doch nichts Äußeres, sondern ein umgekehrter Reflex seines Inneren ist) – und nun mit aller Macht durch sich selbst und allein durch sich selbst die Verzweiflung aufheben will, dann ist er noch in der Verzweiflung und arbeitet sich mit all seinem vermeintlichen Arbeiten nur umso tiefer in eine tiefere Verzweiflung hinein. Das Missverhältnis der Verzweiflung ist kein einfaches Missverhältnis, sondern ein Missverhältnis in einem Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält und durch ein Anderes gesetzt ist, so dass sich das Missverhältnis in jenem für sich seienden Verhältnis zugleich im Verhältnis zu jener Macht, die es setzte, unendlich reflektiert. Dies nämlich ist die Formel, die den Zustand des Selbst beschreibt, wenn die Verzweiflung vollkommen getilgt ist: Indem es sich zu sich selbst verhält und indem es es selbst sein will, gründet das Selbst durchsichtig in jener Macht, die es setzte. [16]B Möglichkeit und Wirklichkeit der Verzweiflung
Ist Verzweiflung ein Vorzug oder ein Mangel? Rein dialektisch ist sie beides. Wollte man sie, ohne sich einen Verzweifelten vorzustellen, als einen abstrakten Gedanken festhalten, dann müsste man sagen: Sie ist ein ungeheurer Vorzug. Die Möglichkeit einer solchen Krankheit ist der Vorzug des Menschen vor dem Tier, und dieser Vorzug zeichnet ihn ganz anders aus als der aufrechte Gang, denn er deutet auf jene unendliche Aufrechtheit oder Erhabenheit hin, dass der Mensch Geist ist. Die Möglichkeit einer solchen Krankheit ist der Vorzug des Menschen vor dem Tier; auf diese Krankheit aufmerksam zu sein, ist der Vorzug des Christen vor dem natürlichen Menschen; von dieser Krankheit geheilt zu sein des Christen Seligkeit. Also ist es ein unendlicher Vorzug, verzweifeln zu können; und doch ist Verzweifeltsein nicht nur das größte Unglück und Elend, nein, es ist Verdammnis. Sonst ist das Verhältnis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit anders; ist es ein Vorzug, dies und jenes sein zu können, dann ist es ein noch größerer Vorzug, es zu sein, was bedeutet, das Sein verhält sich wie eine Steigerung zum Seinkönnen. Wenn es dagegen um Verzweiflung geht, so verhält sich das Verzweifeltsein wie ein Abfall zu dem, es sein zu können; so unendlich der Vorzug der Möglichkeit ist, so tief ist der Fall. In Bezug auf Verzweiflung besteht die Steigerung also darin, nicht verzweifelt zu sein. Diese Bestimmung ist jedoch wiederum zweideutig. Nicht verzweifelt sein ist etwas anderes, als nicht lahm, blind u. Ä. sein. Wenn Nichtverzweifeltsein weder mehr noch weniger bedeutet, als es [17]nicht zu sein, dann ist das gerade Verzweifeltsein. Nicht verzweifelt sein muss die vernichtete Möglichkeit bedeuten, es sein zu können; wenn es wahr sein soll, dass ein Mensch nicht verzweifelt ist, dann muss er die Möglichkeit in jedem Augenblick vernichten. Sonst ist das Verhältnis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit anders. Zwar sagen die Denker, dass Wirklichkeit die vernichtete Möglichkeit sei, aber das stimmt nicht ganz, sie ist die ausgefüllte, die wirksame Möglichkeit. Hier dagegen ist die Wirklichkeit (nicht verzweifelt zu sein), die deshalb auch eine Verneinung ist, die ohnmächtige, vernichtete Möglichkeit; sonst ist Wirklichkeit im Verhältnis zur Möglichkeit eine Bestätigung, hier ist sie eine Verneinung. Verzweiflung ist das Missverhältnis im Verhältnis einer Synthese, das sich zu sich selbst verhält. Doch nicht die Synthese ist das Missverhältnis, sie ist nur die Möglichkeit, oder: in der Synthese liegt die Möglichkeit des Missverhältnisses. Wäre die Synthese das Missverhältnis, dann wäre Verzweiflung gar nicht vorhanden, dann wäre Verzweiflung etwas, was in der Menschennatur als solcher läge, das heißt, dann handelte es sich nicht um Verzweiflung, sondern um etwas, was dem Menschen widerführe, etwas, was er erlitte, wie eine Krankheit, die ihn befällt, oder wie den Tod, der das Los aller ist. Nein, das Verzweifeln liegt im Menschen selbst; doch wenn er keine Synthese wäre, könnte er gar nicht verzweifeln, und wenn die Synthese nicht ursprünglich von Gottes Hand im rechten Verhältnis wäre, könnte er auch nicht verzweifeln. Woher kommt die Verzweiflung dann? Aus dem Verhältnis, worin sich die Synthese zu sich selbst verhält, indem Gott, der den Menschen zu einem solchen Verhältnis [18]machte, es gleichsam aus seiner Hand entlässt, das heißt, indem sich das Verhältnis zu sich selbst verhält. Und darin, dass dieses Verhältnis Geist ist, das Selbst ist, darin liegt die Verantwortung, die auf aller Verzweiflung ruht, und zwar in jedem Augenblick, den es sie gibt – mag der Verzweifelte noch so viel und sich selbst und andere noch so sinnreich täuschend von seiner Verzweiflung als einem Unglück reden, wobei er sie verwechselt wie in jenem angeführten Fall von Schwindel, mit dem Verzweiflung, obgleich qualitativ verschieden, vieles gemeinsam hat, denn Schwindel ist unter der Bestimmung Seele, was Verzweiflung unter der Bestimmung Geist ist, und schwanger von Analogien zur Verzweiflung. Wenn das Missverhältnis, die Verzweiflung, nun eingetreten ist, ergibt es sich dann von selbst, dass dieses bestehen bleibt? Nein, das ergibt sich nicht von selbst; wenn das Missverhältnis bestehen bleibt, ergibt sich das nicht aus dem Missverhältnis, sondern aus dem Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält. Dies besagt, dass es jedes Mal, wenn sich das Missverhältnis äußert, und in jedem Augenblick seines Bestehens notwendig ist, zu dem Verhältnis zurückzugehen. Also, man spricht davon, dass sich ein Mensch eine Krankheit zuzieht, z. B. durch Unvorsichtigkeit. Dann tritt die Krankheit ein, und von diesem Augenblick an macht sie sich geltend und ist nun eine Wirklichkeit, deren Ursprung mehr und mehr Vergangenheit wird. Es wäre grausam und unmenschlich, wollte man unentwegt und unablässig sagen: »In diesem Augenblick ziehst du, der Kranke, dir diese Krankheit zu« – das hieße, in jedem Augenblick die Wirklichkeit der Krankheit in ihre Möglichkeit auflösen zu wollen. Es stimmt zwar, dass er sich diese [19]Krankheit zugezogen hat, aber er hat es nur einmal getan, und das hatte die einfache Folge, dass sie weiter besteht, ihr Fortschreiten ist nicht in jedem Augenblick auf ihn als Ursache zurückzuführen; er hat sie sich zugezogen, doch kann man nicht sagen, dass er sie sich...



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