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E-Book, Deutsch, Band 13, 128 Seiten

Reihe: Kunst und Kulturwissenschaft in der Gegenwart

King Kunst riechen

Duftproben zur Vermittlung olfaktorisch bildender Werke
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-89896-779-2
Verlag: wbv Media
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Duftproben zur Vermittlung olfaktorisch bildender Werke

E-Book, Deutsch, Band 13, 128 Seiten

Reihe: Kunst und Kulturwissenschaft in der Gegenwart

ISBN: 978-3-89896-779-2
Verlag: wbv Media
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Kunst riechen untersucht Geruch in der jüngeren bildenden Kunst, um die Frage zu beantworten, wie olfaktorische Kunst vermittelt werden kann. Ausgangspunkt sind künstlerische Strategien und Werke von Künstlern der (zeitgenössischen) bildenden Kunst, die Aroma und Geruch bewusst in ihren Arbeiten in Gebrauch nehmen. Analysiert werden Werke von Marcel Duchamp, Wolfgang Laib, Anya Gallaccio, Carsten Höller, Dan Mihaltianu, Teresa Margolles, Sissel Tolaas, Olafur Eliasson, Karla Black, Bruce Nauman, Peter DeCupere, Sabotage Communications, Jenny Marketou, Carrie Paterson und Wolfgang Georgsdorf. Im Zentrum der Untersuchung stehen mögliche Veränderungen der Rezeptionsgewohnheiten und der ästhetischen Erfahrung durch geruchsbasierte Kunst. Aus den Erkenntnissen entwickelt sich der Entwurf der olfaktorischen Ausstellung Smeller 2.0 samt Vermittlungsüberlegungen.
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2 Odorama
Die Geruchswahrnehmung ist immer aktiv. Menschen nehmen Aromen wahr auch wenn sie schlafen. Umwelt ist zugleich »Smellscape«[1], wie der Begriff, den Claasen als Sprachspiel abgeleitet vom Englischen ›landscape‹ treffend umschreibt. Geruch ist zudem überlebenswichtig. Riechen schützt vor Gefahren, vor schmutzigem Trinkwasser oder dem Verzehr von verdorbenen Speisen. Riechen hilft, Krankheiten und Krankheitsherde auszumachen. Säuglinge erkennen über den Geruch ihre Mütter, noch bevor sie sie sehen können. Es gibt anziehenden beziehungsweise abstoßenden Geruch. Man kann sich gut riechen oder auch nicht. Aromen beeinflussen soziales Miteinander und Sexualität.[2] Für die meisten Tiere ist der Geruch das Hauptkommunikationsmittel.[3] Geruchsverlust (Anosmia) kann Depressionen auslösen, die gelegentlich bis zum Suizid führen.[4] Ein Mann, der aufgrund einer Kopfverletzung plötzlich seinen Geruchssinn verloren hat, beschreibt die Erfahrung von Anosmia wie folgt: »When I lost (my sense of smell) – it was like being struck blind. Life lost a good deal of it’s savour – one doesn’t realize how much ›savour‹ is smell. You smell people, you smell books, you smell the spring – maybe not consciously, but as a rich unconscious background of everything else. My whole world was suddenly radically poorer.«[5] Um mit olfaktorischen Kunstwerken erfahrungsvermittelnd arbeiten zu können, ist es entscheidend, herauszufinden, warum Odeur solch eine wichtige Rolle in unserer Wahrnehmung spielt. Walter Benjamin schlägt vor, die Geschichte der Sinne dialektisch zu betrachten und das Verhältnis zwischen biologischen Konstanten und historischen Variablen zu untersuchen.[6] Seinem Beispiel folgend wird zunächst der Kulturgeschichte von Duft und Gestank nachgespürt. Um die kulturellen Verortungen von Odeur besser zu verstehen, werden daraufhin die physiologischen Vorgänge des Riechens ergründet. Zudem werden die besonderen Umstände unseres olfaktorischen Sprachvermögens untersucht. 2.1 Es stinkt bis zum Himmel. Zur Kultur des Riechens
Der Geruchssinn zählt seit der Antike zu den sogenannten niederen Sinnen. Platon und Aristoteles stellen den niederen Sinnen Riechen und Geschmack die höheren Sinne Sehen und Hören gegenüber.[7] Aristoteles erstellt eine Rangordnung der Sinne: Platz 1 das Sehen, Platz 2 das Gehör, Platz 3 Odeur, Platz 4 Geschmack und Platz 5 das Tastgefühl.[8] Gerüche sind für für ihn zudem »weniger leicht zu bestimmen« als andere Sinneswahrnehmungen.[9] Der Geruchssinn sei am schlechtesten herausgebildet.[10] Nur dem Sehen und dem Hören wird kognitive Wahrnehmung und in Folge Erkenntnisgewinn zugeschrieben. Die Einteilung in höhere und niedere Sinne findet auch zu Zeiten der Aufklärung statt. Kant verurteilt die niederen Sinne, also Riechen, Schmecken und Tasten, als untauglich für kognitive Erkenntnisse und Urteile.[11] Hegel erkennt nur die »theoretischen« Sinne, also Sehen und Hören, als geeignet an, um ein Kunstobjekt zu erfassen.[12] Aus psychoanalytischer Perspektive argumentiert Freud später, dass Erwachsene, die sich noch zu sehr auf Gerüche beziehen, es nicht zur Reife geschafft hätten und in ihrer psychischen Entwicklung stehen geblieben seien.[13] Selbst Arnheim, der in der Anerkennung des bildlichen Denkens und Begreifens Pionierarbeit geleistet hat, konstatiert, dass man zwar in Gerüche und Geschmäcker eintauchen könne, aber kaum in ihnen denken könne.[14] Corbin, der die Kultur des Geruchs historisch detailliert aufgearbeitet hat, stellt ein »dauerndes Schwanken zwischen Aufwertung und Disqualifizierung der Geruchsphänomene«[15] fest. Die Anzahl der, meist weniger bekannten, Persönlichkeiten, die sich für die Aufwertung der niederen Sinne und insbesondere des Geruchssinns einsetzen, ist jedoch sehr überschaubar. Condillac unternimmt 1754 mit Traité des Sensations den Versuch, Gerüche als essentiell für unser Denken zu etablieren.[16] Er vertritt die Position, dass olfaktorische Wahrnehmungen und nicht visuelle Eindrücke Anstoß für neue Gedanken seien. Charles Fouriere legt ein eigenes Duftlabor an und träumt davon, dass Aroma eine eigene Wissenschaft würde.[17] Friedrich Nietzsche befindet: »Die Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das delikateste Instrument, das uns zu Gebothe steht.: es vermag Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das Spektroskop nicht constatirt.«[18] Dies sind jedoch Einzelpositionen. Die Mehrheit der Menschen ist in Bezug auf Gerüche der Meinung, alles solle möglichst sauber sein und am besten überhaupt nicht riechen sollte.[19] Nichts darf ›ausdünsten‹, wie die Natur es will, – und wenn Aroma, dann bitte künstlich. Je nach Jahrhundert und Jahrzehnt wird mit Hilfe von Parfums, Duftlampen, Duftsprays, Desinfektionsmitteln, Wunderbäumen versucht Eigengeruch zu übertünchen.[20] Im 18. Jahrhundert führen erste Hygienestandards zu bislang unbekannten Empfindlichkeiten in Bezug auf Gerüche. Fließendes Wasser in den Häusern der reicheren Gesellschaftsschichten erlaubt den Bewohnern in angenehmeren Geruchsklimata zu wohnen. In der Folge können Menschen, die starken und unangenehmen Eigengeruch ausströmen, unteren Gesellschaftsschichten zugeordnet werden, also jenen, die ohne fließend Wasser sind. Claasen, Howes und Synnott finden eine Quelle, die besagt, im Jahre 1709 habe ein französischer Parfumeur vorgeschlagen, dass es für die unterschiedlichen Schichten unterschiedliche Parfums geben sollte: königlich für die Aristokraten, bürgerlich für die Mittelschicht und Desinfektionsmittel für die Armen.[21] Geruch wird aber nicht nur mit Armut verknüpft, sondern auch mit den niederen Trieben, dem Wilden, Tierischen und Begehrlichen.[22] Freud schreibt das Olfaktorische sogar dem Regressiven und Sexuellen zu.[23] Auch wenn sich die geistige Welt eher von den Gerüchen abwendet, so spielt Duft doch eine große Rolle in spirituellen Praktiken.[24] Im Christentum wird dem Geruch etwas Heiliges zugesprochen.[25] Die Welt beginnt mit Odeur beziehungsweise dem Odem: »Und Jehova Gott bildete den Menschen, Staub von dem Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens; und der Mensch wurde eine lebendige Seele.«[26] Ein anderes Beispiel ist die Erwähnung von Aromen im Hohelied: »Wer ist die, die heraufgeht aus der Wüste wie ein gerader Rauch, wie ein Geräuch von Myrrhe, Weihrauch und allerlei Gewürzstaub des Krämers?«[27] Generell scheint Duft im Christentum zu Erkenntnis und sogar zum Aufstieg in den Himmel zu führen, denn »Dank sei Gott, der uns stets im Siegeszug Christi mitführt und durch uns den Duft der Erkenntnis Christi an allen Orten verbreitet. Denn wir sind Christi Wohlgeruch für Gott unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen.«[28] Weihrauch und Myrrhe spielen in katholischen und orthodoxen Messen nach wie vor eine wichtige Rolle, und auch in anderen Religionen werden duftende, pflanzliche Materialien zeremoniell eingesetzt. Im Buddhismus kann Geruch zur Erleuchtung führen. Allerdings nicht über guten Duft, denn, so eine Meditationsanweisung, nur wer über eklige, stinkende Dinge, wie Leichen oder Fäkalien meditiert, der soll Gleichmut erlangen.[29] Ein anderes spirituelles Duftphänomen beschreiben William und Judith Guggenheim, indem sie das Phänomen erläutern, wie flüchtige Gerüche, die an Verstorbene erinnern, wie Geistererscheinungen empfunden werden können.[30] Heilung durch Geruch zu erzeugen, ist auch ein Anliegen der Aromatherapie. René-Maurice Gattefossé prägt diesen Begriff und stellt ernsthafte Versuche an, Krankheiten mit Geruch zu heilen.[31] Dieses Verfahren wurde jedoch nie medizinisch anerkannt. Die Wahrnehmung von Aromen wandelt sich im Lauf der Zeit sehr stark. »Geruch kann uns zwar belästigen, aber er macht uns keine Angst mehr.«[32] In dieser Aussage impliziert Annick Le Guérer, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man Epidemien noch riechen konnte und Gestank Lebensgefahr bedeutete. Auf den Geruch in Zeiten der Pest spielt der englische Kinderreim an, der auch heute noch immer gesungen wird: »ring a ring of rosies, a pocket full of posies, a tissue a tissue we all fall down«. Wir riechen die Krankheit, auch wenn wir das nach Blumen duftende Taschentuch aus der Hose ziehen, ist klar, dass wir gegen die Krankheit schon verloren haben. Auf heute übertragen, bedeutet die Aussage Le Guérers, dass tödliche Gerüche und Gifte der Industrialisierung weitgehend aus den Städten, zumindest in Westeuropa, verschwunden sind, dank besserer Filter, höherer Schornsteine und anderer baulicher Maßnahmen. Menschlicher Eigengeruch ist und bleibt jedoch etwas Unanständiges. So wird beispielsweise in Catcher in the Rye eine unangenehme Situation beschrieben, wie sie allgemein bekannt sein dürfte: »All of a sudden this guy sitting in front of me, Edgar Marsalla, laid this terrific fart. It was a very crude thing to do in a chapel and all.«[33] Von jeher versucht man, diese und andere Ausdünstungen unserer Körper mit Parfum zu übertünchen. Parfum wird benutzt, um andere Menschen zu beindrucken oder zu verführen. Jedoch schwanken die Moden für Parfums sehr. Dies ist im zeitlichen Kontext wie im Umgang mit Sexualität nachzuvollziehen. Parfums hatten zunächst nur die eine...


Dorothée King, Dr. phil., Studium der Kunstdidaktik an der Universität der Künste Berlin, der Medienkunst an der Universität Portsmouth, Kommunikationsdesign an der Merz Akademie Stuttgart und der freien Kunst an der Kunsthøjskole Skive. Nach Lehrtätigkeit in Deutschland, Österreich und Kanada nun als freie Kuratorin in Neu England tätig. Veröffentlichungen zu ästhetischer Erfahrung, Immersion und zeitgenössischer Kunst.



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