E-Book, Deutsch, 137 Seiten
Klein / Moesgen / Bilke-Hentsch Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-029979-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lebenslagen - Risiken - Hilfen
E-Book, Deutsch, 137 Seiten
ISBN: 978-3-17-029979-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Suchterkrankung stellt nicht nur für die Betroffenen eine schwere Belastung dar, sondern auch für ihr enges soziales Umfeld: Angehörige sind den Folgen der Sucht intensiv ausgesetzt. Dieses Buch widmet sich den betroffenen Personengruppen - Partner, Kinder, Eltern, Freunde und Kollegen von Menschen mit Suchterkrankungen - und veranschaulicht deren unterschiedliche Belastungen und Unterstützungsbedarfe anhand von Forschungsresultaten und Fallbeispielen. Die Autoren diskutieren Grundlagen und Theoriemodelle zum Thema - z.B. das umstrittene Konzept der Co-Abhängigkeit - und zeigen bewährte und innovative Unterstützungsmöglichkeiten und Behandlungsansätze für Angehörige von Menschen mit Suchterkrankung auf.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 Einleitung
Daten zur Prävalenz von Suchterkrankungen belegen die weite Verbreitung von Substanzmissbrauch und -abhängigkeit in unserer Gesellschaft. Faktisch gehören Suchterkrankungen neben Angststörungen und affektiven Störungen zu den am häufigsten vorkommenden psychischen Störungen in der Bevölkerung. Bei Männern stellen sie mit großem Abstand die häufigste psychische Störung dar. Eine Substanzabhängigkeit bedeutet zumeist aber nicht nur für das betroffene Individuum eine schwere Belastung, sondern auch für sein enges soziales und familiäres Umfeld. Oft ist das Umfeld noch schwerer belastet, da insbesondere für die Familienangehörigen Stress und Anforderungen auf der einen Seite zunehmen, während Stigmatisierung und Ausgrenzung auf der anderen Seite drohen. Die Gruppe der Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen ist allein angesichts der verschiedenen Möglichkeiten bezüglich der Art der Bezogenheit auf eine nahestehende Person (z.?B. Partner1, Kinder, Eltern, Freunde usw.) groß und heterogen zusammengesetzt (siehe unten). Ein Großteil der Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen erleidet dauerhafte und schwerwiegende Belastungen. Diese liegen vor allem innerhalb der oft belasteten Beziehung des Angehörigen zur Person mit Suchterkrankung und können von Konflikten in und Zerrüttung von der Partnerschaft und Familie bis hin zu physischer Gewalt und Misshandlung reichen. Auch Trennungen und Scheidungen, oft nach vielen Jahren der Hoffnung auf Besserung der Suchtstörung des Partners, sind häufig. Ungünstige äußere Bedingungen, wie z.?B. Arbeitsplatzverlust und finanzielle Schwierigkeiten, verschärfen die Lage oft zusätzlich. Auf Seiten der Angehörigen entstehen somit Probleme, die biopsychosozialer Natur sein können und daher Person, Körper und Umfeld betreffen. Hieraus ergibt sich ein besonderer Unterstützungsbedarf, der bislang jedoch zu selten umfassend und frühzeitig erfüllt wird (Bischof 2019). Es bestehen noch zu wenige spezifische professionelle und evidenzbasierte Angebote für Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen – wobei besonders an für die Betroffenen erkennbare, niedrigschwellig zu erreichende Hilfen zu denken ist. Das vorliegende Buch zielt darauf ab, einen umfassenden und aktuellen Überblick zur Situation von Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen zu bieten. Hierzu soll zunächst in diesem Kapitel eruiert werden, welche Personengruppen als Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen zu bezeichnen sind. Im folgenden ? Kap. 2 werden vier Fallvignetten aus verschiedenen Sucht- und Familienkontexten vorgestellt. Dabei tauchen in Anbetracht verschiedener Suchtformen und Substanzen sowohl Unterschiede als auch Parallelen hinsichtlich der innerfamiliären Situationen, der Symptomatiken und Konsequenzen auf. Das anschließende ? Kap. 3 widmet sich der Epidemiologie. In diesem Kapitel werden vorliegende Zahlen zu Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen dargestellt, wobei bestehende Untergruppen gesondert berücksichtigt werden. ? Kap. 4 widmet sich intensiv den besonderen Stressoren und Belastungen, denen Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen exponiert sind. Aufgrund der Heterogenität der Angehörigengruppe muss von unterschiedlichen Belastungen und Unterstützungsbedarfen ausgegangen werden, welche in diesem Kapitel genauer betrachtet werden. Thematisiert werden hier z.?B. dauerhaft konfliktreiche oder sogar gewaltbelastete Beziehungen, das Erleben wiederkehrender Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten, Sorgen um die Gesundheit der von einer Suchterkrankung betroffenen Person, fortgesetztes Kontrollverhalten in Bezug auf die Person mit einer Suchterkrankung sowie die Einschränkung der eigenen sozialen Kontakte und Freizeitgestaltung. ? Kap. 5 betrachtet im Folgenden die Konsequenzen, die diese Belastungen für die Angehörigen besitzen können. Dabei wird ein besonderer Fokus auf psychische oder psychosomatische Konsequenzen gelegt. Die verschiedenen Angehörigengruppen sowie die Art der Suchterkrankung, der diese exponiert sind, sind dabei weitestgehend differenziert betrachtet. Das folgende ? Kap. 6 behandelt verschiedene theoretische Hintergrundmodelle zum Thema Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen. Das Kapitel bietet eine kritische Reflektion der potenziellen Rolle einer dependenten Persönlichkeitsstörung sowie des sehr verbreiteten, aber auch sehr umstrittenen Begriffs der »Co-Abhängigkeit«. Die Bedeutung der Co-Abhängigkeit sowie die eher uneinheitliche Verwendung dieses Begriffs werden erörtert. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Konzept. Darauf aufbauend werden Verbesserungsvorschläge aufgezeigt. Zuletzt werden die bedeutsamen Stress- und Coping-Ansätze berücksichtigt. Das siebte Kapitel (? Kap. 7) widmet sich den existierenden Unterstützungsmöglichkeiten und Behandlungsansätzen für die verschiedenen Angehörigengruppen. Es werden für die verschiedenen Gruppen Behandlungsmöglichkeiten und -schwerpunkte aufgezeigt. Ein besonderes Gewicht liegt dabei auf Programmen, deren Wirksamkeit sich im Rahmen wissenschaftlicher Studien bewährt hat. Der dennoch bestehende Bedarf nach zielgruppenorientierten neuen Stressreduktions- und Ressourcenförderprogrammen wird zuletzt aufgezeigt. Das Buch schließt im letzten ? Kap. 8 mit einem kurzen Ausblick auf künftige Forschungsaktivitäten und wünschenswerte Präventionsvorhaben. Die Situation von Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen wurde bislang in Forschung und Praxis nur lückenhaft und wenig kontinuierlich beachtet (Klein und Bischof 2013). Der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass bis dato zu den spezifischen Belastungen der Zielgruppe und ihren konkreten Unterstützungsbedarfen, insbesondere in Deutschland, zu wenig Kenntnisse vorliegen. Er deutet aber darauf hin, dass das Stresserleben und die daraus resultierenden negativen Konsequenzen für Angehörige erheblich sind (Klein & Bischof 2013; Berndt et al. 2017; internationale Sicht vgl. Salize et al. 2014, Orford et al. 2013). Für eine nachhaltige Verbesserung der Situation von Angehörigen müssen aber deren individuelle Problemlagen adäquat und differenziert wahrgenommen und bei Hilfeangeboten rekonstruiert werden, damit passgenaue Unterstützungskonzepte entwickelt werden können. Angehörige sollen in ihrem Verhalten im Allgemeinen und ihren Reaktionen auf ihre Bezugsperson mit einer Suchterkrankung nicht verurteilend stigmatisiert oder vorschnell einer Diagnosekategorie zugewiesen werden, sondern Empathie und Respekt erfahren. Dadurch sind am ehesten Zugang und Veränderung möglich, wie die zahlreichen Studien im Bereich des »Motivational Interviewing«, auch für betroffene Angehörige, zeigen konnten (Miller & Rollnick 2015). Dabei gilt es zu beachten, dass die Gruppe der Angehörigen von Menschen mit Suchterkrankungen mindestens so heterogen zusammengesetzt ist wie die der Gruppe der Menschen mit Suchterkrankung selbst. Merke Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen sind eine in Praxis und Forschung immer noch vernachlässigte Gruppe. Sie ist mindestens so heterogen zusammengesetzt wie die Gruppe der Menschen mit Suchterkrankungen. Eine Einteilung der Gruppe der Angehörigen in Untergruppen erscheint daher sinnvoll und zweckmäßig für die optimale Zuordnung von Hilfen. Um einen entsprechenden Versuch der Definition von Untergruppen vorzunehmen, ist eine Berücksichtigung der folgenden Merkmale erforderlich: ? Geschlecht: männlich, weiblich, divers ? Altersgruppe: Kinder, Jugendliche und Erwachsene jungen, mittleren und höheren Alters ? Status der Angehörigkeit: - Ehepartner oder Lebensgefährte, - minderjähriges Kind (leibliches, Stief-?, Adoptiv- oder Pflegekind), im selben Haushalt lebend oder nicht, - erwachsenes Kind (leibliches, Stief-?, Adoptiv- oder Pflegekind), - Freund, - nahestehender Kollege, Vorgesetzter oder - Eltern- oder Großelternteil ? Art der Suchterkrankung der betroffenen Person: - Alkohol - Cannabis - illegale Drogen (Heroin, Kokain, (Meth-)?Amphetamine, Halluzinogene usw.) - (verschreibungspflichtige) Medikamente - polyvalenter Substanzkonsum ? Störung durch Verhaltenssüchte (v.?a. Glücksspiel, Internet, Online-Spiele, Soziale Medien, Kaufsucht,...