E-Book, Deutsch, 748 Seiten
Koch / Bengel Anwendungen der Medizinischen Psychologie
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8409-0578-0
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
E-Book, Deutsch, 748 Seiten
ISBN: 978-3-8409-0578-0
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Band 2 der Enzyklopädieserie „Medizinischen Psychologie“ stellt unter Anwendungsaspekten aktuelle Befunde aus der Psychologie, die in der Medizin und in der Gesundheitsversorgung von Relevanz sind, vor. Die Autorinnen und Autoren behandeln in den verschiedenen Beiträgen aus psychologischer Sicht u.a. die Arzt-Patient-Beziehung, interprofessionelle Kooperation und ärztliche Gesprächsführung. Weitere Kapitel befassen sich mit medizinpsychologischen Interventionen wie Patientenschulungen, Psychoedukation und Interventionen bei Angehörigen. Arbeitsfelder mit besonderer medizinisch-psychologischer Relevanz, wie medizinische Eingriffe, Reproduktionsmedizin, Krebs- und Diabeteserkrankungen sowie ausländische Patienten, werden ebenso diskutiert wie Qualitätssicherung und Evaluation. Das Buch vermittelt Ärzten, Vertretern der Pflegeberufe sowie anderer im Gesundheitswesen tätigen Personen medizinpsychologisches Wissen und Hinweise für den praktischen Umgang im medizinischen Alltag.
Zielgruppe
Studierende und Lehrende der Psychologie und Medizin, Klinische Psychologen, Gesundheitspsychologen, Mediziner
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Medizin, Gesundheitswesen Präventivmedizin, Gesundheitsförderung, Medizinisches Screening
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologische Disziplinen Gesundheitspsychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychotherapie / Klinische Psychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Allgemeines
Weitere Infos & Material
1;Anwendungen der Medizinischen Psychologie;1
1.1;Autorenverzeichnis;7
1.2;Inhaltsverzeichnis;15
1.3;Vorwort;31
2;1. Kapitel: Diagnoseaufklärung, Information und Entscheidung über Behandlungen – Patientenbeteiligung und partizipative Entscheidungsfindung;37
3;2. Kapitel: Schwierige Gesprächssituationen in der Arzt-Patient-Interaktion;69
4;3. Kapitel: Interprofessionelle Teamarbeit und Teamentwicklung;91
5;4. Kapitel: Sozialisation und Rolle des Arztes;115
6;5. Kapitel: Arbeits- und Organisationspsychologie in der Medizin – Das Beispiel Krankenhaus;147
7;6. Kapitel: Prävention und Gesundheitsförderung;171
8;7. Kapitel: Patientenschulung und Psychoedukation;197
9;8. Kapitel: Angehörigeninterventionen bei somatischer Krankheit;217
10;9. Kapitel: Psychosoziale Aspekte des Gesundheitsmonitorings;243
11;10. Kapitel: Internetbasierte Gesundheitsinterventionen;265
12;11. Kapitel: Medizinische, psychologische und soziale Aspekte der prädiktiven Diagnostik in der Humangenetik;295
13;12. Kapitel: Abschied am Beginn des Lebens – Verluste in der Schwangerschaft;313
14;13. Kapitel: Reproduktionsmedizin im medizinpsychologischen und medizinsoziologischen Kontext;335
15;14. Kapitel: Notfall- und Intensivmedizin;363
16;15. Kapitel: Transplantationspsychologie;395
17;16. Kapitel: Palliativmedizin – Eine Antwort auf die Herausforderungen von Sterben und Tod heute;435
18;17. Kapitel: Psychologische Aspekte bei Krebserkrankungen;459
19;18. Kapitel: Psychologische Aspekte in der Kardiologie;475
20;19. Kapitel: Schmerz aus medizinpsychologischer Perspektive;501
21;20. Kapitel: Psychologische Aspekte bei Diabetes mellitus;531
22;21. Kapitel: Psychologische Aspekte bei Schilddrüsenerkrankungen;585
23;22. Kapitel: Psychologische Aspekte bei Adipositas und Fettstoffwechselstörungen;595
24;23. Kapitel: Interkulturalität in der gesundheitlichen Versorgung;613
25;24. Kapitel: Evaluation und Qualitätssicherung: Die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien in der Gesundheitsversorgung;649
26;25. Kapitel: Forschungskonzepte und methodische Beratung in der Medizinischen Psychologie;675
27;Autorenregister;703
28;Sachregister;739
5. Kapitel Arbeits- und Organisationspsychologie in der Medizin – Das Beispiel Krankenhaus (S. 113-114)
Hans-Wolfgang Hoefert †
1 Einleitung
Im Mittelpunkt des Interesses der Arbeits- und Organisationspsychologie stehen vor allem die menschlichen und zwischenmenschlichen Komponenten des Arbeitsverhaltens, welche – neben den materiellen und informationellen Komponenten – die Aufbau- und Ablaufstruktur einer Organisation (hier das Krankenhaus) mitbeeinflussen bzw. durch strukturelle und prozessuale Merkmale beeinflusst werden. Diese psychologische Fachrichtung hat sich aus der älteren, ergonomisch orientierten Arbeitswissenschaft entwickelt, verschiedene Konstrukte der Sozialpsychologie integriert und Theorien des sozialen Wandels auf die Realität von Institutionen adaptiert. Im Folgenden werden vier wesentliche Bereiche thematisiert, nämlich (1) Arbeitsanforderungen und Belastungen von Ärzten und Pflegekräften im Krankenhaus, (2) Führungs- und Managementprozesse im Krankenhaus, (3) Gruppenprozesse mit dem Schwerpunkt der Intergruppenbeziehungen zwischen Ärzten und Pflegekräften und (4) Arbeits- und Berufszufriedenheit von Ärzten und Pflegekräften. Alle vier Bereiche nehmen eine zentrale Position im Themenspektrum der allgemeinen Arbeits- und Organisationspsychologie ein (vgl. Schuler & Sonntag, 2007).
2 Arbeitsbedingungen und Arbeitsbelastungen im Krankenhaus Die Situation in deutschen Krankenhäusern ist wesentlich durch eine Intensivierung der Arbeit in Folge der DRG-Finanzierung der Krankenhäuser mit Fallpauschalen pro Patient, dadurch verkürzten Liegezeiten und häufigerer Bettenbelegung mit der dadurch vermehrten Aufnahme- und Entlassungsdokumentation gekennzeichnet (vgl. Bartholomeyczik et al., 2008). Abgesehen von dieser deutschen Besonderheit gibt es eine Reihe von Belastungsfaktoren, die weltweit typisch sind für den Krankenhausbetrieb. Dazu zählt beispielsweise die Schicht- und Nachtarbeit, welche nicht selten zu Schlafstörungen oder psychischen Störungen beitragen kann (z. B. Flo et al., 2012), wobei Nachtarbeit nicht für alle Beschäftigten einen Belastungsfaktor darzustellen scheint (vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2007) und in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich belastend erlebt wird (Knauth et al., 2008). Von den körperlichen und psychischen Belastungen sind nicht nur die Berufsgruppen der Ärzte und Pflegekräfte in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Maße betroffen (siehe unten), sondern auch besondere Fachabteilungen wie Onkologie oder Palliativmedizin, bei denen eine gewisse emotionale Stabilität erforderlich ist, um den psychischen Anforderungen genügen zu können. Das jeweilige Belastungsspektrum wird im Folgenden getrennt für Ärzte und Pflegekräfte dargestellt.
2.1 Ärzte
Inwieweit bestimmte Arbeitsbedingungen von Ärzten zu Arbeitsbelastungen führen und die Arbeitszufriedenheit bestimmen können, haben Mache und Kollegen für die Berufsgruppen der Pneumologen (2009a), Gastroenterologen (2009b), Pädiater (2010a), Psychiater (2010b), Kardiologen (2011) und Geriater (2012) in deutschen Krankenhäusern untersucht. Danach wird für alle diese Berufsgruppen deutlich, dass bis zu zwei Drittel der Zeit mit Verwaltungsaufgaben, Konferenzen und Stationsrundgängen verbracht wird, während für die direkte Kommunikation mit Patienten lediglich 4 bis 7 % der täglichen Arbeitszeit verbleiben. Im Einzelnen werden in den Studien von Mache et al. Dokumentationspflichten, häufiges Multitasking und häufige Unterbrechungen bei der Arbeit als Stressfaktoren genannt. In der Untersuchung von Knesebeck et al. (2010) wird vor allem der „job strain“ (hohe Anforderungen bei gleichzeitig niedriger Kontrolle) als wichtigster Stressfaktor bei Chirurgen beschrieben. Die Arbeitszeiten haben sich durch den in den letzten Jahren erfolgten Bettenabbau nicht wesentlich verringert, vielmehr ist die Arbeitsverdichtung – mitbedingt durch kürzere Liegezeiten und dadurch erforderliche Dokumentationsverpflichtungen – eher angestiegen. Schließlich können verlängerte Arbeitszeiten und eine höhere Arbeitsintensität nicht nur zu Behandlungsfehlern, sondern auch zu einer größeren Erschöpfung beitragen, die wiederum insbesondere bei jüngeren Ärzten nicht selten zu Konflikten mit den jeweiligen Familien der Ärzte und damit zu einer allgemeinen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen können (vgl. Fuß et al., 2008).