E-Book, Deutsch, Band 47, 373 Seiten
Reihe: Deutsche Zeitschrift für Philosophie / SonderbändeISSN
Krämer Idealismus und Entfremdung – Adornos Auseinandersetzung mit Kierkegaard
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-11-101209-4
Verlag: De Gruyter
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 47, 373 Seiten
Reihe: Deutsche Zeitschrift für Philosophie / SonderbändeISSN
ISBN: 978-3-11-101209-4
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Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Philosophie Moderne Philosophische Disziplinen Existenzphilosophie, Lebensphilosophie
- Geisteswissenschaften Philosophie Sozialphilosophie, Politische Philosophie
- Geisteswissenschaften Philosophie Geschichte der Westlichen Philosophie Westliche Philosophie: 19. Jahrhundert
- Geisteswissenschaften Philosophie Geschichte der Westlichen Philosophie Westliche Philosophie: 20./21. Jahrhundert
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Einleitung
1 Ein schwieriges Verhältnis
„Man fühlt sich fortwährend zum Widerspruch, ja zu leidenschaftlicher Abwehr herausgefordert“1, schrieb Romano Guardini 1927 über Kierkegaard. Und genau das wollte dieser bei den Lesenden auch erreichen: eine nachhaltige Irritation, die dazu führen soll, selbst zu urteilen und „leidenschaftlich“ zu denken. Bei Adorno ist dieser Plan aufgegangen. Seine erste philosophische Publikation, Kierkegaard: Konstruktion des Ästhetischen von 1933, die überarbeitete Fassung seiner Habilitationsschrift, liest sich auf den ersten Blick wie eine Abrechnung mit dem Dänen. Sieht man genauer hin, so erkennt man jedoch, dass ihn gerade jenes Widerständige an Kierkegaard fasziniert. Noch deutlicher zeigt das die Gedenkrede zu dessen 150. Geburtstag. Dort versucht Adorno, Kierkegaard aus der nivellierenden Vereinnahmung zu befreien, die diesem zwischen den Weltkriegen – in der Hochphase seiner Rezeption im deutschen Sprachraum – theologisch, philosophisch aber auch politisch widerfuhr: „Sieg als Niederlage“ (GS 2, 244). Nicht nur wurde Kierkegaard dadurch die Spitze genommen, es ging damit auch der Blick für das unauflösbar Ambivalente bei ihm verloren. Erst so konnten sich einzelne Momente aus jenem Ineinander von Wahrheit und Unwahrheit, das ja zumindest das pseudonyme Werk auch für ihn selbst sein sollte, verselbständigen: „Die Bahn solchen Sieges ist die einer sich entfaltenden Unwahrheit von Kierkegaards Lehrgehalt“ (GS 2, 244). Derartiges kann man Adorno wahrlich nicht vorwerfen. Bei ihm sind vernichtende Kritik und überschwängliche Würdigung oft so ineinander verwoben, dass man den Eindruck bekommt, er widerspräche sich selbst. Damit spiegelt er Kierkegaard bisweilen fast, woran schon abzulesen ist, dass die Auseinandersetzung mit ihm die eigene Methode maßgeblich geprägt hat. Allerdings hat eben das auch zu dem Unverständnis beigetragen, das Adornos Deutung entgegengebracht wurde. Bei beiden besteht die Gefahr, „zwischen den Widersprüchen hängen zu bleiben, die eben das Prinzip dieses ärgerlich dialektischen Denkens sind“ (Deuser 1983, 101). In der Kierkegaardforschung hat Adornos Interpretation überwiegend entschiedene Ablehnung erfahren, weil sie dem Dänen nicht gerecht zu werden schien. Bisweilen gründet diese Absage aber schon in der an Adorno und die Kritische Theorie selbst2 – womit es nun, was man ja diesem gerade angelastet hat, gar nicht mehr vorrangig um das Verständnis Kierkegaards geht. Dieser Dissens fällt insofern auf den Dänen selbst zurück, als dessen Denken bis heute als konservativ oder reaktionär, wie bei Adorno als „Deckbild von Revolution“ (GS 2, 256), oder gar direkt als revolutionär verstanden bzw. missverstanden wird. Es scheint, dass mit dem Abstand zu jener studentenbewegten Zeit, in der auch Adornos Buch von 1933 in der Theologie (wieder-)entdeckt wurde, die Abwehr nachlässt und überhaupt die (innertheologische) Kontroverse über die Kritische Theorie weniger angespannt geführt wird. In jedem Fall aber hat Adorno mit ihm, wie Heiko Schulz (2011b, 20?–?21) in seinen Studien zur Rezeptionsgeschichte Kierkegaards feststellt, „nachhaltige[n] Impulse“ geliefert und es haben seine „Anstöße im Kontext einer Diskussion der politischen bzw. sozialethischen Aspekte und Probleme in Kierkegaards Werk bis heute nichts von ihrer provozierenden Stimulanz verloren“. Nun kann ein Denker ohnehin auf ganz verschiedene Weise rezipiert werden. Schulz (2011b, 8?–?15) nennt unter anderem die „produktive Rezeption“. In der Philosophie ist ihm hierfür vor allem Heidegger beispielhaft, aber auch der französische Existenzialismus. Dort durchzieht zwar die Auseinandersetzung mit Kierkegaard das ganze Denken, eine explizite Bezugnahme auf ihn findet sich aber kaum – und wenn, zumeist im Modus der Distanznahme. Andersherum verhält es sich bei der „rezeptiven Produktion“ (H. Schulz 2011b, 17?–?22), womit schlicht die (akademische) Kierkegaardliteratur gemeint ist. Adorno nimmt dabei eine charakteristische Zwischenstellung ein und er ist Schulz, neben Jaspers, eines der wenigen Beispiele hierfür: „For apart from Kierkegaard’s implicit presence in much of Adorno’s work the latter has also written and published quite a bit about the Danish thinker.“3 Es ist kein Geheimnis, dass Adorno schon in jungen Jahren – und zwar bevor er mit Hegel und Marx besser vertraut war – Kierkegaard geradezu exzessiv studiert hat. Mehr noch als es seine Veröffentlichungen ahnen lassen, die zumindest an der Oberfläche oft vorrangig das Trennende bezeugen, zeigen das diverse Briefwechsel – mit Adorno und über ihn. Es war wohl der 14 Jahre ältere Siegfried Kracauer, der ihn dazu brachte, wie Peter Šajda (2012, 6?–?7) vermutet. Bereits vor dem ersten Weltkrieg hatte Kracauer sich mit dem Dänen beschäftigt. In seinen Briefen an ihn nach seinem Umzug nach Wien 1925 berichtet Adorno, dass er mehrere Kierkegaardbände aus Frankfurt mitgenommen habe und allabendlich darin lese. Und bereits in einem Brief vom Dezember 1923 an Leo Löwenthal amüsiert sich Kracauer über diese intellektuelle Leidenschaft Adornos, damals noch Gymnasiast, wenn er meint, dass eine junge Dame den ganzen Kierkegaard gelesen haben müsste, um Adorno überhaupt zu verstehen (Kracauer u. Löwenthal 2003, 51). Freilich musste, wer die akademischen und feuilletonistischen Debatten der Zwanzigerjahre verfolgte, früher oder später ohnehin auf den Kopenhagener stoßen.4 Dafür sorgten Zeitschriften wie Der Brenner und Hochland, aber auch das Feuilleton der Frankfurter Zeitung, in dem u.?a. Kracauer über Kierkegaard schrieb. Diskutiert wurde sein Denken, neben der existenzphilosophischen Rezeption, sowohl in protestantischen als auch katholischen Kreisen – Karl Barth, Rudolf Bultmann, Dietrich Bonhoeffer auf der einen Seite, Theodor Haecker und Ludwig Derleth auf der anderen seien hier genannt – und in progressiven ebenso wie in nationalkonservativen Milieus. Die inzwischen umfassend aufgearbeitete Rezeption Kierkegaards in der Zwischenkriegszeit erklärt jedoch nicht die spezifische Faszination, die er auf Adorno ausübte. Sicherlich waren es auch die allgegenwärtigen existenzphilosophischen und theologischen Fragen, die den Frankfurter beschäftigten. Seine Deutung im „Kierkegaardbuch“5 versteht sich aber gerade als Gegenentwurf zu den aneignenden Interpretationen der Dialektischen Theologie sowie zu denen von Jaspers und vor allem Heidegger. Deshalb zielt Adorno – das gilt noch für manche Passagen aus der Negativen Dialektik – nicht selten weniger auf Kierkegaard, als vielmehr auf seine Nachfolger. Die Kritik wird also gewissermaßen auf den Dänen zurückprojiziert – um ihn aus seiner späteren Vereinnahmung zu befreien, aber auch um jene „Unwahrheit“ im Nachvollzug ihrer Entfaltung schon im Ursprung klarer erkennen zu können. Und schließlich versucht Adorno manchmal auch schlicht, seine zeitgenössischen Gegenspieler selbst zu treffen und bedient sich dabei nur kierkegaardscher Motive. Einen Hinweis auf Adornos frühe thematische Affinität zu Kierkegaard gibt ein Brief an Alban Berg von 1926, in dem er beiläufig meint, er sei auf der „Personalität und Innerlichkeit des ‚Einzelnen‘ […] jahrelang kierkegaardisch herumgeritten“ (BW 2, 88). Nun ist diese Problemstellung an sich nicht ungewöhnlich, es ist vielmehr die Art und Weise, wie er diese Zentralkategorie über die existenzielle Fragestellung hinaus in Bezug setzt zum Ästhetischen in seinen verschiedenen Bedeutungen – das macht er übrigens bereits in besagtem Brief, in dem es um die „formkonstruktive Phantasie“ (BW 2, 87?–?88) der Musik geht – und sozialphilosophisch, d.?h. unorthodox-materialistisch interpretiert. Dazu gehört auch, dass er Kierkegaard nicht einfach als Alternative zum idealistischen, systemphilosophischen Denken versteht, als jemanden der radikal mit ihm bricht, sondern als einen, der ihm ebenso noch verhaftet bleibt. Gleichwohl ist dessen Existenzdialektik gerade für die Entwicklung von Adornos eigenem Dialektikverständnis eine bisher wenig beachtete Anregung. Auch hierzu ist seine Korrespondenz aufschlussreich. In einem Brief an Kracauer aus der Zeit der Arbeit an seiner Habilitationsschrift gilt die Kritik nicht mehr Hegel allein, sondern einem dogmatischen Marxismus, dessen „geschlossener Dialektikbegriff […] kraft der Totalitätskategorie als einer bloßen Denkbestimmung noch idealistisch sei“, wogegen er mit Kierkegaard die methodisch intermittierende, „nicht sich einfügende Realität“ geltend macht (BW 7, 218). Überhaupt kann dieses frühe Werk als Keimzelle von Adornos reiferem Denken gelten. Methodische Konzepte werden hier ebenso erprobt, wie bedeutende thematische Zusammenhänge und Motive entwickelt. Das hat bereits Walter Benjamin in seiner Rezension vermutet: „In diesem Buch liegt viel auf engem Raum. Leicht möglich, daß die späteren des Verfassers einmal aus diesem hier entspringen werden. In jedem Fall gehört es zu der Klasse jener seltenen Erstlingswerke, in denen ein beflügelter Gedanke in der Verpuppung der Kritik erscheint“ (Benjamin 1972b, 383). Wenn sich die Forschung zu Adorno schon nicht mit dessen Verhältnis zu Kierkegaard beschäftigt hat, so hätte sie sich zumindest in dieser Hinsicht, also im Hinblick auf die Werkgenese, mit dem Buch über ihn auseinandersetzen können. Das...