E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Lipp Lipödem-Life-Balance!
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-456-76099-5
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liposuktion, Ernährung, Bewegung, Nahrungsergänzungsmittel - was hilft wirklich?
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-456-76099-5
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Ursache ist eine Fettverteilungsstörung der unteren und oberen Extremitäten, die zu einer physisch wie psychisch extrem belastenden Lebenssituation führen kann. Konservative Behandlungen (Kompressionsstrümpfe, Lymphdrainagen) bieten nur geringfügige Linderung der Beschwerden. Sport und Diäten bringen so gut wie keine Besserung. Mehr Aussicht auf Erfolg hat eine Fettabsaugung an den betroffenen Stellen, kombiniert mit einer ergänzenden individuellen Stoffwechselumstellung. Patientinnen können dadurch Schmerzfreiheit, eine ästhetische Verbesserung und mehr Lebensqualität erreichen. Aber weder die Fettabsaugung noch eine Ernährungsumstellung bedeuten Heilung. Vielmehr scheint langfristig nur die Kombination von verschiedenen physischen und mentalen Maßnahmen eine nachhaltige und lebenslange Verbesserung zu bringen. Das bedingt eine Änderung des Lebensstils und das Finden einer individuellen Balance.
Die Autorin, selbst auch Betroffene, erklärt aus ärztlicher Sicht kompetent und anschaulich, welche Möglichkeiten und Grenzen z.B. eine Liposuktion bietet.
Mit Blick auf alle Facetten dieser Erkrankung gelingt es ihr, medizinische Sachverhalte, aktuelle Forschungsergebnisse zu allen wichtigen Themen wie Fettstoffwechsel, Hormone, Entzündung oder die Wirkung von Nahrungsergänzungsmittel verständlich darzustellen. Tipps, authentische Erfahrungsberichte sowie ein eigenes Kapitel mit erfolgreich getesteten Rezepten sind direkt umsetzbar, um den eigenen Lebensstil zu ändern.
Zielgruppe
Ärzte
Betroffene
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Medizin, Gesundheitswesen Allgemeinmedizin, Familienmedizin
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Klinische und Innere Medizin Dermatologie
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Klinische und Innere Medizin Neurologie, Klinische Neurowissenschaft
Weitere Infos & Material
|11|Einleitung
Geerbt, erkrankt, genesen: Ich weiß, wie Sie sich fühlen, denn ich bin auch eine Betroffene. Ich habe die Krankheit des Lipödems von meiner Großmutter väterlicherseits geerbt. Bei mir ist sie in der Pubertät ausgebrochen. Da begannen die Einschränkungen im Alltag und auch die symmetrische Formveränderung der Reiterhosen. Die Schmerzen kamen dann mit Anfang/Mitte 20 dazu. Und lange Zeit habe ich mir die Frage gestellt: Warum ich? Warum bin ich keine Sportlerin wie die anderen in meiner Familie? Die sind Marathonläufer, Schwimmer, Kletterer. Ich bin das nicht, ich bin anders. Sie dürfen also sicher sein, wenn ich Ihnen auf den nächsten 200 Seiten etwas von der Entstehung der Krankheit und deren Verlauf sowie von den Chancen auf Heilung erzähle, dann tue ich das mit einem ganzheitlichen Blick – dem Blick der Medizinerin und dem der Betroffenen. Das Lipödem ist mein Schicksal. Ich habe es mir nicht ausgesucht, und es hat mir viel Schmerz und Leid gebracht. Am Ende aber, so darf ich heute sagen, hat es mich stärker gemacht, als ich je zuvor war, denn erst durch diese Krankheit habe ich den Weg zu meinem Beruf, zur Ärztin gefunden. Ich darf mich heute zu den Spezialistinnen zählen. Aus der ganzen Welt kommen Patientinnen zu mir, um Rat und Hilfe zu finden, um sich von mir und meinem Team operieren zu lassen. Das nehme ich als Geschenk des Schicksals an, auch wenn die Krankheit für mich nach wie vor eine Bürde ist. Ich habe diese Bürde von meiner Tiroler Oma Theresia mit auf meinen Lebensweg bekommen. Sie hatte keine Möglichkeit, das Lipödem behandeln zu lassen, denn 1914, als meine Oma geboren wurde, herrschten in Europa ganz andere Probleme, und später in den Nachkriegsjahren interessierte sich niemand für Frauen mit Beinschmerzen. Warum erzähle ich von ihr? Nun, die Geschichte meiner Oma, der Blick auf ihr Leben hat mir vor Augen geführt, dass ein Lipödem nicht durch schlechte Ernährung, nicht durch verarbeitete, konservierte Lebensmittel, nicht durch Mangel oder Überfluss, nicht durch äußere Umstände verursacht wird. Im Tirol der Nachkriegszeit gab es eher zu wenig als zu viel zu essen. Meine Großeltern besaßen einen Bauernhof, auf dem sie alles selbst angebaut haben, alles, was auf den Teller kam, war Eigenproduktion. Fleisch gab es traditionell nur am Sonntag und das Gehen, das wir heute täglich in Schritten zählen, war ein natürliches Fortbewegen, um die Aufgaben auf Hof und Feld zu erledigen. Meine Oma bekam drei Kinder. Sie ruhte so gut wie nie, sie war zeitlebens schlank und zierlich |12|und klein. Aber sieht man genauer hin, sieht man die Fotos ihrer älteren Jahre mit Aufmerksamkeit an, erkennt man an den Waden meiner Oma jene Merkmale, die die typischen Zeichen der Krankheit sind. Diese verbarg sie unter bodenlangen Röcken mit Gürteln um die schmale Taille gelegt. Sie trug dazu Blusen und an Feiertagen ihr Festtagsdirndl. Die Mode mag günstig gewesen sein, um die dicken Beine zu verstecken. Ich hingegen sollte zwei Generationen später mit einer Mode konfrontiert werden, die für das Lipödem ein Desaster war. Hautenge Skinny Jeans, die jede Ausbuchtung im Fettgewebe wahrheitsgetreu abbildeten. Miniröcke übrigens waren keine Option. Die Mode kurbelte mein Leiden an. Und bis heute ärgert es mich, wenn – meist männliche – Kollegen die Schultern heben und fragen, ob das nicht „eh alles nur eine Modediagnose ist“. Mitnichten! Zwar schmeichelte die Mode zur Zeit meiner Oma betroffenen Frauen deutlich mehr als die heutige, zwar betont die aktuelle Mode die ungünstige Fettverteilung dieser Krankheit, aber eine Modediagnose ist es deshalb noch lange nicht. In Deutschland sind aktuell rund 3,8 Millionen Menschen an einer Störung der Fettverteilung erkrankt. Fast ausnahmslos trifft es Frauen. Sie leiden an ausladenden Oberschenkeln, Waden, Füßen, Oberarmen und oftmals werden sie als übergewichtig und im Essen maßlos bezeichnet. Das ist falsch! Denn das Lipödem hat mit Adipositas nichts gemein. Während eine Adipositas oft antrainiert ist, ist ein Lipödem eine angeborene symmetrische Fettverteilungsstörung, die die tiefe Fettgewebsschicht betrifft. Zunächst zeigt sich diese verdickt, dann wird sie knotenförmig und am Ende verhärtet das Gewebe. Knoten entstehen. Bindegewebe verdickt sich. Es kommt zu einem Überschuss an Lymphflüssigkeit und in der Folge zu Schwellung und Schmerz. Und als ich mich vor vielen Jahren entschlossen habe, diese Krankheit durch Forschung und Behandlung zu besiegen, da war mein eigenes Schicksal die Triebfeder. Und ebenso war es der tiefe Wunsch, diese Krankheit endlich in den Mittelpunkt des Bewusstseins vieler Mediziner zu stellen. Denn noch immer werden falsche Diagnosen gegeben und noch immer geht wertvolle Zeit verloren, bis ein auf die Patientin abgestimmter Plan zur Behandlung entworfen wird. Jedes Lipödem ist einzigartig, jede Frau ist es auch: Die Krankheit, die Sie mit sich tragen, hat ihre eigene Geschichte. Nie wird sie mit anderen gleich sein, immer gibt es Unterschiede, und das macht es für mich als Medizinerin herausfordernd und spannend. Auch Ihre Geschichte wird ihren Anfang haben, wird einen Auslöser, ein Tempo haben, das Ihrem Temperament und Ihren Lebensumständen entspricht. Haben Sie je darüber nachgedacht, wann das Leiden begann? Ich erinnere mich gut daran, als ich zum ersten Mal mit meiner Krankheit konfrontiert wurde. Ich war 15, die langen Sommerferien waren vorüber, und die Französischlehrerin begrüßte mich mit den Worten: „Oh, tu as grandi!“ – „Oh, du bist |13|aber gewachsen.“ Sie meinte damit, das ahnte ich, nicht meine Länge, sondern die Breite. Mir war aufgefallen, dass meine Jeans nicht passte, selbst in nassem Zustand ließ sie sich nicht mehr über die Hüften dehnen. Meine Familie tat das mit „Babyspeck“ ab oder als Pubertätsschub, empfahl mir mehr Sport zu treiben, doch bereits damals fühlten sich meine Beine schwer an, und ich ermüdete schnell. Ein wenig, so fand ich, fiel ich aus dem Rahmen, denn im Gegensatz zu meinem dünnen Bruder war ich diejenige, die lieber las, als sich körperlich zu verausgaben. Rückblickend war das Pauken meine unbewusste Flucht, um mich nicht mit meinem Äußeren zu befassen. Ich versuchte, trotz der Gewichtszunahme mein sonniges Gemüt zu bewahren, meine Ziele zu verfolgen, manches Getuschel zu ignorieren. Zwar aß ich wenig, versuchte tatsächlich, den Ausdauersport in mein Tagesprogramm zu integrieren, doch die Figur veränderte sich weiter, das Fett verteilte sich ungünstig an Hüften, Po und Beinen. Es sollte weitere 10 Jahre dauern, bis ich den Grund erfuhr. Wie gesagt: Ich hatte das Lipödem von meiner Großmutter geerbt, mich hat es getroffen und nicht die anderen. Schicksal eben. Heute gibt es Selbsthilfegruppen, Chatgruppen, es gibt Aufklärung und Ratschläge in den sozialen Medien, in denen sich Betroffene zusammenfinden und gegenseitig unterstützen, wenn es um die Frage nach kompetenten Ärzten geht oder einfach darum, sich Mut zuzusprechen. Das Lipödem lässt sich einfacher ertragen, wenn Menschen sich trösten, weil sie Ähnliches bewältigen. Ich halte viel von solch einem Austausch. Er trägt dazu bei, das Tabu dieser Krankheit zu durchbrechen. Deshalb: Reden Sie über Ihr Lipödem, stehen Sie zu Ihrem Körper. Und doch will ich hier eine Augenbraue heben, wenn ich sage: Achtung, bitte genau hinsehen, wer schreibt, wer spricht, bitte genau die Expertise dieser Person hinterfragen und bitte innerhalb einer Gruppe sehr aufmerksam bleiben, ob Neid, Zweifel, Angst herrschen. Dann rate ich Ihnen, sich zurückzuziehen und sich ein anderes Feld zu suchen, in dem das Miteinander leitend ist. Halten Sie immer den Blick auf das Helle. Ich tat das auch, indem ich stolz auf meinen flachen Bauch war, den habe ich durch enge T-Shirts betont. Auch hatte ich stets ein Strahlen im Gesicht, weil ich mir irgendwann sagte: Ich bin eben nicht zur Leistungssportlerin geboren, aber Lernen, das Studieren und Forschen, diese unbändige Neugierde auf Themen, die mich berühren, das liegt mir im Blut. Und was ist Ihr Ding? Was macht Sie glücklich? Ich glaube, es lohnt sich, einmal die Blende von der Krankheit zu nehmen und all das Gute im Alltag wieder zu sehen. Auch dazu will ich Sie mit meinem Buch ermuntern: Lassen Sie sich nicht von der Krankheit beherrschen, sondern gehen Sie nach einem probaten Plan vor, um sie zu besiegen. Ich biete Ihnen diesen Plan auf den nächsten Seiten an und verspreche Ihnen, dass wir...