Buch, Deutsch, 128 Seiten, KART, Format (B × H): 172 mm x 243 mm, Gewicht: 253 g
Praktische Fertigkeiten für Therapeuten
Buch, Deutsch, 128 Seiten, KART, Format (B × H): 172 mm x 243 mm, Gewicht: 253 g
ISBN: 978-3-87387-687-3
Verlag: Junfermann Verlag
Zielgruppe
Familientherapeuten, Mitarbeiter in Beratungsstellen
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychotherapie / Klinische Psychologie Familientherapie, Paartherapie, Gruppentherapie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychotherapie / Klinische Psychologie Systemische Beratung & Therapie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologische Disziplinen Angewandte Psychologie
Weitere Infos & Material
Satirs Philosophie
Virginia Satirs therapeutischer Prozess im Überblick
Phase 1: Kontakt aufnehmen
Phase 2: Wertschätzung
Phase 3: Bewusstsein erzeugen
Phase 4: Akzeptanz herstellen
Phase 5: Veränderungen herbeiführen
Phase 6: Veränderungen verankern
Fallbeispiel
Interview Connirae Andreas - Linda
Anhang 1 - Hilfe zur Ermittlung von Familienregeln
Anhang 2 - Paarfragebogen zur Erhebung der Familiengeschichte
Anhang 3 - Gebräuchliche dysfunktionale Glaubenssätze
Anhang 4 - Weit verbreitete Sehnsüchte
Grundlegend für Virginia Satirs Arbeit sind ihr Menschenbild und ihre Philosophie. Sie bilden die Basis für das Verständnis und ermöglichen gleichzeitig eine erste Annäherung an den therapeutischen Prozess von Virginia Satir. Teile dieser Philosophie, vor allem deren Leitgedanken, kristallisierten sich für die Autorin in ihrer langjährigen praktischen Erfahrung mit den Techniken und den Modellen Virginia Satirs heraus. Die Grundkonzepte dieser Philosophie werden im Nachfolgenden näher erläutert.
Die Stärkung des Selbstwertes ist die Grundlage für die Entwicklung kongruenten Verhaltens
Virginia Satir sah jeden Menschen als Manifestation einer universellen Lebensenergie und daher als etwas Besonderes und in letzter Konsequenz als Teil von etwas Göttlichem. Sie war davon überzeugt, dass jeder Mensch ein Wunder und es wert ist, geliebt zu werden. Sich selbst beschrieb sie als jemanden, der versucht, hinter das sichtbare Verhalten der Menschen zu blicken, um sich mit dem Kern - oder, wie sie es nannte, dem "reinen Geist" - zu verbinden. Diesen galt es an die Oberfläche zu holen und somit das wahre Wesen eines jeden Menschen zum Vorschein zu bringen. Sie sah es als die Aufgabe eines Therapeuten an, den Menschen zu helfen, "ein Leuchten in den Augen zu bekommen" und tief in sich ihren eigenen Wert zu spüren.
Für Satir sind Menschen Wesen mit vielen inneren Ressourcen. Diese Ressourcen sind z.B. die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, etwas zu erschaffen, etwas zu entdecken, etwas wahrzunehmen, zu fühlen, auszudrücken, zu wählen, couragiert oder weise zu sein. Werden diese Ressourcen angezapft, können sie dazu beitragen, den Selbstwert eines Menschen zu stärken. Andererseits glaubte sie, dass diese Ressourcen zu einem kleineren oder auch größeren Teil durch familiäre und gesellschaftliche Regeln blockiert sind und es so zu einer negativen Sinngebung von Selbstwert kommen kann. Wenn diese Ressourcen nicht frei verfügbar sind, ist es den Menschen nur schwer möglich, Zugang zu ihrem inneren Kern oder eigentlichen Wesen zu erhalten. Für Virginia Satir ist daher die Entwicklung des Selbstwertes eines Menschen einer der wichtigsten Faktoren in der therapeutischen Arbeit. Über den Selbstwert werden das eigene Verhalten und die Wahrnehmung von Welt gesteuert und gestaltet.
Aufgrund der überaus charismatischen Persönlichkeit seiner Begründerin gilt das Therapiekonzept Virginia Satir vielen als nicht erlernbar. Obwohl die "Mutter der Familientherapie", wie sie oft genannt wird, selbst an Ausbildungsgängen arbeitete und zahlreiche Bücher veröffentlichte, hat sich bisher keine nach ihr benannte therapeutische Schule entwickelt. Viele der einzelnen Elemente, wie z.B. der Eisberg, die Arbeit mit der Familienskulptur oder das Aufdecken negativer Glaubenssätze sind in anderen therapeutischen Richtungen aufgegangen oder wurden, wie beim Neurolinguistischen Programmieren (NLP), zu einem eigenständigen Ansatz weiterentwickelt. Dies liegt zum Teil sicherlich an Satirs Konzept selbst: Fern davon, ein starres System zu doktrinieren, begriff sie Therapie als offenen Prozess, in dessen Verlauf sowohl Klient als auch Therapeut immer wieder überprüfen sollten, was jeweils für sie persönlich stimmt. Dennoch ist es schade, dass der ureigene Ansatz von Virginia Satir - denjenigen, die sie gekannt haben, scheint er einzigartig - durch die vielen verschiedenen therapeutischen Richtungen verloren zu gehen droht. Es war schließlich Satirs ausdrücklicher Wunsch, ihr Therapiekonzept in die Welt hinauszutragen und dabei über die Heilung der Familie auch zur Heilung der Welt beizutragen: "Healing the family we heal the world."
Aus diesem Anlass - ihren, auf universellen Prinzipien basierenden Ansatz in die Welt hinauszutragen - gründete sie 1977 Avanta - The Virginia Satir Network. Ihr Wunsch nach weltweiter Ausbreitung scheint sich immerhin erfüllt zu haben: Avanta ist in den vergangenen 30 Jahren zu einem internationalen Netzwerk mit Ausbildungsinstituten auf fast allen Kontinenten herangewachsen, sodass die Mitglieder das Netzwerk 2007 in The Virginia Satir Global Network umbenannten.
Auf einer der jährlich von Avanta organisierten Tagungen, an der ich dank eines großzügigen Stipendiums als frischgebackener Diplompsychologe teilnehmen konnte, lernte ich Sharon Loeschen kennen. Sie ist an der University of California in Long Beach als Dozentin und in einer privaten Praxis als Therapeutin tätig. Sie selber hat die therapeutische Arbeit von Virginia Satir, u.a. in mehreren der berühmten Ein-Monats-Trainings, von der Pike auf gelernt und ist bis zu ihrem Tod 1988 enge Weggefährtin Virginias gewesen. Zusammen mit Margarita M. Suarez (bis 2007 Executive Director von Avanta) stellte sie in Toronto das von beiden gemeinsam entwickelte Trainingsprogramm "Enriching your relationship with yourself and others" vor. Dieses Training, das durch seine paradoxe Verschränkung von Einfachheit und Komplexität besticht (und für das ich bisher leider keine geeignete deutsche Übersetzung gefunden habe) basiert auf dem von Sharon Loeschen 2002 veröffentlichten Buch "The Satir Process". Dieses Buch bietet den Schlüssel für ein tieferes Verständnis dessen, was während des therapeutischen Arbeitens nach Virginia Satir zwischen Therapeut und Klient (bzw. zwischen einzelnen Mitgliedern eines Systems) geschieht und erläutert, wie dieser Prozess im Sinne von Satir gestaltet werden kann.
Sharon Loeschen identifizierte sechs unterschiedliche Phasen des therapeutischen Prozesses, denen sie unterschiedliche Gesprächs- und therapeutische Techniken zuweist. Das hieraus abgeleitete Kreis-Modell gleicht einem Mandala, das zur Verankerung der einzelnen Phasen im Unbewussten des Therapeuten dient und somit ein flexibles, situationsabhängiges und klientenzentriertes, vor allem aber ein intuitives Arbeiten ermöglicht.