E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Löwe Leinewebertod
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86532-671-3
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
5. Fall für Bröker
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-86532-671-3
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Löwe, geboren 1964 in Löhne (Westfalen), studierte Mathematik und Physik. Seit 2003 ist er Professor für Mathematik in Münster.
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Kapitel 2
Fall …
„Itz, itz, itz!“, dröhnte der Beat aus den Lautsprecherboxen so laut, dass er sogar die Durchsagen der Ausrufer der nahen Fahrgeschäfte übertönte. Ohne es zu wollen, begann Bröker mit dem Fuß zu wippen. Die Frauen auf der Bühne stellten sich breitbeinig hin, streckten die linke Faust in die Höhe und warteten auf ein Kommando.
„Und eins, zwei, drei, vier!“, zählte Bombi an. Die Frauen spannten ihre Körper. Gleich würde ihre Darbietung beginnen.
„Halt, halt, halt, halt!“, unterbrach Bombi die Vorbereitungen in diesem Augenblick. Schlagartig verstummte der mitreißende Rhythmus. Die Tänzerinnen blickten einander verwirrt an. Den Zuschauern ging es nicht anders. Es wurde merkwürdig ruhig auf dem Bunnemannplatz. Auch Bröker zog die Stirn in Falten. Was hatte Bombi davon abgehalten, mit der Show anzufangen?
„Ja, wen haben wir denn da?“, ertönte ihre rauchige Stimme auch schon wieder von der Bühne. Die Inhaberin der Fitnessclubs zeigte mit ausgestrecktem Arm ins Publikum, zu Brökers Schrecken sogar in seine Richtung. Er blickte sich um. Hatte sie einen Freund entdeckt? Vielleicht einen bekannten Sportler oder Politiker?
„Wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich einer der bekanntesten Bielefelder in unserer Mitte!“, verkündete Bombi so, dass jeder es hören konnte. Bröker drehte sich um, konnte aber niemanden erkennen. War es möglich, dass sie ihn meinte? Dass sie sich nicht nur an ihn erinnerte, sondern ihn auch inmitten der Menge erkannt hatte?
„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir den Mister Marple von der Sparrenburg, begrüßen Sie Bröker!“, zerstreute die Fitnesstrainerin nun auch die letzten Zweifel.
Bröker bemerkte, wie er rot anlief. Er mochte es gar nicht, im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. In Augenblicken wie diesen verwünschte er den Erfindungsreichtum Charlys, einer befreundeten Journalistin von der Neuen Westfälischen, auf die sein Beiname – Mister Marple von der Sparrenburg – zurückging und die ihn nach jedem gelösten Fall aufs Neue ausgrub. Zudem begann Bröker zu ahnen, dass diese Situation nicht gut für ihn ausgehen würde.
„Sie müssen wissen: Obwohl Herr Bröker vom Geschlecht her nicht ganz unserer Zielgruppe entspricht, hat er vor Jahren einmal ein Probetraining bei uns absolviert“, erklärte Bombi dem gespannten Publikum weiter. „Wie soll ich sagen? Es hat sich gezeigt, dass er einen gewissen Trainingsrückstand hatte.“ Sie lachte heiser. „Ich schweige natürlich über die Details – auch wir Fitnessunternehmer kennen schließlich so etwas wie ein Beichtgeheimnis – nur so viel verrate ich: Er musste das Training vorzeitig abbrechen.“
Vereinzeltes Kichern aus dem Publikum untermalte die Schilderung Bombis. Bröker wollte sich vor Scham am liebsten hinter der nächsten Würstchenbude verstecken, aber die Blicke der Leute waren schon auf ihn gerichtet.
„Jedenfalls denke ich, dass es eine gute Idee wäre, zu sehen, ob Bröker seinen Konditionsrückstand inzwischen aufgeholt hat“, erklärte die Trainerin mit süffisantem Grinsen.
Wieder lachte das Publikum. Diesmal war darin deutlich Zustimmung zu erkennen.
„Bröker, komm doch zu uns auf die Bühne!“, forderte die Vortänzerin ihn auf.
Bröker hob abwehrend die Hände und machte Anstalten den Platz zu verlassen. „Ich muss weiter, ich bin verabredet“, murmelte er entschuldigend, aber niemand hörte ihn. Er bemerkte, wie das Publikum ihn immer weiter nach vorne in Richtung Bühne schob. Sich zu sträuben war zwecklos, die Masse war einfach stärker als er. Als er vor dem Podium stand, griffen ihn links und rechts jeweils ein starkes Paar Arme. Bröker guckte hinter sich. Dort standen – ebenfalls in rosa gekleidet – zwei von Bombis Muskelfrauen. Sie überragten Bröker um etliche Zentimeter und unter den Trainingsjacken wölbten sich beeindruckende Muskelberge. Bröker wusste, wann er verloren hatte. Hier war jede Gegenwehr sinnlos. Widerstandlos ließ er sich auf die Bühne heben.
„Applaus für den Bielefelder Meisterdetektiv auf ganz ungewohntem Terrain, auf unserer Kunst- und Kulturbühne!“, feuerte Bombi unterdessen das Publikum weiter an. Dieses reagierte frenetisch.
„Du siehst, Bröker, die Leute wollen, dass du bei unserer kleinen Show mitmachst!“ Bombis Lachen dröhnte tief über den ganzen Bunnemannplatz und war vermutlich auch noch am Rathaus zu hören. Hoffentlich bekam Gregor nichts von seinem Dilemma mit. Er würde die Situation vermutlich aus der Distanz genießen und später jedem davon erzählen, der es hören wollte. Zu allererst natürlich Charly, die vielleicht auch von diesem Ereignis in der Neuen Westfälischen berichten würde, und Mütze, einem Hauptkommissar, den Bröker bei den Heimspielen der Bielefelder Arminia kennen und schätzen gelernt hatte.
„Hey, träumst du?“ Bröker war so in Gedanken versunken, dass die Fitnesstrainerin er für einen Moment lang ausgeblendet hatte.
„Entschuldige, ich habe dich nicht richtig verstanden. Ist ja so laut hier“, erwiderte er und registrierte irritiert, dass auch diese Antwort von den Lautsprechern durch die ganze Stadt geblasen wurde.
„Ich sagte: In den Klamotten kannst du ja unmöglich an unserer Show teilnehmen!“, wiederholte Bombi.
„Das tut mir leid, dann gehe ich wohl besser wieder“, antwortete Bröker prompt. Er wusste nicht, was an seiner braunen Cordhose und dem beigen Poloshirt auszusetzen war. Aber in seiner Stimme schwang eine ordentliche Portion Erleichterung mit, als er sich anschickte, die Bühne über einen Abgang an der Seite wieder zu verlassen.
„Das könnte dir so passen!“ Bianca Ebbesmeyers Lachen war inzwischen in seinem satten Bass angekommen. „Nein, nein, mein Freund, geh einfach einen Moment zu Jasmin und Daggi hinter die Bühne. Die helfen dir dann schon weiter – wir machen uns unterdessen schon einmal warm.“
Wie ferngesteuert tat Bröker, wie ihm geheißen. Als er den Backstage-Bereich betrat, hörte er, wie auf der Bühne wieder die Technorhythmen erklangen. Ihn hingegen erwarteten die beiden Muskelfrauen, die ihn auch schon auf der Tribüne abgesetzt hatten.
„Hi, ich bin Daggi!“, stellte sich die Dunkelhaarige der beiden vor. „Und Bombi hat recht, in Cordhose und Polohemd kannst du echt nicht auftreten. Schon gar nicht in den Farben!“
„Du brauchst was in Rosa!“, pflichtete ihr Jasmin bei. „Soll ja so aussehen, als gehörst du zu uns.“ Sie zog sich wie beiläufig ihre Trainingsjacke aus. Darunter wurde ein hautenges Trikot sichtbar – natürlich war es auch rosa. Sie warf Bröker die Sportjacke zu. „Die müsste eigentlich passen“, kommentierte sie dazu. „Aber meine Hose kriegst du nicht, die ist dir wahrscheinlich sowieso zu eng!“
„Die will ich auch gar nicht!“, erwiderte Bröker.
Bevor er auch die Jacke wieder zurückgeben konnte, hatte Daggi ihre Sporttasche geöffnet und wühlte darin herum. „Ich glaube, ich habe da was für dich“, sagte sie triumphierend und zog eine rosafarbene Gymnastikhose hervor. „Probier die mal an, die sieht nur so eng aus, aber der Stoff ist super dehnbar!“, forderte sie Bröker auf.
„Nein!“, protestierte der. Dann wurde ihm klar, dass dies kein Vorschlag der Muskelfrau war.
„Na los, zieh sie schon an!“, drängte ihn Daggi.
Noch einmal warf Bröker einen Blick auf ihre Muskeln, dann gab er klein bei. Ohne weiter zu widersprechen, streifte er Cordhose und Poloshirt ab, vergaß dabei auch das Lebkuchenherz nicht und schlüpfte in das rosa Outfit der Lady-Power-Lounges.
„Und jetzt ab mit dir auf die Bühne, sonst ist die Show zu Ende, bevor du deinen ersten Schritt getanzt hast!“ Mit einem energischen Schubs beförderte Jasmin Bröker ins Rampenlicht.
Der stolperte auf das hölzerne Podest. Wieder hörte er Lacher aus der Gruppe der Zuschauer, die lauter wurden, als die Musik verstummte.
„Bröker, Bröker, die Mädels haben dich ja fein hergerichtet, richtig fesch!“, war Bombis Stimme wieder zu vernehmen. Das Publikum johlte dazu begeistert.
Bröker versuchte zu sehen, ob sich Gregor in der Menge befand, blickte aber versehentlich in einen Scheinwerfer. Für einen Moment lang sah er gar nichts mehr, dann genas er von seiner vorübergehenden Blindheit – und wünschte sofort, sie hätte angedauert. Hinter Bombi, die etwa zwei Meter von ihm entfernt stand, befand sich ein mannshoher Spiegel, den Bröker zuvor übersehen haben musste. Und aus diesem Spiegel blickte ihn ein überdimensionales rosa Knallbonbon an. Das konnte doch unmöglich er sein: Die Trainingsjacke spannte über seinem Bauch und drohte jeden Moment zu platzen und unter der engen Gymnastikhose zeichnete sich jedes Speckröllchen ab. Seine dunkelrote Gesichtsfarbe harmonierte auffällig gut mit der Schweinchenfarbe des Trainingskostüms.
„Sie sehen, meine Damen und Herren, heute wird Ihnen einiges geboten“, schaltete sich die Fitnesstrainerin wieder ein. „Auch wenn Sie bisher gemeint haben sollten, unseren Mister Marple zu kennen: So haben Sie ihn bestimmt noch nie gesehen!“
Wieder lachten die Zuschauer, gleichzeitig setzte die Musik wieder ein.
„Und wenn Sie dachten, Sie seien für unsere Studios vielleicht etwas zu füllig, können Sie sich hier vom Gegenteil überzeugen: Unsere Outfits passen jedem und wir haben auch für jeden die richtige Übung“, übertönte Bombi die anschwellenden Rhythmen. „Und nun wollen wir sehen, wie Bröker sich in unserer Choreografie schlägt!“, fuhr sie fort und dann an ihre Tänzerinnen gewandt: „Aufstellung!“
Die zwölf...




