Lykke | Aufruhr in mittleren Jahren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Lykke Aufruhr in mittleren Jahren

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-312-01071-4
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01071-4
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ingrid und Jan sind seit 25 Jahren verheiratet und führen in Oslo, Norwegen, ein Leben in Wohlstand. Doch Ingrid kann nicht mehr - sie sieht alles schwarz. Die freudlose Ehe frustriert sie, das Engagement am Arbeitsplatz ist nur geheuchelt, und von den halbwüchsigen Söhnen ist kein Trost zu erwarten. Während Ingrid eine Therapie beginnt, schlittert Jan in eine Affäre mit seiner jungen Kollegin Hanne. Das dauert ein Jahr, dann zwingt Hanne den zaudernden Jan, Ingrid zu verlassen. Diese reagiert gelassen, zieht kurzerhand mit einer Matratze in ihr Auto und fühlt zum ersten Mal seit langem eine tiefe Zufriedenheit. Mitreißend und voll schwarzem Humor erzählt Nina Lykke vom Drama einer Familie - mit fast versöhnlichem Ausgang.

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2

Wenn Hanne bei Paaren zu Besuch war, fand sie es jedes Mal unbegreiflich, wie diese Menschen tagaus, tagein weitermachen konnten. Wie lief man in derselben Wohnung herum, um sich dann in dasselbe Bett zu legen und im selben Raum mit derselben Person zu schlafen, und das Woche für Woche? Hanne war entsetzt über die Alltäglichkeit und das ganze Grau. Sie ging ins Badezimmer und ließ sich überwältigen vom Uringestank um die Toilette, vom Anblick der Salbe gegen Scheidenpilz in dem kleinen Schränkchen, das sie immer öffnete von dem Drang getrieben, den Code zu knacken.

Hanne war die Einzige in ihrem Freundeskreis, die nicht verheiratet war oder in einer festen Beziehung lebte. Sie war vierunddreißig und arbeitete als Referentin in einem Ministerium, und am Kühlschrank ihrer kleinen Wohnung in der Tøyengata hingen Hochzeitsfotos und Einladungen zu Einweihungspartys, Junggesellinnenabschieden und Hochzeiten. Aber nicht zu Tauffeiern oder Namensweihen, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Mauer um die Familien bereits geschlossen, und sie befanden sich an einem Ort, zu dem Hanne keinen Zugang mehr hatte. Überhaupt lag über diesem rings um sie keimenden und wachsenden Familienleben etwas Geheimnisvolles – etwas Rätselhaftes, als ob alle in Reih und Glied in einen Hangar marschierten, wo sie einen geheimnisvollen Prozess durchliefen, ähnlich dem beim Militär, wo man angeblich erst gebrochen wird, um dann wieder aufgebaut zu werden. Zu Eheleuten und jungen Eltern umgebildet, kamen sie aus dem Hangar heraus. Hanne hatte gesehen, wie die Leute sich, einer nach dem anderen, in solche Klone verwandelten. Aber was ging im Hangar selbst vor sich? Urin und Pilz. Sie schloss das Schränkchen, betätigte die Toilettenspülung und ging wieder zu den anderen. Alles reduzierte sich auf Urin und Pilz. Und dennoch wollte auch sie nichts lieber, als in den Hangar zu marschieren. Das war der nächste Programmpunkt, und auch wenn das Kinderkriegen an sich nicht verlockend wirkte, wollte sie sich die existentielle Erfahrung nicht entgehen lassen, die das Sichfortpflanzen allem Anschein nach war, obwohl es sich um einen Vorgang handelte, den alle Lebewesen blind vollziehen konnten.

Was sollte sie auch sonst tun, was blieb ihr anderes übrig? In den Clubs der Stadt war eine neue Generation aufgetaucht. Die war genauso jung und frech wie Hanne und ihre Freunde vor zehn, zwölf Jahren, und mit genauso großer Selbstverständlichkeit herrschte sie jetzt über das Osloer Nachtleben. Hanne dagegen – zu alt, um sich an den Orten heimisch zu fühlen, die jetzt fest in der Hand der neuen Generation waren, und zu jung, um sich unter die Alten, Geschiedenen und Verzweifelten zu mischen, Hanne hatte keine Orte mehr, an denen sie sich aufhalten konnte, keine Orte mehr, die ihr gehörten und an denen sie wie selbstverständlich ihren Platz hatte. Sie vermisste die Partys und das Nachtleben von früher. In den letzten Jahren hatte sie schon an den äußersten Rändern ihres Bekanntenkreises suchen müssen, um Leute zu finden, die noch Single waren.

Ab und an wollten ihre verheirateten oder fest liierten, schwangeren oder stillenden Freundinnen etwas aus dem Leben hören, das sie selbst hinter sich gelassen hatten, vielleicht um sich ein bisschen zu gruseln und die Erleichterung auszukosten, dass sie sich nicht mehr in dieser Phase befanden, auch wenn sie Hanne gegenüber behaupteten, sie würden sie um ihre Freiheit und das ganze amüsante Auf und Ab beneiden. Daher traf Hanne ungefähr einmal im Vierteljahr ihre alten Freundinnen, immer unter der Woche, nach der Arbeit, in einem Bistro, wo die Schwangeren oder Stillenden dann auf Alkohol verzichteten und sich stattdessen an Hanne berauschten. Die Freundinnen fragten, Hanne erzählte und trank. Früher hatte sie getrunken, um sich selbst zu ertragen. Jetzt trank sie, um ihre Freundinnen zu ertragen, wie sie da um den Bistrotisch saßen, am Ehering fingerten oder sich über die pralle Babykugel strichen, und je deutlicher und lauter Hanne wurde, desto lauter lachten ihre Freundinnen, und schließlich zockelten sie satt und zufrieden nach Hause zu ihren Männern und ihrem Familienleben, während Hanne allein in die Tøyengata heimwankte und die steile Treppe zum vierten Stock hochkraxelte. In ihrer Wohnung ging sie geradewegs in die Küche und trank einen Liter Wasser, und beim Trinken dachte sie, nun müsste sie bald jemanden finden, mit dem sie Kinder kriegen könnte, sonst würde sie die erste Runde verpassen. Die Alternative wäre, auf die Scheidungen zu warten, aber dann könnte es zu spät sein.

Ihre Ausstrahlung hatte sich verändert. Sie sah es im Spiegel: eine gewisse Schwerfälligkeit, eine Mattigkeit. Wäre sie ein Hund, hätte sie struppiges und zerzaustes Fell. Sie musste etwas unternehmen. Musste üben, positiv und fröhlich auszusehen, bevor das Scheitern unauslöschliche Spuren hinterließ. Sie war noch jung, aber sie hatte ihre Leichtigkeit verloren. Und wenn sie mehrere Abende hintereinander getrunken hatte und sich am Morgen danach im Spiegel betrachtete, war das wie ein Blick in die Zukunft: So würde sie in zehn oder zwanzig Jahren ständig aussehen. Vorläufig ließ es sich noch abwaschen und wegschminken, aber schon bald würde dieses abgekämpfte und verlebte Gesicht im Spiegel von Dauer sein.

Noch aber nicht. Hanne starrte sich an, bis ihr schwindelig wurde, als wäre der Mensch im Spiegel wirklich ein anderer Mensch.

Von irgendwoher roch es nach Moder, wie nach einem Wasserschaden. Der Geruch war schon seit ihrem Einzug da, aber bei der Wohnungsbesichtigung mussten die Vorbesitzer ihn mit Räucherstäbchen oder Parfüm überdeckt haben, denn sie hatte ihn erst bemerkt, als der Umzug überstanden und die erste, gute Zeit vorüber war. Einmal war sie nach einem Abend in der Stadt nach Hause gekommen und hatte angefangen, im Bad herumzuschnuppern, und damit war das Problem in der Welt. Sie sprach mit den Nachbarn und rief einen Klempner, doch niemand nahm den Geruch wahr, und der Klempner hatte alle Rohre gereinigt, ohne dass es etwas genützt hätte.

In der letzten Zeit kam es ihr vor, als hätte der Gestank sich in der ganzen Wohnung ausgebreitet, und nachts träumte sie von vermodernden Blättern und Brunnen mit abgestandenem Wasser und von Ratten, die in den Abflussrohren schwammen und unten im Klo auf der Lauer lagen.

Seit Hanne mit neunzehn zu Hause ausgezogen war, hatte sie neun Wohnungen gehabt und sechzehn oder siebzehn Beziehungen, die One-Night-Stands nicht mitgerechnet. Zu Anfang hatten jeder Mann und jede Wohnung gleichermaßen verheißungsvoll und belebend gewirkt, aber noch bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte sie mit einem Mann Schluss gemacht oder ein Angebot für eine neue Wohnung abgegeben. Auslöser für jede Trennung und jeden Umzug war irgendeine geringfügige Irritation – die Art, wie jemand ging, seine Vorliebe für bestimmte Wörter, Schimmelgeruch im Treppenhaus, Kindergeschrei in der Nachbarwohnung oder wie jetzt: der Gestank aus dem Bad, der die gesamte Wohnung und sogar ihre Träume in Besitz genommen hatte.

Einmal machte sie mit einem Mann Schluss, weil er X-Beine hatte und die Füße beim Gehen nach außen setzte, ein andermal verließ sie einen, der ständig das Wort verdammt benutzte, zum Beispiel: Am Wochenende war das Wetter verdammt schlecht. Aus einer Wohnung zog sie aus, weil das Treppenhaus in einem Rot gestrichen war, das an geronnenes Blut erinnerte, in einer anderen bekam sie auf dem altersschwachen Balkon Höhenangst. Wieder eine andere lag nur ein paar Häuserblocks von einer starkbefahrenen Straße entfernt, und nachdem Hanne einmal angefangen hatte, auf die Geräusche dieser Straße zu achten, setzten die sich in ihrem Kopf fest und nahmen noch zu, bis sie schließlich glaubte, verrückt zu werden. «Hör dir diesen Krach an», hatte sie zu allen Besuchern gesagt, ebenso wie sie jetzt alle fragte, ob sie den Gestank aus dem Bad wahrnähmen.

Doch niemand konnte hören oder riechen, was sie hörte und roch, weshalb in Hanne der Verdacht aufkam, sie halluziniere und ihre Wahrnehmungen seien Symptome einer Krankheit, woraufhin sie versuchte, sich zusammenzureißen. Aber je mehr sie sich bemühte, das Gefühl der Irritation zu unterdrücken, desto stärker wurde es, und daher erschienen ihr jeder Umzug und jede Trennung in der konkreten Situation stets als absolut unausweichlich. Danach fühlte sie sich, als wäre sie in einen Sturm geraten. Nach dem Sturm saß sie da, zwischen Umzugskartons oder wieder allein nach einer weiteren Trennung, und versuchte zu rekonstruieren, was dieses Mal passiert war und warum sie jetzt wieder hier saß. Dann konnte sie es jedoch nicht mehr nachvollziehen, denn im Nachhinein bekamen die Männer wie die Wohnungen ihren anfänglichen Glanz zurück, aber da war es zu spät. Da war die Wohnung mit dem altersschwachen Balkon verkauft, der x-beinige Mann weg oder schon mit einer anderen zusammen, und Hanne stellte sich vor, wie andere Menschen völlig entspannt auf ihrem alten Balkon säßen und sich sonnten oder in den Armen des x-beinigen Mannes lägen, Menschen, die würdigen konnten, was ihnen das Leben vor die Füße warf. Es half ihr allerdings nicht, diesen Mechanismus zu durchschauen. Sie schien einen Affen in sich zu haben, einen Affen, der sich tief in ihrem Innern festgekrallt hatte und sich von ihr ernährte und der sich all ihrer Intelligenz und Kräfte bediente, um seinen Willen zu bekommen. Wenn ihm das wieder einmal gelungen war, versuchte sie zurückzudenken, versuchte, in ihrer eigenen Spur zurückzugehen, um den Affen, der so mächtig und schlau war, wenigstens beim nächsten Mal überlisten zu können. Aber der Affe saß an den Kontrollhebeln und sorgte dafür, dass Hanne wegen einer...


Lykke, Nina
Nina Lykke wurde 1965 geboren. Ihr Debüt Orgien, og andre fortellinger (2010) war für den norwegischen Jugendkritikerpreis nominiert. Ihren Durchbruch hatte Lykke mit ihrem Roman Aufruhr in mittleren Jahren (2016), der in Norwegen eines der am meisten besprochenen Bücher des Jahres war, den norwegischen Jugendkritikerpreis gewann und in Norwegens größtem Bücherklub zum Buch des Monats gekürt wurde.



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