E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: textura
Marc / Hoberg 'Ich will Dich an der Hand führen, um Dir die Wunder der Welt zu zeigen...'
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-406-71452-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Briefe von Franz und Maria Marc
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: textura
ISBN: 978-3-406-71452-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franz und Maria Marcs Briefe, viele davon bisher unveröffentlicht, sind ein berührendes Zeugnis ihrer Liebesgeschichte. Von 1905 bis zu Franz Marcs frühem Tod 1916 schrieb sich das Künstlerpaar Hunderte von Briefen voller Sehnsucht und Zärtlichkeit, von denen die schönsten für das vorliegende Buch ausgewählt wurden. Sie ermöglichen einen unverstellten Einblick in das alltägliche Leben, die Kunstszene und das Kriegsgeschehen der damaligen Zeit.
„Wenn Du meine Hand in der Deinen fühlst, so fühle, daß Du mich hast, Deinen Franz, der gibt, was er geben kann und geben will, und dies ganz gibt – ohne Rücksicht auf gut und bös, auf gesund und ungesund.“ Franz an Maria, Dezember 1905
„Ich wünsche und sehne ja so glühend Dir Freude und Glück in Dein Leben zu bringen und liebe Dich grenzenlos. Wie freue ich mich auf die Zeit gemeinsamer Arbeit! Und wenn ich Dir wirklich durch meine treue Liebe und Hingabe Lust und Freude zur Arbeit und dadurch zum Leben geben kann, hoffe ich selbst wieder glücklicher zu sein. Du sollst ein guter Maler werden – ich habe so viel Vertrauen und Liebe zu Deiner Kunst.“ Maria an Franz, April 1906
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1914–1916
Am 1. August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus, Franz Marc wird sofort zum Kriegsdienst einberufen und findet sich ab 6. August in der Münchner MaxII-Kaserne zu Wehrübungen ein. Am 30. August rückt seine Truppe an die französische Front aus, wo sie nach einem verlustreichen Vormarsch über Nancy und Epinal Mitte September in den Vogesen zum Stillstand kommt. Franz an Maria, La croix aux mines, bei Laveline,
6. September 1914 Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichsten Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Maria an Franz, Ried, 11. September 1914 Anfangs hält die Begeisterung und Bewunderung viel aufrecht – aber auf die Dauer drohen die Schrecknisse dieses furchtbaren Krieges, einen zu überwältigen. Es ist so entsetzlich zu begreifen, dass heut kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen Recht u. Unrecht – dass alles alles umsonst ist, was Völkerrechtsvertrag heißt – od. Menschlichkeit – od. Moral. Wohin soll das führen? Es gehört mit zum Schwersten u. Schrecklichsten, was man heut erlebt u. es muß einem grausen vor der Zukunft. Unter uns allen hier ist eine solche Beklemmung – all’ die Siegesnachrichten, befreien einen nicht. Oft hab’ ich ein Gefühl, als müßte mir das Herz zerspringen – direkt körperlich. Die tapfere kleine Lisbeth, die sehr lieb einen langen Brief an mich schrieb, sagt genau dasselbe. Allmählich kommt die ganze Schwere dieser schauerlichen Zeit drückend über einen. Franz an Maria, Grube, bei Schlettstatt,
12. September 1914 Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, – ich glaube doch hier in unserer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Im Oktober erkrankt Marc an der Ruhr, im Garnisonslazarett in Schlettstatt findet er einen Atlas mit Landkarten seiner Heimat. Franz an Maria, Schlettstatt, 13. Oktober 1914 Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und fand sogar Ried darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf – Aidling, Riegsee – Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!! Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky über die Hügel pilgerte! Und heute. Diese Gedanken sind für mich heute eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, – heute bedeutet das für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. […] Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber kein Maler! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich ihn habe. Das sind meine Sorgen. Am 26. September fällt August Macke an der französischen Front in der Champagne. Er gilt zunächst als vermisst, seine Angehörigen und Freunde schweben wochenlang zwischen Hoffen und Bangen. Am 23. Oktober 1914 erhält Franz Marc Marias Brief mit der definitiven Todesnachricht und reagiert am selben Tag darauf. Franz an Maria, Hagéville, 23. Oktober 1914 Ach Liebste, August’s Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden u. mich äußerlich dazu stellen soll, – letzteres ganz wörtlich: die nackte Thatsache will einfach nicht in m. Kopf. Ich zitterte die letzten Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, – u. heute, wo ich von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf u. stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu einem Nachruf bin ich, glaube ich, in diesen Tagen nicht imstande; in einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos; Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr u. war zu allem reif, zu jedem Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde! Wahrscheinlich ganz allein. Franz an Maria, Hagéville, 25. Oktober 1914 Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde August’s Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord; ich komme gar nicht zu dem mir sonst geläufigen Soldatenbegriff des Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich darunter. Kuß D. Fz. Maria leidet ebenfalls unter Mackes Tod, zudem stark unter der alles beherrschenden Tatsache des Krieges [z.B. der Brief vom 11. Sept]. Doch auch der Alltag in Ried, zuletzt der längere Besuch ihrer Schwiegermutter, nimmt sie stark mit. Maria an Franz, Ried, o. D. [Oktober 1914] Maman sieht elend aus – sie fühlt sich nicht wohl hier, das merk ich, – ich wäre lieber allein – diese stumme Duldermiene kann ich kaum noch ertragen. Aber ich bin schon brav, mein Lieb, wenn mir’s auch verdammt schwer wird – Dir zu Liebe bleibe ich ruhig. Maria an Franz, Ried, 22. November 1914 Ich fühle mich noch heut so angegriffen, dass ich mich schwer beruhigen kann. Diese 1 ½ Monate mit ihr gehören zu den unangenehmsten meines Lebens, dies kannst Du wörtlich glauben. […] Mein lieber guter Franz – Ich möchte doch diese ganze schreckliche Zeit durchhalten können mit Dir und in Deinem Sinn – wirklich, mein Lieb; ich möchte mit Dir erleben, damit ich nicht lahm werde. […] Wenn Du dann so lieb schreibst u. mich mit dem Geld zu trösten suchst, beruhige ich mich ja auch wieder – ich bin dann nur körperlich abgespannt. Sei geduldig mit mir – ich will alles tun um ganz vernünftig zu werden. Aber das geht nicht so schnell und plötzlich, drum mußt Du Geduld haben u. auch solche Steueraufregungen von mir fern halten. – Mein liebes Lieb! Franz an Maria, Mühlhausen, 17. Dezember 1914 Also den Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein u. unsrer sehnsüchtig aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur um August werden wir zwei immer trauern. Ich habe in den 3 stillen Hagéviller Tagen scharf an meinem Gedankengang gearbeitet, – nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen u. ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäul. Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und das kleine Bäumchen von Lasker [Else Lasker-Schüler]. Gruß an Muttchen u. den liebsten Gruß von D. Fz. M. Kurz darauf erhält er von Maria die Nachricht vom Tod ihres Bruders Wilhelm. Am Weihnachtsabend 1914 schreibt er aus der Wachstube deshalb voll Trauer über die Verlorenen an Maria, erneut kommt dabei die Sehnsucht nach seinem Heim in Ried zum Ausdruck, die ihn wie ein Leitmotiv durch den Krieg begleitet. Franz an Maria, Mühlhausen, Weihnachtsabend
auf der Wachstube, 24. Dezember 1914 Die Nachricht über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an mein Leben und unsre Zukunft – und Vergangenheit denken. Vergangen ist so viel in diesem Jahre! Das Haus «Hinter der Katholischen Kirche» [Marias Elternhaus in Berlin], das Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin [das Gut von Marias Bruder in Ostpreußen] – die Frauen sind überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Franz an Maria, Bertschweiler, 3. Januar 1915 Liebste, […] Die Zeit geht jetzt so schnell dahin, erschreckend schnell, und während sie eilt, «steht» der Krieg; man fühlt nur das furchtbare Zittern rings an der Front. Diese Wochen sind eigentlich der furchtbarste Moment des Krieges. – Wie geht es wohl Euch? Ich denke so viel jetzt nach Hause, vor allem träume ich immer von daheim, selbst von m. Kinderzeit, von Dir u. Wolfskehl, mit dem ich mich im Traum oft lang unterhalte. Ich sehe mich schon wieder unter Euch, – es kann nicht mehr so...