E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Maurenbrecher Der Rest ist Mut
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8393-2144-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Liedermachen in den Achtzigern
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8393-2144-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manfred Maurenbrecher ist einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher. In diesem Buch beschreibt er seinen Weg in die schillernde Welt der professionellen Popmusik, in die ihn Anfang der 1980er Jahre der Fotograf Jim Rakete und der Spliff-Schlagzeuger Herwig Mitteregger einschleusten.
Maurenbrecher schildert die Atmosphäre eines Jahrzehnts, das geprägt war von so unterschiedlichen Musikern wie Nina Hagen, Pannach und Kunert, Rio Reiser, Ulla Meinecke, Anette und Inga Humpe, Reinhard Mey oder Jürgen von der Lippe, und er berichtet von seinen oft verstörenden Erlebnissen im Zwielicht zwischen Politik und den schrägen Milieus der Musikwelt.
"Geheimtipp auf Lebenszeit: Das ist wohl das Schicksal des Literaten, Sängers und Pianisten Manfred Maurenbrecher. Gäbe es auf der Welt überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit, ganze Fußballarenen müssten ihm zujubeln."
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Autoren/Hrsg.
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1983–1984 In Fahrt
Anfang 1983 lieh Herwig Mitteregger mir sein kleines 4-Spur-Aufnahmegerät und bot mir an, seine neugekaufte Dachgeschosswohnung zu Aufnahmen zu nutzen, denn er würde eine Weile mit Spliff auf Tour sein. Mitbewohner in dem Altbau gäbe es kaum, da würde alles umgebaut, ich könnte also Tag und Nacht Krach machen. »Glaspalast« war ein Lied von Herwig, das von dieser Wohnung erzählte und seinem Popstar-Status, mit dem er neuerdings klarkommen musste. Ein ganzes Bündel solcher waghalsigen Lieder hatte sich bei ihm angesammelt, Stücke wie das großartige »Rudi«, »Kreuzberg« oder »Komm, wir gänga heiraten auf dera Toialetten …«. Plötzlich und in all dem Zeitdruck entwickelte er eine Riesenkraft, mit Worten und verschiedensten Instrumenten zu spielen, mit Klängen, Rhythmen und vor allem mit sich selbst, und aus all dem entstanden Lieder. Vielleicht hoffte er, dass ich mit Hilfe der Möglichkeiten, die vier gleichzeitig ablaufende Aufnahmespuren bieten, das gleiche Feuer fing, das ihn antrieb. Auf meine Weise war es auch so. Zunächst nahm ich ganz althergebracht auf, was schon da war an Stücken: die Ballade vom »Boten«, der ein einziges Wort überbringt, das Spottlied über eine Westberliner Szenefrau, die zu ›Dietrich‹ nach Hildesheim zieht, den Antikriegs-Song »Ein Moment zum Überlegen«. Dann gab es einen Bilderreigen mit dem Refrain »Es tut mir gut, es tut mir Leid«, der in Windeseile vom Kopf aufs Papier geraten war, nachdem ich auf Bob Dylans neuester LP das Lied »Every Grain of Sand« gehört und gedacht hatte, toll, aber sowas kannst du auch! Ohne Druck nach Perfektion versuchte ich allem, was da war, etwas abzugewinnen. Der Vierzeiler »Ich weiß, die Welt hat keine Ecken,/ aber alle Straßen geh’n ans Ende der Welt,/ und jedes Paar Augen ist wie ein Brunnen,/ in den man fällt & fällt & fällt« enthielt Stoff für mindestens zwei Refrains. Eine andere Zeile aus meinem Notizheft ging: »Bingerbrück, Bingerbrück, komm, versuch doch hier dein Glück«. Das hatte ich mir notiert, als ich mal lange im Regionalzug in diesem Ort auf dem Rangierbahnhof festsaß. Am dritten Abend in Herwigs Dachwohnung besuchte mich Meg. Unser Gespräch über die neuen Stücke, die sie hatte hören wollen, war schon ungemütlich, aber dann gerieten wir in grundsätzliches Fahrwasser. Ob man sich überhaupt lieben kann, wenn man abhängig ist voneinander, ob man von Liebe nicht überhaupt erst sprechen darf, sobald man niemanden mehr braucht, also frei ist? Alkohol tat ein Übriges, wir beschlossen eigentlich an diesem Abend, uns zu trennen. Diesmal wirklich. Als sie gegangen war, überkam mich eine Mischung aus Verzweiflung und Aktionismus, ich musste spielen, und wie von selbst waren Akkorde da, ein Ablauf, und die Worte passten sich ohne viel Grübeln ein. Ich hatte den Rangierbahnhof in einen Sehnsuchtsort verwandelt – »Weißt du noch, in Bingerbrück?« –, nahm das Stück auf und wagte mich jetzt an die bisher leer gebliebenen zwei freien Aufnahmespuren, knallte eine richtig kitschige kleine Melodie in das Lied. Es klappte technisch und klang überraschend gut. Noch halb bei Sinnen, machte ich mich gleich an ein zweites Stück, eine Satire über den Breitbandausbau, gesungen von jemand, der mit seiner Mitbewohnerin, der Geliebten, der Mutter, wem auch immer, die Tür nach draußen nie öffnen will. »Hey Mammi Mutti Muschi, die Welt ist ein Gespenst …«. Ich sang es zweistimmig, als Vernünftiger und als Irrer. Das Stück wurde Megs Lieblingslied. Zur Versöhnung sagte sie: »Manchmal glaube ich, du bist ein Genie.« Ich war glücklich wie selten. Ein bisschen war das Einsammeln und Herstellen dieser neuen Stücke wie ein Warmboxen, Training für einen Kampf, von dem noch gar nicht klar war, ob er überhaupt stattfinden würde. Die Verkaufszahlen der LP waren flau, und Raketes Versuch, für die nächste Produktion die Plattenfirma ins Boot zu holen, um das Risiko zu minimieren, lief noch ins Leere. Sein Ass war allerdings Nena, deren Erfolg den von Spliff gerade überflügelte. Bei den wenigen Treffen, die ich mit CBS-lern bisher gehabt hatte, saß immer einer dabei, der mich mit staunendem Blick begutachtete, weil er Rakete für einen Zauberer hielt, der offenbar aus allem Gold machte – aber aus diesem Typ hier, aus dem auch? Andere in der Firma blickten besser durch. Sternhagel (Frank Marth) hatten sie schon gecancelt, sein Gastspiel war beendet. Ich besuchte ihn im März in Düsseldorf. Der Rock’n’Roller, gewohnt mit einer Band im Tross herumzureisen, lachte, als er mich mit leichtem Koffer vor seiner Tür stehen sah und rief »On Tour?« Auf der gleichen Reise erlebte ich ein paar Tage später im unterhaus ein Debakel. Am Ort meines großen Erfolgs beim »Sprungbrettl« war ich für vier Tage gebucht, und es waren kaum Karten verkauft worden, 15 zur Premiere. Ce-eff Krügers Satz von der Qualität, die sich durchsetzt, hallte mir höhnisch in den Ohren. Zeitungsartikel, Fernseheinlagen, nichts hatte hier was gebracht. Er habe mich doch neulich in Berlin gesehen, rief ein junger österreichischer Schauspieler beim Umtrunk anschließend, es sei voll gewesen im Quartier Latin, »mindestens 150 Leut!« – »Vergleich die Einwohnerzahl von Berlin und die von uns hier in Mainz, dann hast du genau die Fünfzehn von heut Abend«, konterte Ce-eff kühl. Noch unangenehmer wurde es, als am zweiten Abend bei sieben Vorbestellungen das Konzert ausfiel und ausgerechnet da Herwig mit einem CBS-ler im Schlepptau auftauchte. Ich hätte mich am liebsten von all dem weggebeamt. Stattdessen fuhren wir nach Wiesbaden, aßen und tranken viel, und Herwig überspielte alles sehr charmant. Die Band: Rolf Brendel, Uwe Fahrenkrog-Petersen, Carlo Karges, Jürgen Dehmel und Nena Trotzdem war das Treffen in der Frankfurter Firmenzentrale am nächsten Tag zu meinem Erstaunen erfolgreich, die ›Kommandoebene‹ hatte meine Demos gehört, man signalisierte Finanzierung und Vertragsübernahme. Zur letzten Vorstellung in Mainz kamen dann 45 Zuschauer, und die Zeitungskritik war gut. Es gab wieder keinen echten Grund für mich, aufzuhören. Ein entscheidendes Gespräch führte ich kurz darauf im unterhaus, ich notierte es in mein Heft. Hanns Dieter Hüsch probte mit der Bernd-Reichow-Jazz-Formation, das wollte ich mir anschauen und unterhielt mich eine Weile mit Jürgen Kessler, dem Manager. Er sagte: »Begabung und Besessenheit und die Bereitschaft, vor jedem Publikum zu spielen, dreißig Jahre lang Kampf, das schafft eine Basis«, und er zeigte in den Saal, wo Hüsch sich gerade mit den Musikern über irgendwas verständigte. Die Worte trafen mich schon deshalb, weil ich für diesen freien Abend einen Auftritt in der Darmstädter Krone abgesagt hatte, ich fand den Laden scheußlich. »Vivi Eickelberg«, fuhr Kessler fort, »will die Acts in zwei bis drei Jahren kurz mal abbrennen, das nutzt ihr, aber nicht den Künstlern.« In dem Moment kamen Hüsch und die anderen raus. Ce-eff stellte mich vor und rief pathetisch, weil ein wenig betrunken: »Das ist ein Junge hier, der ist so allein. Der ist gut, aber der wird immer unbekannt bleiben.« Hüsch schüttelte mir die Hand und sagte: »Na, das mit dem Alleinsein, das ist doch nicht so schlimm.« Ich gab ihm endlich meine Kassette. Später sagte ich sowas wie: »Ich muss mich ja irgendwann entscheiden, ob ich das weiter so will«, und Arthur Bergh sagte: »Wenn du vierzig bist, ist es entschieden, dann weißt du, was geht und was nicht.« Später, als wir uns besser kannten, erzählte mir Hüsch mal, er habe über Jahre eigentlich durchweg von den Veranstaltern gehört, man könne froh sein, wenn heute Abend 30, vielleicht auch 50 kämen, »aber vor zehn Tagen, da war Franz-Josef Degenhardt hier, da mussten wir ja umziehen in die Kongresshalle. Oder in die Aula des Gymnasiums, oder sonstwohin«, rief er und lachte. Bei einem der unterhaus-Auftritte saß der ZDF-Unterhaltungs-Chef Manfred Tesch im Publikum, was seinen Grund in einer geplanten TV-Reihe namens »Showstart« hatte, deren erste Folge für März 1983 in der Stadthalle von Hilden angesetzt war, mit Jürgen von der Lippe als Moderator. Der hatte sich dafür eingesetzt, mich in die Sendung zu nehmen. Jürgens Karriere hatte mit Horst Steffen Sommer als erstem Manager und mit den Gebrüdern Blattschuss in der gleichen Gegend wie meine mit Trotz&Träume begonnen. Durch regelmäßige Fernsehauftritte beim »WWF-Club« war er mittlerweile im Südwesten des Landes bekannter als in Berlin und wagte jetzt den Sprung ins nationale Format. Er wusste, dass mein Zeugs nicht nur ernst oder lustig war, die Mischung würde der Premiere seiner Newcomer-Show guttun. Die bestand aus über zehn Acts, Musik, Akrobatik, Tanz. Manfred Tesch war unbeeindruckt vom schlechten Besuch – zwischen meinen Auftritten fuhr ich jetzt also immer mal nach Hilden zum Proben, für die Sendung wurde ein ziemlicher Aufwand betrieben, Geld spielte keine Rolle. Ich lernte die Bläser-Rockgruppe Zatopek kennen und Lydie Auvray, Grande Dame des Akkordeons. Wir müssen immer grinsen, wenn wir uns dann und wann auf kleinen Festivals begegnen, weil wir damals als zwei Newcomer dem nationalen Fernsehpublikum, also ja eigentlich der ganzen Welt vorgestellt worden sind. ...