McWhorter | Die Erwählten | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

McWhorter Die Erwählten

Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-455-01298-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-455-01298-9
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine neue Religion spaltet die Gesellschaft unter dem Deckmantel des Antirassismus.
Über dieses Buch spricht ganz Amerika: Der Schwarze Sprachwissenschaftler John McWhorter prangert eine Bewegung von selbsternannten Erwählten an, die mit allen Regeln der Vernunft bricht und die soziale Gemeinschaft gefährdet.
Die Debatte um Identität ist entgleist. Nicht nur in den USA, auch in Europa und in Deutschland steht die Frage im Raum: Wie konnte es so weit kommen? John McWhorter wendet sich der treibenden Kraft dieser Entwicklung zu: einer neuen Bewegung von Erwählten, die sich von den Prinzipien der Aufklärung abgewendet haben und im Umgang mit identitätspolitischen Fragen quasi eine neue Religion begründen.
John McWhorter analysiert mit scharfem Blick und anschaulichen Beispielen, wo und wie sich diese politische Haltung durchgesetzt hat, warum sie viel zu radikal und essenzialistisch ist und gerade eines nicht: antirassistisch. Der unbeabsichtigte Neorassismus ist falsch und gefährlich, schadet den Schwarzen und zerstört den integrativen Diskurs.
Am Ende macht McWhorter aber auch Hoffnung und zeigt den möglichen Weg zu einer Gerechtigkeit, die das Schwarze Amerika einen – und nicht spalten – soll.

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Weitere Infos & Material


Cover
Verlagslogo
Titelseite
Motto
Vorwort
1 Was sind das für Leute?
2 Die neue Religion
3 Was macht diese Religion für so viele so attraktiv?
4 Worin liegt das Problem mit dem Erwähltismus, wenn er eine Religion ist? Er schadet Schwarzen Menschen
5 Nach der ›Dekonstruktion der Strukturen‹: Wie das Schwarze Amerika wirklich zu retten ist
6 Wie können wir sie umgehen, wie um sie herumarbeiten?
Danksagung
Anmerkungen
Biographien
Impressum


Was sind das für Leute, die so etwas tun?
All diese Fälle ereigneten sich, weil eine Geisteshaltung, die wir als Third Wave Antiracism, als dritte Welle des Antirassismus, bezeichnen könnten, an Einfluss gewinnt, eine Bewegung, deren Anhänger allerdings häufiger Social Justice Warriors oder ›der woke Mob‹ genannt werden. Genau wie der Feminismus lässt sich auch der Antirassismus in drei Wellen unterteilen. Die erste Welle kämpfte gegen die Sklaverei und die gesetzlich verordnete Rassentrennung. Die zweite Welle, während der 1970er und 1980er Jahre, kämpfte gegen rassistische Einstellungen und brachte Amerika und der Welt bei, dass Rassismus ein moralischer Makel ist. Der in den 2010er Jahren zum Mainstream gewordene Third-Wave-Antirassismus lehrt uns, dass Rassismus fest mit den gesellschaftlichen Strukturen verquickt ist. Die ›Komplizenschaft‹ der in diesen Strukturen lebenden Weißen konstituiert diesen Rassismus überhaupt erst, wohingegen das Ringen mit dem sie überall umgebenden Rassismus den gesamten Erfahrungsraum Schwarzer Menschen definiert. Das wiederum verlangt eine ganz besondere Feinfühligkeit Schwarzen Menschen gegenüber, unter anderem werden gesellschaftlich etablierte Erfolgs- und Verhaltensstandards extra für sie aufgehoben. Innerhalb dieses Paradigmas verdienen es alle, die sich ihrer Existenz als weiße Person als einer lebenslangen Schuld nicht ausreichend bewusst sind, bitter verurteilt und ausgegrenzt zu werden, und zwar in einem derart obsessiv-abstrakten Grad, dass es den meisten Beobachterinnen und Beobachtern nicht gerade leichtfällt, dem irgendeinen Sinn abzugewinnen. Für Leute links der Mitte stellt sich die Frage, seit wann und warum sie als rückständig klassifiziert werden. Millionen unschuldiger Menschen haben eine Höllenangst davor, ins Visier einer Rotte eifernder Inquisitorinnen und Inquisitoren zu geraten, die in unserer heutigen Gesellschaft so gut wie jede Äußerung, jedes Vorhaben und jede Errungenschaft zu überwachen scheint. Man könnte jetzt fragen, warum ich es für ein so schwerwiegendes Problem halte, dass das Leben einer Food-Kolumnistin, einer Pflegeschulleiterin und eines Datenanalysten von dieser Bewegung aus der Bahn geworfen wurde. Aber ich schreibe hier nicht über Dinge, die einigen wenigen Pechvögeln zustoßen, sondern über eine im innersten Gewebe der Gesellschaft wirksame Dynamik. Auch wer heute einfach nur seinen Job macht, ist nie gefeit davor, aus heiterem Himmel vom Missionierungsdrang des Third-Wave-Antirassismus erwischt zu werden. Unschuldige verlieren ihren Job. Akademische Forschung bekommt einen gewissen Farbschlag, wird auf andere Wege geleitet und manchmal wie von rankenden Kudzu-Bohnen erstickt. Wir sehen uns gezwungen, den Großteil unserer öffentlichen Diskussionen zu drängenden Themen in einer Doppelzüngigkeit zu führen, die schon ein zehnjähriges Kind durchschaut. Damit die Zehnjährigen nicht die ganze Show auffliegen lassen, sehen wir uns gezwungen, ihnen beizubringen, im Namen der Aufklärung an spitzfindige Sophistik zu glauben. Der Third-Wave-Antirassismus-Guru Ibram X. Kendi hat ein Buch darüber geschrieben, wie man Kinder antirassistisch erzieht. Es heißt Antiracist Baby. (Prima Titel, bringt die Sache recht schlicht auf den Punkt.) Das und manches andere sind Anzeichen dafür, dass uns die dritte Welle des Antirassismus zwingt, so zu tun, als sei Performance-Kunst Politik. Diese neue Ausprägung des Antirassismus verdonnert uns dazu, endlos viel Zeit darauf zu verwenden, uns als Weisheit verkauften Nonsens anzuhören und in aller Öffentlichkeit so zu tun, als fänden wir das gut. Mein Podcast-Partner, der Wirtschaftswissenschaftler Glenn Loury, und ich bekommen massenhaft Post von Promovierenden und von Professorinnen und Professoren, die Angst davor haben, dass die neue Ideologie ihre Karrieren, ihre Fachbereiche oder ihre Forschungsfelder kaputt macht. Sie wenden sich auch an andere Organisationen, oft von privaten Mailadressen aus, damit sie an ihren Instituten nicht aufgespürt und entlarvt werden können. Menschen an einflussreichen Stellen werden regelmäßig ihrer Posten enthoben, weil es Anschuldigungen oder Petitionen gibt, weil sie angeblich unzureichend antirassistisch sind. Quer durchs Land zwingen Schulbehörden Lehrkräfte und Verwaltungen, in den Lehrplänen Zeit zu verschwenden mit Antirassismusspritzen, die nicht mehr Sinn ergeben als das, was während der Kulturrevolution in China angeordnet wurde. Wussten Sie schon, dass Objektivität, Pünktlichkeit und das geschriebene Wort weiß sind? Und dass Sie, wenn Ihnen das abwegig erscheint, gemeinsame Sache machen mit George Wallace, Bull Connor und David Duke? Erst 2008 schrieb Christian Lander in Stuff White People Like mit trockenem Humor, dass eine bestimmte Sorte weißer Menschen, die gern zu Filmfestivals geht und Secondhand-T-Shirts trägt, auch mit Vorliebe »beleidigt ist«. Wenn man dieses Kapitel nur zwölf Jahre später erneut liest, ergreift einen ein Schauder. Denn die Sorte Mensch, von der Lander spricht, könnte sich angegriffen fühlen und zu einer geifernden Tirade darüber ansetzen, wie wenig lustig es sei, wenn Menschen die Vorherrschaft der Weißen, die White Supremacy, sowie die ›Komplizenschaft‹ der Weißen mit dieser Dominanz zu dekonstruieren versuchten. Schriebe Lander sein Buch heute, würde er diesen Witz sehr wahrscheinlich nicht drinlassen. Und das wiederum ist ein Indiz dafür, wie massiv sich die Stimmung in jüngster Zeit verändert hat. Von denjenigen, auf die Lander sich bezog, bilden einige eine kritische Masse und sind nicht länger schweigend stolz auf ihr aufgeklärtes Wissen um die Dinge, die sie empörend finden, sondern sehen es heute als ihre Pflicht, diejenigen zu verurteilen und zu meiden (Schwarze Menschen eingeschlossen), die nicht im gleichen Maße empört sind wie sie. Manche mögen das für eine bloße Frage von Habitus und Feinabstimmung halten. Aber der Third-Wave-Antirassismus fügt Schwarzen Menschen im Namen seiner Leitimpulse regelrecht Schaden zu. Er beharrt darauf, dass es Rassismus ist, wenn Schwarze Jungen unter den wegen Gewalt an der Schule suspendierten oder verwiesenen Schülerinnen und Schülern überrepräsentiert sind, was – in Politik rückübersetzt – nachgewiesenermaßen zu einem dauerhaften Gewaltproblem an den Schulen und zu schlechteren Noten geführt hat. Der Third-Wave-Antirassismus beharrt darauf, dass es Rassismus ist, wenn Schwarze Kinder an den New Yorker Schulen, die ihre Schülerinnen und Schüler über einen standardisierten Leistungstest zulassen, unterrepräsentiert sind. Er fordert von uns, dieses Testverfahren über Bord zu werfen – statt Schwarze Schulkinder an die Hilfsangebote (viele davon kostenlos) heranzuführen, die sie auf den Test vorbereiten, oder wieder mehr Stipendienprogramme aufzusetzen, die nur eine Generation zuvor viele Schwarze Kinder an genau diese Schulen brachten. Dass das im Endergebnis zu einer geringeren Bildungsqualität an den Schulen führen wird – und zu Schwarzen Schülerinnen und Schülern, die weniger gut darauf vorbereitet sind, den für spätere Prüfungen notwendigen Denkmuskel zu trainieren –, wird als nebensächlich betrachtet. Die dritte Welle des Antirassismus mit ihrem extrem scharf gestellten Fokus auf einen stark vereinfachten Begriff davon, was Rassismus ist und was dagegen getan werden kann, gibt sich damit zufrieden, Schwarzen Menschen zu schaden, und zwar im Namen von etwas, das sich nur als Dogma bezeichnen lässt. Um das konkreter werden zu lassen, kommen hier nun einige Aussagen, die alle Gläubigen des Third-Wave-Antirassismus tief bewegen und die sie sofort unterschreiben würden. Wenn man diese Aussagen aber auf ihren Kern herunterbricht und einander direkt gegenüberstellt, sagen sie allerdings so gut wie gar nichts mehr aus: 1. Wenn Schwarze Menschen sagen, Sie hätten sie beleidigt, entschuldigen Sie sich mit tiefer Aufrichtigkeit und viel schlechtem Gewissen. Bringen Sie Schwarze Menschen nicht in die Lage, von ihnen zu erwarten, dass sie Ihnen vergeben. Sie haben viel zu viel erlitten, als dass man das von ihnen erwarten dürfte. 2. Gehen Sie nicht davon aus, dass alle Schwarzen Menschen Hiphop mögen, gut tanzen können, etc. pp. Schwarze Menschen sind ganz unterschiedliche Individuen. Black Culture ist das Codewort für ›pathologisch primitive Ghetto-Bewohner‹. Erwarten Sie von Schwarzen Menschen nicht, sogenannte weiße Sozialnormen zu übernehmen, schließlich haben Schwarze Menschen eine ganz eigene Kultur. 3. Zu Rassismus zu schweigen ist Gewalt. Die Stimme der Unterdrückten muss lauter zu hören sein als Ihre eigene. 4. Sie müssen ewig danach streben, die Erfahrungen Schwarzer Menschen zu verstehen. Sie werden nie verstehen, wie es ist, Schwarz zu sein; und wenn Sie sich das einbilden, ist das rassistisch. 5. Zeigen Sie Interesse an Multikulturalismus. Finger weg von kultureller Aneignung! Was nicht zu Ihrer Kultur gehört, ist nichts für Sie; Sie sollten es weder probieren noch tun. 6. Unterstützen Sie Schwarze Menschen darin, eigene Räume für sich zu schaffen, und halten Sie sich daraus fern. Streben Sie danach, Schwarze Freunde zu haben. Haben Sie keine, sind Sie Rassist oder Rassistin. Wenn Sie behaupten, welche zu haben, sollten es schon wirklich...


Riesselmann, Kirsten
Kirsten Riesselmann ist Kulturjournalistin und Übersetzerin, u. a. von Leslie Jamison, Katie Roiphe, Kristin Dombek und John Jeremiah Sullivan. Sie lebt in Berlin.

McWhorter, John
John McWhorter ist preisgekrönter Professor für Linguistik, Musikgeschichte und vergleichende Literaturwissenschaften am Center for American Studies der Columbia University in New York. Er ist Autor von zwanzig Büchern – alle bisher nicht ins Deutsche übersetzt – und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften, darunter The New York Times, The Atlantic und The New Republic. Auf Twitter hat er unter @JohnHMcWhorter mehr als 190 000 Follower.

John McWhorter ist preisgekrönter Professor für Linguistik, Musikgeschichte und vergleichende Literaturwissenschaften am Center for American Studies der Columbia University in New York. Er ist Autor von zwanzig Büchern – alle bisher nicht ins Deutsche übersetzt – und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften, darunter The New York Times, The Atlantic und The New Republic. Auf Twitter hat er unter @JohnHMcWhorter mehr als 190 000 Follower.



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