Moravia | La Noia | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Moravia La Noia


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8031-4281-8
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4281-8
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einer Ehe stellt sich oft die Frage: Wer langweilt sich zuerst?

Der große Menschenkenner Moravia lässt die Frage im großen und ganzen offen, beantwortet sie aber im erotischen Detail.

Der wegen seiner Freizügigkeit umstrittene und vom Klerus heftig bekämpfte Roman wurde mit Horst Buchholz verfilmt.

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Prolog
Ich erinnere mich genau, wie das war, als ich aufhörte zu malen. Eines Abends, nachdem ich acht Stunden unablässig in meinem Atelier gewesen war, mal fünf oder zehn Minuten arbeitend, mal eine oder zwei Stunden auf dem Diwan ausgestreckt und zur Decke emporstarrend, zerdrückte ich einer plötzlichen Eingebung folgend meine letzte Zigarette in dem bis zum Rand mit Stummeln angefüllten Aschenbecher, sprang wie eine Katze aus dem Lehnstuhl, auf dem ich kauerte, packte ein Radiermesser, das ich bisweilen benutzte, um die Farben abzuschaben, und zerschnitt die Leinwand, an der ich arbeitete, bis nur noch Fetzen davon übrig waren. Dann zog ich aus einem Winkel eine leere Leinwand von derselben Größe hervor und stellte sie statt der zerfetzten auf die Staffelei. Gleich darauf bemerkte ich freilich, daß all meine gewissermaßen schöpferische Energie sich in diesem wütenden und im Grunde durchaus vernünftigen Zerstörungsakt erschöpft hatte. Ich war während der letzten zwei Monate pausenlos und hartnäckig mit diesem Bild beschäftigt gewesen. Wenn ich es jetzt mit Messerstichen vernichtete, so bedeutete das im Grunde, daß ich es vollendete, vielleicht in negativer Weise, was die äußeren Resultate anging, die mich aber wenig interessierten, doch in positiver, was meine Eingebung betraf. Die Zerstörung dieses Bildes war etwas wie der Abschluß eines Gesprächs, das ich seit langer Zeit mit mir selbst führte. Es hieß soviel, wie endlich den Fuß auf festen Grund setzen. Die leere Leinwand, die jetzt auf der Staffelei stand, war also nicht nur irgendeine noch ungebrauchte Leinwand, sondern eben die eine Leinwand, die ich am Ende einer langen inneren Arbeit dort hingestellt hatte. In dem Bemühen, das Gefühl einer Katastrophe loszuwerden, das mich an der Kehle gepackt hatte, dachte ich, daß mit dieser Leinwand, die so ähnlich allen anderen Stücken Leinwand war und doch für mich eine solche Bedeutung besaß, ein neues, freies Leben für mich beginnen könne, als wären keine zehn Jahre vergangen, als sei ich noch immer fünfundzwanzig, wie zu jener Zeit, da ich das Haus meiner Mutter verlassen hatte und in das Atelier in der Via Margutta gezogen war, um mich nach Belieben der Malerei widmen zu können. Andererseits war es auch möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß diese leere Leinwand, die jetzt auf der Staffelei stand, eine nicht minder intime und notwendige Entwicklung symbolisierte, die aber gänzlich negativ war, jene Entwicklung nämlich, die mich in kaum fühlbaren Übergängen zur künstlerischen Impotenz geführt hatte. Und daß diese zweite Vermutung zutreffender war, schien aus der Tatsache hervorzugehen, daß Langeweile mich bei der Arbeit während der letzten sechs Monate mehr und mehr begleitet und daß ich ihr schließlich mit der Zerstörung des Bildes ein Ende bereitet hatte – etwa so, wie Kalkablagerungen schließlich ein Rohr verstopfen und den Wasserdurchfluß völlig verhindern können. Ich denke, an diesem Punkte ist es angebracht, ein paar Bemerkungen über die Langeweile zu machen, ein Gefühl, von dem ich auf den folgenden Seiten noch oft sprechen werde. Soweit meine Erinnerung zurückreicht, habe ich immer an Langeweile gelitten. Man muß sich aber über die Bedeutung dieses Wortes einig werden. Für viele Menschen ist Langeweile ganz einfach das Gegenteil von Unterhaltung; ich könnte sogar sagen, daß sie ihr in gewisser Hinsicht ähnelt, da sie Zerstreuung und Vergessen nach sich zieht, wenn auch von einer sehr besonderen Art. Für mich ist Langeweile eine Art Ungenügen oder Unangemessenheit oder Spärlichkeit der Realität. Um einen Vergleich zu gebrauchen: Wenn ich mich langweile, macht mir die Wirklichkeit stets den Eindruck, den eine zu kurze Decke einem Schläfer in einer Winternacht macht. Zieht er sie über die Füße, so friert er auf der Brust, zieht er sie zur Brust empor, friert er an den Füßen. So gelingt es ihm niemals, richtig einzuschlafen. Oder ein anderer Vergleich: Meine Langeweile ähnelt der wiederholten geheimnisvollen Unterbrechung des elektrischen Stromes in einer Wohnung. Einen Moment ist alles klar und augenfällig, die Sessel, die Diwane, die Schränke, die Konsolen, die Bilder, die Vorhänge, die Teppiche, die Fenster, die Türen: einen Augenblick später ist alles nichts als Leere und Finsternis. Oder dritter Vergleich: Meine Langeweile könnte als eine Krankheit der Gegenstände definiert werden. Sie verlieren plötzlich jede Vitalität, so als sähe man in Sekunden eine Blume von der Knospe zum Verblühen und zum Staub übergehen. Langeweile entsteht in mir aus dem Gefühl der Absurdität einer Wirklichkeit, die, wie gesagt, unzureichend ist, das heißt, die mich nicht von ihrem wirklichen Dasein zu überzeugen vermag. Zum Beispiel kann es mir geschehen, daß ich mit einer gewissen Aufmerksamkeit ein Glas ansehe. Solange ich mir sage, daß dieses Glas ein Behältnis ist, zu dem Zweck, eine Flüssigkeit aufzunehmen und an die Lippen zu führen, scheint es mir, als hätte ich zu ihm eine Beziehung, die ausreicht, an seine Existenz und demzufolge auch an meine eigene zu glauben. Es kann aber auch geschehen, daß das Glas in der zuvor beschriebenen Art seinen Lebenssinn einbüßt und sich mir als etwas Fremdes darbietet, zu dem ich keinerlei Beziehung habe, das mir – mit einem Wort – als völlig absurder Gegenstand erscheint. Dann ergibt sich aus dieser Absurdität Langeweile, die, letzten Endes, nichts anderes ist als mangelnde Fähigkeit zur Kommunikation und die Unmöglichkeit, sich von diesem Zustand zu befreien. Unter der Langeweile an sich würde ich weniger leiden, wenn ich mir nicht sagen würde: Obwohl ich keinerlei Beziehung zu dem Glas habe, könnte es eine solche Beziehung durchaus geben; das heißt, jenes Glas existiert in irgendeinem unbekannten Paradies, in dem die Gegenstände keinen Augenblick aufhören, Gegenstände zu sein. Die Langeweile besteht also sowohl in meiner Unfähigkeit, ihr aus eigener Kraft zu entweichen, als auch in dem theoretischen Wissen, daß ich dank irgendeines Wunders ihr vielleicht doch entweichen könnte. Ich sagte schon, daß ich mich immer gelangweilt habe; jetzt füge ich noch hinzu, daß es mir erst in letzter Zeit gelungen ist, mit ausreichender Klarheit zu verstehen, was diese Langeweile in Wirklichkeit ist. Als Kind und in meiner Knabenzeit habe ich an Langeweile gelitten, ohne mir sie erklären zu können, wie einer, der dauernd Kopfschmerzen hat, sich aber nicht entschließen kann, zum Arzt zu gehen. Besonders als ich noch ein Kind war, nahm die Langeweile Formen an, die mir und der Umwelt völlig unklar waren, und ich konnte niemandem erklären, wie ich mich eigentlich fühlte. Meine Mutter schrieb mein schlechtes Befinden gesundheitlichen Störungen oder ähnlichen Ursachen zu, so wie das Weinen ganz kleiner Kinder auf das Durchbrechen der Zähne zurückgeführt wird. Es widerfuhr mir in jenen Jahren, daß ich plötzlich zu spielen aufhörte und ganze Stunden regungslos und wie blöde vor mich hin starrte, überwältigt von diesem Unbehagen, das ausgelöst wurde durch das, was ich mit dem Verwelken der Dinge bezeichnet habe, also durch das vage Wissen, daß zwischen mir und der Umwelt keinerlei Beziehung bestand. Wenn in solchen Augenblicken meine Mutter das Zimmer betrat und mich dasitzen sah, stumm, bleich vor Leiden und regungslos, und wenn sie mich fragte, was ich hätte, antwortete ich regelmäßig: »Ich langweile mich.« So suchte ich mit einem klaren und enggefaßten Ausdruck einen weiten und dunklen Gemütszustand zu erklären. Meine Mutter nahm dann meine Erklärung ernst, beugte sich zu mir herab, küßte mich und versprach mir, mich noch am selben Nachmittag ins Kino zu führen. Das heißt, sie stellte mir Zerstreuung in Aussicht, die, wie ich nun schon gut wußte, keineswegs das Gegenteil der Langeweile und auch kein Mittel gegen sie war. Ich tat, als erfüllte mich der Vorschlag mit Freude, empfand aber dieselbe Langeweile, die meine Mutter zu verscheuchen suchte, wenn ihre Lippen sich auf meine Stirn drückten, ihr Arm sich um meine Schultern legte und sie mir das Kino als wunderbares Rettungsmittel pries. Ich hatte in diesem Augenblick keinerlei Beziehung, weder zu diesen Lippen und diesen Armen noch zum Kino. Wie aber hätte ich meiner Mutter erklären sollen, daß es kein Mittel gegen Langeweile gab, an der ich litt? Ich habe schon bemerkt, daß diese Art der Langeweile vor allem in einer mangelnden Fähigkeit zur Kommunikation besteht. Da ich dann auch mit meiner Mutter keine Verbindung hatte und mich von ihr ebenso getrennt fühlte wie von allem übrigen, war ich genötigt, auf das Mißverständnis einzugehen und sie zu belügen. Ich übergehe die Katastrophen, die mir meine Langeweile während der Knabenzeit verursachte. Mein miserables Abschneiden in der Schule wurde auf sogenannte ›Konzentrationsschwäche‹ zurückgeführt, das heißt auf eine angeborene Unfähigkeit, diese oder jene Materie aufzunehmen, und ich selbst akzeptierte diese Erklärung in Ermangelung einer besseren. Jetzt aber weiß ich mit Sicherheit, daß die schlechten Noten, die ich am Ende jedes Schuljahres einheimste, ein einziges Motiv hatten: Langeweile. Ich spürte deutlich und mit dem gewohnten tiefen Unbehagen, daß ich keinerlei Beziehung besaß zu dem riesigen Durcheinander von athenischen Staatsmännern und römischen Kaisern, von südamerikanischen Flüssen und asiatischen Gebirgen, von den Elf-Silbern Dantes und den Hexametern Vergils, von algebraischen Operationen und chemischen Formeln. Diese ungeheure Menge von Wissensstoff ging mich nichts oder nur soweit etwas an, als ich ihre fundamentale Unsinnigkeit feststellte. Aber, wie gesagt, ich bekannte mich weder vor mir selbst noch vor anderen zu diesem rein negativen Gefühl; ich...


Alberto Moravia, 1907 in Rom geboren, begann 1925 nach schwerer Krankheit zu schreiben. Bereits sein Erstlingsroman "Die Gleichgültigen" (1929) fand große Beachtung. Seit 1941 von der Zensur stark behindert, erhielt er wenig später wegen seiner immer offener demonstrierten antifaschistischen Haltung Schreibverbot. Nach 1944 war Moravia politisch und literarisch eine der wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Italiens. Seine Romane und Erzählungen weckten mehrmals das Interesse großer Filmregisseure wie Jean-Luc Godard ("Die Verachtung") und Bernardo Bertolucci ("Der große Irrtum"). Er starb 1990 in Rom.



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