Muchina Lenas Tagebuch
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8437-0553-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8437-0553-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Lena Muchina, geboren 1924, war knapp sechzehn Jahre alt, als sie ihr Tagebuch begann. Im Juni 1942, noch vor Beendigung der Blockade, wurde sie evakuiert; die Veröffentlichung ihres Tagebuchs erlebte sie jedoch nicht mehr, denn sie starb 1991 im Alter von 66 Jahren in Moskau. Über ihr Leben ist bisher wenig bekannt.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Oral History (Zeitzeugen)
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Militärgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Mentalitäts- und Sozialgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Europäische Geschichte
Weitere Infos & Material
1942
2. Januar 1942
Schon lange habe ich die Feder nicht mehr in die Hand genommen. Was ist in dieser Zeit nicht alles passiert.
Das neue Jahr 1942 hat begonnen.
Jetzt sind Mama und ich allein. Aka ist gestorben. Sie ist an ihrem Geburtstag gestorben, dem Tag, an dem sie 76 Jahre alt wurde. Sie ist gestern gestorben, am 1. Januar um neun Uhr morgens. Zu der Zeit war ich gerade nicht zu Hause. Ich war Brot holen. Als ich von der Bäckerei zurückkam, wunderte ich mich sehr, dass Aka so ruhig dalag. Mama war wie immer äußerlich ruhig und sagte mir, dass Aka schlafe. Wir tranken Tee, wobei Mama mir von Akas Portion eine Scheibe abschnitt. Sie sagte, Aka esse ohnehin nicht so viel. Danach schlug Mama mir vor, mit ihr zusammen ins Theater zum Mittagessen zu gehen. Ich willigte gern ein, denn ich fürchtete mich davor, mit Aka allein zu bleiben. Wenn sie plötzlich stirbt, was soll ich dann machen. Ich hatte sogar Angst, dass Mama mich bitten könnte, mich um Aka zu kümmern, während sie fort war. Ich wollte nicht einmal zu Aka hingehen, denn es fiel mir sehr schwer zu sehen, wie sie stirbt. Ich war eine Aka auf den Beinen gewohnt, die liebe, gute, geschäftige Alte, die immer etwas zu tun hatte. Und jetzt lag Aka plötzlich hilflos da, abgemagert bis auf die Knochen und so kraftlos, dass sie gar nichts mehr mit der Hand festhalten konnte.
So eine Aka wollte ich nicht sehen, und deshalb ging ich gerne mit Mama mit. Mama schloss die Tür ab und brachte den Schlüssel zu Sascha ins Zimmer.
»Mama, warum hast du Aka eingeschlossen? Was ist, wenn sie etwas braucht?«
Aber Mama antwortete mir, dass Aka nichts mehr brauche. Dass Aka gestorben sei.
»Wann?«
»Während du Brot holtest. Ich habe dich mit Absicht weggeschickt.«
»Warum das, Mama, ich wäre von selbst nicht allein mit einer Toten im Zimmer geblieben. Hat sie sich von dir verabschiedet?«
»Nein, sie hat nichts mehr wahrgenommen.«
Und so erfuhr ich, dass Aka nicht mehr länger existiert, dass es Aka nicht mehr gibt.
Laut Mamas Worten starb sie sehr ruhig. Als sei sie erstarrt. Sie röchelte und röchelte vor sich hin und verstummte dann. Davor aber, in der Silvesternacht, ging es ihr sehr schlecht, und Mama ging ständig zu ihr. Ich schlief, aber in meinen Träumen hörte ich, wie jemand gequält stöhnte.
Aka ist gestorben.
Mama und ich sind nun allein. Ich habe niemanden mehr außer Mama Lena, und sie niemanden außer mir.
Jetzt muss ich Mama behüten wie nie zuvor. Denn sie ist alles für mich. Wenn sie stirbt, bin ich verloren. Wohin sollte ich allein gehen? Was würde ich tun? Mama lebt jetzt fast nur noch durch ihre Tapferkeit. Ihre Tapferkeit ist groß. Sie weiß, dass sie nicht umfallen darf, weil ich bei ihr bin.
Jetzt kann ich weiterschreiben. Ich bin zur Schule zum Mittagessen gegangen. Heute gab es für 15 Kopeken Suppe ohne Marken. Die Suppe war gut, mit Graupen. Viele Graupen. Danach nahm ich eine Portion Gerstenbrei mit Fett und vier Presskuchenfladen mit.
Mal sehen, was Mama mitbringen wird. Wenn Mama viel mitbringt, werden wir nicht alles aufessen und können für morgen etwas übrig lassen. Morgen kann ich wieder um zwei Uhr zum Essen in die Schule gehen. Das ist sehr gut, dass wir in den Ferien einen Teller Suppe ohne Marken bekommen können.
Nun hat das neue Jahr begonnen, wir haben neue Marken bekommen. Aber bislang gibt es in Ernährungsfragen keine Besserung. Die Norm für Brot ist die bisherige: 200 g für Angehörige und Angestellte, 350 g für Arbeiter. In den Geschäften gibt es nichts, und wenn es etwas gibt, dann nur in den ersten beiden Dekaden. Über die dritte Dekade ist noch nichts bekannt. Uns fehlt für das letzte Drittel nur Fett, aber davon recht viel.
Ja, Fett. Das ist es, wovon wir nicht genug haben. Brot reicht noch irgendwie, aber Fett haben wir keins. Deshalb leben viele jetzt nur noch von Brot.
So leben wir. Ohne Strom, selbst zu Neujahr wurde er nicht angeschaltet, ohne Wasser, zum Wasserholen muss man ins Erdgeschoss zur Schakt gehen. Auch das Radio läuft die meiste Zeit nicht, nur selten wird plötzlich eine Rede oder Musik gesendet, danach ist wieder Schweigen.
Wenn es Strom gäbe, könnte man immerhin noch irgendwie leben. Lesen, nähen und solche Dinge. Aber jetzt ohne Strom muss man sich um sechs Uhr abends schlafen legen, ob man will oder nicht. Denn wer will schon in absoluter Dunkelheit herumsitzen? Unter der Decke ist es wenigstens warm.
So leben wir also. Die Straßenbahn fährt schon lange nicht mehr, und Mama und mir steht noch die Freude bevor, uns zu Fuß auf die Wyborger Seite zu schleppen. Das ist so weit weg, aber gehen müssen wir. Schließlich brauchen wir Geld. Allein kann ich Mama nicht einen so weiten Weg gehen lassen. Und mir würde es das Herz brechen, wenn ich allein ginge. Aber zum Glück habe ich jetzt Ferien, und wir gehen zusammen. Irgendwie werden wir uns hinschleppen.
Mama möchte jetzt unbedingt in diesem Theater fest angestellt werden. Und vielleicht schafft sie das auch. Dann bekommt sie eine Arbeiterlebensmittelkarte und das Recht, die Kantine zu benutzen und zwei Portionen Suppe mitzunehmen. Und die Kantine dort ist sehr gut.
Aka ist nicht mehr, jetzt wird das Leben für Mama und mich billiger. Jetzt werden wir alles durch zwei teilen und nicht mehr durch drei wie zuvor, und das ist ein großer Unterschied. Zuvor lebten zwei Angehörige von Mamas Einkommen und jetzt nur noch eine. Wenn uns zuvor 600 Rubel im Monat kaum reichten, so werden uns jetzt, wie uns das Schicksal lehrt, 400 Rubel völlig reichen.
So hat der Tod selbst eines so lieben Menschen wie Aka seine positiven Seiten. Wie sagt das Sprichwort: »Glück im Unglück.« Jetzt wird Mama jeden Tag 400 g Brot haben, das ist schon mal was. Auch in der Kantine können wir mehr nehmen. Und das für einen ganzen Monat. Und nächsten Monat wird unsere Lage wahrscheinlich besser werden.
Wie erstaunlich sich auch eins zum andern fügt. Wenn wir unseren Kater nicht geschlachtet hätten, wäre Aka früher gestorben, und wir hätten jetzt nicht die Marken übrig, die uns jetzt ihrerseits retten werden. Ja, unserem Katerchen vielen Dank. Er hat uns zehn Tage lang ernährt. Eine ganze Dekade haben wir mit nur dem Kater unsere Existenz gesichert.
Es wird schon werden, jetzt nur den Kopf nicht hängen lassen! Alle sagen, dass die schwierigste Zeit schon hinter uns liegt. Und wirklich, der Belagerungsring um Leningrad ist an einer Stelle schon durchbrochen66.
3/I 42
Uns bleibt nichts mehr übrig, als uns hinzulegen und zu sterben. Von Tag zu Tag wird es immer schlechter. Die letzten Tage war Brot die einzige Quelle unserer Existenz. An Brot mangelte es uns nicht, ich will damit sagen, dass es uns bislang immer möglich war, unser Brot zu bekommen. Wir mussten nie in der Bäckerei warten, bis Brot gebracht wurde. Aber heute ist es schon elf Uhr morgens, doch in keiner Bäckerei gibt es Brot, und keiner weiß, wann welches kommen wird. Hungrige, stolpernde, wankende Menschen suchen seit sieben Uhr morgens die Bäckereien ab, aber, ach, überall sehen sie leere Regale, sonst nichts.
Gut, dass Mama und ich für heute Brei und Presskuchenfladen aufgehoben haben, sonst wüsste ich gar nicht, was heute wäre. Mama und ich haben heute Morgen anstelle des Tees Suppe gegessen, jede zweieinhalb Teller heiße Suppe, und deshalb können wir das Fehlen von Brot noch ertragen.
Doch das ist nicht gut, wenn man selbst das Brot »erjagen« muss.
Wann wird es endlich besser? Es ist schon höchste Zeit, denn die Menschen sind alle so erschöpft, dass ich nicht weiß, ob viele in Leningrad am Leben bleiben werden, wenn die Versorgungslage noch einen Monat lang so bleibt. Viele werden das nicht überleben.
Ich weiß nicht, ob ich überleben werde. Heute verspüre ich aus irgendeinem Grund in mir so eine Schwäche. O Gott, ich kann mich kaum auf den Beinen halten, die Knie knicken ein, mir ist schwindlig. Gestern noch habe ich mich völlig gesund und munter gefühlt. Und ich war gar nicht so sehr hungrig. Wie ist dann dieser Kräfteverfall zu erklären? Vielleicht hat Akas Tod so auf mich gewirkt.
Um Mama mache ich mir große Sorgen. Die letzten Tage zeigt sie so viel Energie. Die ganze Zeit geht sie sorgenvoll umher, ist immer in Bewegung, dabei wankt sie selbst hin und her wie eine Betrunkene. Ich habe solche Angst, dass sie nach diesem ungewöhnlichen Energieschub die Kräfte verlassen werden. Aber was kann ich tun, um das abzuwenden? Ich weiß es nicht.
Aber vielleicht ist das alles auch nicht so schlimm. Und alles wird glücklich enden. Gebe Gott, dass es so wäre.
Möglichst schnell sollten wir alles mit Aka erledigen. Denn sie liegt in der Küche. Diesen Jakowlew können wir gar nicht erreichen, aber ohne ihn geht es nicht. Er muss den Totenschein ausstellen. Dann muss Mama noch irgendwohin gehen, und danach werden wir Aka auf dem Schlitten zum Hippodrom bringen67. Das ist von uns nicht weit.
Ich vergaß zu sagen, dass heute das Radio geht und wir die Nachrichten des Informbüros gehört haben. Unsere Truppen haben die Stadt Maly Jaroslawez erobert. Aber über die Leningrader Front kein Wort. Was hat das zu bedeuten? Wahrscheinlich eine vorübergehende Verschlechterung. Wir sterben hier vor Hunger wie die Fliegen, aber in Moskau hat Stalin gestern wieder ein Essen zu Ehren Edens gegeben68.
Das ist empörend, sie fressen dort wie die Teufel, während wir noch nicht einmal unser Stück Brot bekommen, wie es sich gehört. Sie veranstalten alle möglichen glänzenden Empfänge, während wir wie Höhlenmenschen, wie blinde Maulwürfe leben.
Wann hört das bloß auf?...




