E-Book, Deutsch, 420 Seiten
Müller / Barthelmess / Berger Flexibles Lernen an Hochschulen gestalten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6412-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ZFHE 14/3
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6412-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Martina FELDHAMMER-KAHR2, Stefan DREISIEBNER, Manuela PAECHTER, Markus SOMMER & Martin ARENDASY (Graz, Hildesheim)
Evaluierung des flexiblen Lernbedarfs bei Studierenden – Implikationen für die Praxis
Zusammenfassung In der vorliegenden Evaluationsstudie wurden Studierende und Lehrende einer österreichischen Universität befragt, in welchen Bereichen der Lehre sich Studierende eine stärkere Flexibilisierung wünschen und inwieweit sich diese Wünsche von der Einschätzung Lehrender unterscheiden. Die Ergebnisse zeigen, dass Studierende und Lehrende in ihren Präferenzen zur Lehrveranstaltungsgestaltung zum großen Teil übereinstimmen, sich aber auch in einzelnen Bereichen unterscheiden. Insbesondere hinsichtlich einzelner Aspekte von Zeit, Inhalt, Lernressourcen und Support, Beurteilung und Bereitstellung schätzen Studierende Flexibilität bedeutsamer ein als Lehrende. Es zeigen sich hier bedeutsame statistische Effekte. Schlüsselwörter Flexibles Lernen, Lehrveranstaltungsdesign, Didaktische Gestaltung, Präferenzen Evaluation of flexible learning needs among students – Implications for practice
Abstract This paper presents the results of a survey conducted among students and faculty members at an Austrian University. The study investigated the areas of learning in which students would prefer more fexibility and to what extent these preferences differ from faculty members’ perceptions. The results show that student preferences and faculty member perceptions are similar in some areas. However, for other aspects (e.g. time, content, teaching resources, support, assessment, content delivery), students value fexibility more than faculty members. Statistical differences showed large effect sizes. Keywords flexible learning, teaching design, didactic design, preferences 1 Einleitung
Bereits in den 1970iger Jahren begann man, sich in den USA mit flexiblem Lernen zu beschäftigen; vermehrt beforscht wird es seit Anfang des 21. Jahrhunderts (LI & WONG, 2018; MÜLLER & JAVET, 2019). Flexibles Lernen soll den Lernenden die Entscheidungsmöglichkeiten darin geben, was, wann, wie und wo gelernt wird (DOWLING, GODFREY & GYLES, 2003; GOODYEAR, 2008; MÜLLER & JAVET, 2019; VAN DEN BRANDE, 1993). Obwohl flexibles Lernen auch in klassischen Settings umgesetzt werden kann, wird es heute vermehrt durch den Einsatz neuer Technologien realisiert (LI & WONG, 2018; TUCKER & MORRIS, 2012), daher werden die Begriffe flexibles Lernen, digitales Lernen, Blended Learning und Distance Learning oftmals äquivalent verwendet (LI & WONG, 2018; MÜLLER & JAVET, 2019). Flexibles Lernen steht in Zusammenhang mit Begriffen und Konzepten wie lebenslanges Lernen und selbstgesteuertes Lernen. So verstehen Jahn, Trager & Wilbers (2008) unter flexiblem Lernen „ein umfassendes Konzept selbstgesteuerten Lernens, das durch entsprechende Lernumgebungen, durch institutionelle sowie institutionsübergreifende Bedingungen unterstützt werden soll.“ Während das Konzept des selbstgesteuerten Lernens vor allem auf die lernende Person fokussiert, berücksichtigt das Konzept des flexiblen Lernens die institutionellen sowie institutionsübergreifenden Bedingungen (JAHN et al., 2008). Da der Einsatz von flexiblem Lernen für Lehrende mit einem erheblichen Aufwand verbunden sein kann (vgl. CHEN, 2003; MÜLLER et al., 2016), erscheint es bei der Planung von Flexibilisierungsmaßnahmen sinnvoll, auch die Präferenzen von Lernenden zu berücksichtigen. Studien zum Einsatz von flexiblem Lernen in der Lehre greifen daher das Thema aus zwei Richtungen auf: zum einen die Betrachtung bestehender Anwendungen von flexiblem Lernen aus Lehrenden-Perspektive (AYER & SMITH, 1998; de BOER & COLLIS, 2005), zum anderen die Evaluierung von Zufriedenheit, Motivation und Erfolg von Lernenden in Zusammenhang mit dem Einsatz von flexiblem Lernen (PACHARN, BAY & FELTON, 2013; WELTERS et al., 2019). Bestehende Untersuchungen (u. a. KENNEDY et al., 2008; LI, 2014; TUCKER & MORRIS, 2012; WANNER & PALMER, 2015) wurden primär außerhalb des deutschen Sprachraums durchgeführt. Lern- und Lehrgewohnheiten sind allerdings auch kulturell geprägt (DENMAN-MAIER, 2004; HOFSTEDE, HOFSTEDE & MINKOV, 2010), daher können die Ergebnisse nicht einfach übertragen werden. Auf diesem Hintergrund gründen die Forschungsfragen der vorliegenden Studie: In welchen Bereichen der Lehre wünschen sich Studierende eine stärkere Flexibilisierung? Inwieweit unterscheiden sich diese Studierendenwünsche von der Einschätzung Lehrender? 2 Bisheriger Forschungsstand
Flexibilisierung in der Lehre kann in unterschiedlichen Bereichen erfolgen. Collis (1995) definierte mehrere Bereiche in Bezug auf elektronisches Lernen, präzisierte sie und legte 19 Subdimensionen für flexibles Lernen fest (u. a. COLLIS & MOONEN, 2002a, 2002b; COLLIS, VINGERHOETS & MOONEN, 1997; NIKOLOVA & COLLIS, 1998). LI & WONG (2018) analysierten diese und weitere ähnliche Definitionen in einem Überblicksartikel und erweiterten die fünf übergeordneten Dimensionen. Demnach kann flexibles Lernen in den Bereichen Zeit, Inhalt, Zugangsvoraussetzungen, Bereitstellung, didaktische Gestaltung, Beurteilung und Bewertung, Lernressourcen und Support sowie Orientierung und Ziele ansetzen (MÜLLER & JAVET, 2019). Die in diesen Arbeiten definierten Bereiche dienten als Grundlage für Untersuchungen zu Studierenden- und Lehrendenpräferenzen hinsichtlich des Einsatzes von flexiblem Lernen. In einer australischen Studie erhoben TUCKER & MORRIS (2012) die Präferenzen zu flexiblem Lernen von Lehrenden und Studierenden der Architektur. Bezogen auf Lehrveranstaltungen mit Übungscharakter stimmte die Einschätzung von Studierenden und Lehrenden in fast allen Bereichen überein. Ausschließlich hinsichtlich des Inhalts wünschten sich Studierende weniger Flexibilität als die Lehrenden. Für Lehrveranstaltungen mit Vorlesungscharakter wünschten sich Studierende in allen Bereichen eine höhere Flexibilität als Lehrende. Der Wunsch der Studierenden nach Flexibilität in den Bereichen Zeit, Inhalt und Zugangsvoraussetzungen war jedoch generell sehr gering. Die überwiegende Mehrheit bestehender Untersuchungen zu flexiblem Lernen aus Lehrenden- und Studierendensicht bezieht sich auf Evaluierungen konkreter Anwendungsfälle. Eine internationale Befragung von über 650 Lehrenden, Hilfskräften und Entscheidungsträgerinnen/-trägern an Hochschulen zeigte, dass flexible Ansätze vor allem in Zusammenhang mit Lernressourcen, Ort und Zeit eingesetzt werden. Hinsichtlich des Einsatzes eines Content Management Systems (CMS) zeigte sich, dass Flexibilisierung auf mehreren Ebenen für Lehrende eine Herausforderung ist und besondere institutionelle Unterstützungsmaßnahmen erfordert (de BOER & COLLIS, 2005). Eine Umfrage an 120 britischen Hochschulen, Medizin- und Sozialinstitutionen zeigte, dass offenes Lernen mit Unterstützung von Tutorinnen/Tutoren der häufigste Ansatz ist, um flexibles Lernen einzusetzen. Die Nachfrage nach Flexibilisierung wird vor allem anhand von informellem Feedback und Studierendenanfragen erhoben (AYER & SMITH, 1998). Andere anwendungsbezogene Untersuchungen zum Einsatz von flexiblem Lernen erfolgten anhand der Evaluierung der Zufriedenheit von Studierenden, ihrer Motivation und ihrem Lernerfolg. In einer Befragung von Studierenden eines Fernstudienprogramms in Hong Kong sollten Präfenzen zu möglichen Dimensionen flexiblen Lernens abgegeben werden. Studierende bewerteten sowohl ihr bestehendes Studienangebot als auch ihre allgemeinen Präferenzen auf einer 5-stufigen Likert-Skala von Fix bis Flexibel. Die Ergebnisse zeigten eine klare Präferenz von Studierenden für eine höhere Flexibilisierung, insbesondere hinsichtlich Lernressourcen und Support sowie Prüfungs- und Abgabezeitpunkte (LI, 2014). Eine Evaluierung von flexiblen Ansätzen in der Beurteilung von Accounting-Kursen an kanadischen Universitäten zeigte, dass eine Flexibilisierung hinsichtlich der Gewichtung einzelner Teilleistungen zu besseren Noten und einer höheren Motivation führte (PACHARN et al., 2013). Eine australische Studie untersuchte die Selbsteinschätzung von Schülerinnen und Schülern nach dem Wechsel vom klassischen Schulunterricht zum flexibilisierten Unterrichtskonzept. Es zeigte sich, dass das flexibilisierte Konzept eher den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schülern entsprach und von diesen positiver wahrgenommen wurde (WELTERS et al., 2019). Eine weitere australische Untersuchung zur Zufriedenheit von flexiblen Lernsettings in Schulen zeigte, dass insbesondere individuelle Unterstützung positiv wahrgenommen wird (MACDONALD, BOTTRELL & JOHNSON, 2019). Die Einführung von flexiblem Lernen in Verbindung mit einem Flipped Classroom-Ansatz an einer Universität in Australien wurde von Studierenden positiv aufgenommen. Diese schätzten besonders ein angebotenes zweistündiges Tutorium und die...