Müller | Grundzüge der Wirtschafts- und Unternehmensethik | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 307 Seiten, E-Book

Müller Grundzüge der Wirtschafts- und Unternehmensethik


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7910-5066-9
Verlag: Schäffer-Poeschel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 307 Seiten, E-Book

ISBN: 978-3-7910-5066-9
Verlag: Schäffer-Poeschel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was hat Wirtschafts- und Unternehmensethik mit Aristoteles zu tun? Was steckt hinter dem Allmendeproblem? Ist Whistleblowing erlaubt oder verletzt es die Loyalitätspflicht gegenüber dem Arbeitgeber? Wie hoch dürfen Managergehälter sein?  

Das kompakte Lehrbuch liefert Antworten, indem es die Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Philosophie, Theologie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zusammenfasst. Dabei verknüpft der Autor die bisweilen sehr abstrakten Theorien mit zahlreichen, anschaulichen Praxisbeispielen aus dem aktuellen Wirtschaftsgeschehen und mit Alltagsphänomenen, die den meisten schon begegnet sind.

Müller Grundzüge der Wirtschafts- und Unternehmensethik jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


2 Moralprobleme
Von welchen Problemen sprechen wir, wenn wir von moralischen Konflikten reden? Lassen sich typische moralische Probleme identifizieren, die sich ergeben, wenn Menschen allein ihrer eigennützigen Rationalität folgen? Natürlich lassen sich eine Vielzahl von Problemstellungen denken, in denen sich in einer Gesellschaft moralische Konflikte ergeben können. Die folgende Darstellung erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Immerhin lassen sich doch aber typische Situationen beschreiben, in denen Moral eine Rolle spielen kann. Drei Klassen von Problemen dürften besonders typisch sein: Dilemma-, Vertrauens- und Verteilungsprobleme. 2.1 Dilemmaprobleme
Das wohl typischste Problem eines moralischen Konflikts in einer Gesellschaft stellt ein soziales Dilemma (sogenanntes Gefangenendilemma) dar. Betrachten wir z. B. ein Textilunternehmen, das im Wettbewerb mit anderen Produzenten der gleichen Branche steht. Jedes Unternehmen betreibt Betriebsstätten in einem asiatischen Land, wo ein Teil der Arbeitenden Kinder sind, die ihre Arbeit zu niedrigeren Löhnen anbieten als Erwachsene. Dass Kinder dort arbeiten, ist nicht verboten; es ist gesellschaftlich toleriert und sogar üblich. Allen Beteiligten ist klar, dass der Einsatz von Kindern als Arbeiter in der Produktion moralisch inakzeptabel ist; andererseits sind alle Unternehmensleiter ökonomisch rational und orientieren sich bei ihren Entscheidungen an der Maximierung ihrer Gewinne. Jeder Unternehmensleiter dürfte nun mit folgendem Kalkül an die Sache herangehen: Wenn alle übrigen Unternehmen keine Kinderarbeit in Anspruch nehmen, dann kann ich meine eigenen Gewinne steigern, wenn ich als einziger Kinderarbeit in Anspruch nehme; ich werde in diesem Fall also Kinder in meiner Betriebsstätte einsetzen. Wenn alle übrigen Unternehmen aber selbst auch Kinder in ihrer Produktion einsetzen, dann habe ich einen eindeutigen Wettbewerbsnachteil, wenn ich es nicht tue. Schon, um mich vor relativen Verlusten zu schützen, muss ich also selbst auch Kinder in meiner Produktion einsetzen. Mit anderen Worten: Egal, was die anderen tun – ob sie Kinderarbeit in Anspruch nehmen oder nicht –, ich selbst werde immer Kinder in meiner eigenen Produktion einsetzen. Und weil jedes Unternehmen den gleichen individuellen Vorteilskalkül anstellt, setzen am Ende alle Unternehmen Kinder als Produktionsfaktoren in ihren Betriebsstätten ein. Im Ergebnis stellt sich die von allen moralisch ungewünschte Situation ein. 2.1.1 Spielstruktur
Das Gefangenendilemma modelliert in stark vereinfachter Form einen Konflikt zwischen individuellem Eigennutzstreben auf der einen Seite und moralischem Interesse auf der anderen. Alle Beteiligten haben ein gemeinsames Interesse an einer moralisch sauberen Lösung; alle haben aber ein noch größeres individuelles Interesse daran, eigene Vorteile zu realisieren. Formal wird das Gefangenendilemma in der einfachsten Form als »Spiel« zweier Personen A und B dargestellt, die beide die Payoff-Relation t > r > p > s aufweisen mit t = temptation, r = reward, p = punishment und s = sucker (siehe Abb. 2.1): Abb. 2.1: Gefangenendilemma (allgemein) mit t > r > p > s für Spieler A und B Abbildung 2.2 stellt ein Zahlenbeispiel dar, wobei die Zahlen jeweils nur ordinale Rangordnungen repräsentieren. Abb. 2.2: Gefangenendilemma (Zahlenbeispiel) Jede der beiden Personen verfügt über die Handlungsalternativen »Kooperieren« (C) (= Selbstbeschränkung) und »Defektieren« (D) (= keine Selbstbeschränkung); die erste Stelle des Vektors in jeder Zelle der Spielmatrix gibt die Auszahlung von Person A, die zweite Stelle hingegen den Payoff von Person B an. Betrachten wir den Kalkül für Person A: Wenn B kooperiert, dann wäre es für A besser zu defektieren, da t > r (bzw. 5 > 3). Wenn B stattdessen defektiert, dann wäre es für A ebenfalls besser zu defektieren, da p > s (bzw. 1 > 0). Für A ist »Defektieren« (D) also die dominante Strategie, insofern sie in jedem möglichen Ergebnis für ihn besser ist als seine Strategie »Kooperieren« (C): Was immer B auch tut, Person A wählt immer Strategie D. Und da das Gefangenendilemma in Bezug auf Payoffrelationen ein symmetrisches Spiel ist, ist – auf der Basis eines analogen Kalküls – auch für Person B »Defektieren« die dominante Strategie. Im Ergebnis landen die beiden Beteiligten also in der Situation (D, D), in der beide Individuen sich nicht selbst beschränken. Diese Situation ist ein Nash-Gleichgewicht, also eine Strategiekombination, in der – gegeben die Strategie des jeweils anderen Spielers – keiner der beiden Spieler einen Anreiz hat, von seiner gewählten Strategie abzuweichen. Das Problem im Gefangenendilemma besteht nun aber darin, dass beide Individuen – gemessen an ihren eigenen Präferenzen – besser dastehen würden, wenn sie kooperiert hätten: in Situation (C, C). Denn hier bekommen beide eine Auszahlung in Höhe von r statt p (bzw. 3 statt 1). In der Spieltheorie heißt eine Situation paretosuperior im Vergleich zu einer anderen, wenn beim Übergang von der ersten zur zweiten Situation, mindestens ein Spieler bessergestellt wird, ohne einen anderen schlechterzustellen. Das ist hier der Fall: Die Situation beidseitiger Kooperation (C, C) ist hier paretosuperior im Vergleich zu (D, D), insofern beim Übergang von (D, D) zu (C, C) sogar beide Spieler bessergestellt werden könnten. Die Situation (C, C) ist hier sogar ein Paretooptimum, d. h. eine Situation, von der ausgehend kein Spieler mehr bessergestellt werden kann, ohne einen anderen schlechterzustellen – mithin eine Situation, die einstimmig nicht verlassen werden kann. Für (C, C) sieht man das leicht, wenn man die dort erzielbaren Payoffs mit den Auszahlungen in den anderen Spielzellen vergleicht: Beim Übergang von (C, C) zu (D, C) oder zu (C, D) würde jeweils ein Spieler bessergestellt, der andere aber schlechter; beim Übergang zu (D, D) würden sogar beide Spieler schlechtergestellt. (C, C) kann also nicht verlassen werden, ohne einen anderen Spieler schlechterzustellen. Machen Sie sich klar, dass (C, C) nicht das einzige Paretooptimum im Gefangenendilemma ist: Auch (D, C) und (C, D) sind paretooptimal, insofern sie nicht einstimmig verlassen werden können. Darin also besteht das Dilemma: Vor die Wahl zwischen individuellem und moralischem Interesse gestellt, entscheiden sich beide für den individuellen Vorteil. Während das Paretoprinzip zur Kooperation mahnt, drängt das Dominanzprinzip jeden der beiden Spieler dazu, gegen das gemeinsame Interesse zu handeln. Folglich finden sich beide Spieler in der kollektiv schlechtesten, aber stabilen (gleichgewichtigen) Situation, dem paretoinferioren Nash-Gleichgewicht (D, D), wieder. Das Gefangenendilemma ist also eine Situation der »kollektiven Selbstschädigung durch Verfolgung des eigenen Vorteils« (Jöhr 1976). Für die Moralanalyse kann es wichtig sein zu unterscheiden, worin dieser eigene Vorteil konkret besteht: Wenn ein Individuum im Gefangenendilemma nicht kooperiert, weil es sich nicht darauf verlassen kann, dass der Gegenspieler auch kooperiert, so defektiert er aus einem Schutzmotiv heraus. Selbst zu kooperieren, während der oder die anderen Spieler defektieren, würde bedeuten, zu riskieren, in die Position des »Depps« (des »Suckers«), des Spielers mit dem geringsten Payoff (also s), zu geraten. Schon für Thomas Hobbes (1588–1679) war klar, es könne nicht moralisch gefordert sein, dass Beteiligte in einer sozialen Dilemmasituation anderen »sich selbst als Beute darbieten« (Hobbes 1976, S. 100). Für das Problem der Bestechung bringt Jürgen Donges, von 1992 bis 2002 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, das hier angesprochene Dilemma auf den Punkt: »Tue ich es nicht, weil es unethisch ist, kann ich mich nicht darauf verlassen, dass alle meine Kollegen oder Konkurrenten auch sagen: Ich besteche niemanden, um den Auftrag zu bekommen. Da ich mich nicht darauf verlassen kann, muss ich es auch machen.« (zitiert nach Thomas/Hattler 2008, S. 96) Defektiert ein Spieler hingegen, während sein Gegenspieler kooperiert, so defektiert er hier aus einem Free-Riding-Motiv heraus – oder schlicht aus Gier. Er will mehr haben, als er bei Moralkonformität bekäme; und dass der andere hierbei die Kosten des eigenen Zielstrebens zu tragen hätte, ist für ihn nicht von Interesse. Unmoralisches Verhalten steigert hier die Gewinne. Die Wahl der...


Christian Müller



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.