Myeong-kwan | Der Wal | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Myeong-kwan Der Wal


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86337-209-5
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-86337-209-5
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Der Wal« erzählt die abenteuerliche Geschichte zweier Frauen: die von K?mbok, einem ehrgeizigen Mädchen vom Land, das zur erfolgreichen Unternehmerin, Fabrikbesitzerin und Kinobetreiberin avanciert und mit seinem mysteriösen Duft die Männer um den Verstand (und manche von ihnen um ihr Leben) bringt; und die von K?mboks stummer, trotz ihrer furchteinflößenden Gestalt sanftmütigen Tochter Ch'unh?i, die ungewollt schuld wird an einem verheerenden Brand, der den Untergang einer ganzen Stadt nach sich zieht, dafür jahrelang im Gefängnis sitzt und schließlich an den Ort ihrer Kindheit, eine inzwischen verfallene Ziegelfabrik, zurückkehrt.

Cheon Myeong-kwan wurde 1964 im su?dkoreanischen Yongin geboren. Nach Schulabschluss und Militärdienst arbeitete er als Verkäufer von Sportartikeln und als Versicherungsvertreter, bevor er sich einige Jahre lang erfolglos im Filmgeschäft versuchte. Als Romancier hatte er mehr Erfolg: »Der Wal« wurde von der Kritik als der »spannendste Roman Koreas seit der Jahrtausendwende« geru?hmt.

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Die Fabrik
Ch’unhui – so hieß die Fabrikarbeiterin, der Nachwelt allgemein als »Die Ziegelkönigin« bekannt, mit ihrem richtigen Namen. Von ihrer Existenz hatte als Erster der Architekt berichtet, der mit dem Bau des Nationaltheaters beauftragt worden war. Im Winter des letzten Kriegsjahres von einer Bettlerin in einem Viehstall zur Welt gebracht, wog sie schon bei ihrer Geburt sieben Kilogramm, und noch vor ihrem dreizehnten Geburtstag brachte sie mehr als zwei Zentner auf die Waage. Das Mädchen war stumm und verbrachte einsame Kindheitsjahre, verschlossen in seiner eigenen Welt. Ch’unhuis Stiefvater, ein Mann namens Mun, lehrte sie sämtliche Methoden der Ziegelherstellung. Jahre später, nach einem Großbrand, der mehr als achthundert Menschen das Leben kostete, nahm man Ch’unhui als Brandstifterin fest und sperrte sie ins Gefängnis. Die Haft war lang und grausam, und als man sie entließ, kehrte Ch’unhui zur alten Fabrik zurück. Sechsundzwanzig Jahre alt war sie damals. An jenem Tag im Sommer, an dem die Sonne dem Erdball so nahe kam, dass man glaubte, sie könnte Gusseisen zum Schmelzen bringen, stand Ch’unhui in ihrer blauen Sträflingskluft mitten im Hof der Ziegelfabrik. Die Wasserpumpe auf dem Hof war schon lange außer Betrieb, nur eine vertrocknete Pfütze rostiger Brühe hatte eine deutliche Spur auf dem Boden hinterlassen. Portulak, Disteln, mannshoher Beifuß und anderes Unkraut hatte den von den Tritten der Arbeiter festgestampften Boden um die Brennöfen durchbrochen und bildete ein wirres Gestrüpp. Besonders der Feinstrahl, der das Werk schon seit jeher dicht umstand wie ein Belagerungsheer, hatte in aller Stille, kaum, dass der Burgherr fortgezogen war, das gesamte Areal besetzt. Das Werk an sich bestand im Grunde genommen nur aus einer Reihe von Ziegelöfen und einem aus Holz und Wellblech zusammengezimmerten Wohnhaus; während Ch’unhuis Zeit im Gefängnis war die Anlage allerdings stark verfallen und jetzt keines der Gebäude mehr intakt. Ob zwischen den Rissen in den Mauern der Brennöfen oder auf den Holzdielen des Hauses, ob auf den dunkel vermoosten Wellblechdächern, überall blühte der Feinstrahl. Das war das Gesetz der Natur. Ch’unhui überblickte den großen Hof, in dem sie vor langer Zeit als kleines Mädchen herumgetollt war. Von der einst dichtbelaubten Pappel neben der Pumpe war nur noch ein fauliger Stumpf übrig, an dem statt Blättern fleischige Baumpilze wuchsen. Der Schweißgeruch und der Lärm der Arbeiter, der die Fabrik erfüllt hatte, nichts von dem war mehr da, Ch’unhui war völlig allein. Ihre Augen haschten ringsumher nach den Bildern der Erinnerung, die ihr auf dem ganzen Weg zurück hierher vor Sehnsucht die Brust zugeschnürt hatten, angestrengt versuchte sie, Spuren von Menschen zu entdecken, doch alles war fortgeweht vom Wind, fortgewaschen vom Regen der langen Jahre, in welchem Winkel der Fabrik man auch suchte. Leben heißt doch nur, wieder und wieder den Staub wegzuwischen, der sich pausenlos ansammelt. So die Worte einer von Ch’unhuis Mitinsassinnen. Die Frau mit dem über und über von Sommersprossen bedeckten Gesicht hatte ihrem Mann und ihren zwei Töchtern Gift ins Essen gemischt und war für die Morde zum Tod verurteilt worden. Zyankali, so nannte man sie daher auch, fegte und wischte bis zur Vollstreckung ihrer Strafe pausenlos Staub. Wenn die anderen Frauen in ihrer Zelle sich darüber lustig machten, dass eine Todeskandidatin sich in den wenigen verbliebenen Tagen mit Putzen abgab, hatte Zyankali mit ebendiesen Worten geantwortet, den Boden weiter mit ihrem Putzlappen bearbeitend. Und hinzugefügt: »Sterben ist nichts Besonderes, nur so etwas wie angesammelter Staub.« Ch’unhui hatte den Sinn dieser Worte nicht verstanden, doch als sie sich an diesem Tag der Ruine des Hauses näherte, kam ihr plötzlich Zyankalis rätselhafter Ausspruch in den Sinn. Die sengenden Strahlen der Hochsommersonne brannten auf ihrem Kopf. Ihr wurde schwindlig, für einen Moment blieb sie stehen. Die schmale Zufahrt, die von der Unterführung der in einiger Entfernung liegenden Bahnstrecke zur Fabrik führte, war schon seit Langem von Unkraut überwuchert und nicht mehr zu erkennen. Mühsam hatte Ch’unhui sich den Weg durch das Dickicht gebahnt, ihre Hosen waren voller Staub und Grasflecken. Bei jedem Schritt quoll Blut aus der Stelle am großen Zeh, wo der Nagel abgerissen war, und netzte die verdorrte Erde. Überall lagen die Scherben der Ziegel herum, die von den Dorfbengeln vor Jahren schon zerschmissen worden waren, und in den kleinen Pfützen vom Regen vor ein paar Tagen zappelten Mückenlarven in der Sonnenhitze. Ch’unhui betrat den von gelbbraunem Staub bedeckten Eingangsraum des Hauses. Zwischen den Ritzen des zerbrochenen Dielenbodens reckte Borstengras seine Köpfe nach oben. Als sie die schief in den Angeln hängende Tür beiseiteschob, strömte ihr aus dem dämmerigen Raum Schimmelgeruch entgegen, vermischt mit einem widerlichen Gestank wie von tierischen Ausscheidungen und faulen Eiern. Rasch gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und das Innere des Raums wurde erkennbar. Vor einem zerbrochenen Kleiderschrank lag ein staubiges Bündel Kleider, daneben ein vertrockneter Mäusekadaver. An den Wänden wuchs schwarzer Moder, und mitten von der Decke des Zimmers hing die Tapete gespenstisch in Streifen herab. Nachdem sie sich einen Moment umgesehen hatte, ging Ch’unhui durch eine zersplitterte Seitentür in die Küche des Hauses, die sie in einem noch erbärmlicheren Zustand fand. Wände und Decke waren vollkommen schwarz vor Ruß, Regal und Herd lagen umgestürzt in einer Pfütze fauligen Wassers auf dem Fußboden. Von dem großen gusseisernen Kessel, der zum Herd gehört hatte, war weit und breit nichts zu sehen. Auf der Erhebung, wo früher einmal die Feuerstelle gewesen war, lag ein verbeulter Topf aus Neusilber zwischen halbverbranntem Feuerholz. Kurz glaubte Ch’unhui, würzigen Feuerrauch und den köstlichen Duft nach gedämpftem Reis zu riechen, aber ihre Sinne hatten ihr einen Streich gespielt. Was ihr in die Nase stieg, war nur der kalte Schimmelgeruch, von der Wärme eines Feuers war nirgends in der Küche etwas zu spüren. Sie öffnete die Küchentür zum Hof und trat nach draußen. In der Ferne fuhr ein Zug vorbei und ließ sein Signal ertönen. Ch’unhui ging weiter zu den Brennöfen. In der ersten Zeit, nachdem sie von der Polizei verhaftet und von der Fabrik weggebracht worden war, hatten Leute sich mit Handkarren zu der nun herrenlosen Fabrik aufgemacht und von den Ziegelsteinen geholt, um damit ihre Fußböden oder eine alte Herdstelle auszubessern, und mit den dann noch übrigen Steinen hatten die Jungen aus dem Dorf ihren Schabernack getrieben. Danach war es still im Werk geworden. Nur Füchse und Dachse und andere Wildtiere kamen anfangs noch jede Nacht und stöberten nach Essensresten, während das Unkraut alles zuwucherte und der vom Westwind herangewehte Erdstaub allmählich alle menschlichen Spuren tilgte. Als Ch’unhui in den Ofenraum eintrat, wehte ihr ein kalter Hauch entgegen. Anders als draußen hatte sich im Inneren des Gebäudes nicht viel verändert. Zwar fielen ein paar Sonnenstrahlen durch die Spalten des beschädigten Mauerwerks, doch aus dem höhlenhaft düsteren Ofeninneren zog ein stetiger Strom kalter Luft. Sie setzte sich auf den Boden, lehnte sich mit dem schweißnassen Rücken an die kühle Ofenwand, und sofort fielen ihr die Augen zu. Ringsum war alles still, sogar die Insekten schienen in der mörderischen Hitze den Atem anzuhalten. Halb wie im Traum, halb wie in der Wirklichkeit erschien der mit Ziegeln vollgepackte Fabrikhof vor ihren Augen. Sie sah sich selbst als Kind, wie sie zwischen den Ziegelstapeln im Zickzack hin und her rannte. Auch ihren Stiefvater glaubte sie zu hören, sein Gebrüll, mit dem er die Arbeiter angetrieben hatte, und das stark geschminkte Gesicht ihrer Mutter mit den lachenden Augen tauchte vor ihr auf, dann die Szene eines Films, den sie zusammen im Kino gesehen hatten; Gewehrschüsse, der Klang von Pferdehufen und kreischende Blondinen vermischten sich in ihren Ohren zu einem wilden Wirbel. Dann wieder ein Geräusch, das sich anhörte wie das Wort »Berkshire«, geflüstert von einem der Gefängniswärter, der sie beharrlich verfolgt und gequält hatte. Das Wort bezeichnete sowohl eine Gegend in England als auch die von dort stammende Schweinesorte, was Ch’unhui aber niemals erfuhr. Später hatte dieser Wärter bis zu seinem Lebensende eine Maske aus Aluminium tragen müssen, nachdem ihm Ch’unhui mit den Zähnen ein großes Stück seiner Wange aus dem Gesicht gerissen hatte. Die Qualen, die sie als Frau dafür zu erleiden hatte, sind zu schrecklich, als dass man sie in Worte fassen könnte, aber all das war nun Vergangenheit. Der Schmerz war verblasst, man hatte sie aus dem Gefängnis entlassen, und jetzt war sie in das verfallene Ziegelwerk...



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