E-Book, Deutsch, 163 Seiten
Reihe: Therapeutische Praxis
Neudeck / Heinig / Hummel Erwartungsveränderung und Neulernen bei Ängsten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8444-3225-1
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Manual zur expositionsbasierten Behandlung
E-Book, Deutsch, 163 Seiten
Reihe: Therapeutische Praxis
ISBN: 978-3-8444-3225-1
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Manual beschreibt eine Expositionsbehandlung, die übergreifend für verschiedene und auch komorbid vorliegende Angststörungen (Panikstörung, Agoraphobie, soziale Angst, multiple spezifische Phobien) geeignet ist. Das Vorgehen wurde in einer groß angelegten Studie mit über 700 Personen erfolgreich evaluiert.
Das Manual greift dabei aktuelle Forschungsergebnisse zur Expositionsbehandlung auf und stützt sich insbesondere auf die Erkenntnisse zum inhibitorischen Lernen bei der Exposition. Demnach geht es in der Exposition nicht primär um das passive Aushalten von Angst mit dem Fokus auf den einsetzenden Habituationsprozess, sondern um die Förderung eines aktiven inhibitorischen Lernprozesses. Dieser veränderte Schwerpunkt führt zu einer neuen Fokussierung in der Expositionsbehandlung und zum Einsatz unterschiedlicher therapeutischer Techniken während der Exposition. Da die Maximierung und der Abfall von Ängsten für den Erfolg der Exposition keine entscheidende Rolle spielen, lautet die Botschaft für Therapeut*innen: „Keine Angst vor der Exposition! Gehen Sie den Weg in Ihrem eigenen Tempo!“
Das Vorgehen bei der Vorbereitung und Durchführung der Exposition sowie der Rückfallprophylaxe wird praxisorientiert dargestellt und die einzelnen Behandlungsbausteine können flexibel eingesetzt werden. Darüber hinaus werden Strategien zur Optimierung des Extinktionslernens vorgestellt und ethische Fragen geklärt. Zahlreiche Arbeitsmaterialien unterstützen die Durchführung und können nach erfolgter Registrierung von der Hogrefe Website heruntergeladen werden.
Zielgruppe
Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut*innen, Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinische Psycholog*innen, Studierende und Lehrende in der psychotherapeutischen Aus-, Fort- und Weiterbildung
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
|15|Kapitel 1: Grundlagen zur störungsübergreifenden Expositionsbehandlung von Angststörungen
1.1 Einleitung
Das vorliegende Manual zur expositionsbasierten Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Angststörungen wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbundes (PROviding Tools for Effective Care and Treatment of Anxiety Disorders; PROTECT-AD) entwickelt und in einer Multicenterstudie an neun ambulanten Ausbildungs- und Forschungsambulanzen in Deutschland bei 726 Personen mit einer Angststörung als Primärdiagnose evaluiert. Auch Patientinnen und Patienten mit komorbiden Störungen wurden mit der manualisierten Therapie behandelt und in die klinische Studie eingeschlossen. Die Notwendigkeit, über die bereits etablierten Manuale zur Expositionstherapie bei Angststörungen hinaus ein neues Behandlungsmanual zu entwickeln, ergab sich für das Konsortium aus zwei zentralen Gründen: Die Entwicklung eines störungsübergreifenden Erklärungsmodells für die Psychopathologie defensiven Verhaltens, das die Entwicklung eines bei allen Angststörungen anwendbaren Behandlungsmanuals ermöglichte. Neue Befunde, welche belegten, dass nicht Furchtaktivierung und Habituation, sondern Prozesse des Extinktionslernens als zentrale Veränderungsmechanismen der Expositionstherapie wirken. Dies führte zu wichtigen prozeduralen Veränderungen in der Vorbereitung, Gestaltung und Durchführung der Expositionsübungen, welche für die Praxis äußerst relevant sind und hoffentlich auch dazu beitragen, dass die Akzeptanz und die Durchführung von Expositionen in der Praxis deutlich zu nimmt. 1.2 Psychopathologie von Angststörungen – eine störungsübergreifende Perspektive
Die störungsübergreifende Behandlung von Angststörungen orientiert sich an einem dimensionalen psychologischen Modell, das im Kapitel 1.2.2 vorgestellt wird. Zur besseren Einordnung dieses dimensionalen Ansatzes in den klinischen Kontext soll im Kapitel 1.2.1 zunächst nochmals kurz auf die wichtigsten Kriterien der bisherigen kategorialen Diagnostik der Angststörungen nach DSM-5 eingegangen werden. 1.2.1 Furcht und Angst aus klinisch-diagnostischer Perspektive Im ersten Satz der Einleitung der Sektion „Angststörungen“ definiert das DSM-5 Angststörungen als eine Gruppe von Störungen, welche durch exzessive Furcht und Angst, sowie den damit assoziierten Störungen im Verhalten gekennzeichnet sind (DSM-5, American Psychiatric Association [APA], 2013). Furcht wird dabei im DSM-5 als eine emotionale Reaktion gegenüber einer realen oder wahrgenommenen unmittelbaren Bedrohung definiert. Angst tritt dagegen bei Antizipation einer zukünftigen Bedrohung auf. Obwohl laut DSM-5 beide Gefühlszustände überlappen können, unterscheiden sie sich dennoch hinsichtlich ihrer berichteten Symptome. Während Furcht häufiger von starker Erregung des autonomen Nervensystems, Gedanken unmittelbarer Bedrohung und Fluchttendenzen begleitet ist, |16|sind bei Angst häufig erhöhte allgemeine Muskelanspannung, Hypervigilanz gegenüber Anzeichen einer potenziellen Bedrohung sowie vorsichtiges Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten zu beobachten. In der kategorialen klinischen Diagnostik werden die Angststörungen dann unterteilt, je nachdem ob die Furcht oder Angst mehr oder weniger stark an spezifische Situationen gebunden ist und welche Situationen mit der Furcht bzw. Angst assoziiert sind. Die Spezifischen Phobien zeigen dabei die stärkste Situationsspezifität und werden daher auch hinsichtlich der Auslöser der Furchtreaktionen in unterschiedliche diagnostische Kategorien unterteilt. Die Sozialen Ängste (der Begriff Soziale Phobie steht im DSM-5 nur noch in einer Klammer) betreffen ein größeres Cluster von sozialen Ereignissen, angefangen von Situationen, in denen man tatsächlich der Prüfung durch andere Personen ausgesetzt ist (z.?B. bei mündlichen Prüfungen), bis hin zu einer eher generalisierten Form der sozialen Angst, bei der nahezu jede soziale Interaktion als potenzielle Gefahr einer Abwertung der eigenen Person interpretiert wird. Unter der Kategorie „Agoraphobie“ werden Furcht und Angst subsummiert, welche durch eine breitere Gruppe von Situationen ausgelöst werden. Ein Cluster betrifft Situationen, bei denen man eher das Gefühl hat, eingeschlossen zu sein und nicht wegzukommen (z.?B. in öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrstühlen, Supermärkten, Kinos). Ein zweites Cluster umfasst Situationen, bei denen man im Falle eines Notfalls nicht schnell genug Hilfe herbeirufen kann. In diesem Fall ist übrigens die Quelle der Bedrohung nicht die Situation selbst (wie im Falle der Spinne bei einer Spezifischen Phobie), sondern die gefürchtete (häufig gemiedene) Situation liefert nur den Kontext, in dem die Bedrohung durch aufkommende oder stärker werdende Körpersymptome ausgelöst wird, denen eine fatale Konsequenz zugeschrieben wird (ich bekomme schlecht Luft, ich könnte ersticken, mir wird ganz schwindlig, ich könnte in Ohnmacht fallen etc.). Daher sind Agoraphobie und Panikstörung auch sehr häufig miteinander assoziiert, da 85?% aller unerwarteten Panikattacken außerhalb der häuslichen Umgebung auftreten, und zwar in Kontexten, welche typisch für agoraphobische Situationen sind (Johnson, Federici & Shekhar, 2014; Pané-Farré et al., 2014). Dennoch können Panikattacken auch zu einer Panikstörung mit starken Erwartungsängsten führen, welche nicht mit spezifischen Kontexten assoziiert sind. Bei einer generalisierten Angststörung steht die Angst vor potenziellen Bedrohungen durch eine Vielzahl von Ereignissen im Vordergrund. Zwar sind die diagnostischen Kriterien für die Klassifikation der Störung der Patientinnen und Patienten in die einzelnen Kategorien im Laufe der verschiedenen Versionen der nosologischen Klassifikationssysteme immer weiter verfeinert worden, vor allem, um die Reliabilität der Diagnosen zu erhöhen, allerdings ist der Unterschied in der Symptomatik von Patientinnen und Patienten, welche der gleichen diagnostischen Kategorie zugeordnet werden, häufig größer als der zwischen Patientinnen und Patienten, welche unterschiedlichen diagnostischen Kategorien zugeordnet werden. So finden sich bei Menschen mit stark generalisierten sozialen Ängsten häufig auch depressive Symptome und Personen, welche die Diagnose einer depressiven Störung erhalten, weisen häufig große Ängste im Zusammenhang von sozialen Interaktionen auf. Dies ist möglicherweise auch ein Grund, weshalb störungsspezifische Manuale, welche eben häufig nur an einer genau definierten Patientengruppe evaluiert wurden, in der Praxis nicht so häufig und wenn, dann auch nicht routinemäßig zum Einsatz kommen. Zudem basieren die gängigen kategorialen Unterteilungen unterschiedlicher Angststörungsdiagnosen primär auf deskriptiven Merkmalen von Symptomberichten, um unterschiedliche ätiologische Perspektiven zu vermeiden. Demgegenüber orientiert sich das vorliegende Behandlungsmanual an einem für alle Angststörungen gültigen dimensionalen psychologischen Modell und kann daher in der Praxis auch für alle Formen von Angststörungen angewandt werden. Zudem wurde die Wirksamkeit der hier vorgestellten manualisierten Therapie bei einem breiten Spektrum von Angstpatientinnen und -patienten evaluiert. Diese Patientinnen und Patienten wiesen – wie in der Praxis üblich – häufig auch eine oder mehrere komorbide Störungen auf (nicht nur in Form anderer Angststörungen, sondern auch komorbider depressiver Störungen) und litten durchschnittlich schon mehr als 14 Jahre unter der Störung (zur Beschreibung der klinischen Merkmale der 726 in der Studie untersuchten Patientinnen und Patienten vgl. Pittig et al., 2021). Die theoretische Perspektive des Manuals, die Ätiologie psychischer Störungen weniger ...