E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Pflüger Energiewende besser machen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-451-83425-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Technik und Wirtschaft statt Ideologie
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-451-83425-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klimapolitik muss besser werden! Trotz der gefährlichen Erderwärmung ist der Energiemix global und in Europa nach wie vor zu circa 80 Prozent fossil. Wir kommen nicht wirklich voran. Es ist ein Fehler, dem Klimawandel mit immer mehr Regulierungen zu begegnen. Nicht mit Verboten, Verzichtsappellen und staatlichem Mikromanagement, sondern mit der Entfesselung der technologischen Innovation und marktwirtschaftlichen Anreizen werden wir den Klimawandel bremsen.
Friedbert Pflüger, viele Jahre Politiker, Unternehmensberater für Energie und Gründungsgeschäftsführer der Klimadenkfabrik Clean-Energy-Forum (CEF), zeigt aus seiner praktischen Erfahrung einen besseren Weg zu Klimaschutz und einer florierenden Wirtschaft. Ein Muss für jeden, dem das Klima am Herzen liegt und der pragmatische Lösungen sucht.
Autoren/Hrsg.
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Persönliche Vorbemerkung
1992 habe ich das Buch Ein Planet wird gerettet. Eine Chance für Mensch, Natur, Technik veröffentlicht. 30 Jahre später begann ich, ein zweites Buch zu diesem Thema zu schreiben, das nun vorliegt. Es umfasst meine Erfahrungen und Einsichten in der Politik (1990–2011), der Wissenschaft (2009–2023), der von meiner Familie gegründeten Stiftung Clean Energy Forum (seit 2023) und der Tätigkeit als Unternehmensberater (seit 2009). Mein Blick auf Energie- und Klimapolitik hat sich in drei Jahrzehnten aus diesen unterschiedlichen Perspektiven gebildet. Ich hoffe zuversichtlich, dass genau darin der Mehrwert dieses Buches liegt. Nach meiner tiefen Überzeugung leiden wir sehr darunter, dass wir uns in unseren jeweiligen Bereichen (Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft) immer mehr abschotten. Vor allem gegenüber Wirtschaft und Industrie wird Distanz gewahrt. Ein heute verbreitetes Narrativ hat zu fatalen Frontstellungen geführt: Auf der einen Seite Unternehmer, Manager und ihre Lobbyisten, die Profitinteressen rücksichtslos durchsetzen, oft verhaftet in »fossilen Geschäftsmodellen«. Auf der anderen Seite idealistische Klimaaktivisten und aufrechte Forscher, die mit ihren Modellen erarbeiten, was »objektiv« im Interesse der Allgemeinheit liegt. Und dazwischen die Politiker, von denen die einen – ignorant oder korrupt – sich den Lobbyisten ergeben und die anderen die Sorgen der jungen Menschen ernst nehmen und »der Wissenschaft folgen«. Diese Erzählung hat dazu geführt, dass Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik sich mehr und mehr von der Wirtschaft fernhalten. Bloß nicht in den Verdacht einer zu großen Nähe zu Unternehmen, Verbänden und Lobbyisten geraten! Das ist eine fatale Entwicklung. Natürlich gibt es engstirnige, nur an den eigenen Geldbeutel denkende Firmenchefs und vernagelte Schmalspurlobbyistinnen und -lobbyisten. Aber die meisten in der Wirtschaft tätigen Personen, die ich kennengelernt habe, sind zunächst einmal ganz normale Menschen. Sie diskutieren mit ihren Kindern, Verwandten, Freunden und Bekannten. Sie sind in Vereinen aktiv, engagieren sich in gemeinnützigen Initiativen. Sie führen außerhalb ihres Berufes unzählige Gespräche. Sie sammeln in ganz unterschiedlichen Bereichen ihre Erfahrungen und füllen unterschiedliche Rollen im Rahmen ihres Lebens aus. Ich habe zum Beispiel in meiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender des Branchenverbandes Zukunft Gas, der die Interessen von 135 Unternehmen im Bereich Gas und Wasserstoff vertritt, keinen einzigen getroffen, der die Gefahren des Klimawandels verharmlost, leugnet oder relativiert. Ich habe niemanden getroffen, der Politiker mit Falschinformationen versorgt, um überkommene Geschäftsmodelle zu erhalten, oder sie mit Vorteilen zu bestechen versucht. Jeder weiß, dass wir dringend eine Transformation der Wirtschaft in Richtung Dekarbonisierung benötigen. Ein höchst eindrucksvolles Dokument für die Bereitschaft der europäischen Wirtschaft, an der Begrenzung des Klimawandels mitzuwirken, stellt die »Antwerpener Erklärung zur EU-Industrie« vom 20. Februar 2024 dar, die der damalige BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller stellvertretend für 57 führende Unternehmen und 15 Verbände der Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen überreichte. Zugleich verlangt die Deklaration aber auch die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Ihr Ziel ist eine den Wohlstand erhaltende Transformation zur Klimaneutralität. Diese Wandlung von Industrie und Wirtschaft kann nur mit, nicht gegen die Wirtschaft gelingen. Wir können nicht einfach alles abschalten und von vorn anfangen. Vielmehr braucht es konkrete Pfade für die Transformation, die möglichst viel vom volkswirtschaftlichen Vermögen der »alten Welt« erhalten, etwa die Infrastrukturen. Wenn wir alles am Reißbrett erschaffen und neu bauen wollen, verheben wir uns. Dann werden wir scheitern. Die Dramatik des Klimawandels erfordert, dass plumpe Feindbilder überwunden werden. Wir brauchen einen diffamierungsfreien Dialog. Das bedeutet nicht, Konflikte wohlfeil zu verkleistern. Aber es bedeutet, Konflikte klar, manchmal hart, aber immer mit Respekt vor dem Andersdenkenden auszutragen. Auch dazu will dieses Buch einen Beitrag leisten. Als Unternehmensberater habe ich in den letzten 15 Jahren Mandate von etwa 80 nationalen und internationalen Unternehmen bearbeitet: Solar, Wind, Wärmepumpen, Batteriespeicher, Gas, LNG (Liquified Natural Gas, also Flüssiggas), Wasserstoff, synthetisches Methan und synthetische Kraftstoffe, Biomethan, Carbon Management – bis hin zu Nukleartechnik und Kernfusion. Ich habe auch an großen internationalen Projekten mitwirken können – wie Trans Adriatic Pipeline (TAP) oder Nord Stream 2. Vor dem Hintergrund, dass meine Tätigkeit für Nord Stream eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat, habe ich im Anhang meine Stellungnahme als Sachverständiger vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern im März 2023 angehängt. Von 2009 bis 2022 war ich Gastprofessor am King’s College London und leitete dort das von mir gegründete European Centre for Climate, Energy and Resource Security (EUCERS). Wir organisierten Workshops, erarbeiteten Studien und begleiteten Studenten auf ihrem akademischen Weg. Vor allem aber war es mein Ziel, die Erkenntnisse aus der Wissenschaft mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu debattieren und damit Praxisnähe herzustellen. Außerdem ging es mir in dieser Zeit am King’s College London darum, die globalen Fragen der Energie- und Klimapolitik, vor allem der Sicherheit der Bezugsquellen von Energie und Rohstoffen, zu thematisieren. Hier konnte ich meine langjährigen Erfahrungen als Europa- und Außenpolitiker im Deutschen Bundestag nutzen. Die Erderwärmung stellt eine existenzielle Herausforderung für unsere Zivilisation dar. Das gilt aber ebenso für den Erhalt des Friedens im Atomzeitalter oder die Bewahrung der Freiheit angesichts antidemokratischer Bedrohungen. Oft gibt es dabei Wechselwirkungen. So hat Klimapolitik in Zeiten des Krieges letztlich keine Chance, umgekehrt aber können Klimaveränderungen bestehende außen- und innenpolitische Konflikte verschärfen. Die geopolitische Dimension der Klimapolitik dürfte zukünftig noch wichtiger werden. 2020 verlegten wir das EUCERS an die Universität Bonn, meine alte Alma Mater, wo ich sieben Semester über internationale Klimapolitik lehrte, bis ich im Juli 2023 mit meiner Familie eine gemeinnützige GmbH, die Stiftung Clean Energy Forum (CEF), eine kleine NGO gründete. Durch meine Tätigkeit im Beirat des Instituts für Klima, Energie und Mobilität (IKEM) oder als (non resident) Senior Fellow im Global Energy Center des Atlantic Council, Washington, D.C. (seit 2014) bin ich immer wieder mit Energie- und Klimafragen aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen konfrontiert. Mit den seit 2009 einmal monatlich stattfindenden Energiegesprächen am Reichstag1 haben wir schließlich ein Forum des ständigen Diskurses wesentlicher energie- und klimapolitischer Fragen geschaffen, in dem überparteilich mit Spitzenvertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und NGOs offen und fair debattiert wird. Seit 2023 ist das CEF der Träger dieser Gespräche. Kerstin Andreae (Chefin des BDEW), Klaus Töpfer, Robert Habeck, Friedbert Pflüger, Christian Bruch (CEO Siemens Energy) beim 150. Energiegespräch am Reichstag am 28. Oktober 2022 Vor dem Hintergrund der langjährigen Beschäftigung mit diesen Themen – aus unterschiedlichen Perspektiven – möchte ich mit diesem Buch einen Beitrag zum Diskurs über Klima- und Energiepolitik leisten und zu einer Kurskorrektur ermutigen, die dringend erforderlich ist, um den gefährdeten klimapolitischen Grundkonsens neu zu beleben und die Klimaziele von Paris zu erreichen. In gewisser Weise ist das Buch eine Zusammenfassung meiner bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse. Es hat wenig mit theoretischen Modellen und viel mit praktischer Erfahrung zu tun. Während ich die letzten Sätze für dieses Buch schreibe, erreicht mich die Nachricht vom Tod von Klaus Töpfer. Die Verbindung von Leidenschaft und Augenmaß machte ihn zu einer der prägenden Persönlichkeiten der globalen Klima- und Umweltpolitik. Seit 1990 pflegen wir einen freundschaftlichen Austausch über die in diesem Buch angesprochenen Themen. Ich hatte Klaus das Manuskript dieses Buches am 3. Juni für Rat und krititische Anregungen übersandt. Wir verabredeten, dass ich ihn am 14. Juni in seinem Krankenhaus in München besuche. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Ich danke meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für die Unterstützung bei intensiven Recherchen oder klugen Korrekturvorschlägen. Insbesondere danke ich Franziska Lange, die mich inzwischen seit drei Jahrzehnten erträgt. Ich danke Ruprecht Brandis, dem Geschäftsführer der Stiftung Clean Energy Forum (CEF) für freundschaftliche Hinweise, konstruktiven Widerspruch und Rat. Vor allem aber danke ich meiner Frau, Sibylle Pflüger. Ich brauche ihre klugen Einschätzungen, ihre stete Ermutigung und ihre immer offen ausgesprochene, manchmal sehr unbequeme Kritik. Ich danke meinen beiden Kindern, 18 und 20 Jahre alt, für fruchtbare Gespräche und ihren festen Glauben, dass ihr Vater es gut meint mit Umwelt und Klima. Schließlich sei dem Verlag Herder für sein Vertrauen und das Lektorat gedankt – besonders Patrick Oelze. Berlin, im Juni 2024...