Phillips | Das Verschwinden der Erde | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 376 Seiten

Phillips Das Verschwinden der Erde

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-423-43827-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

ISBN: 978-3-423-43827-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Über Verlust, Überleben und die Kraft der Hoffnung
An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr.
Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt, entführt uns der Roman in eine extreme und faszinierende Welt am Rande der Welt: in die graue Stadt Petropawlowsk, die spektakulären Weiten der Tundra und die Schatten schneebedeckter Vulkane.

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AUGUST
Sofija stand barfuß, ohne Sandalen, am Ufer. Das Meer kroch näher, als wollte es ihre Zehen verschlucken. Graues Salzwasser auf heller Haut. »Geh nicht weiter rein«, sagte Aljona. Das Wasser zog sich zurück. Aljona sah, wie die angeschwemmten Kieselsteine unter den Füßen ihrer Schwester die Wölbung der Fußsohle ausfüllten. Sofija bückte sich, um die Hosenbeine hochzukrempeln, ihr Pferdeschwanz fiel nach vorn über den Kopf. Auf den Waden schorfige Spuren von aufgekratzten Mückenstichen. Die straffe Linie der Wirbelsäule zeigte Aljona, dass ihre Schwester nicht auf sie hören würde. »Wehe …«, sagte sie. Sofija richtete sich auf und blickte übers Wasser. Es lag ruhig in der Bucht, nur ein leichtes Kräuseln flog über die Wellen, sodass es aussah wie ein Stück gehämmertes Blech. Die Strömung wurde erst weiter draußen stärker, wo das Wasser in den Pazifik zog, Russland hinter sich ließ, um ins offene Meer überzugehen, doch hier war es noch zahm. Es gehörte ihnen. Sofija hatte die Hände in die schmalen Hüften gestemmt und betrachtete die weite Bucht, die Berge am Horizont und die weißen Lichter der Militäranlage am anderen Ufer. Der Kies unter ihren Füßen bestand aus Splittern größerer Steine. Aljona lehnte an einem Felsbrocken, so groß wie ein Rucksack, vor der bröckelnden Klippenfassade des Sankt-Nikolaus-Hügels. Wasser auf der einen Seite, eine Steinwand auf der anderen, so waren sie heute Nachmittag an der Küste entlanggewandert, bis sie diesen Flecken gefunden hatten, frei von Flaschen oder Federn, wo sie sich niederlassen konnten. Wenn Möwen in der Nähe landeten, schwenkte Aljona den Arm, um sie zu verscheuchen. Den ganzen Sommer über war es kühl und regnerisch gewesen, doch dieser Augustnachmittag war so warm, dass man kurze Ärmel tragen konnte. Sofija machte einen Schritt nach vorn, und ihre Ferse versank im Wasser. Aljona setzte sich auf. »Ich habe Nein gesagt, Sof.« Ihre Schwester zog den Fuß zurück. Eine Möwe flog über sie hinweg. »Warum nervst du so?« »Tu ich nicht.« »Doch. Tust du immer.« »Nein«, sagte Sofija und drehte sich um. Alles an ihr – die schräg stehenden Augen, die schmalen Lippen, der knochige Kiefer, selbst ihre Nasenspitze –, alles ärgerte Aljona. Sofija war acht und sah immer noch aus wie sechs. Aljona war drei Jahre älter und klein für ihr Alter, ihre Schwester aber war geradezu winzig, alles an ihr, vom Hüftumfang bis zu den Handgelenken, und manchmal benahm sie sich auch wie ein kleines Kind: Am Fußende ihres Bettes saß ein Haufen Stofftiere, beim Spielen tat sie so, als sei sie eine weltberühmte Ballerina, und wenn sie im Fernsehen auch nur eine Szene aus einem Horrorfilm mitbekam, konnte sie nicht einschlafen. Ihre Mutter verhätschelte sie. Weil sie die Zweitgeborene war, durfte Sofija ihr ganzes Leben lang ein Baby bleiben. Jetzt konzentrierte sie sich auf eine Stelle hoch über Aljonas Kopf, nahm einen Fuß aus dem Wasser, stellte sich auf die nassen Zehenspitzen und hob die Arme in die fünfte Position. Sie schwankte und fing sich wieder. Aljona veränderte ihre Sitzhaltung auf den Steinen. Ihre Mutter wollte immer, dass Aljona ihre kleine Schwester mitnahm, wenn sie Schulfreundinnen zu Hause besuchte, doch genau wegen solcher Albernheiten ließ sie es lieber bleiben. Stattdessen hatten sie die Sommerferien allein miteinander verbracht. Auf dem matschigen Parkplatz hinter dem Haus zeigte Aljona ihrer Schwester, wie man den Bogengang rückwärts macht. Im Juli waren sie mit dem Bus vierzig Minuten zum städtischen Zoo gefahren, wo sie eine gierige schwarze Ziege mit Bonbons fütterten. Die Ziege verdrehte ihre Schlitzpupillen. Am selben Nachmittag hatte Aljona ein Karamellbonbon durch den Maschendrahtzaun einem Luchs zugesteckt, der die Schwestern dermaßen anfauchte, dass sie zurückschreckten. Das Bonbon blieb auf dem Zementboden liegen. So viel zum Zoo. Wenn ihre Mutter ihnen morgens, bevor sie zur Arbeit fuhr, etwas Geld hinlegte, gingen sie ins Kino und teilten sich danach Blini mit Bananen und Schokolade im Café im zweiten Stock. Meistens aber trieben sie sich in der Stadt herum und sahen zu, wie sich die Regenwolken auftürmten oder die Sonne ausbreitete. Nach und nach wurden ihre Gesichter braun. Sie gingen spazieren, fuhren Fahrrad oder kamen hierher, ans Meer. Während Sofija das Gleichgewicht zu halten versuchte, betrachtete Aljona das Ufer. Ein Mann bahnte sich einen Weg über die Felsen. »Da kommt jemand«, sagte Aljona. Das eine Bein ihrer Schwester platschte ins Wasser, und sie streckte das andere in die Luft. Sofija war es vielleicht egal, ob jemand sah, dass sie sich wie eine Idiotin benahm, aber Aljona, ihrer unfreiwilligen Begleiterin, nicht. »Hör auf damit«, sagte Aljona. Lauter. Ihre Stimme wurde schärfer. »HÖR AUF!« Sofija hörte auf. Unten am Ufer war der Mann jetzt verschwunden. Vermutlich hatte auch er eine saubere Stelle zum Sitzen gefunden. Der ganze Frust, der sich in Aljona aufgestaut hatte, floss ab wie Wasser aus einer Wanne, wenn man den Stöpsel zog. »Mir ist langweilig«, sagte Sofija. Aljona lehnte sich zurück. Der Fels war hart an den Schultern und kalt am Kopf. »Komm her«, sagte sie, und Sofija kam aus dem Wasser, stakste hinüber zu Aljona und kuschelte sich neben sie. Kleinste Steinchen knirschten unter ihr. Der leichte Wind hatte Sofijas Körper genauso abgekühlt wie den Boden. »Soll ich dir eine Geschichte erzählen?«, fragte Aljona. »Ja.« Aljona warf einen Blick auf ihr Handy. Sie mussten rechtzeitig zum Essen nach Hause, doch es war noch nicht mal vier Uhr. »Hast du schon mal von der Stadt gehört, die weggeschwemmt wurde?« »Nein.« Dafür, dass sie nie gehorchte, konnte Sofija sehr aufmerksam sein. Jetzt hob sie das Kinn und presste konzentriert die Lippen aufeinander. Aljona zeigte auf die Klippen in der Ferne. Rechts von den Mädchen lag das Stadtzentrum, von dort waren sie heute Nachmittag gekommen; links markierten die schwarzen Felsbrocken die Mündung der Bucht. »Da drüben war sie.« »In Sawojko?« »Noch hinter Sawojko.« Sie saßen unter dem Gipfel des Sankt-Nikolaus-Hügels. Wären sie noch weiter am Ufer entlanggegangen, hätten sie schließlich über den steinigen Hang hinweg die dicht gedrängt stehenden Klötze in dem dahinterliegenden Stadtteil sehen können. Vierstöckige Wohnblocks aus Sowjetzeiten, ein Flickenteppich aus Beton. Die Holzgerüste eingestürzter Häuser. Ein verspiegeltes Hochhaus, rosa und gelb, mit einem Schild, auf dem Geschäftsräume zur Miete angeboten wurden. Sawojko, noch mehrere Kilometer hinter dem Ganzen, war der letzte Stadtteil ihrer Stadt, Petropawlowsk-Kamtschatski, das letzte Stück Land vor dem Meer. »Sie lag am Fuß der Klippe, da, wo der Ozean auf die Bucht trifft.« »War es eine große Stadt?« »Eher so was wie eine Siedlung. Ein Dorf. Nur fünfzig Holzhäuser, voll von Soldaten, Frauen und Babys. Das ist schon Jahre her. Nach dem Großen Vaterländischen Krieg.« Sofija dachte nach. »Gab es auch eine Schule?« »Ja. Einen Markt, eine Apotheke. Alles. Ein Postamt.« Aljona beschrieb die Stadt: aufgestapelte Holzscheite, geschnitzte Fensterrahmen, türkis gestrichene Türen. »Es sah aus wie im Märchen. Und in der Stadtmitte gab es einen Fahnenmast und einen Platz, wo die Leute ihre altmodischen Wagen parkten.« »Verstehe«, sagte Sofija. »Gut. Und eines Morgens, die Leute sind gerade dabei, sich Frühstück zu machen, ihre Katzen zu füttern, sich für die Arbeit anzuziehen, da fängt die Klippe plötzlich an zu zittern. Ein Erdbeben. So stark wie noch nie. Wände wackeln, Tassen zerspringen, Möbel …« An dieser Stelle musterte Aljona das Geröll ringsum, doch sie sah keinen angespülten Zweig, den sie hätte knicken können – »… Möbel gehen kaputt. Babys schreien in ihren Wiegen, und ihre Mütter können nicht zu ihnen. Sie können nicht mal aufstehen. Es ist das stärkste Erdbeben, das die Halbinsel jemals erlebt hat.« »Die Häuser stürzten über ihnen ein?«, tippte Sofija. Aljona schüttelte den Kopf. Der Fels drückte gegen ihren Schädel. »Hör einfach zu. Nach fünf Minuten ist das Erdbeben vorbei. Für die Leute fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Die Babys schreien immer noch, aber die Menschen sind froh. Sie krabbeln zueinander und umarmen sich. Es gibt vielleicht Risse in den Straßen, vielleicht sind Stromleitungen kaputt, aber sie haben es geschafft – sie leben noch. Sie liegen da, halten sich fest, und dann sehen sie durch die Löcher, wo ihre Fenster waren, diesen Schatten.« Sofija starrte sie an. »Es ist eine Welle. Doppelt so hoch wie ihre Häuser.« »Über Sawojko?«, gab Sofija zurück. »Unmöglich. Das ist viel zu hoch.« »Hinter Sawojko, hab ich doch gesagt. So gewaltig war dieses Erdbeben. Selbst in Hawaii konnte man es spüren. Sogar weit weg, in Australien, fragten Leute ihre Freunde: ›Hast du mich gerade geschubst?‹ So heftig wackelte der Boden unter ihnen. So stark war das Erdbeben.« Ihre Schwester sagte nichts. »Der ganze Ozean schwankte«, fuhr Aljona fort. »Das Beben löste eine Welle aus, zweihundert Meter hoch. Und dann –« Sie streckte die Hand aus, brachte sie auf eine Linie mit dem Horizont und wischte darüber. Die Luft strich kalt über ihre nackten Arme. Irgendwo in der Nähe sangen Vögel. »Was ist aus ihnen geworden?«, fragte Sofija schließlich. »Niemand weiß es. In der Stadt waren alle von dem Erdbeben abgelenkt. Nicht mal in Sawojko bekam man mit, wie der Himmel immer dunkler wurde; die Leute waren zu sehr damit...


Hollanda, Roberto de
Roberto de Hollanda arbeitet für Film und Rundfunk und ist als Literaturagent tätig. Er übersetzte u.a. Almudena Grandes, Jack Kerouac und Eugenio Fuentes ins Deutsche.

Pociao
Pociao studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaften, übersetzt u.a. Paul Bowles, William S. Burroughs und Evelyn Waugh und gewann 2017 den Don DeLillo-Übersetzungswettbewerb.

Phillips, Julia
Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.

Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.

Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.



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