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E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Politi Der Unvollendete. Franziskus' Erbe und der Kampf um seine Nachfolge
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83688-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-451-83688-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit über zehn Jahren herrscht Bürgerkrieg im Vatikan. Papst Franziskus hat in seinem Pontifikat den Kurs der »Synodalität« eingeschlagen – ein Reformweg, der die Kirche in eine ungewisse Zukunft führt. Die Reaktionen darauf sind eine Mischung aus Zustimmung, Unbehagen, Enttäuschung, Vertrauen, sogar Hass. Viele Gläubige und Prälaten hatten sich das Pontifikat anders vorgestellt.
Marco Politi beleuchtet diese kritische Übergangszeit mit gewohnt herausragender Expertise. Mit exklusiven Einblicken hinter die Kulissen der Kurie zeigt er nicht nur die spannenden Wirrnisse und abgründigen Schattenseiten auf, sondern stellt sich den drängenden Fragen: Wohin steuert die Kirche? Und welchen Papst suchen die Kardinäle mit Blick auf das nächste Konklave?
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Kapitel I.
Wirre Zeiten
Verunsicherung prägt den Herbst des Pontifikats von Jorge Mario Bergoglio. Es herrscht ein Klima der Anspannung und Ungewissheit. »Zurzeit ist alles in der Schwebe«, gesteht ein Veteran der Kurienwelt. »Franziskus ist müde … Die Erwartung eines Wechsels breitet sich aus … Wollen wir hoffen, dass er zumindest seine zentralen Ideen verankern kann.« Abends brennt kein Licht in dem Appartement im dritten Stock des Apostolischen Palasts. Franziskus hat sich zu Beginn seiner Amtszeit dagegen entschieden und es vorgezogen, in Santa Marta, dem Gästehaus des Vatikans, zu wohnen. Manche hoffen, dass die Lichter in der päpstlichen Wohnung wieder angehen und ein traditionellerer Papst wieder in die Räumlichkeiten seiner Vorgänger einzieht. Andere jedoch ? wie Christopher Coyne, Erzbischof von Hartford in den USA ? sind der Meinung, der Vatikan solle Rom den Rücken kehren und sich einen anderen Standort suchen, weil der kuriale Stil an den Ufern des Tiber allzu verknöchert und selbstbezüglich sei.1 Dieser Seitenhieb eines vom Papst selbst ausgewählten Bischofs zeigt, dass die alten Bezugspunkte nicht mehr so unverrückbar feststehen wie einst. Alles ist in Bewegung. Auch die respektvolle Ehrerbietung der Gläubigen, denen Zutritt zum Apostolischen Palast gewährt wird, scheint zu schwinden. Bei der Gratulationscour zu Ehren der 21 neuen, vom Pontifex im September 2023 kreierten Kardinäle erschien eine buntgemischte Besucherschar, die eher auf ein Kreuzfahrtschiff als in den Apostolischen Palast gepasst hätte. Damen und Herren in Schwarz neben Gruppen in legerer Kleidung, Kaugummi kauende Frauen in Spitzenkleidern, High Heels und Turnschuhe, Krawatten und offene Hemdkragen. Und jede Menge Selfies mit den neuen Purpurträgern. In den Abendstunden, wenn das Gewimmel der Pilger und Touristen zur Ruhe kommt, wird die Szenerie wieder von den massigen Umrissen des Petersdoms beherrscht. Fassade und Kolonnaden sind geschickt illuminiert. Auf dem nunmehr menschenleeren Platz fallen die großen Fernsehbildschirme ins Auge, die bei den Zeremonien zum Einsatz kommen. Unter Berninis mächtigen Säulen schlagen Gruppen von Obdachlosen ihre Zelte auf. Aus einem Taschenradio klingt Musik. Ein Hauch von Ewigkeit liegt in der Luft. Doch der Schein trügt. Nach über zehnjähriger Amtszeit sind Franziskus’ Pflichten nicht weniger geworden. Er ist noch immer viel auf Reisen. Er war in der Demokratischen Republik Kongo, im Südsudan, auf dem Weltjugendtag in Portugal, in der Mongolei und auf dem Treffen der Bischöfe des Mittelmeerraums in Marseille. 2024 hat er Luxemburg und Belgien besucht und eine extrem anstrengende Reise in den Fernen Osten ? nach Indonesien, Papua-Neuguinea, Osttimor und Singapur ? unternommen. Er hat 30 Nobelpreisträger aus aller Welt in den Vatikan eingeladen, um für eine Wirtschaft einzutreten, die der »Sehnsucht aller Völker nach Gerechtigkeit« Rechnung trägt, und um zu einem weltweiten Waffenstillstand aufzurufen. Er hat bei beiden Versammlungen der Weltsynode der Bischöfe den Vorsitz geführt, seinen Gesandten zu Friedensbemühungen nach Kiew, Moskau, Washington und Peking geschickt, die Veröffentlichung von Dokumenten über den päpstlichen Primat und über die übernatürlichen Phänomene und die Geschichte von Medugorje angeregt und das Apostolische Schreiben Laudate Deum verfasst, in dem er die Staaten dazu aufruft, sich der Verantwortungslosigkeit ihres Handelns bewusst zu werden und ernsthaft gegen die Klimakrise anzugehen. Franziskus’ religiös-sozialer Elan hat keineswegs nachgelassen. Er ist davon überzeugt, dass die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht. »Das enorme technologische Wachstum«, so schreibt er, »ging nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher«.2 Dieses Missverhältnis werde durch das Aufkommen der künstlichen Intelligenz noch verschärft. Sein verständnisvoller und fester Blick, seine sanfte Stimme und seine spontanen Gesten sind faszinierend wie eh und je. Und doch weht ihm ein heftiger Wind entgegen. Seine Botschaft der menschlichen Solidarität, mit der er sich vom Petersplatz aus dem Wüten der Covid-Pest entgegenstemmte, ist mit den beinharten Interessen der wirtschaftlichen und politischen Potentaten zusammengestoßen. »Wir sitzen alle im selben Boot. Entweder sind wir alle Brüder und Schwestern, oder es bricht alles zusammen«, hatte Franziskus in jenen dramatischen Monaten des Jahres 2020 ausgerufen, als die Welt in Angst und Trauer zu versinken drohte. Der Chefredakteur einer großen italienischen Tageszeitung wird dieser Aussage später eine etwas andere Pointe geben: »Wir fahren alle über dasselbe Meer ? aber die Boote sind unterschiedlich!« Seit dem Ende der Pandemie ist nämlich nicht nur der Vorschlag einer kostenlosen Vergabe von Lizenzen für Corona-Impfstoffe vom Tisch: Auch von einer größeren Aufmerksamkeit des Wirtschaftssystems für die sozialen Bedürfnisse ist keine Rede mehr. Stattdessen zeigt sich ein stürmisches Wachstum der Ungleichheiten. In den zwei Jahren der Pandemie hat das reichste Prozent der Weltbevölkerung 63 Prozent der gesamten globalen Nettovermögenszuwächse kassiert: 26 von insgesamt 42 Billionen Dollar.3 Laut Schätzungen der Forschungsgesellschaft Wealth-X besitzt dasselbe eine Prozent zurzeit 59 Prozent aller Wertpapiere weltweit.4 Zum ersten Mal seit 25 Jahren haben Hunger und absolute Armut auf unserem Planeten wieder zugenommen. 2023 verzeichneten die UN-Agenturen 733 Millionen Menschen, die von Hunger betroffen sind. »Das Überleben der Reichsten« lautet sarkastisch der Titel des Oxfam-Berichts für 2023. Im Jahr 2024 ist die Situation noch dramatischer. Das Schicksal der Migranten hat sich verschlechtert. Finnland hat seine Übergänge an der Grenze zu Russland geschlossen, wo selbst im Winter Gruppen von verzweifelten Migranten aus Asien über verschneite Straßen mit dem Fahrrad eintrafen. In Polen wird geprüft, wie man das Asylrecht aussetzen kann. In Großbritannien hatte die konservative Regierung Asylsuchende nach Ruanda abschieben wollen, doch diese Pläne wurden gestoppt, als die Labour Party an die Regierung kam ? die nun allerdings ihrerseits die Rückführungen forcieren will. In Deutschland und Frankreich sind strengere Einwanderungsgesetze beschlossen worden. Italien ist auf die Idee verfallen, Migranten, die in internationalen Gewässern gerettet wurden, für eine erste Überprüfung in ein eigens zu diesem Zweck errichtetes Zentrum in Albanien zu bringen. Unterdessen wird die Seenotrettung der freiwilligen Helfer auf vielfältige Weise behindert. Die Europäische Union ist hinsichtlich der automatischen Umverteilung der Asylsuchenden auf alle Mitgliedsstaaten noch immer nicht zu einer Einigung gelangt. Und in den Vereinigten Staaten hat der Sieger der Präsidentschaftswahlen, Donald Trump, versprochen, eine Million illegaler Einwanderer zu deportieren. Franziskus’ Worte scheinen auf unfruchtbaren Boden zu fallen. Über zehn Jahre ist es her, dass er nach Lampedusa gereist ist, um die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« gegenüber diesen verzweifelten Menschen anzuprangern, die gezwungen sind, sich weit entfernt von ihrem Heimatland eine Zukunft zu suchen. Seither hat sich fast nichts verändert. Wieder und wieder erinnert der argentinische Papst daran, dass die Integration der Migranten mühsam, aber weitsichtig ist. »Im Hinblick auf die schreckliche Geißel der Ausbeutung von Menschen besteht die Lösung nicht in der Ablehnung«, erklärt Franziskus im September 2023 in Marseille vor den versammelten Bischöfen des Mittelmeerraums und Präsident Emmanuel Macron. Die richtige Antwort sei vielmehr, »dank einer ausgewogenen Aufnahme in Europa« im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten eine »Vielzahl von legalen und regulären Einreisemöglichkeiten« zu gewährleisten.5 Im selben Jahr empfängt er im Vatikan den kamerunischen Auswanderer Mbengue Nyimbilo Crepin, dessen Frau Matyla und dessen sechsjährige Tochter Marie in der Wüste im Grenzgebiet zwischen Tunesien und Libyen verhungert und verdurstet sind. Franziskus nimmt sich eine Stunde Zeit für ihn. Danach sagt er: »Das ist der leidende Christus […] unser Christus ist in unserer Nähe, wir müssen nicht weit gehen, um ihn zu finden.«6 Es ist eine Zeit, in der die Kluft zwischen den Sichtweisen der katholischen Kirche einerseits und der neuen italienischen Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni andererseits in aller Schärfe zutage tritt. Meloni steht an der Spitze einer Partei mit neofaschistischen Wurzeln, die im Oktober 2022 an die Macht gekommen ist. Für die italienische Kirche und das Papsttum ist dies eine völlig neue Situation. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs liegt die Macht in Rom in den Händen einer Regierungschefin, deren ideologische Positionen in krassem Gegensatz zu den Überzeugungen des amtierenden Papstes stehen. Die Koalition aus Melonis Fratelli d’Italia, Matteo Salvinis Lega und der Forza Italia des verstorbenen Silvio Berlusconi träumt davon, die Boote der Migranten zurück aufs Meer zu schicken, hat sich die schnelle Ausweisung der illegal Eingewanderten auf die Fahnen geschrieben und beschwört sogar das Gespenst eines ethnischen Austauschs herauf. Als in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 2023 bei stürmischer See an der kalabrischen Küste vor Cutro ein...